Falsches Selbst – woran wir es erkennen
Schon Babys merken, welche ihrer Verhaltensweisen bei den Eltern erwünscht und welche unerwünscht sind. Sie können beispielsweise schon relativ früh Weinen unterdrücken, um die Eltern zu schonen, wenn sie merken, dass die Eltern sehr belastet sind (Elliot and Gonzalez-Mena, 2011). Dasselbe kann auf allen möglichen Ebenen passieren – das Kind passt sich den Eltern an: Es verhält sich so, wie es den Eltern gut tut, besonders, wenn es sehr verletzliche oder verletzte Eltern sind. Es tut, was sie wollen, es wünscht sich das, was sie sich wünschen und es fühlt sogar oft das, was die Eltern sich vorstellen. Wenn die Eltern – oft unbewusst – zu viel Anpassung fordern, kann das Kind über die Zeit ein „falsches Selbst“ entwickeln.
Das Kind, das ein „falsches Selbst“ entwickelt, verhält sich anders, als es sich fühlt. Es meint unter Umständen sogar, sich so zu fühlen, wie die Eltern es von ihm erwarten. Das kann auch in einer Psychoanalyse passieren: Der Patient, der vor dem Analytiker alles richtig machen will, scheint manchmal das zu fühlen, von dem er glaubt, dass der Analytiker dies für richtig hält.
Große Anpassungen, die später schmerzen
Das Kind, das den erwartungsvollen Eltern gefallen will, ergreift später vielleicht einen bestimmten Beruf, den eigentlich nur die Eltern wollen. Das Kind drängt das „wahre“, lebendige Selbst zurück. Dies passiert meistens unter großem, offensichtlichen oder weniger offensichtlichen Druck der Eltern. Man sagt, das Kind wird von den Eltern „narzisstisch besetzt“, wenn es zum Beispiel ständig das Leben leben soll, das die Eltern sich selbst gewünscht hätten.
Die Folgen eines „falschen Selbst“ machen sich oft erst im Erwachsenenalter bemerkbar. Die Betroffenen fühlen sich Sinn-entleert und leiden möglicherweise an einer Depression oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Der Begriff „falsches Selbst“ wurde vom Kinderanalytiker Donald Woods Winnicott (1896-1971) um das Jahr 1960 herum geprägt. (siehe: Ego Distortion in Terms of True and False Self)
Erscheinen lassen
Das „wahre Selbst“ kommt manchmal erst in einer Psychoanalyse zum Vorschein, wenn der Betroffene seine „wahren“ Gefühle und Wünsche kennenlernt. Das ist oft mit vielen Schuldgefühlen verbunden, denn es werden insbesondere auch die negativen, verdrängten Gefühle deutlich. Doch der Betroffene bemerkt: Das „wahre Selbst“ ist meistens weniger anstrengend als das falsche Selbst; der Kontakt zu sich selbst und den anderen verbessert sich und Depressionen können zurückgehen, wenn man wieder ein stimmigeres Leben führt.
„Wenn wir einfach einen verdammten Apfel essen, dann ist es unser wahres Selbst.“ Salman Akhtar
Ein „falsches Selbst“ erkennen wir manchmal daran, dass wir „falsche Wünsche“ entwickeln. Wir verfolgen Ziele, die gar nicht zu uns passen, mit großem Kraftaufwand. Wenn wir unser „echtes Selbst“ wiederfinden, kann vieles leichter werden.
Das „wahre Selbst“ ist immer da
Das „wahre Selbst“ gibt es einerseits vielleicht gar nicht. An verschiedenen Orten und in verschiedenen Gruppen fühlen wir uns unterschiedlich und agieren unterschiedlich. Wir haben täglich verschiedene Rollen und Gefühlszustände. Andererseits spüren wir unser wahres Selbst doch. Es geht nie verloren. Es macht sich ständig bemerkbar – in Form von Hungerhaben, Neidischsein, Zufriedensein und so weiter. Oft haben wir Hemmungen, vor anderen zu zeigen, was wir „wirklich“ denken und fühlen, aber wir spüren es dennoch.
Wir spüren die ganze Zeit etwas Unpassendes, wenn wir dem „falschen Selbst“ zu sehr folgen. Wer an einem ausgeprägten „falschen Selbst“ leidet, ist häufig misstrauisch gegenüber der eigenen Wahrnehmung, den eigenen Wünschen und Gefühlen. Ein gesunder Abstand zu unseren Wahrnehmungen und Interpretationen ist zwar angebracht, doch wir spüren häufig, wenn das Misstrauen so groß ist, dass es uns behindert.
Wir alle müssen uns anpassen – Anpassung ist etwas Notwendiges und häufig auch Gutes. Wir alle „müssen“ bis zu einem gewissen Grad auch ein „falsches Selbst“ haben. Zum Problem wird es jedoch, wenn das falsche Selbst so groß ist, dass man nicht mehr weiß, wer man ist.
Falsche Schuldgefühle sind wie ein falsches Selbst
Wir alle wollen frei von Schuldgefühlen sein. Doch um aus einer psychischen Störung zu finden, ist es wichtig, Schuldgefühle auch anzuerkennen und genau zu erspüren. Sie sind genauso sinnvoll wie Ängste und andere Gefühle. Allerdings gibt es so etwas wie „falsche Schuldgefühle“, die dem sogenannten „falschen Selbst“ gar nicht unähnlich sind. Zu solchen „falschen Schuldgefühlen“ gehört z.B. das Gefühl, man könnte Schuld sein am Tod eines Geschwisters oder an der Erkrankung der Mutter. Auch leiden manche Menschen schuldhaft unter dem Gefühl, das „falsche Geschlecht“ zu haben, zum Beispiel weil die Eltern manchmal deutlich machten, dass sie sich eigentlich ein Kind des anderen Geschlechts gewünscht hätten.
Solche „falschen Schuldgefühle“ sind oft lange unbewusst und lassen sich häufig erst in einer Psychoanalyse oder Psychotherapie aufdecken. Die Erleichterung ist dann häufig sehr groß, wenn man feststellt, dass man gar keine Schuld haben konnte, an dem, was passiert ist.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Enid Elliot and Janet Gonzalez-Mena (2011):
Babies‘ Self-Regulation: Taking a Broad Perspective
Young Children, January 2011, v66 n1: p28-32
https://eric.ed.gov/?id=EJ930004
Winnicott, Donald Woods (1960):
Ego distortion in terms of true and false self.
The Maturational Process and the Facilitating Environment:
Studies in the Theory of Emotional Development.
Routledge 1984
Dieser Beitrag erschien erstmals am 9.2.2008
Aktualisiert am 17.6.2022
5 thoughts on “Falsches Selbst – woran wir es erkennen”
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Hallo,
ich finds ultra-schwer den Mut zu finden, mich abzugrenzen und authentisch zu sein. Wenn ich spüre, wer ich wirklich bin, aber in dem Moment mich an meinem Gegenüber orientiere, um daraus dann doch eine Reaktion zu konstruieren, die mir nicht entspricht… das macht mich traurig und letzendlich depressiv. Irgendwann weiß man dann nicht mehr, wer ist man in dieser Situation, was ist man. Da ist dann kein Abstand vorhanden, aber doch eine krasse innere Mauer. Es ist so schwer sich zu lösen. Eigentlich ist dieser Zustand sowas von scheiße – aber die Alternative ist so schmerzhaft, wie ein „Sterben“. In der Beziehung zu meiner Analytikerin konnte ich nur bis zu einem bestimmten Punkt ich selbst sein. Ich frage mich, was ich hätte machen können, um wenigstens dort auszubrechen, aus dem Korsett. Ich hätte es gerne mit einem Knall gemacht, mit einem Streit. Oder ich weiß nicht, anders kann ich es mir nicht vorstellen, aus den Mauern herauszukommen, zumindest in dieser wichtige Beziehung, in der man es hinterher reflektieren kann.
VG;
Vielen Dank für diesen superkurzen, sehr informativen Artikel! Gefährlich wird die Sache dann, wenn das Kind in eine (co-)abhängige Familie hinein geboren wird und quasi die Gene für ein solches Verhalten noch „mit drauf bekommt“.
Mir begegnete der Begriff bei Alexander Lowen. Ich habe dann eine zeichnerische Darstellung davon gemacht, die die Dynamik und die abzuleitenden Therapieoptionen vermittelt, indem sie ein festes, aber verschmähtes Selbst einem löchrigen, aber energiehungrigen Falschenselbst gegenübersetellt. Das mögen die Leute.
Fein, dass ich den Begriff hier nochmal kurz definiert finde.
s.
Hallo Dr. Voos,
gelungene Kurzdarstellung!
Wichtig zu ergänzen wäre, dass die tiefenpsychologisch-psychodynamischen Verfahren neben den analytischen besonders für die psychotherapeutische Bearbeitung von Ich- und Selbstproblemen geeignet sind.
Gruß,
Jonas Goebel
Danke für die gute Zusammenfassung. Beschäftige mich gerade intensiv mit diesem Thema und hab mich gefreut beim googlen einen so guten und kurz gefassten Artikel zu finden.