Schwindel und der Weg zu neuem Halt: Fünf Tipps bei Neuronitis vestibularis und Vestibularismigräne.

Bild Nr. 816 Neuronitis vestibularis von Dunja Voos

Du wachst auf und alles dreht sich. Du musst Dich vielleicht übergeben, fühlst Dich benommen und bist wie seekrank, ohne auf einem Schiff zu sein. Die Diagnose: Akute Neuronitis vestibularis – ein entzündeter Gleichgewichtsnerv. Vielleicht ist es aber auch eine chronische Vestibularismigräne. Dieser Schwindel macht vor allem in den ersten Stunden sehr große Angst. Doch rede Dir gut zu und versuche, Dich ruhig zu verhalten. Wenn Du Deinen Mund und Deine Hände frei bewegen kannst, ist es sehr wahrscheinlich zumindest kein Schlaganfall. Du kannst den FAST-Test machen, um orientierend einen Schlaganfall festzustellen oder auszuschließen.

Vielleicht hast Du schon tagsüber eine kurze Schwindelepisode gehabt, die Du aber nicht einordnen konntest. Vielleicht bist Du im Liegen auf derjenigen Ohrseite aufgewacht, auf der auch Dein Gleichgewichtsnerv nicht richtig funktioniert. Das kommt auch bei benignem Lagerungsschwindel vor (Cakir et al., 2006). Ist der erste akute Schwindelanfall „vorbei“, liegst Du in Deinem Bett und fragst Dich, wie um Himmels willen Du Deine Position wechseln oder zur Toilette gehen kannst, ohne zu sterben.

Tipp: Wenn Du Dich ganz ruhig hältst, kann das Schwindelgefühl langsam nachlassen. In halber Sitzposition lässt es sich nachts oft am besten aushalten. Hier kannst Du z.B. ein Stillkissen nutzen.
Es kann Dir Halt geben, Dein Handy ständig bei Dir zu tragen – auch auf dem Weg zur Toilette.

In Deiner Panik stehst Du vielleicht zu schnell auf und musst Dich vielleicht auf der Stelle übergeben. Oder Du bekommst Durchfall und schaffst es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette. Vielleicht schwitzt Du enorm – ähnlich wie bei der Reisekrankheit. Dein vegetatives Nervensystem ist durchgeschüttelt und Du hast ein dramatisches Krankheitsbild, vor allem, wenn Du noch jung oder das erste Mal betroffen bist.

Dein Herz rast, Dir ist heiß, Du fühlst Dich benommen. Frische Luft hilft – wenn es geht und Dir gut tut, öffne Deine Fenster, Viele Ängste steigen auf: „Habe ich einen Tumor? Hört das jemals wieder auf? Ist es gar ein Schlaganfall?“ Solange Du sprechen kannst, die Zunge nach geradeaus rausstrecken und die Backen aufpusten kannst, solange Du Arme und Beine gleich heben kannst und Kraft in den Händen hast, ist ein Schlaganfall eher unwahrscheinlich.

Ein Neurologe drückte es einmal so aus: „Neuronitis-vestibularis-Patienten können gehen – es sieht vielleicht unmöglich aus und sie schwanken von Wand zu Wand, aber sie gehen.“

„Ich habe drei Kinder geboren und noch das Ende des zweiten Weltkrieges mitbekommen – aber die Neuronitis vestibularis war für mich das Schlimmste, das ich je erlebt habe“, sagte mir eine Patientin. Ähnlich fies wie Drehschwindel wird nur noch die Atemnot eingeschätzt.

Tipp: Hilfreich finde ich es, in der akuten Zeit auf dem Boden zu schlafen. Du kannst vom Stehen ins Knien übergehen und dann ins Sitzen. Du kannst erst gegen die Wand gelehnt sitzend ruhen und Dich dann wagen, langsam Stück für Stück ins Liegen sinken zu lassen. Wird der Kopf gerade gehalten, geht es meistens ganz gut. Unten angekommen kann es helfen, den Kopf in einem 45-Grad-Winkel zu lagern. Doch einschlafen kannst Du vielleicht erst dann, wenn Du es geschafft hast, Dich auf die Seite zu drehen. Hier ist es oft eine Kunst, den Schwindel, der zunächst entsteht, auszuhalten. Fast immer lässt er tatsächlich nach. Oft ist nur das Aufwachen wieder fies. Hier kannst Du in der umgekehrten Reihenfolge wieder hochkommen.

Tipp: Lege Dir einen Apfel neben das Bett und beiße hinein, wenn beim Aufrichten Schwindel entsteht. Auch Kontrollmöglichkeiten helfen wie z.B. ein Pulsoxymeter: Wenn Du das Pulsoxymeter an einen Finger steckst, hast Du ein Licht, auf das Du schauen kannst und Du hast sofort Feedback über Pulsfrequenz und Sauerstoffgehalt im Blut. Drehschwindel kann zu einer starken Erhöhung der Pulsfrequenz führen. Wenn Du Dich selbst beruhigen kannst, siehst Du, wie Dein Puls wieder langsamer wird. Oft hilft es, bei offenem Fenster ein bisschen zu frieren. Du kannst Dir, wenn Du es nachts schaffst, eine Wärmflasche machen. Die Wärme kann Dich weiter beruhigen.

Tipp: Halte das Handy griffbereit samt Stromkabel. Nachts bist Du vielleicht versucht, den Rettungswagen zu rufen – was Du auch tun kannst, wenn du möchtest. Die Neuronitis vestibularis ist definitiv ein Grund. Häufig setzen die Ärzte dann Kortison und Vomex (Wirkstoff Dimenhydrinat, ein Mittel gegen Übelkeit) ein. Insbesondere, wenn Du alleine lebst, fühlst Du Dich vielleicht so hilflos, dass es Dir Angst macht. Doch häufig ist man erstaunt, um wieviel besser man sich auch zu Hause ein bis zwei Stunden später fühlen kann, wenn der Kreislauf wieder in die Gänge gekommen ist. Dann bist Du vielleicht froh, in den eigenen vier Wänden wieder gesund werden zu können. Langsam kannst Du vielleicht am zweiten Tag mit Yogaübungen beginnen, wenn auch anfangs nur für ein bis fünf Minütchen. „Healing takes place on the mat. – Die Heilung findet auf der Yogamatte statt.“

Englisch: Vertigo = Drehschwindel | Dizziness = Schwankschwindel

Der ganze Körper ist betroffen

Die Neuronitis vestibularis gilt als eine Entzündung des Gleichgewichtsnerven. Doch Du spürst es vielleicht als „Ganzkörperereignis“. Du meinst vielleicht, sogar Deinen Hirnstamm zu spüren – das Temperaturregulations- und Schlafzentrum ist mit-angeregt: Du fühlst vielleicht einen ungeheuren Druck, zu schlafen, doch sobald Du versuchst, Dich hinzulegen, quält Dich der Schwindel. Auch fühlen sich die Muskeln manchmal wie ein Paket an – alles scheint verspannt zu sein. Die Region zwischen den Schulterblättern und auch die Kreuzregion im unteren Rücken wirken irgendwie mit einbezogen. Manchmal spürst Du vielleicht auch einen Druck auf einem Ohr oder eine Gesichtshälfte fühlt sich komisch an, ohne dass es echte Lähmungserscheinungen gibt.

Derweil wächst die Angst: Vielleicht ist es doch ein Akustikusneurinom? Ein Akustikusneurinom ist eine gutartige Wucherung in einer Hirnregion namens „Kleinhirn-Brücken-Winkel„. Ein Radiologe erklärte mir einmal, dass Akustikusneurinome im MRT häufige Zufallsbefunde sind. Das heißt, viele Menschen leben damit, ohne jemals an Schwindel zu leiden. Bei einem Akustikusneurinom ist häufig auch das Hören eingeschränkt. Selbst, wenn im MRT ein Akustikusneurinom festgestellt würde, hieße das nicht, dass der Drehschwindel unbedingt daher rührt. Hinweise auf ein Akustikusneurinom kann auch eine Hirnstammaudiometrie (BERA, Brainstem evoked response audiometry) liefern – dies ist ein recht angenehmes Untersuchungsverfahren, da man „nur“ still liegen muss und Elektroden aufgelegt bekommt.

Es kann helfen, auf allen Vieren zu gehen. Man setzt sich mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und Demut auseinander. Wo haben wir in unserem Leben vielleicht die Orientierung verloren?

Probiere es gaanz langsam aus: Welche Kopfbewegungen machen Beschwerden? Neigen? Drehen? Kippen? Vor-/Rück- und Seitbewegungen in einer Ebene führen oft nicht zu Beschwerden. Manchmal löst eine Nackenbeuge Schwindel aus, manchmal aber auch eine Drehung im Kreuz. Schwindel ist ein Ganzkörperphänomen. Gelenke, Muskeln und Propriozeptoren spielen neben dem Innenohr, dem Kleinhirn und dem Thalamus eine entscheidende Rolle.

Vielleicht hilft Dir die Nähe und Wärme eines anderen Menschen, der Dich beruhigen kann. Mir selbst half ein medizinisch-technischer Assistent, indem er mir bei der BERA (Brain Stem Evoked Audiometry) einfach ein paar Minuten die Hand hielt. Auch schon in der Notaufnahme bat ich den Arzt, den Puls zu fühlen und meine Hand zu halten. Nichts half mir in dem Moment so sehr wie Berührung. Und wenn du allein bist, kannnst du versuchen, dir die Wärme mithilfe einer Wärmflasche zu geben.

Frische Luft, beruhigendes, gedämpftes Licht, manche Düfte, bestimmte Klänge und Wasser helfen ebenso wie ganz leichte körperliche Bewegung, um den Kreislauf vorsichtig in Schwung zu bringen. Kleine Strecken barfuß zu laufen, hilft, das Gleichgewichtssystem zu aktivieren. Auch vorsichtige Koordinationsübungen können dich stabilisieren. Es gibt zahlreiche Übungen für die Augen und Lagerungsübungen, mit denen vor allem ein „benigner Lagerungsschwindel“ behandelt werden kann.

Meine Erfahrung ist jedoch: Wenn man es schafft, sich wirklich tief auszuruhen, dann wird man feststellen, dass die Besserung auch ohne die oft quälenden Übungen eintritt.

Innerhalb von 8 bis 21 Tagen nehmen die Symptome häufig wieder soweit ab, dass ein weitgehend normales Leben wieder möglich wird. Doch die Variationsbreite ist hoch – ich selbst habe auch noch am 21. Tag an der Bushaltestelle beängstigende Probleme mit Schwindel gehabt. 20 Jahre später kenne ich die verschiedene Phasen von größerer und weniger großer Empfindlichkeit (Sport, Reisen, Radfahren, Bewegung im Dunkeln, flackerndes Licht). Ein erneuter Vestibularisausfall im Jahr 2021 auf der anderen Seite war zwar schlimm, aber hatte längst nicht die Dimension des ersten Ausfalls.

Berührung wirkt heilend

Gefangen in der Uniklinik. Mit einem Gleichgewichtsnerven außer Gefecht schwanke ich mühselig von Untersuchung zu Untersuchung. Hektische Ärzte, unfreundliche Anweisungen auf dem Drehstuhl, den ich mit Schrecken im laufenden Betrieb verlasse. Warten auf dem Flur. In den Gängen Betrieb. Ungewissheit. Ich weiß nicht, was los ist, keiner sagt mir was.

Die letzte Station: Ein kleiner Technikraum im Keller. Das Fenster auf, frische Morgenluft, ein paar Vögel zwitschern. Ein freundlicher Assistent. Ein ganz einfacher Mann. Die einzige Anweisung: Einige Minuten lang ruhig liegen bleiben während der Hirnstammaudiometrie. Er sitzt die ganze Zeit neben mir und sagt nichts. Er hält meine Hand. Er macht mich gesund. Am Ende stehe ich auf und fühle mich das erste Mal seit vielen Tagen wieder halbwegs sicher auf meinen Beinen.

Auf Facebook gibt es eine wunderbare Gruppe zum Austausch: Gleichgewichtsausfall/Neuronitis vestibularis.

Kein MRT bitte! Die Gnade des Nicht-Wissens

Ende der 90er Jahre erlitt ich in der Nacht einen plötzlichen Drehschwindel, der sich gewaschen hat. Drei Wochen lang konnte ich nicht geradeaus laufen. Ich war seekrank, ohne auf einem Schiff zu sein, mein rechter Gleichgewichtsnerv war tot: „Neuronitis vestibularis“, so lautete die Diagnose. Schnell kam die Frage auf: Sollte ich ein MRT durchführen lassen?

„Tun Sie’s nicht!“, sagte mir mein damaliger Lieblingsprofessor Peter Helmich. Kürzlich litt ich wieder verstärkt unter Gleichgewichtsproblemen und Ohrenschmerzen. Es war eine stressige Zeit, der HNO-Arzt empfahl ein MRT. Natürlich muss man auf so einen MRT-Termin warten. Es zogen zwei Monate ins Land und ich war wieder beschwerdefrei. Die MRT-Praxis rief zwei Tage vor dem Termin an: „Am Mittwoch haben Sie hier Ihren Termin – könnten Sie uns diesen nochmals bestätigen?“ – „Ja, ich komme“, sagte ich. Aber meine Zweifel waren groß.

„Trinken Sie einen schönen Kaffee und fahren Sie nach Hause“

Es gibt sie noch, die guten Ärzte, die ein Gespür für ihre Patienten haben und Raum für Entscheidungen lassen. Im unterirdischen MRT-Warteraum kam mir kurz der Gedanke: „Vorort zur Hölle“. Ich wurde aufgerufen und durfte im hellen, freundlichen Praxisraum Platz nehmen. „Man kann sich auch tot-diagnostizieren, oder?“, sagte der Arzt. Ich war verblüfft. „Genau mein Reden“, sagte ich. Er sagte, was ich dachte: „Wissen Sie, wir entdecken hier so viele, auch große Akustikusneurinome durch Zufall und die Patienten haben gar keine Beschwerden.“ – „Außerdem würde ich nichts machen lassen, ich würde keine Operation wollen, wenn ich eines hätte. Akustikusneurinome sind gutartige ‚Haustiertumore‘, die in der Regel nichts machen.“ – „Eben“, sagte der Arzt.

Welche Folgen hätte ein MRT?

„Auch, wenn Sie ein Akustikusneurinom hätten, heißt das nicht, dass Ihre jetzigen diffusen Beschwerden daher kämen.“ – „Ja, und gleichzeitig gibt es nur schlecht untersuchte Patienten, keine gesunden“, sagte ich. „Ich will nicht, dass man stattdessen hier ein Aneurysma (Gefäßerweiterung), eine Multiple Sklerose oder einen Hirntumor entdeckt.“ – „Eben“, sagte der Arzt. „Und die Wahrscheinlichkeit, im MRT irgendwas Neues, Beunruhigendes zu finden, ist immer gegeben.“ „Darum hätte ich auch beinahe noch eine Stunde vor dem Termin hier abgesagt. Darf ich gehen?“, fragte ich. „Natürlich. Wissen, Sie, die Gnade des Unwissens ist in der heutigen Zeit gar nicht mehr zu überschätzen. Trinken Sie einen schönen Kaffee und gehen Sie nach Hause.“ Wir lächelten. „Auf Wiedersehen.“ Selten habe ich mich so geheilt gefühlt.

Nachtrag: Im Oktober 2016, also 16 Jahre nach dem Ausfall, erfolgte auf Anlass einer neuen HNO-Ärztin bei unklarem Schwindel doch das MRT. Befund: Alles in Ordnung.

Die Ursache für den Gleichgewichts-Ausfall ist oft nicht festzumachen. Es ist aber nicht selten ein Wendepunkt im Leben. Bei der Neuronitis vestibularis ging häufig ein Infekt voraus, bei der Vestibularismigräne war es vielleicht Stress. Diese Art des Schwindels, der Drehschwindel, tritt meistens plötzlich auf und ist trotz der Heftigkeit meistens harmlos. Die Neuronitis dauert akut einige Tage, zieht sich in abgeschwächter Form über Wochen hin und vergeht dann langsam wieder.

Im Althochdeutschen bedeutet Schwindel das „Schwinden der Kräfte und Sinne“. Wenn uns schwindelig wird, schwindet auch unsere Muskelkraft – deswegen bekommen wir beim Schwindel häufig auch Angst. Wir merken, dass wir uns nicht mehr festhalten können. Wenn uns beim Schwimmen schwindelig wird, haben wir das Gefühl, dass uns die Kraft fehlt, uns noch aus dem Wasser zu ziehen. Schwindel ist der Ohnmacht sehr nah. Der langsame Aufbau der Muskulatur durch regelmäßiges Muskeltraining kann die Neigung zu Schwindel reduzieren.

Schwindel kommt in zwei Formen vor

1. Der Drehschwindel, lateinisch Vertigo (vertere = drehen), ist mit dem Eindruck verbunden, dass sich die Außenwelt vor den Augen dreht. Bei geschlossenen Augen, hat man das Gefühl, der ganze Körper würde gedreht und bewegt. Wer mit Drehschwindel geht, der schwankt wie ein Betrunkener.
2. Ein Schwankschwindel äußert sich durch ein schwankendes Gefühl beim Gehen, Stehen oder Sitzen. Von außen ist diese Unsicherheit jedoch kaum erkennbar: Der Betroffene kann relativ normal gehen und stehen.

Das Gleichgewichtssystem ist schwindelerregend komplex

Wir halten unser Gleichgewicht mithilfe des Innenohrs, der Augen, der Muskeln und des Gehirns, in dem die Informationen der Sinnesorgane verarbeitet werden. Im Innenohr sitzen drei Bogengänge. Sie nehmen die Drehbewegungen (= Rotationsbewegungen) des Kopfes auf, z.B. wenn wir „Nein“ oder „Ja“ sagen oder den Kopf zur Schulter neigen.

Die Bogengänge gehen vom „kleinen Schlauch“ (Utriculus) aus. Daneben liegt das „Säckchen“ (Sacculus). Sacculus und Utriculus heißen auch „Macula-Organe“ – sie nehmen Bewegungen in einer Ebene wahr, wie z.B. Aufzugfahren (hoch-runter, Sacculus) oder die Beschleunigung beim Autofahren (vor-zurück, Utriculus). Vom Innenohr zieht der Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibulocochlearis, der 8. Hirnnerv) zum Hirnstamm. Hier gibt es Verbindungen zum vegetativen Nervensystem, zu den Augenmuskeln, zum Thalamus („Tor zum Bewusstsein“), zum Kleinhirn (Feinmotorik) und zur Hirnrinde.

Akut kannst Du bei einer Neuronitis vestibularis erstmal nicht viel machen, außer Dich wirklich ruhig zu halten. Wenn Du Dich ruhig hinsetzt, dich zum Beispiel an eine Wand lehnst, kann das Drehen zur Ruhe kommen. In den nächsten Wochen, wenn der Schwindel noch etwas bleibt, versuchen viele vieles, doch eigentlich hilft körperliches Training am besten.

Manche empfinden eine osteopathische Behandlung als hilfreich. Auch die sogenannte „Atlastherapie“ wird häufig als entlastend beschrieben: Der Atlas ist der oberste Halswirbel, durch den unter anderem der Nervus vagus (der 10. Hirnnerv) verläuft, der wiederum für unsere Beruhigung, die Verdauung, aber auh die Übelkeit zuständig ist. Genau wie bei der Reiseübelkeit, ist auch bei der Neuronitis vestibularis der Nervus vagus überreizt. Hier kann auch ein „Zuviel“ an Dopamin eine Rolle spielen, so die Theorie.

Wohl die meisten Menschen kennen den Effekt, von Reiseübelkeit auch sehr müde zu werden. Übungen wie Schaukeln, Kopfstand oder Vorwärtsrollen können dazu führen, dass wir uns müde fühlen, dass uns übel wird, dass wir Hals- und Muskelschmerzen oder gar ein fiebriges Gefühl bekommen. Diese Überanstrengungsreaktion wird auch postexertionelle Malaise genannt (auch wenn dieser Begriff heute für die extremen Formen von ME/CFS reserviert ist). Damit ist das Unwohlsein bzw. die übermäßige Erschöpfung nach mäßiger körperlicher Beanspruchung gemeint (post = nach, exercitium = Übung, Malaise = Schlechtgehen).

Hast Du am Tag vor dem Schwindel viel Sport gemacht? Oder umgekehrt: Hast Du zu lange am Schreibtisch gesessen? Tatsächlich kann eine Neuronitis vestibularis oder eine Vestibularismigräne auch nach körperlicher Überbeanspruchung auftreten, z.B. nach einer langen Wanderung. Nicht selten ist diejenige Ohrseite betroffen, auf der man nachts auf dem Kissen liegt. Wenn Du also auf dem rechten Ohr liegend mit Schwindel aufgewacht bist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch der rechte Gleichgewichtsnerv betroffen ist.

Die Rolle der Atmung

Bei der Reisekrankheit atmen wir häufig ganz flach. Wenn wir summen (z.B. bei der „Bienenatmung“ im Yoga), bringen wir unseren Schädel inklusive Trommelfell zum Schwingen. Inwieweit das einen Einfluss auf das Gleichgewichtssystem hat, müsste mal erforscht werden. Manche Gesänge jedenfalls können mit ihren besonderen Resonanzen beruhigend wirken wie z.B. gregorianische Gesänge. Auch das Chanten von Mantras beim Yoga hat eine Wirkung auf das autonome Nervensystem und die „Stimmung“.

Der 10. Hirnnerv ist auch beteiligt an der Versorgung des Kehlkopfes, in dem die Stimmbänder sitzen. Auch die Luftröhre und die Bronchialmuskulatur wird teilweise vom 10. Hirnnerv versorgt.

Die Muskeln als Sinnesorgan. In unseren Muskeln liegen Rezeptoren (also Empfänger von Nervenimpulsen), die das Gehirn über die Stellung der Muskeln informieren. Diese sogenannten Propriorezeptoren (proprius = eigen) ermöglichen es uns, unsere eigene Körperhaltung wahrzunehmen.
Wenn wir die Augen schließen, wissen wir trotzdem, wie unser Körper im Raum steht, sitzt oder liegt. Dennoch fällt es uns schwerer, das Gleichgewicht mit geschlossenen Augen zu halten, denn die Augen kontrollieren mit, wo wir uns befinden und wie wir stehen und gehen.

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass wir durch ein Training unserer Muskeln unser Gleichgewichtssystem schulen und verbessern können. Gleichgewichtsübungen wie z.B. Balancieren, Barfußlaufen oder Stand-up-Paddling (SUP) können auf Dauer eine gute Wirkung zeigen. Bei akutem Schwindel ist meistens erst Ausruhen wichtig. Danach aber sind körperliche Aktivität an der frischen Luft, ausreichend Schlaf und eine ausreichende Flüssigkeits- und Salzaufnahme die wichtigsten Therapie-Bausteine.

Woher der Schwindel kommt – die Diagnostik

Viele Menschen mit Schwindel befürchten, einen Tumor im Kopf zu haben. Das ist zum Glück nur äußerst selten der Fall – meistens gibt es dann auch mehrere Symptome, die auf einen Hirntumor hinweisen wie z.B. Bewegungsstörungen. Auch Multiple Sklerose kann sich hinter einem Schwindel verbergen, doch meistens stehen auch bei Multipler Sklerose (MS) andere Beschwerden im Vordergrund.

Eine mögliche Ursache von Schwindel kann auch ein Akustikusneurinom sein, wobei hier jedoch neben dem Schwindel häufig auch ein Hörverlust auftritt. Meistens richtet das Akustikusneurinom (= gutartiger Tumor im Kleinhirnbrückenwinkel) nichts Schlimmes an – wohl die meisten Betroffenen leben damit ein Leben lang, ohne davon zu wissen. Manchmal wird ein Akustikusneurinom bei der Schwindel-Diagnostik festgestellt, wobei es sein kann, dass das Akustikusneurinom nur in geringem Ausmaß am Schwindel beteiligt ist.

Häufig ist bei einem Akustikusneurinom keine Operation notwendig. Man beobachtet über die Jahre nur, ob es sich ausdehnt. Eine Operation am Akustikusneurinom kann unter Umständen bewirken, dass sich im Laufe der Zeit Symptome auf der anderen Seite, auf dem bis dahin gesunden Ohr zeigen. In seltenen Fällen entsteht ein Cogan-Syndrom.

Selbstuntersuchung mit dem Unterberger Tretversuch

Der Innenohr-Schwindel wird auch „peripherer Schwindel“ genannt, weil er nicht vom Zentralen Nervensystem ausgeht. Der Innenohr-Schwindel, so unangenehm er ist, ist meistens harmlos und kann mit dem Unterberger Tretversuch festgestellt werden.

Schaue auf einen Gegenstand vor Dir. Schließe die Augen und trete 50-mal (oder weniger oft) mit eng aneinander stehenden Beinen auf der Stelle. Wenn Du die Augen wieder öffnest und Du Dich nicht mehr als 45 Grad vom Gegenstand abgewendet hast, ist es wahrscheinlich kein Innenohrschwindel. Bei einem Innenohr-Schwindel drehen sich die Betroffenen manchmal um 90 Grad oder mehr vom Gegenstand weg, ohne es zu bemerken.

Hyperventilation zur Selbstuntersuchung bei Verdacht auf Akustikusneurinom

In einer Studie der Cambridge University (2006) zeigte sich bei zwei Patienten ein Schwindel mit Nystagmus nach körperlicher Anstrengung. Beide Patienten hatten ein Akustikusneurinom, was unter anderem durch den Hörverlust auf einem Ohr erkennbar war. Die Forscher forderten die Patienten auf, 30 Sekunden lang zu hyperventilieren. Es zeigte sich dann ein „schlagender Nystagmus“ zur Seite des beschädigten Ohrs, das heißt, die Augen machten ruckartige Bewegungen hin zu dem Ohr, auf dem der Patient weniger hören konnte.

Die Forscher empfehlen, bei Patienten mit Schwindel und Verdacht auf ein Akustikus-Neurinom einen Hyperventilations-Test zu machen (das lässt sich jedoch kaum im akuten Stadium machen, denn viele haben dann sowieso einen Nystagmus). Wenn die Betroffenen 30 Sekunden lang hyperventilieren, ohne dass sich ein Nystagmus zeigt, ist das ein gutes Zeichen. Dazu kann man z.B. die Yoga-Übung Kapalabhati nutzen (z.B. Youtube mit Anna Trökes).

Genaue Anamnese ist das wichtigste

Die Ursache des Schwindels kann meistens allein durch die Beschreibung der Symptome gefunden werden. Der Arzt unterscheidet zwischen dem Innenohrschwindel und dem Schwindel, der durch Hirnschädigungen hervorgerufen wird. Gehirn und Hirnstamm zählen zum zentralen Nervensystem, das Innenohr gehört zum „peripheren Nervensystem“ (= außerhalb des Gehirns liegend). Daher leiten sich auch die Begriffe „zentraler“ und „peripherer Schwindel“ ab.

Der Innenohrschwindel (peripherer Schwindel) äußert sich durch plötzlichen Drehschwindel und häufig auch durch zittrige Augenbewegungen (Nystagmus), wie sie z.B. nach dem Karusselfahren oder bei Zugfahrten auftreten. Der zentrale Schwindel ruft eher unbestimmte Schwindelgefühle hervor. Häufig leiden alte Menschen darunter, z.B. nach einem Schlaganfall. Viele jüngere Menschen mit unklarem Schwindel finden häufig gar keine Antwort darauf, woher ihre Schwindelgefühle kommen. Die Ärzte vermuten dann meistens „Kreislaufbeschwerden“ oder einen psychisch bedingten Schwindel. Auch an ein POTS (Posturales Tachykardiesyndrom) muss gedacht werden (Youtube, Dr. Weiss).

Posturographie (Wikipedia): Die Posturographie (Gleichgewichtsanalyse) ist ein Verfahren zur Ermittlung der Funktionsfähigkeit der Gleichgewichtsregulation unter Belastung der unteren Extremitäten. Ein einfaches diagnostisches Verfahren zeigt auch der HNO-Arzt Dr. Joachim Draws: youtu.be/cC-vn4CLUKs

Beispiele für peripheren Schwindel (= Innenohrschwindel)

  • Reisekrankheit (Kinetose)
  • Paroxysmaler (= gelegentlicher) Lagerungsschwindel, bei dem möglicherweise Kalksteinchen in den Bogengängen des Innenohrs schwimmen (Kupulolithiasis). Lageänderungen, wie z.B. das Aufstehen, führen dann zum kurzzeitigen Schwindel.
  • Entzündung oder Ausfall des Gleichgewichtsnerven (Neuronitis vestibularis), z.B. während oder nach Infekten (Grippe, Erkältung, Mittelohrentzündung)
  • Morbus Menière: ein anfallsartiger Schwindel, meistens verbunden mit Ohrgeräuschen (Tinnitus) und Hörminderung
  • Cogan-Syndrom

Beispiele für zentralen Schwindel

  • Schwindel bei Multipler Sklerose (hier stehen jedoch meist andere Symptome im Vordergrund wie z.B. Sehstörungen, Taubheitsgefühle oder Kribbeln in den Beinen)
  • Schwindel nach Schlaganfällen oder anderen Verletzungen des Gehirns
  • Schädigungen des Hirnstamms, z.B. nach einem Unfall
  • Akustikusneurinom (gutartig), ausgehend vom Kleinhirn (Kleinhirnbrückenwinkel-Tumor)

Als systemischer Schwindel wird der kreislaufbedingte Schwindel bezeichnet, wie er z.B. nach dem Blutspenden oder bei niedrigem Blutdruck auftritt.

Schwindel ist nahe verwandt mit „Schwindeln“ und daher oft mit einem Schamgefühl verbunden

Nicht zuletzt ist die Suche nach psychischen Ursachen sinnvoll, doch viele haben Hemmungen, aufgrund von Schwindel zum Psychotherapeuten zu gehen. Der Begriff „Schwindel“ hängt eben eng zusammen mit dem „Schwindeln“, was für „Lügen“ steht. Manche Patienten empfinden daher Scham- und Schuldgefühle. Schwindel bedeutet sowohl körperlich als auch seelisch den Verlust des Gleichgewichts. Beim Schwindeln spüren wir das Abweichen von der Wahrheit, was zu dem Gefühl von Orientierungsschwierigkeiten führen kann.

Nicht selten taucht der Schwindel in Lebensphasen auf, die von Unsicherheit und Veränderung geprägt sind: Wenn durch eine Trennung, durch finanzielle Probleme, durch Umzug oder die Geburt eines Kindes zeitweise der Boden unter den Füßen verloren geht, dann kann die Seele so überfordert sein, dass sich diese Überforderung als Schwindel äußert.

Agoraphobie: Die Angst auf freien Plätzen taucht oft im Rahmen von Angststörungen auf. Die Angst selbst kann Schwindelgefühle auslösen. Jedoch kann es auch umgekehrt sein: Wer an einem körperlichen Schwindel leidet, kann Angst auf freien Plätzen bekommen.

Therapie des Schwindels

Handelt es sich um eine plötzlichen Drehschwindel, der durch eine Störung im Innenohr verursacht wird, können einige Tage Bettruhe und Medikamente gegen den akuten Schwindel (Antivertiginosa, Reisetabletten) helfen. Es sind Mittel (eigentlich oft Beruhigungsmittel), die man auch bei der Reisekrankheit verwendet. Andere sagen, dass Aktivität (z.B. Gehen an frischer Luft) schneller Besserung bringt. Das geht natürlich nur, wenn Gehen möglich ist. Doch auch Krabbeln im Vierfüßlerstand kann hilfreich sein. Ich selbst habe keinerlei Medikamente genommen, weil ich „orientiert“ bleiben wollte.

„Es sieht unmöglich aus, aber sie können gehen.“ Ein Arzt über Menschen mit einer Neuronitis vestibularis (Schwindel – Youtube-Video von Nerdfallmedizin). Medikamente sollten nur wenige Tage eingenommen werden, denn sonst hindern sie das Gehirn daran, neue Wege zur Herstellung des Gleichgewichts zu finden.

Akut geht es oft am besten, wenn du die Augen geschlossen hältst. Es kann aber auch helfen, auf eine Lampe zu schauen. Die äußere Orientierung ist beim Ausfall des Gleichgewichtsnerven zeitweilig verloren, aber sie kommt zurück. Wenn du jemanden bitten kannst, dir die Hand zu halten, ist das oft hilfreich. Der Tastsinn funktioniert weiterhin und auf ihn kannst du dich verlassen.

Als Patentrezept auf dem Weg der Besserung gilt jegliche Bewegung und Aktivität, egal ob in Form von Yoga, Joggen oder Spazierengehen. Besonders auch Koordinationsübungen können das Gleichgewichtssystem enorm stärken.

Früher wurden oft blutverdünnende Mittel wie Hydroxyethylstärke (HAES) oder Pentoxiphyllin gegeben, was sich jedoch als wenig wirksam erwiesen hat. Professor Michael Strupp, Neurologie Uni München, sagte 2008 in der Deutschen Apothekerzeitung: „Beliebt, aber bei Schwindel unwirksam sind zum Beispiel Präparate, die angeblich oder tatsächlich durchblutungsfördernd wirken. Dies gilt etwa für Ginkgo biloba, Pentoxifyllin, niedermolekulare Dextrane, Hydroxyethylstärke oder diverse homöopathische Präparate. Keinen Nutzen hat in der Schwindeltherapie auch die Stellatumblockade, bei der im Halsbereich Lokalanästhetika injiziert werden, um vegetative Nervenbahnen zu blockieren und dadurch die Durchblutung des Gleichgewichtsorgans zu verbessern. Zudem sollten Neuroleptika unter anderem wegen ihres Nebenwirkungsprofils bei Schwindelbeschwerden nicht mehr zum Einsatz kommen.“

Heute werden häufig Cortisontherapien durchgeführt, wenn der Arzt eine Entzündung des Gleichgewichtsnerven als Schwindel-Ursache vermutet. Oft wird auch Histidin gegeben – eine Aminosäure, die die Nervenhüllen (Myelinscheiden) schützt. Meiner Erfahrung nach lassen Neuronitis-vestibularis-Symptome mit Medikamenten kaum schneller nach als ohne Medikamente.

Der Tanz der Derwische

Der drehende Tanz, den die Derwische tanzen, heißt „Sema“ (so heißt auch die Zeremonie); der sich drehende Derwisch ist ein „Semazen“. Der Derwisch folgt einer muslimischen Glaubensrichtung namens „Sufismus“. Der Anatom und Gerichtsmediziner Philippe Charlier (auf X @doctroptard hat auf seiner Weltreise den türkischen HNO-Arzt Dr. Murat Enoz (www.ent-istanbul.com) besucht. Der Arzt erzählt, dass sich die Derwische durch eine ausgesprochen gute Gesundheit auszeichnen.

Systemische (also Systeme des Körpers betreffende) Erkrankungen seien den Derwischen so gut wie unbekannt, erklärt Dr. Murat Enoz. Die Schwingungen der Musik, die während des Tanzes erklingen, wirken auf den ganzen Körper, wobei der Muskeltonus sinkt. Auch Musik und Singen können möglicherweise Schwindel lindern. Unsere eigene Stimme bringt auch das Gewebe im Kopf zum Schwingen und wirkt auf das Ohr, dem Sitz des Gleichgewichtsorgans. Derwische können tanzen, ohne schwindelig zu werden.

Den Tanz der Derwische zu erlernen, sei nicht einfach, erklärt Dr. Murat Enoz. Er führt in der arte-Sendung „Magische Orte in aller Welt: Türkei“ vor, wie es geht. Hier eine Zusammenfassung: Die Arme werden gehoben, die rechte Hand ist oben, die linke weiter unten. Die Finger der rechten Hand zeigen nach oben, die der linken Hand nach unten. Die Rotationsachse verläuft durch das linke Bein. Der Kopf ist um 25 Grad nach rechts geneigt, das Gesicht leicht nach links gedreht, die Augen sind halb geöffnet. Das rechte Ohr wird so im Tanz gleichmäßig stimuliert. Das linke Ohr bildet das oberen Abschluss der Rotationsachse. Die Sohle des linken Fußes wird flach aufgesetzt und dreht sich gegen den Uhrzeigersinn.

Das Cogan-Syndrom: Augenschmerzen, Drehschwindel und Hörverlust

Augenschmerzen, rasender Drehschwindel mit Erbrechen und der Unfähigkeit zu gehen, Ohrenschmerzen, Tinnitus, Hörsturz, Schmerzen am Mastoid (Knochen hinter dem Ohrläppchen), Nackenschmerzen, Zahnschmerzen und nacheinander beidseitiger Hörverlust – wie passt das zusammen? Vom Cogan-Syndrom (Cogan-I-Syndrom) hört man nicht viel. Beim Cogan-Syndrom handelt es sich um eine Entzündung der Gefäße im Kopf, die relativ häufig zur Ertaubung, aber nur selten zur Blindheit führen kann. Viele können mit einem Cochlea-Implantat wieder gut hören.

Häufig sind junge Menschen im Alter von 20-30 Jahren betroffen, wenn sich das Cogan-Syndrom durch enormen Drehschwindel bemerkbar macht. Oft tritt es nach Infekten auf, sodass ein Zusammenhang mit Bakterien (vor allem Chlamydia pneumoniae) oder Viren vermutet wird. Ute Jung ist eine Betroffene und stellt auf ihrer Website Leben mit dem Cogan-I-Syndrom ihre Krankengeschichte dar.

Der Name „Cogan-I-Syndrom“ leitet sich von dem amerikanischen Augenarzt David Glendering Cogan (1908-1993) ab, der diesen Symptomkomplex als Erster beschrieb. Das Cogan-II-Syndrom = okulomotorische Apraxie hat mit dem Cogan-I-Syndrom nichts zu tun. Bei Cogan-II handelt es sich um eine angeborene Erkrankung der Augenmuskeln und -nerven. Das Cogan-I-Syndrom wird häufig als eine spezielle, abgegrenzte Erkrankung beschrieben, doch es gibt anscheinend viele Übergänge, Schweregrade und Diagnose-Namen. Auch Patienten mit den Diagnosen Neuronitis vestibularis, Vaskulitis (Gefäßentzündung) oder Morbus Menière erkennen sich in den Beschreibungen hier sicher oft wieder.

Was bemerkenswert erscheint, ist das Auftreten von Symptomen, die vielen Autoimmunerkrankungen gemeinsam sind: Viele Betroffene fühlen sich extrem müde und wachen häufig zwischen 2 und 4 Uhr morgens auf. Schübe von Vestibularis-Schwindel treten oft zusammen mit der Monatsblutung auf. Viele Frauen spüren Muskelschmerzen und grippeähnliche Symptome zum Zeitpunkt der Regel. Die Cogan-I-Symptome sind anscheinend auch von der Jahreszeit abhängig: Häufig verstärken sich die Beschwerden zwischen Juli und Oktober (www.das-cogan-syndrom.de). Ärzte versuchen, die Beschwerden des Cogan-I-Syndroms und anderer Autoimmunerkrankungen häufig mit Cortison und Immunsuppressiva zu lindern.

Mutmachend ist hier der Bericht einer amerikanischen Vaskulitis-Patientin, die schreibt: „Healing happens on the mat.“ Sie glaubt fest an die Wirkung des Yoga und geht alternative Wege. Ihr Beitrag „Yoga & Vasculitis: A Soliloquy“ (Yoga und Vaskulitis – ein Selbstgespräch) macht sicher vielen Mut, die an unklaren Beschwerden leiden und sich vor dem weiteren Verlauf ihrer Erkrankungen fürchten.

Gleichgewicht und Atmung: Ein komplexes Zusammenspiel

Wenn du reisekrank bist, bemerkst du vielleicht, wie sich deine Atmung zunächst vertieft und später dann verflacht. Atmung und Gleichgewichtssystem hängen eng zusammen. Auch die Hauttemperatur, die Herzratenvariabilität, die Pulsfrequenz sowie die Schweissproduktion sind vom Gleichgewichtssystem abhängig. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt Bill Yates und seine Kollegen haben hierzu einen interessanten Artikel verfasst: „Die Rolle des Gleichgewichtssystems bei der Regulation der Atemmuskulatur in der Bewegung“: „Recent evidence has shown that the vestibular system participates in adjusting the activity of both upper airway muscles and respiratory pump muscles during movement and changes in body position.“ = Das vestibuläre System hat bei Bewegungen und Veränderungen der Körperposition anscheinend Einfluss auf die Aktivität der oberen Atemwegsmuskulatur und der Atemmuskulatur.

Wo auch immer du gerade mit deinem Schwindel bist – ob in einer akuten Phase einer Vestibularismigräne oder einer Neuronitis vestibularis, ob in einer Rehabilitationsphase – ich wünsche dir viel Ruhe und dass du dich von angsterregenden Textstellen nicht verrückt machen lässt. Beobachte dich neugierig – daraus wirst du immer lernen.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Maria Villar-Martinez und Peter J. Goadsby
Vestibular migraine: an update.
Current Opinion in Neurology 37(3):p 252-263, June 2024.
DOI: 10.1097/WCO.0000000000001257
journals.lww.com/co-neurology/…

BJ Yates et al. 2002:
Role Of The Vestibular System In Regulating Respiratory Muscle Activity During Movement.
Clinical and Experimental Pharmacology and Physiology, 2002, Volume29, Issue1-2, January/February 2002: Pages 112-117
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1046/j.1440-1681.2002.03612.x

POTS (Posturales Tachykardiesyndrom) und Autoimmunerkrankungen prädisponieren für vestibuläre Migräne
Ärzteblatt, Juli 2024
www.aerzteblatt.de/…

Einweisung in den Drehtanz der Mevlevi Derwische
Ein Erlebnisbericht von Bernhard Wosien (1908-1986)
www.choretaki.com/…
Auszug aus dem Buch „Die Sufis und das Gebet in Bewegung“
Metanoia-Verlag, Auflage 2006

Yates, B., Billig, I., Cotter, L., Mori, R. and Card, J. (2002)
Role Of The Vestibular System In Regulating Respiratory Muscle Activity During Movement.
Clinical and Experimental Pharmacology and Physiology, 29: 112-117
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Bohn, Ralf (2022):
Das Karussell – Schwindel, Tausch und Täuschung:
Szenen einer Medienphilosophie
Szenografie & Szenologie, 17, Bielefeld: transcript Verlag.
doi.org/10.14361/9783839461259
OpenAccess www.ssoar.info (PDF)

Alessandro De Stefano et al. (2012):
Malignant paroxysmal positional vertigo
Auris Nasus Larynx, Volume 39, Issue 4, August 2012, Pages 378-382
https://doi.org/10.1016/j.anl.2011.07.008
www.sciencedirect.com/…

Malcolm P Hilton and Darren K. Pinder (2014):
Das Epley-Manöver für den gutartigen paroxysmalen Lagerungsschwindel
doi.org/10.1002/14651858.CD003162.pub3
www.cochranelibrary.com/…

Manche Menschen bemerken, dass sie gehäuft zu einer bestimmten Jahreszeit eine Neuronitis vestibularis bekommen. Nicht selten folgt die Neuritis vestibularis einem Infekt im Herbst oder nach einer Überanstrengung. Zwei Studien konnten insgesamt jedoch keine zirkaannalen, also jährlich wiederkehrenden Rhythmen feststellen.
Adamec, I. et al. (2015):
Incidence, seasonality and comorbidity in vestibular neuritis.
Neurol Sci 36, 91-95 (2015). doi.org/10.1007/s10072-014-1912-4
link.springer.com …

Jeong J et al. 2022:
Monthly and seasonal variations in vestibular neuritis.
Medicine (Baltimore). 2022 Jul 1;101(26):e29787.
doi: 10.1097/MD.0000000000029787
www.ncbi.nlm.nih.gov/…

Das Sacculus ist ein Teil des Gleichgewichtssystems im Innenohr, das die Bewegungen von oben nach unten und unten nach oben registriert.

Auch die „Gürtelrose ohne Hauterscheinung“ (Zoster sine herpete) kann möglicherweise eine Neuronitis vestibularis hervorrufen.
Junli Zhou et al. (2020)
Zoster sine herpete: a review
The Korean Journal of Pain. 2020 Jul 1; 33(3): 208–215.
doi: 10.3344/kjp.2020.33.3.208
www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7336347

„Questions relevant for the discussion of “somatosensory vertigo“ are whether and how the lack or inadequate release of somatosensory input leads to vertigo or disequilibrium.“
Brandt, Thomas (2003):
Somatosensory vertigo
Vertigo pp. 441-451
doi.org/10.1007/978-1-4757-3801-8_30
link.springer.com/…

Thomas Brandt et al. (2013):
Vertigo and Dizziness – Common Complaints
link.springer.com/book/10.1007/978-0-85729-591-0

Vestibular Migraine
www.hopkinsmedicine.org/…

Warabi, Tateo (1978):
Trunk-ocular reflex in man.
Neuroscience Letters, Volume 9, Issues 2-3, September 1978, Pages 267-270
https://doi.org/10.1016/0304-3940(78)90084-8
www.sciencedirect.com/…
„The experiments were designed to determine whether twisting of the trunk induces eye movements in man. The subject’s head and neck were fixed firmly, and the chair in which the subject sat was turned along a vertical axis sinusoidally at about . It was found that the eye deviated horizontally in a direction counter to the twisting of the lower trunk. This ocular movement was accompanied by nystagmus. …“

Vestibulookulärer Reflex: Kopf-Impuls-Test nach Curthoys und Halmagyi
medlexi.de/…

Der Video-Kopfimpulstest – eine revolutionäre Schwindel-Untersuchung
HNO Ratgeber Dr. Draws, youtu.be/KaluIWG_trI

Schwindel Abklärung in der Notaufnahme (Schwindel Part 2)
Nerdfallmedizin, youtu.be/JgnatZef__Q

Bruce, Debra Fulghum and Meara, Alexa (8.10.2019):
Vertigo Can Be a Symptom of Psoriatic Arthritis
www.everydayhealth.com/psoriatic-arthritis/can-cause-vertigo/
Könnte eine gestörte Propriozeption in den entzündeten Gelenken bzw. Muskeln eine Mit-Ursache des Schwindels sein?

David Newman Toker
Hopkins University, Baltimore, Maryland, USA

Klinke, R. (1989)
Physiology of the Sense of Equilibrium, Hearing and Speech.
In: Schmidt, R.F., Thews, G. (eds) Human Physiology.
Springer, Berlin, Heidelberg.
https://doi.org/10.1007/978-3-642-73831-9_12: „Not only are the organs of equilibrium and hearing close together anatomically, lying side by side in the petrous bone to form the inner ear; they are also derived from the same structure in evolution.

C. Stanley Harris, Henry C. Sommer (Aerospace Medical Research Laboratories, United States Air Force, Universiät Michigan), 1968:
Human Equilibrium During Acoustic Stimulation by Discrete Frequencies.
AMRL TR. 1968 May:1-11. doi: 10.21236/ad0675172.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/5317679/
„The ability of subjects to balance on narrow rails was measured during exposure to pure tones of 100, 260, 590, 1500, and 2500 Hz and a control condition. … A decrement in rail performance occurred at 1500 Hz for the asymmetrical exposure group and at 590 Hz for the symmetrical exposure group. The decrement determined with symmetrical exposure was less than the decrement found with asymmetrical exposure.“

Qikun Zhang et al. 2026:
Vestibular Habituation Is Associated with Distinct Autonomic Signatures and Greater Reduction in Visually Induced Motion Sickness: A Randomized Controlled Trial.
Hearing Research, 2026, 109554, ISSN 0378-5955
https://doi.org/10.1016/j.heares.2026.109554.
www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0378595526000304
96 Studenten, die zu „Visually Induced Motion Sickness“ (Visuell induziertem Bewegungsschwindel) neigten, führten spezielle Übungen durch. Ein Teil der Gruppe machte drei Tage lang Übungen auf einem Drehstuhl, die beendet wurden, sobald Unwohlsein/Übelkeit auftrat. Die andere Gruppe erhielt eine schrittweise Steigerung über sechs Tage: Das Drehen auf dem Drehstuhl wurde von 60 Sekunden auf 180 Sekunden gesteigert. Gemessen wurde der Graybiel motion-sickness score (Graybiel score). Dieser nahm in der Langzeitgruppe deutlicher ab als in der Kurzzeitgruppe. Beim autonomen Nervensystem stellten die Forscher fest: „Autonomically, the S-W group reduced both low-frequency (LF) and high-frequency (HF) power and increased the LF/HF ratio, while The S-D group reduced only HF power.“ Die Amplitude der Hautleitfähigkeitsantwort stieg nur in der Langzeitgruppe an. Die Hauttemperatur (Skin Temperature) sank in der Kurzzeitgrupe deutlich (um 2 – 4 Grad Celsius). In der Langzeitgruppe nahm sie nur weniger als ein Grad Celsius ab. „In conclusion, the stepwise protocol was associated with greater VIMS symptom relief and a more favorable autonomic profile than the short-duration approach, suggesting it may serve as a potential non-pharmacological countermeasure for virtual reality or simulator settings.“

Beitrag vom 2.2.2026 (begonnen am 27.6.2006)

One thought on “Schwindel und der Weg zu neuem Halt: Fünf Tipps bei Neuronitis vestibularis und Vestibularismigräne.

  1. nancy sagt:

    Hallo ich bin 30 Jahre alt habe seit 10 Jahren dauerschwankschwindel es gibt keine Minute ohne in nur dan wenn ich schlafe habe ich ihn nicht ich hab so eine angst das ich was schlimmes habe mir kann keiner helfen haben sie ein Tipp für mich bitte ich weiß nicht mehr weiter lg nancy

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