Ich und mein Körper: Wir werden alt – und warum Hocktoiletten eine gute Idee sind

Eines Morgens hörte ich im Deutschlandfunk.de den Essay „Mit dem Unbekannten flirten“. Er handelt davon, dass kaum jemand etwas über den alternden Körper der Frau schriebe. Erst wenn man bei der Google-Suche das Wort „Altern“ durch „Alzheimer“ ersetze, könne man fündig werden.
Und ich dachte darüber nach, wie es eigentlich ist mit dem Altwerden. Häufig habe ich das Gefühl, im Außen nicht das zu finden, was ich selbst erlebe. Da loben viele das Buch von Sheila de Liz: „Woman on Fire“ (Rowohlt.de). Beliebt ist auch die Apothekerin und Hormoncoachin AnnKatrinPause.de.
Ich habe Freunde, die sagen, dass sie sich viel jünger fühlen als sie sind. Und ich denke: Was mache ich falsch, dass ich nicht das Wunderbare fühlen und erleben kann, von dem so viele sprechen?
„Ich möchte mein altes Ich zurück“, lese ich von einer Frau in einem Forum über Wechseljahre und denke: So ist es. Es ist, als ob sich das Ich völlig verwandelt, ohne dass man weiß, wie einem geschieht. Plötzlich zeigt sich das Alter.
Die Spuren der Kindheit wurden bei mir besonders an den Zähnen spürbar – die Gewöhnung an die Teilprothese war ein langer und auch trauriger Prozess. Und mit 52 Jahren brach ich mir den Unterarm – „Radiusfraktur: die typische Erkrankung der älteren Frau“, las ich. Ich hörte mir dennoch keine Vitamin-D-Vorträge an.
Todesmanagement im Leben
Die Einladungen zu den Vorsorgeuntersuchungen schneien bis heute nur so herein. Immer, wenn ich diese Flyer wegwerfe, fühle ich mich schlecht und schuldig. Doch ich möchte nicht so ein Vorsorge-Leben führen – ich möchte meinen eigenen Weg dazu finden. Ich habe Hände, die tasten und Augen, die sehen, sodass ich mich in Grenzen gut selbst untersuchen kann. Nur manchmal gehe ich gezielt zu einer Untersuchung, wenn ich eine genaue Fragestellung habe.
Der Gedanke an Sterben und Tod taucht mit dem Altern vielleicht häufiger auf – vor allem, wenn wir nachts zur Toilette gehen.
„Wo find ich Armer Arzenei? Wer stehet mir in meinem Elend bei? Wer ist mein Arzt, wer hilft mir wieder?“ Bach-Kantate BWV 25: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“, youtube.com/…, Workshop der Bachstiftung mit Rudolf Lutz: Youtube
Im Radio kommst du bei WDR4 an, im Internet besinnst du dich auf Facebook zurück. Und wir nutzen die frühen Morgenstunden für die wichtigsten Aufgaben, weil uns ab mittags die Kraft ausgeht.
Das Haarefärben geben wir auf, weil wir sonst nur noch beim Frisör sässen. Wir können gegenüber den Unverständigen vielleicht auch das Argument nutzen, dass es mögliche Zusammenhänge zwischen Haarefärben und Krebs gibt (z.B. Yawei Zhang et al., 2012, pmc.ncbi.nlm.nih.gov…).
Altwerden und Krankwerden werden immer mehr Eins. Was früher nur Hypochondrie war, zeigt sich jetzt am Blutdruckmessgerät, im Ultraschall oder am Pulsoxymeter als Wirklichkeit an. Wir träumen von unseren Krankheiten und von verstorbenen Menschen.
Wir lernen, bei uns selbst Blutzucker, Blutdruck und Harnsäurewerte zu messen. Die Waage macht, was sie will und wir führen das Intervallfasten ein.
Macht der Körper wirklich, was er will? Wir bauen eine Beziehung auf.
Der Körper wirkt manchmal wie eine Bedrohung: Nachts kribbeln die Arme oder gar Schulter und Zunge. Der Mittelfinger tut mir weh. Es kommen Kopfschmerzen hinzu, die wochenlang nicht vergehen wollen und es kommt der Gedanke, es könnte eine Strafe sein für alles, für das ich mich schuldig gemacht habe.
Besonders gegenüber den eigenen Eltern und Kindern kann man sich sehr schuldig fühlen. Auch in unserem befreiten und wissenschaftlich aufgeklärten Zeitalter spielen solche Schuld-Ängste wie eh und je eine Rolle.
Mein Körper erzählt mir eine Geschichte. Also höre ich gut zu.
Dann aus heiterem Himmel Gicht. Trotz täglicher Bewegung, Meditation und vegetarischer Kost ohne Alkohol. Der Zeh wird zur Hölle, während die Ferse der anderen Seite schon seit Wochen das Auftreten erschwert. Wie also laufen? Ok, der handfeste Schmerz kann immer noch besser sein als eine Neuronitis vestibularis, ein Ausfall des Gleichgewichtssystems, der das Laufen auf andere Art so gut wie unmöglich macht.
Die Finger nehmen die Form der Finger der eigenen Oma an. Die Schulmedizin bietet Cortison und Biologika, also sucht man nach Alternativen. Ohren und Augen werden schlecht, man versteht die Technik nicht mehr. Altwerden heisst auch, Stück für Stück nicht mehr in diese Welt zu passen und oft auch, einsam zu sein („Die Einsamkeit wird mich töten, ça va me tuer“, Youtube-Shorts).
Der Hormonmangel, der gar keiner ist
Gleichaltrige Freundinnen empfahlen mir Hormone – zumindest eine Progesteron-Salbe, um den Schlafmangel zu beheben. Doch auch hier wollte ich nie eingreifen. Ich sagte immer nur „Nein“. Aber es bestehe doch ein Hormonmangel! Doch ist es so?
Die Hormone gehen im Alter natürlicherweise zurück. Ein Mangel wäre es nur, wenn man auf dem Stand des früheren Alters bleiben wollte. Über den Gebärmutterhals, der sich durch die Gebärmuttersenkung dem Scheidenausgang nähert, wollen wir übrigens gar nicht sprechen. Auch die Inkontinenz bleibt unser Geheimnis.
Wiederannäherung an den Boden: Hocktoiletten sind gut für die Gesundheit
Nun richte ich mir das Leben im Alter ein. Zum Beispiel durch den Umbau meines Büros. Neben dem normalen Schreibtisch steht nun auch ein Stehtisch sowie ein Tisch am Boden. Denn wenn wir alt werden, nähern wir uns dem Boden an: die Gefahr der Stürze wächst. Es ist mir wichtig, gelenkig zu bleiben und die Knie- und Hockhaltung nicht zu verlernen. Auch entdecke ich mit Freude, dass Steh- bzw. Hocktoiletten (ist das Gleiche) immer beliebter werden.
Das Altern ist unangenehm, voller Ängste und Schrecken: Wie soll das noch werden? Wenn es überhaupt noch werden wird? Ich bin neugierig darauf, was die Natur zu bieten hat. Egal, was kommt: Ich habe immer die Wahrheit. Ich möchte erfahren, wie das geht: Altern ohne Aktionismus.
„Oh Herr, durch dein Kraft uns bereit und stärk des Fleisches Blödigkeit …“ Johann Sebastian Bach, BWV 226: Der Geist hilft unser Schwachheit auf, youtube
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Links:
Autorin über das Altern
Mit dem Unbekannten flirten. Von Slavenka Drakulic, 10.9.2023 (Wh. v. 18.5.2014) „… (es) verliert der Mensch seinen Körper und seinen Geist.“ deutschlandfunk.de/…
„La vie devant soi, même à cinquante ans, c’était encore très bien… même à soixante. … j’étais encore plein de muscles, de projets, de désirs, de flamme. Je le suis toujours, mais voilà, entretemps, j’ai vu le regard des jeunes … des hommes et des femmes dans la force de l’âge qui ne me considéraient plus comme un des leurs, même apparenté, même à la marge … Sans m’en rendre compte, j’étais entré dans l’apartheid de l’âge“. Bernard Pivot, Les mots de ma vie (2011), X.com
Beitrag vom 18.8.2026 (begonnen am 10.9.2023)
2 thoughts on “Ich und mein Körper: Wir werden alt – und warum Hocktoiletten eine gute Idee sind”
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Liebe AnnaLenaSchmidt,
ich freue mich sehr über Ihren Kommentar – besonders auch darüber, dass Ihnen die Idee mit dem Tisch am Boden gefällt :-)
Ja, auch ich finde, dass sich Frauen oft unattraktiver machen, wenn sie versuchen, sich jünger zu machen.
Viele Grüße,
Dunja Voos
Vielen Dank für Ihren Beitrag! Ich bin überhaupt nicht glücklich, wie mit dem Altern von Frauen umgegangen wird. Es heißt immer, dass Männer mit dem Alter attraktiver werden – und Frauen verfallen, sobald sie nicht mehr gebärfähig sind. Ich habe schon früh mein erstes graues Haar bekommen und mir war klar, ich werde nicht färben – ich werde schon aus Prinzip nicht damit anfangen. Ich will altern. Ich will nicht ewig leben. Ich will vergehen. Ich will nicht vor dem Tod davonlaufen. Ich bin stolz auf meine Falten – vor allem, weil es trotz einer schweren Vergangenheit Lachfalten sind und keine Zornfalten. Ich habe schon so viele schöne ältere Frauen gesehen – vor allem finde ich diejenigen schön, die nicht versuchen, sich jünger zu machen. Kein Hund käme auf die Idee, sich seine graue Schnauze zu färben. Die Idee mit dem Tisch am Boden gefällt mir – danke dafür!