Magisches Denken – was hat es damit auf sich?
Wenn wir einen Zusammenhang zwischen zwei Dingen sehen, die in Wirklichkeit nicht zusammenhängen, denken wir magisch. „Klopf auf Holz“, sagen wir, um ein Unglück abzuwenden. Dabei kann Holzklopfen wahrscheinlich kaum etwas ausrichten. Aber es beruhigt uns.
Das magische Denken kann eine Lebenshilfe sein, doch wenn es zu stark wird, wie zum Beispiel bei einer Zwangsstörung, leiden wir darunter. Für kleine Kinder in der analen Phase (2. bis 3. Lebensjahr) ist das magische Denken ein normaler Bestandteil der Entwicklung. Je weiter sich das Kind entwickelt, desto sicherer wird es sich, dass es zwischen den Gedanken und der äußeren Realität eine Grenze gibt.
Die Bewusstseinsforschung und die Quantenphysik lassen jedoch Unsicherheit aufkommen. Es ist aus psychotherapeutischer Sicht wohl gut, das Ich zu stärken und zu verdeutlichen, dass magisches Denken seine Grenzen hat oder oft auch nur eine Phantasie oder ein Wunsch ist. Andererseits fühlen sich manche, die einen starken „siebten Sinn“ haben (was genetisch bedingt ist, siehe Dean Radin, X.com), von Psychotherapeuten oft auch nicht ernstgenommen.
Die Beziehung zu anderen und zum eigenen Körper stärken
Wer als Kind nicht ausreichend lernen konnte, sich selbst von anderen zu unterscheiden und die Innenwelt von der Außenwelt abzugrenzen, der lebt oft in großer Angst. Häufig sind Menschen mit Psychosen von dieser Unsicherheit betroffen. Sie hatten oft Mütter, die sich nicht ausreichend als „Gefühlscontainer“ zur Verfügung stellen konnten und sich gleichzeitig so erlebten, als würden sie ihr Kind durch und durch kennen.
Da gibt es die Sensiblen und Verängstigten, die häufig recht treffsicher im anderen lesen können. Und es gibt „starke Menschen“ mit guten Beziehungen zu ihren Eltern und mit einem guten Körpergefühl, wie zum Beispiel Sportler – sie fühlen sich oft geschützter, bodenständiger und sicherer: Sie spüren die eigenen Grenzen stärker.
Es ist ein schwieriges Thema
Manchmal erleben wir Dinge, die wir uns nicht erklären können. Und das macht auch den Psychotherapeuten mitunter Angst. Daher suchen sie gerne nach wissenschaftlichen Erklärungen. Doch die Wissenschaft kann vieles nicht erklären. Der Umgang mit den „magischen Dingen“, mit „Synchronizität“ nach C.G. Jung (Deutschlandradio Kultur) und mit Unsicherheiten will gelernt sein.
Ob man etwas Schlimmes mit seinen Gedanken anrichten kann oder nicht, damit macht wohl jeder seine eigenen Erfahrungen. Die Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg kümmert sich um solche Themen.
Was wir befürchten, muss nicht eintreten
Oft machen wir beruhigende Erfahrungen wie diese: Wir fürchten uns ein Leben lang vor Krebs und werden in guter Gesundheit alt. Wir dürfen ruhig verkrampft schwanger werden wollen und werden es auch. Wir dürfen dem Nachbarn die Pest an den Hals wünschen und dennoch lebt er zufrieden weiter.
Gedanken und innere Realität von der äußeren Realität zu trennen, ist eine wichtige Aufgabe in der Psychotherapie von Zwangsstörungen. Magisches Denken hängt oft mit Gefühlen von „Allmacht“ (Omnipotenz) zusammen. Diese Gefühle wiederum sollen das Gefühl von Wehrlosigkeit abwehren.
Unbewusste Phantasien beeinflussen das eigene Tun
Natürlich beeinflussen unsere Gedanken und Phantasien ständig unsere Wirklichkeit: Wenn wir uns das Abitur wünschen, arbeiten wir daran, es zu schaffen. Was wir oft ängstlich bemerken ist, dass uns unbewusste Phantasien stark beeinflussen können. Wenn du dich unbewusst schuldig fühlst, dass du studieren darfst, obwohl es die Eltern nie durften, „verbietest“ du dir unbewusst vielleicht die Weiterentwicklung im Studium.
Du fällst dann immer wieder durch Prüfungen oder du gehst erst gar nicht hin, weil du Schuldgefühle hast, wenn du weiterkommst. Wenn du so etwas erkennst, zum Beispiel in einer psychoanalytischen Therapie, dann ist diese Einsicht oft sehr erleichternd und was vorher „wie durch Zauberhand“ verhindert wurde, wird nun möglich.
Und wenn du etwas wirklich willst, zum Beispiel studieren, dann kannst du vielleicht auch irgendwann bemerken: „Der Wunsch ist stärker als der Zauber.“
Für den schweizer Psychologen Jean Piaget (1896-1980) gehört das Magische Denken zur „Präoperationalen Phase“ eines Kindes im Alter von zwei bis etwa sieben Jahren (philosophie-wissenschaft-kontroversen.de).
Verändert die eigene Veränderung auch Menschen in der Ferne?
„Du musst gar nicht mit ihr reden. Sie spürt, dass Du ihr jetzt verzeihst. Auch in der Ferne“, sagen manche. Viele Menschen haben solche Erfahrungen gemacht, sagen sie. Psychotherapeuten sagen oft, dass es sich hier um magisches Wunschdenken handelt. Genau wissen wir es vielleicht nicht.
Es ist jedenfalls eine schöne Vorstellung und ein tröstendes Bild. Enttäuscht sind wir jedoch, wenn wir merken: Bei Tante Erna hat’s jedenfalls nicht funktioniert. „Ich habe sie angerufen, weil ich mich jetzt so anders fühle. Ich dachte, es geht ihr genauso. Ich dachte, mit meiner Veränderung hätte ich auf die Ferne auch etwas bei ihr bewirkt. Aber ich musste feststellen, dass es nicht so war.“
Magisch zu denken kann schön sein, manchmal vielleicht auch hilfreich oder „wahr“ sein – andere Male entpuppt es sich als Fehler, als nicht wirksam. Es gehört zum grossen Feld der Unsicherheit.
Andererseits stellen Psychotherapeuten in Kliniken oder in Intervisionen immer wieder fest: Sobald das Team sich Gedanken über einen Patienten gemacht hat, verändert sich etwas im Patienten. Sei es, weil man danach anders auf ihn zugeht, sei es, weil er spürt, dass sich andere Gedanken über ihn machen. In manchen Kliniken sprechen Teams dann auch vom „Voodoo-Effekt“.
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Beitrag vom 8.7.2026 (begonnen am 19.11.2011)
One thought on “Magisches Denken – was hat es damit auf sich?”
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Immer wieder gerne stöbere ich auf medizin-im-text. Auch der verlinkte Artikel „Zwangsstörungen: Zählen statt Fühlen“ vom 2. April 2008 erläutert anschaulich die tiefenpsychologischen Zusammenhänge.
Schade, daß dabei der Hinweis auf die sinnorientierte Betrachtungsweise der Logotherapie fehlt. Für diese psychotherapeutische Richtung sind Zwangssymptome Ausdruck eines fehlgeleiteten Perfektionsstrebens. Deshalb besteht der Behandlungsansatz darin, dem Größenwahn der eigenen Unfehlbarkeit „ein Schnippchen zu schlagen“. Die Betroffenen erleben dankbar, wie sie mittels humorvoller Selbstdistanzierung den Zwangssymptomen immer besser trotzen können. Die Fachleute bestätigen dann gerne die positive Wirkung der „Paradoxen Intention“. Und Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, fügt lächelnd hinzu: „Ich muß mir von mir selbst nicht alles gefallen lassen.“
Ich hoffe, medizin-im-text erfreut weiterhin seine Leser mit den gewohnt gehaltvollen und interessant gestalteten Beiträgen.
Monika Tempel