115 Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Nach langer Ausbildung ohne DPV-Abschluss gehen, aber den Ärztekammerabschluss schaffen

Elf Jahre hat meine Ausbildung bei der DPV gedauert, bis ich mich endlich bei der Ärztekammer zur Prüfung anmelden konnte. Ein Abschlusskolloquium bei der DPV habe ich jedoch nicht gemacht. Ein paar Jahre zuvor wäre diese Vorstellung für mich noch katastrophal gewesen. Ich hätte noch bleiben und vielleicht irgendwann das Kolloquium machen können, aber das Gefühl dafür, wann es wirklich Zeit ist, zu gehen, das kommt einfach. Mich trug der Choral „Es ist genug“ (Bachwerkeverzeichnis 60, Youtube). Obwohl viele oft lange mit der Ausbildung hadern und aufhören möchten, so beissen sich die meisten wohl doch bis zum Abschlusskolloquium durch. Wie ist es, früher zu gehen?
Wie oft habe ich in der Ausbildung gedacht: „Das war’s jetzt! Ich höre auf!“ Und doch habe ich dann immer weiter gemacht. Ich fühlte mich nicht fertig, war noch mitten in der Lehranalyse, wollte noch so vieles lernen. Doch das letzte Ausbildungsjahr kam mir vor wie die 13. Klasse im Gymnasium – irgendwie überflüssig. Ich hatte keine Lust mehr auf Supervisionen, auf Diskussionen um Ausfallhonorare, keine Lust mehr auf die Sorge, ob die Patienten lange genug bleiben oder vierstündig kommen können, auf Evalutationsgespräche und den Neid auf die jüngeren Kollegen, die an mir wie selbstverständlich vorbei zogen. Es war genug, das spürte ich genau. Die Lehranalyse war bereits schon ein Jahr vorher zu Ende gegangen – es war ein gutes Ende und ich war sehr zufrieden.
Die Erleichterung nach dem Ende der Ausbildung war für mich riesig. Ich fühlte mich frei wie schon lange nicht mehr. Auch die Trauer war da – bis heute träume ich nachts manchmal, den Abschluss bei der DPV zu machen. Und immer wieder spüre ich Groll. Wie oft hatte ich mich missverstanden gefühlt. Auch nach all den Jahren wirke ich immer wieder nur wie eine Anfängerin, hörte ich oft von den Ausbildern. Doch sollte der Anfängergeist nicht das Ziel sein?
Mein Weg begann schon als Patientin 1995 im Studium – da habe ich viele Entwicklungen durchlaufen. Was meine Kolleginnen während meiner Ausbildung als neue Errungenschaft feierten, war für mich lange „alter Kaffee“. Manches habe ich ganz bewusst abgelegt wie zum Beispiel die an Unfreundlichkeit grenzende Neutralität. Man darf ruhig freundlich sein als Analytikerin – auch am Telefon und man darf sogar eine Website haben mit einem lächelnden Gesicht. Die Patienten und Patientinnen finden zu gegebener Zeit dennoch zu ihren negativen Übertragungen.
Im Januar 2024 brach ich mir auf Glatteis den Arm. Wochenlang konnte ich im stillen Winter mit seinen langen Abenden lernen. Dann kam endlich die Ärztekammerprüfung, die wirklich erfreulich verlief. Und auf einmal war ich Psychoanalytikerin. Ein sehr langer Weg ist zu Ende gegangen und ich kann endlich das Eigene in Ruhe weiterentwickeln. Ich fühle mich dank der DPV-Ausbildung wirklich gut ausgebildet und gehe jetzt neugierig auch auf Kollegen zu, die nicht in der DPV oder DPG ihre Ausbildung gemacht haben.
Es ist wie eine Reise ins Ausland: Erst, wenn du woanders bist, kannst du die eigene Heimat besser beurteilen. Meinen Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht auch ohne Abschlusskolloquium gehen, kann ich nur Mut machen: Es geht mit dem Eigenen weiter. Neue, lehrreiche Menschen kommen. Die Rückmeldungen der Patienten und Patientinnen sowie das eigene Gefühl bleiben auf der weiteren Reise der wichtigste Kompass. Gerade komme ich von einem erfüllenden Kongress von Walter von Lucadou zurück – über die Grenzgebiete der Psychologie. Seine Kongresse habe ich während meiner DPV-Ausbildung nie besucht. Doch jetzt kann ich alles, was mir lieb ist, zusammenführen.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 2.11.2024
Aktualisiert am 20.7.2025