
„Du hast es überlebt“, sagt der Psychotherapeut. Doch warum hilft mir dieser Satz nicht? Weil die Schmerzen akkumulieren. Es taucht immer wieder das schreckliche Gefühl auf, an Körper und Seele gepackt und niedergedrückt zu werden. Es kommt das Gefühl, sich umbringen zu müssen (nicht zu wollen!), weil das Lebensgefühl so unaushaltbar erscheint. Weiterlesen
Wie wir andere erleben, vor allem wie wir Autoritäten oder auch „den Staat“ erleben, hängt eng damit zusammen, wie wir unsere Eltern erlebten. Hatten wir verständnisvolle Eltern, die zu uns ein gutes emotionales Band knüpfen konnten? Konnten wir uns auf unsere Eltern verlassen, fühlten wir uns geborgen und hatten sie eine gute Mentalisierungsfähigkeit? Konnten wir das Denken und Handeln unserer Eltern nachvollziehen? Gab es schreckliche Familiengeheimnisse? Wenn wir Eltern hatten, denen wir überwiegend nicht trauen konnten, die gefühlskalt und unberechenbar waren oder gar Gewalt ausübten, dann wurden wir skeptisch. Wer als kleines Kind gewaltsame oder erdrückende Eltern hat, der muss innerlich Einiges verdrehen, damit er die Jahre der Abhängigkeit dort aushalten kann. Weiterlesen

Vielleicht leidest Du an einer Fibromyalgie (wörtlich: Faser-Muskel-Schmerz) und weißt, wie quälend das ist: Schmerzende Muskeln und Gelenke, Abgeschlagenheit, Kribbeln in Armen und Beinen, Schlaflosigkeit und vieles mehr kann dazu gehören. Ich habe bisher noch nicht mit einem Fibromyalgie-Betroffenen gesprochen, der kein schweres Trauma gehabt hätte. Viele haben schon in frühester Kindheit körperliche und psychische Beschädigungen erlebt wie z.B. medizinische Behandlungen in den ersten Lebensjahren oder Gewalt in der Familie. Das führte vielleicht zu einem Leben in innerer Alarmbereitschaft. Weiterlesen

Manchmal spürt man es ganz genau: Der Patient versucht, uns zu einer bestimmten Aussage zu bewegen. Er will uns möglicherweise auch zu einem „Schluss jetzt!“ drängen. Es kann gut und richtig sein, dem Patienten die Antwort zu geben, auf die er wartet – so sie denn der Wahrheit entspricht. Oft aber merken wir auch, dass dem Patienten unsere Antwort nichts bringt. Es ist ein ähnlicher Effekt wie wenn Kinder immer „Warum?“ fragen. Wichtig ist es, zu verstehen, woher dieses Drängen kommt und was die Fragen bewirken sollen. Durch unsere Ratlosigkeit merkt der Patient, dass er nicht wie mit einem Automaten verbunden ist, sondern dass der Therapeut ein eigenständiger, getrennter und mitunter ebenso ratloser Mensch ist. Manchmal soll das Drängen auch von etwas anderem ablenken.Weiterlesen

„Wo ich hinkomme, reagieren die Menschen mit Ärger auf mich. Ich weiß nicht, wieso. Es sind sehr unbefriedigende Begegnungen.“ Eine Patientin erzählt, dass fast alle ihre Kontakte von unbegreiflicher Aggression betroffen sind. Erst im Laufe der Zeit entdeckt sie, dass sie die anderen ständig steuern will. Sie macht Witze, damit die anderen lachen und sie denkt sich vorher genau aus, was sie sagt, damit die anderen in dieser oder jener Weise reagieren. Auf einmal versteht sie, warum so viel Langeweile in ihrem Leben herrscht: Sie vermeidet die lebendige Begegnung.Weiterlesen
Libido ist das lateinische Wort für „Begierde, Lust“. Sigmund Freud bezeichnete die Libido als „Triebenergie“ – als den Motor, der uns am Leben hält. Später nannte er die Libido auch Eros (siehe Jenseits des Lustprinzips, 1920, Projekt Gutenberg). Weiterlesen
Eine zweite Sitzung an einem Tag kann gerade bei schwer traumatisierten und psychotischen Menschen in der ambulanten Psychotherapie oder Psychoanalyse sehr sinnvoll sein. Manche entwickeln in der Abwesenheit des Psychotherapeuten erschreckende Phantasien und fühlen sich verfolgt. Interessanterweise kann eine zweite Sitzung am Tag meiner Erfahrung nach Verfolgungsängste reduzieren, weil der Abgleich mit der Realität stattfinden kann. In krisenhaften Phasen der ambulanten, hochfrequenten Psychotherapie mit schwer gequälten Patienten können zwei Sitzungen an einem Tag zur deutlichen Entspannung führen.Weiterlesen

Der amerikanische Psychoanalytiker RichardReichbart.com erzählt in seinem Buch „The Anatomy of Psychotic Experience“ (amazon), wie er als junger Student psychotische Episoden erlebte und eine Psychoanalyse begann. Er sei so verstört gewesen, dass er anfangs sieben Sitzungen pro Woche erhielt – also auch sonntags. Weiterlesen

Im Studium hatte ich einen Kommilitonen, dessen Mutter immer eine Kerze für ihn anzündete, wenn er eine Prüfung hatte. Sie pustete die Kerze erst aus, wenn die Prüfung vorbei war. Sie betete für ihn. Dieses kleine Ritual hatte etwas Anrührendes. Es ist doch schön, wenn jemand an uns denkt. Es ist schön, zu wissen: Irgendwo da drüben brennt ein Kerzchen – nur für uns. Wir haben oft keine Zeit – aber ein Kerzchen können wir immer anzünden. Wenn wir morgens eine Kerze anzünden, können wir kurz innehalten. Wir können an das denken, was uns am Wichtigsten ist: an unsere Gesundheit oder Krankheit, an unsere Nächsten (die Anwesenden und Abwesenden), an unsere Wünsche, Vorhaben und Verluste.Weiterlesen
Noch drei Minuten, sagt der grosse Zeiger. Gleich wird er klingeln, mein Patient. Wie fast jeden Tag zur vollen Stunde. Und ich kann nichts dagegen tun. Er wird da sein. Er wird wollen. Er will, dass ich zuhöre und nachdenke. Ich kann nicht weg. Dabei bin ich müde. Wie eine Mutter. Doch der Säugling, er gibt keine Ruhe. Er fordert und fordert. || Noch drei Minuten, sagt das Autoradio. Dann steige ich aus und begebe ich mich zur Tür meines Lehranalytikers. Er wird da stehen und auf mich warten. Ohne Gnade. Er fordert von mir, dass ich sage, was mir einfällt. Ständig. In jeder Sekunde. Meine ich. In meiner Welt. Er sitzt da und wartet und wartet. Wie ein Herrscher. Ich bin müde, ich will nichts mehr sagen. Doch er ist da, komme, was wolle.Weiterlesen