Der tiefe Wunsch, zu zerstören, kann sehr be(un)ruhigend sein
Ich habe den tiefen Wunsch, zu zerstören. Nicht nur ein bisschen was abzubrechen, nicht nur einen Katscher reinzumachen, Kaffee drüberlaufen zu lassen oder ein bisschen zu kneifen. Ich habe den tiefen Wunsch, ganz zu zerstören, vollkommen, sodass nichts mehr übrig bleibt. Der Hass in mir ist unermesslich. Ich will nicht nur irgendwas zerstören, sondern alles, was mir im Weg ist. Besonders, wer und was mir am nächsten steht, will ich zerstören. Und zwar ganz.
Wenn ich etwas ganz und gar zerstört habe, kann ich gut schlafen. Mord ohne Reue. Es ist weg. Durchatmen wird wieder möglich, ich spüre in mir eine tiefe Erleichterung und eine Verbindung zu mir selbst. Ohne Hindernisse. Der Weg ist frei. Der andere ist weg. Das andere ist weg. Doch es taucht immer wieder auf, immer wieder in neuer Form. Selbst Jesus ist von den Toten auferstanden. Da kommt doch die Wut! Was muss ich denn noch alles tun, um zu zerstören? Ganz und gar?
Hass ist in jedem von uns. Er ist ein Samenkorn, so wie Liebe in jedem von uns steckt. Doch bei manchen Menschen wurde der Hass gegossen – durch Machtausübung und Qual. Manchmal können wir richtig dabei zuschauen, wie Eltern bei ihren Kindern den Hass nähren, indem sie ihre Macht ausüben. Mit Hass müssen wir alle leben – in manchen Menschen wurde die Pflanze „Hass“ jedoch besonders groß. Der Hass wurde früh gezüchtet, doch er ist heute noch da. Er bezieht sich auf Vergangenes und muss doch heute im Hier und Jetzt ausgelebt, abgeführt werden – meint man.
„Der, welcher wandelt diese Straße voll Beschwerden,
wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden.“
Mozart, Zauberflöte: Die zwei Geharnischten
Hass kann sich so unterschiedlich äußern: in Selbstzerstörung, durch Erbrechen, durch Fressattacken, durch das Torpedieren von Prüfungen und Erfolgen, durch direkte Angriffe, durch Schreien, Schlagen und Töten. Doch die Folgen sind Schmerzen und lang anhaltende Qual. Wo kann ich mit meinem Hass hin, wenn ich ihn nicht gegen mich oder gegen andere richten will? Ich kann ihn fühlen und fühlen und fühlen. Ich kann darüber sprechen und darüber schreiben. Ich kann in die Sauna gehen, mich dann ins Eisbad legen, Zahnarzt oder Iron-(Wo-)Man werden. Ich kann Hass betrauern, innerlich bearbeiten, verarbeiten, nach und nach, auch wenn die Brocken sehr, sehr groß sind.
Mit der Kraft der Zerstörungswut lassen sich gute Dinge aufbauen.
Der Krieg in mir – eine kurze Geschichte
Wenn’s draußen ruhig wird und still, wenn die anderen mir wohlgesonnen sind, dann wird es verdammt schwierig für mich. Und sehr gefährlich. Dann brauen sich die Wolken in mir zusammen. Die Luft lädt sich auf. Die Haut rebelliert. Die Wut überfällt mich und drängt mich, alles Gute um mich herum zu zerstören, die Ruhe kaputtzumachen. Die Unlust wächst, schlechte Laune steigert sich bis ins Unermessliche. Schlaflosigkeit jede Nacht. Ich wünschte, da draußen wär‘ Krieg. Alle paar Minuten eine Bombe. Dann müsste ich den Hagel in mir nicht mehr fürchten. Die unaussprechlichen Gefühle – sie kommen aus der Vergangenheit. Der Krieg in mir – er macht sich breit, sobald es ruhig wird draußen.
Und ich verstehe, wie Kriege entstehen: Sie entstehen, wenn man vor dem Krieg im Inneren wegläuft. Bisher bin ich immer weggerannt. Nun halte ich den Bombenhagel aus. In der Hoffnung, dass er sich irgendwann beruhigt, wenn ich nicht mehr weglaufe. Vielleicht klappt es – in 50, 60 Jahren.
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Beitrag vom 18.3.2026 (begonnen am 6.11.2018)