Ich-Attacke: das „hypertrophe Ich“ kann sehr unangenehm sein

Ich schaue auf meine Hand und werde gewahr, dass ich lebe. Ich schaue aus mir selbst heraus und bin ganz alleine. Ich denke und fühle: Ich. Ich, ich, ich. Grusel-ich! Auf einmal spüre ich nach aussen hin immer weiter ganz viele „Ichs“ und „Mich-Selbste“ – endlos sich anfühlend, als ob mich niemand jemals befreien oder zerstören könnte.
Ich stehe in meinem Kopf, sehe aus meinen Augen, während ich gleichzeitig innerlich nach außen renne, aber immer nur auf die nächste Ich-Schicht stoße. Ich. Es ist, wie wenn man zu lange auf ein Wort schaut und es dann seinen Sinn verliert – seine Verbindung zu anderen Worten. Nur noch Echo und Hall. Nur das eine Wort. Nur noch Spiegelbild. Ich. We-ich. Eingeschlossen in weiche Grenzen. Fies ist das. Absolut fies und dann doch oft am besten durch den Kontakt zu einem anderen Menschen zu beenden.
Lange habe ich überlegt, wie sich dieser Zustand erklären ließe. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Gefühl in der Vojtatherapie als Baby entstanden ist: Ich war in Not, ich schrie und schrie, aber keiner half. Dadurch habe ich vielleicht ein „hypertrophes Ich“ entwickelt. Das Wort „Ich-Attacke“ fiel mir irgendwann im 6. Schuljahr ein.
Dann fand ich das Buch von Thomas Ogden: „Frühe Formen des Erlebens“ (Psychosozial-Verlag, 2006), in dem er die „Autistisch-berührende Position“ beschreibt. Er schaut eines Tages auf eine Serviette („nap-kin“) und denkt über dieses einzelne Wort nach, bis es alle seine Verbindungen zu anderen Worten und seine Bedeutung verliert. Thomas Ogden schreibt: „An diesem Punkt hatte ich das äußerst beunruhigende Gefühl, eine Methode entdeckt zu haben, um mich verrückt zu machen“ (S. 85).
Ogden beschreibt, dass wir als Baby wichtige sensorische Erfahrungen machen, die wir ein Leben lang in uns tragen. Wenn die frühe Mutter-Kind-Dyade davon geprägt ist, dass das Baby keine ausreichend guten sensorischen Erfahrungen mit der Mutter machen kann, dann erlebt es sich auf eine furchtbare Weise als getrennt. Ogden schreibt:
„Wenn die Mutter-Kind-Dyade nicht in der Lage ist, auf eine Art und Weise zu funktionieren, die dem Kind eine heilende sensorische Erfahrung bietet, werden die Löcher im Gewebe des ‚zum Vorschein kommenden Selbst‘ (‚emergent self‘) (Stern, 1985) eine Quelle unerträglicher ‚Bewusstheit körperlicher Separatheit‘ (die sich niederschlägt in) einer Agonie des Bewusstseins“ (Tustin, 1986, taylorfrancis.com: Autistic Barriers in Neurotic Patients, S. 43) (S. 54).
Wie kommt das Ich ins Ich?
Das Gefühl der Ich-Attacke, wie ich es nenne, könnte man weiter so beschreiben: Alle anderen sind draußen, nur ich bin ich. Ich höre meine eigene Stimme. Ich kann nur noch aus mir rausgucken. Wie eine Gefangene. Ich kneife mich in den Oberschenkel, um mich zu erlösen. Und bin wieder da. Sowas passiert nur, wenn man sich ganz allein fühlt. Wenn man auf s-ich zurückgeworfen wird. Ohne Verbindung zum anderen, ohne Verbindung zu sich selbst. Wenn das Ich ein Mich dazu bekommt, geht es besser.
Dieses „unwirkliche Gefühl“ kann auch bei Hyperventilation auftauchen bzw. zur Hyperventilation führen.
Vielleicht hast du dich in einer mündlichen Prüfung auch schon einmal als „ganz alleine“ erlebt und bist innerlich in Panik geraten. Du nimmst vielleicht manchmal wahr, dass deine Stimme „so komisch“ widerhallt. Sie macht dir Angst.
Ich, immer noch Ich. Es ist unaushaltbar. Ich denke: „Ich“ und ich merke, dass ich niemals ein anderer Mensch sein kann. Ich will das „Ich“ loswerden und blättere es ab. Und dann erscheint ein neues „Ich“. Wieder ist es da. Es geht nicht weg, es steht immer wieder auf. Die Angst vor der Unendlichkeit ist geboren. Es gibt keine Erlösung. Es gibt keine Verbindung zu einem anderen Menschen.
Ich fühle mich wie jemand, der gerade eine entsetzliche Nachricht erhalten hat, der etwas verloren hat. Ich schlage die Hände vor’s Gesicht. Edward Munchs Gemälde „Der Schrei“ hat mir furchtbare Angst gemacht, als ich es im 6. Schuljahr kennenlernte . Ich kann nicht aus mir heraus. In solchen Momenten ist das Ich drängend überwältigend. Es fühlt sich an, wie auf ewig verdammt zu sein.
Ist der Körper zu spüren, geht’s besser
Wohl viele kennen das Gefühl des „In-sich-selbst-Verlorenseins“. Manche bezeichnen es als „Derealisation“ oder „Depersonalisation“ („de“ = lateinisch: „weg“). Da kann es hilfreich sein, den Körper wieder zu spüren.
Wer eine Magen-Darm-Grippe oder einen Hexenschuss hat, der wird kaum eine „Ich-Attacke“ erleiden, weil er seinen Körper so sehr spürt und vollends damit beschäftigt ist.
Manche fühlen sich auch verloren, während sie Sport machen und sich selbst atmen hören. Doch häufig hilft Bewegung dabei, sich selbst wieder auf eine natürlichere Weise zu spüren und sich nicht gar so eingeschlossen oder verloren zu fühlen.
Gottfried Benn: Nur zwei Dinge: „… es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.“ planetlyrik.de
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Links:
Thomas Ogden (2000):
Frühe Formen des Erlebens. Psychosozial-Verlag, 2006
Fances Tustin (1986):
Autistic Barriers in Neurotic Patients. New Haven: Yale University Press, 1987, Taylorfrancis.com
Daniel Stern (1985):
The Interpersonal World of the Infant. New York: Basik Books
Beitrag vom 24.5.2026 (begonnen am 19.1.2017)
2 thoughts on “Ich-Attacke: das „hypertrophe Ich“ kann sehr unangenehm sein”
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Vielen Dank für diesen Kommentar, liebe Liz!
Ich kenne das Ich-Ich-Ich-Ich….-Trichter-Zwiebel…-Gefühl quasi umgekehrt.
Und habe noch nie jemanden getroffen, der es auch kannte!
Ich hatte es nur einmal (im vollen Umfang).
Ich war ca. 18. Wahrscheinlich waren meine Eltern auf Urlaub und ich war nicht mitgefahren. (Mein Bruder offenbar schon.)
Ich war allein und wurde gewahr, dass ich allein war. Noch dazu in dem Bereich meiner Mutter (Küche) und ohne Gefahr, dass sie bald kommen würde.
Es war kein Hinuntergezogen-Werden, sondern ein Auftauchen.
Von weit unten im Meer – immer weiter herauf – ich – ich -ich -ich !
Blasen steigen auf…es wird heller… alles ist lichtdurchflutetes Blau-Türkis.
Es war ein bisschen beängstigend (weil nicht steuerbar), aber auch cool, interessant, auch irgendwie bedeutsam…
Ich glaube, da hat sich mein ICH erstmals(?) getraut, ganz hervorzukommen.
Anschließend (?) bin ich in die Badewanne gegangen, um zu duschen. Das Wasser war kalt, da konnte ich mich spüren.