Katatonie – wenn man sich stilllegt
Als „kataton“ (kata = griechisch: „von oben nach unten“, herab; tonus = Spannung) bezeichnet man einen Menschen, der nur noch da sitzt uns sich unter großer innerer Anspannung nicht mehr bewegt. Das kommt unter anderem bei sehr schweren Depressionen und Psychosen vor. Manchmal wippen die Betroffenen ihren Körper vor und zurück, weil das Schaukeln sie wenigstens etwas beruhigt. Manche Menschen spüren sich selbst und ihren Körper im starren Liegen oder Sitzen mehr als in der Bewegung.
Es wirkt verstörend, wenn wir jemanden sehen, der sich in einem Katatonen Zustand befindet.
Manchmal wird auch der Begriff „Stupor“ verwendet, der für körperliche und psychische Erstarrung steht (Stupor = lateinisch Erstarrung, Stummheit, Schwerfälligkeit, aber auch Verblüfftheit). Auch das Sprechen ist äußerst mühselig. Wir kennen vielleicht die abschreckenden Bilder aus der Geschichte der Psychiatrie, doch es gibt verschiedene Grade und fließende Übergänge. Wenn wir gebannt oder sprachlos sind, dann sind wir auch schon auf eine Art erstarrt. In vielen Märchen kommen Elternfiguren oder Geliebte zur Erstarrung.
Die Muskelaktivität beeinflusst auch unser psychisches Leben – und umgekehrt
Wir können uns der Katatonie vielleicht aus dem Gesunden heraus annähern: Wenn wir etwas geträumt haben, dann können wir uns oft so lange daran erinnern, bis wir uns bewegen. Sobald wir uns bewegen, scheint der Traum wie weggefegt zu sein. Wenn wir uns nachts vor einem Einbrecher fürchten, bleiben wir erstarrt liegen. Und wenn es uns psychisch oder körperlich sehr schlecht geht, wollen wir auch die Körperposition nicht wechseln.
Die bewusste Muskelbewegung macht auch unser Bewusstsein wach und drängt den Traum zurück. Andererseits können wir beim Joggen oft träumerische Zustände erreichen. Jedenfalls merken wir, wie die Muskulatur etwas mit unserer Psyche macht und umgekehrt: Wenn wir uns körperlich erholt fühlen, bekommen wir Lust, Sport zu machen.
Der Begriff „Katatonie“ wurde von dem Psychiater Emil Kraeplin (1856-1926) um 1906 geprägt. Oft besteht im katatonen Zustand eine hohe innere Anspannung und Angst. Interessant ist, dass in Zuständen der Anspannung häufig nicht geweint werden kann. Erst nach dem starren Zustand ist das Weinen möglich. In dem Zusammenhang auch interessant: Antidepressive Medikamente können dazu führen, dass man schlechter weinen, aber auch nur schlechter sexuelle Lust empfinden kann bzw. dass man nicht fähig zum Orgasmus ist.
Durch das Nicht-Bewegen versucht der Betroffene unter anderem, seine Angst „festzubinden“ und sein seelisches Leben zum Stillstand zu bringen. Das psychische Leben verfällt in einen angespannten Stillstand. Obwohl die Betroffenen sich kaum bewegen, wirken sie nicht, als seien sie auf eine angenehme Weise still.
Zwischen Gestilltsein und Stillgelegtsein besteht ein großer Unterschied.
Wir können uns vielleicht etwas in den katatonen Menschen hineinversetzen, wenn wir uns vorstellen, wie wir in Angst und Unbehagen irgendwo sitzen und uns nicht bewegen mögen. In der Bewegungslosigkeit fühlt sich unser Körper manchmal an wie ein schützendes Haus, das in Ruhe gelassen werden soll. Wir können unseren Körper in seiner Gesamtheit spüren. Andererseits spüren wir unseren Körper manchmal in der Bewegungslosigkeit eben nicht. Wir wollen uns dann bewegen, um uns wieder zu spüren.
Katalepsie = Erstarren in abnormen Körperhaltungen
Stupor = ausgeprägte Bewegungsarmut (rki.de, Heft 50: Schizophrenie, Robert-Koch-Institut)
Bei Kindern und Jugendlichen sind Jungs doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Bei Erwachsenen sind die Frauen etwas häufiger betroffen als die Männer (Royal College of Psychiatrists: Catatonia).
Auch kann die Katatonie vermutlich mit sexuellen Traumata und unbewussten Phantasien zu tun haben: Aus dem „steifen Glied“ wird – bildlich gesprochen – ein steifer Mensch. „Ein katatoner Patient auf unserer Station begann eines Tages, zu masturbieren – das war das Ende seiner Katatonie“, erzählte mir ein Psychiater.
Solche Zusammenhänge sind spannend und können am besten durch Gespräche mit Betroffenen verstanden werden – sofern Gespräche über diesen Zustand irgendwann möglich sind. Es kann auch hilfreich sein, zusammen mit dem Betroffenen zu sitzen und zu schauen, welche Phantasien und Gefühle in einem selbst geweckt werden.
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Literatur und Links:
Thys, Michel (2008):
De gestilde psyche: Over fascinatie, trauma en de doodsdrift.
(Die zum Schweigen gebrachte Psyche: Über Faszination, Trauma und Todestrieb
The silenced psyche – On fascination, trauma and the death drive)
Tijdschrift voor psychoanalyse 14:5-17
www.tijdschriftvoorpsychoanalyse.nl/…
Kraft, Th. B.:
De periodieke catatonie
Tijdschrift voor Psychiatrie
www.tijdschriftvoorpsychiatrie.nl/…
Pathologie des Antriebs und der Motorik
Psychopathologie, Springer Verlag, S. 175-196
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-540-35452-9_4
Coffey, M Justin (2022):
Catatonia in adults:
Epidemiology, clinical features, assessment, and diagnosis
UpToDate, October 2022
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 23.11.23
Aktualisiert am 9.3.23