Beim Psychotherapeuten zur Toilette gehen? Die Toilette des Psychoanalytikers

„Also während der Stunde gehe ich schon mal gar nicht!“ – „Mein Therapeut hat sein Bad direkt neben dem Therapieraum. Wenn ich da muss, schäme ich mich in Grund und Boden.“ Patienten sprechen in Online-Foren darüber, wie schwer es ihnen fällt, bei ihrem Psychotherapeuten auf die Toilette zu gehen. Einen interessanten Thread hierzu gibt es auf der Website psychotherapiepraxis.at. Viele Patienten bringen das Problem mit dem „Müssen“ in der Psychotherapie selbst erst nach großer Überwindung zur Sprache. Ausscheidungen sind gefühlt etwas Schmutziges. Doch in der Werbung für Tampons, Binden, Windeln und Inkontinenzhilfen sind die Menschen immer sauber und lächeln.
Wie konfliktreich dieses Thema in Wirklichkeit ist, zeigt das Bild von einer jungen Frau namens „Rupi“, die auf Instagram ein Foto postete, auf dem zu sehen war, dass ihre Schlafanzughose mit Regelblut befleckt war (mehr dazu auf gofeminin.de). Instagram hatte dieses Foto zunächst gelöscht, dann aber wieder eingestellt.
„Du warst doch gerade!“
Besonders dann, wenn man an einer Blasenentzündung oder einem Reizdarmsyndrom leidet oder mit einem Kind durch die Stadt geht, sieht man sich besonders in Deutschland (weniger z.B. in Japan oder in der Schweiz) mit der Schwierigkeit konfrontiert, eine Toilette zu finden. Grundbedürfnisse scheint der Mensch mancherorts nicht haben zu dürfen. Wenn ein Schulkind gleich nach der Pause zur Toilette muss, straft es der Lehrer/die Lehrerin mit kritischen Blicken: „Es war doch gerade Pause.“ Oder Mutter und Vater sagen: „Du warst doch gerade!“ Kleinen Babys, die schreien, trauen wir zu, dass sie Hunger haben oder frieren. Aber nicht, dass sie mal müssen. Sie haben doch eine Windel! Denken wir. Und doch gibt es Hinweise darauf, dass sie sich gerne „sauber“ entleeren würden, also dass sie nicht in die Windel machen wollen (siehe Elimination Communication).
Scham in der Psychotherapie
In der Psychotherapie spielt Scham eine ganz besondere Rolle. Viele Menschen beginnen eine Psychotherapie, weil sie unter bewussten oder unbewussten großen Scham- und Schuldgefühlen leiden. Scham und Schuld sind Gefühle, die sich zwischen einem selbst und einer nahen Bezugsperson abspielen. Diese und andere unangenehme Gefühle und Gedanken wollen wir abschieben und ausscheiden. Manchmal geht das in die Hose. Wenn man in der Psychotherapie zur Toilette muss, kann das Schamgefühl ins Unermessliche steigen, weil man unter Umständen spürt, dass da ganz viele Themen dranhängen.
Sich zeigen
Wer während der Sitzung „muss“, der zeigt etwas von sich, was er vielleicht lieber verbergen würde. Manchmal kann unbewusste Erregung zu Harndrang führen. Manchmal hat man „Schiss“ vor dem Therapeuten und möchte heikle Themen nicht zur Sprache bringen. Wer in der Psychoanalyse auf der Couch liegt und den Analytiker nicht sieht, der kann durch den Gang auf die Toilette einen kurzen Blick auf ihn werfen.
Man möchte Angst und Ärger vielleicht verbergen und stattdessen „muss“ man. Manchen Patienten wird es durch Anspannung in der Therapie auch übel. Je nach Persönlichkeit haben Patienten auch Angst, sich in der Praxis übergeben zu müssen.
Eine große Aufgabe: Das Schmutzige in sich tolerieren lernen.
Darüber sprechen
Es kann sehr quälend sein, eine Stunde durchzuhalten, in der man die ganze Zeit muss. Psychotherapie ist für alle Themen da. Auch für die ganz, ganz peinlichen. Gerade an diesem Thema kann sich zeigen, wie vertrauensvoll die Beziehung zum Therapeuten ist. Welche Reaktionen erwartet man vom Therapeuten? Welche Ängste sind mit dem Drang, zur Toilette zu müssen, verbunden? Die Ausscheidung fängt oft „oben“ an, nämlich indem man versucht, darüber zu sprechen. Doch die Worte „Ich muss mal/ich muss zur Toilette und ich schäme mich so“ kommen nicht leicht.
Auf der Toilette
Auf der Toilette selbst entstehen dann Ängste wie: „Er/sie hört mich. Hört meine Darmgeräusche, mein Wasserlassen, die Toilettenspülung. Vielleicht komme ich hier nie wieder weg! Was macht er/sie, während ich hier weg bin? Habe ich peinliche Wünsche? Will ich mich nackt zeigen, wünsche ich mir, wie ein Baby gepflegt und gewickelt zu werden? Oder muss ich einfach, weil ich zufällig auch noch einen Körper habe und einfach muss?“ Es bleibt spannend. Und es kann eine große Herausforderung sein, dieses Thema zu bearbeiten und die Bilder und Vorstellungen zu finden, die damit zusammenhängen. Dann können oft ganz nebenbei auch andere psychische Probleme auftauchen gelöst werden.
Die Toilette des Anal-ytikers
„Off the couch, into the toilet: exploring the psychic uses of the analyst’s toilet“ – so nennt die britische Psychoanalytikerin Alessandra Lemma ihren Beitrag über die Bedeutung der Toilette in der Psychoanalyse. Sie beschreibt, auf welche unterschiedliche Weise verschiedene Patienten die Toilette des Psychoanalytikers nutzen und wie die Nutzung in der Analyse verstanden werden kann. Während der eine Patient mit einem Reizdarmsyndrom die Toilette ständig und plötzlich benutzt, kommt eine andere Patientin zwei Jahre lang zur Therapie, ohne überhaupt zu registrieren, dass es in der Praxis eine Toilette gibt. Für die Patienten ist die Toilette nicht einfach eine „Praxis-Toilette“, sondern „die Toilette des Therapeuten/des Analytikers“. „Auf der Toilette lassen wir Dinge raus, die wir vor niemand anderem rauslassen würden“, schreibt Lemma.
„Sie dürfen diesen Text nicht veröffentlichen. Grund: verdächtiger Inhalt“. Diese Fehlermeldung erhielt ich einst auf einem Internet-Portal, nachdem ich das Wort „Psychoanalyse“ geschrieben hatte. Der Wortteil „anal“ wurde als verdächtig eingestuft.
Der Körper ist König
Die Toilette spiegelt wider, wie sehr wir uns unter der „Herrschaft des Körpers“ befinden – mit all seinen „Unannehmlichkeiten, Sekreten, Öffnungen und Gerüchen“. Die Toilette hat eine besondere Bedeutung, sie ist „in den Gedanken des Patienten kein neutraler Ort“, schreibt Lemma. Gleichzeitig ist die Toilette aber doch ein neutraler Ort, der nicht wertet, nicht urteilt. Alles ist erlaubt. Es wäre so schön, wenn der Analytiker auch so empfunden werden könnte: als ruhig, aufnehmend, „sauber“.
Wenn der braune Dreck weg muss, aber nicht ausgesprochen werden kann, bleibt oft nur noch die Toilette. Unbewusste Phantasien können sehr kompliziert sein.
Was Patienten nicht in die Beziehung zum Analytiker einbringen können, tragen sie möglicherweise in die Toilette. Sie befreien sich wortwörtlich von dem, was in ihnen ist und was sie als nicht akzeptabel empfinden. In der Toilette landet der „dreckige“ Teil des Selbst. Besonders Patienten, die die Beziehung zum Analytiker „rein“ halten wollen, gehen lieber auf die Toilette, bevor ihre für sie nicht akzeptablen Gedanken und Gefühle aus ihnen herauslaufen.
Von sich geben und für sich behalten
Wer zur Toilette muss, ist in dem Moment „nicht ganz dicht“. Oft spielen große Ängste dabei eine Rolle, das nicht-Akzeptable nicht länger bei sich zu halten. Manchmal befürchten die Patienten, sie könnten mit dem, was in ihnen ist, dem Analytiker Schaden zufügen. Dabei ist ihnen zunächst oft gar nicht bewusst, wie genau diese „dreckigen“ seelischen Inhalte aussehen. Der körperliche Inhalt spiegelt den seelischen Inhalt wider. Für kleine Kinder ist es ein großer Gewinn an Freiheit, wenn sie Herr über ihre körperlichen Inhalte werden und selbst entscheiden können, wann sie etwas von sich geben und wann sie es „für sich“ behalten. Sie erreichen somit ein neues Stadium der Autonomie, in dem ihnen auch bewusst wird, dass sie selbst und andere einen privaten Raum brauchen.
Interessant dabei ist, dass die Worte „Sekret“, also „Ausscheidung“, und „secret“, also „geheim“, zusammenhängen. Was wir zurückhalten, ist unser Geheimnis.
Aufgeladen
Wenn Eltern zu aufdringlich sind, und ihren Kindern keine Privatsphäre gönnen, wenn sie immer wieder die körperlichen und psychischen Grenzen des Kindes durchbrechen, dann kann das Kind unter Umständen eine (erotisch) aufgeladene Beziehung zu seinen Ausscheidungen bekommen. Menschen, denen es so geht, empfinden oft tiefste Scham darüber. Das zur Sprache zu bringen, erfordert so viel Mut, dass es über die eigenen Kräfte gehen kann. Ist das nicht mehr auszuhalten, bleibt ihnen manchmal nur noch die Flucht auf die Toilette. Doch langsam können die Hintergründe in der Analyse zur Sprache gebracht werden, was häufig dazu führt, dass der Drang, zur Toilette zu gehen, nachlässt.
Auf der Toilette sind alle gleich
Die Phantasien, die auf der Toilette entstehen, drehen sich oft um die Themen Grenzen und Grenzenlosigkeit, um Beobachten und Beobachtetwerden. So sehr die Patienten darunter leiden, während der Stunde auf die Toilette gehen zu müssen, so kann auch ein kleiner „Lustgewinn“ darin verborgen sein: In dem Moment der Getrenntheit können sich Analytiker und Patient in der Phantasie ganz nah sein. Phantasien um Nacktheit und Gleichheit können auftauchen.
Die Toilette nimmt den Schmutz auf
Die Toilette dient dem Patienten dabei auch als „Container“ für seine Inhalte, die er vor dem Analytiker nicht loswerden kann oder möchte. Sie kann als erste Stufe zu einer weiteren Entwicklung dienen. Sobald die Patienten die Toilette des Analytikers als sicheren Container wahrnehmen, kann es im Laufe der Zeit dazu kommen, auch den Analytiker als sicheren Ort und Container für aggressive und abstoßende psychische Inhalte zu nutzen. Will heißen: Der Patient traut sich mit der Zeit möglicherweise immer mehr, über seine peinlichen, abstoßenden, ekeligen, schambesetzten und aggressiven Gedanken und Gefühle mit dem Analytiker zu sprechen. Alessandra Lemma schreibt am Ende:
„The physical space of the toilet provides a safe container where parts of the self felt to be dirty and unacceptable leak out through body waste and its odors before they can become integrated into the analytic relationship.“
„Der physische Raum der Toilette stellt einen sicheren Container dar, in dem die Teile des Selbst, die als dreckig und inakzeptabel empfunden werden, in Form von körperlichen Ausscheidungen und Gerüchen nach außen gelangen, bevor sie in die analytische Beziehung integriert werden können.“ (Alessandra Lemma: „Off the couch, into the toilet“)
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Links:
Lemma, Alessandra:
Off the couch, into the toilet.
Exploring the psychic uses of the analyst’s toilet
In:
Minding the Body:
The Body in Psychoanalysis and Beyond
The New Library Of Psychoanalysis
Abstract (Full Text Free)
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Haslam, Nick:
Toilet psychology
the psychologist …
June 2012, Vol.25 (pp.430-433)
The British Psychological Society
thepsychologist.bps.org.uk/volume-25/edition-6/toilet-psychology
Petra Christian-Widmaier:
Nonverbale Dialoge in der psychoanalytischen Therapie
Eine qualitativ-empirische Studie.
Buchreihe: Forschung Psychosozial, 2009
www.psychosozial-verlag.de/732
Dieser Beitrag erschien erstmals am 21.8.2015
Aktualisiert am 20.5.2016