„Mein Sohn will eine Frau werden.“ Wie kommen Eltern mit dem Schmerz über die Geschlechtsumwandlung ihres Kindes zurecht?
„In meiner Klasse sind jetzt die Jungs in der Überzahl“, erzählt mir eine Lehrerin. Es handelt sich um dieselbe Schülerzahl und um dieselben Schüler. Doch einige Mädchen hätten im Laufe der Schulzeit festgestellt, dass sie sich als Junge fühlten. Sie wollten sich zu Männern entwickeln. Viele Ärzte unterstützten das recht früh mit Hormonbehandlungen, höre ich. Die Kinder wollten von den Lehrern und Lehrerinnen nun anders angesprochen werden. Viele Erwachsene sind ratlos. Wie lässt sich das verstehen?
Es lässt sich vielleicht beobachten, dass „Denken und Tun“ immer leichter gleichgesetzt werden (Thought-Action-Fusion). Wenn wir etwas denken oder sagen, dann wird es rasch in Handlung umgesetzt. Es wird rasch davon ausgegangen, dass wir alles konkret meinen. Es ist, als sei unser symbolisches Denken geschwächt. Unsere geistige Spielwiese ist kleiner geworden.
Was wir „wirklich denken“, darf kaum noch in Erscheinung treten, da wir rasch verdächtigt werden, auch entsprechend zu handeln. „Rassismusfreie Schule“ steht da. Doch wohin dürfen wir mit unseren tiefen Gefühlen, Regungen, Denkweisen, wenn schon auf den Schildern am Eingang steht, dass sie verboten sind?
„Ich will so sein wie er!“
Als Mädchen wollten wir vielleicht so sein wie unser Mathelehrer, als Junge wollten wir so sein wie unsere Grundschullehrerin. In unserer Phantasie konnten wir alles sein. Es gibt Themen, Gefühle, Zustände in uns, die uns über viele Jahre begleiten und die sich dann doch wieder verändern. Es gibt Leiden in uns. Doch heute will man das Leiden sofort eradizieren, damit es nicht „chronisch“ wird, damit es früh „an der Wurzel gepackt“ wird, damit wir dieses oder jenes weitere Leiden früh verhindern.
Es ist so wichtig, dass wir uns eine innere geistige Spielwiese erhalten. Wir erschrecken uns bei zunehmender Selbsterkenntnis, was da alles in uns steckt, was wir wirklich denken und meinen, wie wir wirklich fühlen. Wir haben im Leben viele quälende Zustände und auch lange Lebensphasen, in denen wir uns in uns gefangen fühlen oder überzeugt sind von etwas. Vielleicht waren wir mit 27 Jahren noch überzeugt davon, niemals Kinder haben zu wollen und suchen mit 39 Jahren verzweifelt eine Inseminationsklinik auf, weil wir eine enorme Sehnsucht nach einer Schwangerschaft, nach einem eigenen Baby haben.
Nur, wenn wir uns erlauben, zu sprechen, können wir erfahren, wie es uns selbst und dem anderen „wirklich“ geht. Es ist so wichtig, dass wir in Kontakt mit unseren tiefen Körpergefühlen und den dazugehörigen Gedanken kommen. Wenn ich als Frau einem Mann gegenüberstehe, spüre ich körperlich, dass er mehr Muskeln hat als ich. Dieses körperliche Gefühl kann zu dem Gedanken führen: „Die Frau ist schwächer als der Mann.“
Dieser Gedanke scheint heute nahezu verwerflich zu sein. Doch nur, wenn ich dieses Körpergefühl bewusst wahrnehme, kann ich auch den Gedanken, der daraus entsteht, ergreifen. Und nur dann ist es mir möglich, daraus weiterzudenken und vieles in Betracht zu ziehen. Ich kann mich für Gleichberechtigung einsetzen, merke aber auch, wie schwer das sein kann, weil unsere körperlichen Erfahrungen manchmal unseren Wünschen nach Veränderung entgegenstehen.
Es hilft uns, wenn wir versuchen, toleranter gegenüber unserem eigenen inneren Leiden und dem inneren Leiden des anderen zu werden.
Wenn wir die Spannung aushalten und uns mit dem zunächst „Unlösbaren“ auseinandersetzen, gewinnen wir Zeit. „Ich höre Dir zu. Und Du musst nicht befürchten, dass ich sofort handeln werde.“ Mit dieser Einstellung können wir wahrscheinlich mehr Leid verhindern, als wenn wir hektisch nach Lösungen suchen, die wir gleich in die Tat umsetzen. Es braucht Zeit, um zu überlegen. Weder Verbote, noch starre Regeln oder rasche Therapien sind die Lösung – seien sie auch noch so verlockend. Schwer aushaltbare Kontroversen einmal auszuhalten, kann dazu führen, dass klarere Bilder auftauchen, die uns zu überlegterem Handeln führen.
Wenn Eltern unter der Geschlechtsumwandlung ihres Kindes leiden
Es ist schon dunkel geworden, als ich Bürotür hinter mir zuziehe. Ich bin spät dran. Mein älterer Kollege anscheinend auch. Doch irgendwie ungewöhnlich: Er sitzt auf der Treppe und raucht. Als ich näher komme, sehe ich, dass er weint. „Ich habe meinen Sohn verloren“, sagt er leise. „Oh mein Gott“, denke ich. „Er wird sich zu einer Frau umoperieren lassen. Schon sehr bald“, sagt er. Erschüttert setze ich mich neben ihn. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. „Wissen Sie, wo ich Hilfe finde?“, fragt er mich.
Da liest man tagein, tagaus über Homosexualität, Trans-, Bisexualität und Geschlechtsangleichungen, doch ist man dabei meistens mit dem Leid der Betroffenen selbst beschäftigt. Bis zum damaligen Zeitpunkt kam es mir nicht in den Sinn, dass auch Eltern und Angehörige in einem ungeahnten Ausmaß leiden können. Stolz hatte mein Kollege immer von seinem Sohn erzählt – das Verhältnis zu ihm war gut. Er hatte sich immer einen Sohn gewünscht. Warum hatte er nicht bemerkt, wie unglücklich sein Sohn war? Was da alles in der Kommunikation „schiefgegangen“ sein könnte, was nicht bemerkt und ausgesprochen wurde, lässt sich nicht so schnell nachvollziehen. Jetzt jedenfalls sitzt der Vater vor mir, den es fast zerreißt. An seiner Identität als Vater rüttelt es gewaltig. Wo findet er Hilfe?
Oft wird den Eltern der Rat gegeben, das Kind zu respektieren und zu akzeptieren. Doch auch die Eltern haben ihre Geschlechtsidentitäts-Geschichte. Sie haben ein Kind groß gezogen und dabei auch eine Identität als Vater und Mutter entwickelt. Vater oder Mutter einer Tochter zu sein fühlt sich anders an, als Vater oder Mutter eines Sohnes zu sein. Auch, wenn wir versuchen, diesen Schmerz auszuwischen, so ist er doch da. Ihm Raum zu geben, scheint mir dabei das Wichtigste zu sein. Beobachte dich selbst und schreibe auf, wie dir als Vater oder Mutter geschieht.
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Links:
Julian Gill Peterson:
Core Gender Identity: The Transgender Child and the Inversion of Freud
Posted on March 7, 2014
juliangillpeterson.wordpress.com
37 Grad (30.4.2023): Detrans: Wenn die Trans-OP nicht glücklich macht
One thought on “„Mein Sohn will eine Frau werden.“ Wie kommen Eltern mit dem Schmerz über die Geschlechtsumwandlung ihres Kindes zurecht?”
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