Stimmenhören kann die Folge von frühen Gewalterfahrungen sein

„Stimmen im Kopf“ – so lautet der Titel einer Dokumentation auf arte.tv (youtube). 10% der Menschen hörten Stimmen, heißt es dort. Kinder, die schwer traumatisiert (z.B. sexuell missbraucht) wurden, haben eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, als Erwachsene Stimmen zu hören.

„Jede Stimme war verbunden mit einem Gefühl“, sagt ein Betroffener. Es seien Gefühle aus der Kindheit gewesen. Die Stimmen im Kopf (Auditory Verbal Hallucinations, AVH) hängen mit Gefühlen und mit „inneren Objekten“ zusammen, also mit der Vorstellung, die wir von Menschen haben, die uns sehr nahestehen. Die Stimmen können häufig als ein Teil von unserem unerwünschten Selbst verstanden werden, aber vielleicht auch als starke Erinnerungen aus der Vergangenheit.

„Klar, ich war psychotisch, ich hörte Stimmen, aber ich konnte auch die abfälligen Bemerkungen hören, die die Krankenschwestern über mich machten“, sagt Catherine Penney, madnessradio.net, in der Dokumentation „Take these broken wings – Schizophrenie heilen ohne Medikamente, Youtube. Ihre Stimmen sagten ihr unter anderem: „Kill your mother, kill yourself!“

Manchmal werden die Stimmen so erlebt, als kämen sie von innen und manchmal, als kämen sie von außen. Manchmal erscheint es, als würden sich die inneren Stimmen selbstständig machen in dem Sinne, dass die Stimmen scheinbar ohne Kontakt zu unserem übrigen Fühlen, Denken, Wollen und zu unserer Muskulatur bestehen.

Die Stimmen, die beim „Stimmenhören“ zu hören sind, geben oft Anweisungen oder Kommentare, aber es handelt sich um eine Art „dumme Stimmen“. Man kann mit ihnen nicht in Dialog treten, sie antworten meistens nicht. Das beschreibt auch der Psychoanalytiker Christopher Bollas, pscychoanalysis.org.uk, in seinem Buch „Wenn die Sonne zerbricht“ (Klett-Cotta, 1. Auflage 2019, S. 129).

Vielen Menschen fehlt eine gute innere Stimme, eine gute mütterliche oder väterliche Stimme.

Kein anderer hört die individuellen Stimmen

Nicht wenige Menschen haben schon einmal beim Einschlafen erlebt, wie sie hörten, dass ihr Name gerufen wurde. Es klingt, als sei da eine ganz normale Stimme außerhalb von uns – unverzerrt und klar. Die einst an Schizophrenie erkrankte Catherine Penney erklärt jedoch auch, dass sich die Stimmen in ihr manchmal wie ein „Wind“ in ihr anhörten. Auch der Lyriker Rainer Maria Rilke, fondationrilke.ch, soll Stimmen gehört haben. Viele Betroffene leiden unter dem extrem starken Gefühl der Subjektivität, denn nur sie selbst hören die Stimmen – kein anderer.

Stimmen, die von aussen wahrgenommen werden, werden zur Psychose gezählt.
Stimmen, die von innen gehört werden, werden zur Dissoziativen Identitätsstörung gezählt.

Beim Stimmenhören werden die Hörzentren beidseits aktiviert, aber auch das linksseitige Sprachzentrum ist aktiviert. Das heißt, dass das Stimmenhören auch etwas „Aktives“ ist: Innerlich „spricht“ der Betroffene möglicherweise unbemerkt zu sich selbst, jedoch wird das Stimmenhören als etwas Passives erlebt – als etwas, das einem geschieht. Medikamente wirken auf Dauer nicht oder machen es gar schlimmer.
(Quellen: Arte.tv: „Stimmen im Kopf“)

Oft ist unsere „innere Stimme“ unser Über-Ich, das uns kritisiert und uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben.

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Links:

R May, E Svanholmer et al. (2019)
Self-help guide to talking with voices. openmindedonline.com/…

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dingenskirchen 17.3.2024, 16 h NDR: atelier freistil, hamburg: „man hat ja keine wahl. warum ist die suizidrate bei psychotikern so hoch? das ist quasi die einzige flucht, die man machen kann. und das möchte ich nicht. … ich sehe es auch nicht ein, warum ich nicht die berechtigung haben sollte, mein leben so zu leben, wie es mir selber passt.“

„Wenn der Psychologe aber einer Stimme zuhört, entdeckt, was dieser Selbstanteil sagt, und den Kern der Botschaft ernst nimmt, dann nimmt die Zorn der Stimme ab, weil ihre Botschaft angekommen ist.“
Christopher Bollas: Wenn die Sonne zerbricht. Das Rätsel der Schizophrenie. Klett-Cotta, 2015, S. 130, www.klett-cotta.de/…

Simon McCarthy-Jones, Amanda Waegeli, John Watkins (2013): Spirituality and hearing voices: Consicering the relation. Psychosis. Volume 5, Issue 3, 2013

Marius Romme, Sandra Escher (2000):
Making Sense of Voices. The Mental Health Professional’s Guide to Working with Voice-hearers. Mind Publications, 2000, karnacbooks.com
Deutsche Ausgabe: Stimmenhören verstehen. Psychiatrie-Verlag 2013

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Beitrag vom 19.4.2026 (begonnen 2019)

2 thoughts on “Stimmenhören kann die Folge von frühen Gewalterfahrungen sein

  1. Melande sagt:

    Ergänzung:
    Ich habe im Internet nachgeschaut: Das bundesweite Netzwerk (Selbsthifegruppe) der „Nur-Stimmenhörer“ gibt es weiterhin:

    – NeST, Netzwerk Stimmenhörer e. V.

    Mit lieben Grüßen
    Melande

  2. Melande sagt:

    Kurzer Kommentar:

    Ich bin etwas verunsichert, da ich das Hören von Stimmen (in Verbindung mit oft Angstgefühl, als imperative Stimmen oder den Bereffenden beschimpfend, usw.) bei psychosekranken Menschen bisher immer getrennt habe von der Gruppe der „Nur-Stimmen-Hörer“, also ohne die sonstigen Symptome schizophreniekranker Menschen.
    Sofern ich mich richtig erinnere, handelte der ARTE-Beitrag von 2019 auch von diesen „Stimmenhörern“, die oft/fast ständig von ihr Verhalten kommentierenden Stimmen begleitet werden. Es gibt (gab?) auch ein Netzwerk/eine Selbsthilfegruppe mit Sitz in Berlin zur Unterstützung der stimmen-hörenden Menschen.
    Ich nehme mir vor, in meinen Unterlagen nachzuschauen, Man sollte diese zwei Gruppen (falls es so ist) nicht vermischen.

    Liebe Grüße

    Melande

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