Der psychische Schmerz der Wechseljahre: Mit dem Ende der Tage sind die Tage nicht zu Ende

Die Veränderungen des Körpers mit Neugier betrachten heißt auch, sich überraschen zu lassen von dem, was plötzlich möglich wird, was nicht mehr möglich ist und was einfach so bleibt wie es immer war. Bleiben die Tage weg, fühlst du dich vielleicht auch wieder etwas unbeschwerter – ähnlich wie als junges Mädchen.
Ich selbst hatte befürchtet, das Ende meiner Regel sehr zu betrauern. War es doch ein ganz besonderes Ereignis, zum ersten Mal meine Tage zu bekommen. Es war auch das Zeichen für meine Eltern, mehr Abstand zu halten. Meine Mutter hörte auf, mich zu schlagen. Ich empfand die Periode als einen Schutz und eine Orientierung. Das Ufer des Erwachsenseins war erreicht. Die Periode bestimmte von da an den Lebensrhythmus. Doch als die Menopause konkret da war, trauerte ich nicht mehr. Die Arbeit war schon getan. Es fühlt sich natürlich an.
Mit einem Mann zu schlafen bedeutet lange Zeit, dass daraus neues Leben entstehen könnte. Neigt sich die fruchtbare Zeit dem Ende zu, wird’s uns vielleicht auch schwer ums Herz. Das war’s gewesen. Das erste spürbare Ende des Lebens naht – die Blätter an den Bäumen werden gelb.
Vielleicht trauerst du darum, dass du nie erleben durftest, schwanger zu sein. Vielleicht aber bist du auch rundum zufrieden, weil du mit oder ohne Kinder heute gut leben kannst.
Doch mit dem Ende der Tage sind die Tage nicht zu Ende. Was bleibt, ist die lebendige Sehnsucht nach Verbundenheit. Diesen Wunsch nach Verbundenheit können wir uns in oder nach den Wechseljahren vielleicht besser erfüllen als in jüngeren Jahren.
Gerade nach dem Ende der regelmäßigen Blutungen ist es oft, als ob die „Regel“ noch eine Weile weiterginge, ohne dass du sie siehst. Phasen des Schwitzens, des Hungers, der Erschöpfung oder Kraft können manchmal einem ähnlichen Zeitverlauf folgen wie damals der Monatszyklus. Es ist gut, sich dann – ähnlich wie früher – die Ruhe zu gönnen, die der Körper an gewissen Tagen braucht.
Der Wechsel von der fruchtbaren in die „unfruchtbare“ Zeit ist für viele eine traurige Zeit. Dieser Zeit der Trauer wird oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Da stehen die körperlichen Beschwerden, der Gang zum Frauenarzt und Hormonpräparate im Vordergrund.
Doch was wir auch brauchen, ist Raum für die psychischen Veränderungen. Es entstehen neue Vorstellungen, häufig auch Vorstellungen von Begrenzung und Endlichkeit. Es ist die Zeit, in der vielleicht Mutter oder Vater sterben.
Es kehrt mehr Ruhe ein, wenn die Wahlmöglichkeiten schwinden.
Viele wollen diese Ruhe noch nicht. Manche Frauen fühlen sich noch viel zu jung für diesen Abschied. In dieser Zeit der Wechselhaftigkeit geht es emotional manchmal drunter und drüber. Festhalten oder Loslassen? Nochmal probieren oder es sein lassen? Schlaflose Nächte können die Wechseljahre prägen.
In einem Wechseljahrsforum von lifeline.de fand ich den Kommentar einer Leserin, der mir aus dem Herzen sprach: „Bei mir löst es (Anmerkung: die Appetitlosigkeit) große Angst aus. Ich bin 52 Jahre alt und im Moment nicht Fisch, nicht Fleisch … Alles begleitet durch eine fiese Übelkeit. Organisch ist alles okay, dennoch kann ich mich nicht zurücklehnen. … Ich lebe im Moment mit einem ganz anderen Ich und möchte so gerne mein altes zurück.“ Finchen, 21.8.2022 auf Onmeda, Lifeline (nicht mehr verfügbar).
Das Älterwerden unmittelbar spüren
Durch die Veränderungen in den Wechseljahren spüren wir das Älterwerden vielleicht unmittelbar. Gedächtnisprobleme, Ganzkörper- und Gelenkschmerzen können uns begleiten. Das Wegbleiben der Tage bedeutet nun nicht mehr „Schwangerschaft“, sondern „Beginn der unfruchtbaren Zeit“.
Doch wir können bewusst im Leben weiterreisen: Was passiert jetzt? Wie verändert sich mein Körper und mein Leben? Wie gestalten sich die Partnerschaft, Partnersuche und Sexualität in dieser neuen Zeit? Wie kann ich als erfahrene Frau jüngere Menschen begleiten und eine Art „geistige Elternschaft“ zu ihnen aufbauen? Wir können mit der Zeit befriedigende Antworten auf viele Fragen finden.
Buchtipp: War das schon alles?
Marie-Luise Hermann ist promovierte Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin und Autorin. Sie arbeitete bis 2022 als Oberpsychologin in der Schweizer Privatklinik Clienia.ch. Geboren 1966, schreibt sie nun aus der Warte einer Frau, die sich selbst fast noch zu den Babyboomern (1955-1964 Geborene) zählen kann.
Ich bestellte das Buch, nachdem ich in der Buchbeschreibung (psychosozial-verlag.de) den Satz las, dass man die „Kraft verschütteter Wünsche freisetzen“ könne. Zusammen mit dem sehr ansprechenden Cover und dem Titel „War das schon alles?“ war meine Lust auf dieses Buch geweckt.
Ich konnte mich in vielem wiederfinden. Der Vergleich mit anderen, das Gefühl, im Mittendrin zu sein und nun die Lebensjahre auch vom möglichen Ende her zu zählen, das „große Gähnen des Überdrusses“ (S. 35) und vieles andere sprach mich an.
Besonders die fast gnadenlose Authentizität in diesem Buch hat mich fasziniert. Marie-Luise Hermann betont, wie wichtig es ist, wirklich ehrlich zu sich zu sein und den inneren wie äußeren Wahrheiten nicht aus dem Weg zu gehen. Sie beschreibt, wie man offen werden kann für das eigene Unbewusste, wie man sich ihm hingeben, ja auch auf gewisse Weise vertrauensvoll überlassen kann.
Es geht um Orientierung, um Unbehagen und Aufbruch
Viele treffen in der Mitte des Lebens noch einmal ganz neue Entscheidungen und nicht immer ist klar, woher der eigene Wille kommt, der zu vielen Konflikten führen kann. Mir gefiel in diesem Zusammenhang der Satz:
„Irgendetwas in mir hat mir gesagt, dass ich das jetzt so machen muss. Ich konnte nicht anders, ich musste das einfach tun. Etwas ist mit mir passiert, und auf einmal war alles so klar. Es fühlte sich auf einmal so richtig und gut an.“ (S. 47)
Und nach meinem eigenen Umzug in ein anderes Land fühlte ich mich durch diesen Satz verstanden: „Unter Druck bleibt oft keine Alternative, manche müssen entfernte Arbeitsorte in Kauf nehmen.“ (S. 53)
Für mich wurden besonders die Abschnitte spannend, die auf den Körper weisen: „Im höheren Alter übernimmt der Körper mit Grenzen und Einschränkungen die weitere Entwicklung“, heißt es auf Seite 49.
Dann jedoch geht die Autorin insgesamt wenig auf den Körper ein, was mich enttäuschte. Es löste in mir eine „Suchbewegung“ aus, die mich das Buch schnell lesen ließ, jedoch fand ich nicht so recht, was ich suchte.
Viel Psychoanalytisches – für Interessierte ein Gewinn
Ab etwa Seite 50 nimmt die psychoanalytische Fachterminologie einen breiten Raum ein, wie bereits die Überschrift „Inneres Drängen aus Sicht der Triebpsychologie“ zeigt.
Auch behandelt die Autorin nun interne Diskurse der Psychoanalyse: „… und die Psychoanalyse ist dabei, ihre eigenen Ursprünge in der Freud’schen Triebtheorie zu verdrängen, zu verleugnen und sich damit selbst zu schwächen.“ (S. 54)
Marie-Luise Hermann beschreibt beispielhaft die Probleme der fiktiven Personen Andrea, der Umtriebigen, Bruno, dem Nachdenklichen und Christina, der Vermittlerin. Sie stehen für die Krisentypen „Festsitzen, Sichdavonschleichen und Zusammenbrechen“.
Die Autorin kommt in den verschiedenen Kapiteln auf diese drei Personen und Problematiken zurück, wodurch sich ein roter Faden im Buch ergibt. Die Kämpfe, die viele in den Wechseljahren durchleben, werden aus meiner Sicht jedoch oft nicht spürbar – die Probleme der Protagonisten erscheinen mir stereotyp:
Da ist die alleinerziehende Mutter, die „alles gemanagt“ hat (S. 38), der nachdenkliche Bruno, der „umfassend frustriert“ ist (S. 39) und Christina, die „immer für alle da“ war (S. 41) erscheinen mir wie aus einer Theorie heraus konstruiert. Es ist, als stammten sie aus einer besser gestellten sozialen Schicht, die hier exklusiv in den Blick genommen wird.
Dieser Eindruck entsteht bei mir, wenn ich beispielsweise an konkrete Erfahrungen mit Frauen denke, die in ihren finanziellen Problemen, Kontaktabbrüchen oder Krebserkrankungen in nahezu aussichtslose Situationen gerieten.
Insgesamt finde ich das Buch sehr anregend und verstehend. Wer jedoch Trost sucht und sich auch für körperliche Problematiken interessiert, die die Seele in Mitleidenschaft ziehen, sollte auch andere Bücher zu diesem Thema lesen.
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Buch:
Marie-Luise Hermann:
War das schon alles? Babyboomer jenseits der Lebensmitte. Mit einem Geleitwort von Brigitte Boothe
Psychosozial-Verlag, Gießen, 2023, amazon
Beitrag vom 18.8.2026 (begonnen am 10.2.2015)
VG-Wort Zählpixel im ersten Absatz (a12839c6efb14b0ea1408e745bcb030a), gemeldet
One thought on “Der psychische Schmerz der Wechseljahre: Mit dem Ende der Tage sind die Tage nicht zu Ende”
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Vielen Dank für den ergreifenden und informativen Artikel. Man kann nur hoffen, dass der Frauenarzt in solchen Seite auch psychologisch etwas zur Seite steht. Schliesslich ist der Gynäkologe stetig in Kontakt mit Frauen in diesem Alter und kann entsprechend daraus Schlussfolgerungen ziehen die nachfolgenden Generationen helfen könnten damit umzugehen. Es wäre daher wünschenswert wenn Ärzte diese Unterstützer-rolle annehmen.