Meine Erfahrungen mit Online-Therapie als Psychotherapeutin

Bei meinem Gegenüber ist es schon dunkel. Onlinetherapie kann man von überall in der Welt machen. Nah am Bildschirm spüre ich manchmal sogar den Lufthauch, der vom Lautsprecher kommt, wenn der andere spricht. Diese blöde Scheibe zwischen uns möchte ich manchmal so gerne einfach wegnehmen. Und doch entstehen mitunter „Now Moments“, die denjenigen der „echten“ Psychotherapie sehr nahe kommen.

Seit 2018 ist die Beratung und Behandlung von Patienten allein via Internet („Kommunikationsmedien“) erlaubt. Insbesondere deutsche Patienten, die im Ausland berufstätig sind, nutzen die Online-Therapie. Sie wird teilweise von den Krankenkassen gezahlt, oft leider jedoch nicht. Wichtig für die Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht: § 9 Berufsordnung der Ärzte, § 203 des Strafgesetzbuches, Hinweise und Empfehlungen zur ärztlichen Schweigepflicht, Datenschutz und Datenverarbeitung in der Arztpraxis, Ärzteblatt 3/2018).

Vieles ist bei der Onlinetherapie ähnlich wie bei der „echten“ Therapie: Beide erscheinen pünktlich, die Sitzung ist auf 50 Minuten begrenzt. Ich selbst schaue, dass ich möglichst immer vom selben Raum aus arbeite, sodass der Patient immer dasselbe Bild vor Augen hat, ähnlich wie wenn er in die Praxis käme. Ich achte ebenso auf Kleidung und Ordnung wie bei regulären psychotherapeutischen Sitzungen.

So, wie in der Praxis die Stühle auf den Wohlfühl-Abstand eingerichtet sind, so können der Patient und ich das Online-Bild auf einen angenehmen Abstand einstellen.

Vielleicht der wichtigste Wirkfaktor in der Psychotherapie und besonders in der Psychoanalyse ist die emotionale Präsenz des Psychotherapeuten: Der Schmerz des Patienten wird vom Psychoanalytiker – auf noch nicht messbare oder ganz verstandene Weise – mitverarbeitet, sodass der Schmerz beim Patienten nach einer Weile nachlassen kann.

In der Anfangszeit dachte ich, dass dieser Effekt bei der Onlinetherapie deutlich abgeschwächt wäre. Doch wann ich mit dem Patienten an sehr schmerzhafte Punkte gelange, ist es, als gäbe es den Bildschirm und die Entfernung zwischen uns nicht. Natürlich fehlen in den alltäglichen therapeutischen Gesprächen wichtige „Ganzkörperinformationen“ wie Kleidung, Bewegung und Geruch. Insbesondere der direkte emotionale Blickkontakt fehlt. Insgesamt würde ich eine Psychotherapie oder Psychoanalyse in einem Raum als wirksamer einstufen. Die Onlinetherapien (auch die Onlinepsychoanalyse, bei der der Patient bei sich zu Hause auf der Couch liegt) können jedoch so viel bewirken, dass ich die Nachteile des Onlinesettings guten Gewissens verteten kann.

Eine Studie von Sarah L. Master und Kollegen (2009) zeigt, dass allein das Foto eines nahestehenden Menschen Schmerzen reduzieren kann.

Zeitverschiebungen eröffnen oft viele Möglichkeiten: Manche Klienten finden um 23 Uhr die Ruhe zur Therapie, während ich selbst um 6 oder 7 Uhr morgens oft gut Online-Therapiesitzungen einrichten kann. Doch immer ist da die Frage: Wird die Internet-Verbindung bestehen bleiben? Die Sorge um die „Verbindung“ schwingt bei Onlinetherapien immer mit. Andererseits ist die technische Verbindung heute oft so gut, dass ich über lange Strecken hinweg darüber gar nicht mehr nachdenke.

Interessant: Unregelmäßigkeiten sind im Onlinesetting ebenso verunsichernd wie in der Psychotherapie vor Ort. Es entsteht eine Irritation, wenn ich den Raum wechsele. Bei meinem Umzug von Deutschland nach Frankreich (bei Genf) waren viele Onlinepatienten sehr mit meinem Ortswechsel beschäftigt – obwohl die Patienten selbst teilweise am anderen Ende der Welt sassen. Eine Patientin gab die Telefon-Therapie auf, weil sie mich innerlich nur sehr schlecht ausserhalb Deutschlands verorten konnte.

Besonders interessant finde ich die Feststellung, dass die Erzählung von Träumen machmal genau so eine Nähe erzeugt wie die echte Präsenz des Patienten in einem Raum. Es ist möglich, dass Therapeut und Patient auch online in einen Zustand grosser Verbundenheit kommen – insbesondere vielleicht bei Traum-Erzählungen.

Patienten aus dem Ausland schmunzeln manchmal, wenn ich ihnen die verschiedenen Bedenken bei einer Online-Therapie erläutere. Anscheinend wird dies in anderen Ländern als unbedenklicher angesehen. Beispielsweise schreibt der Psychoanalytiker Christopher Bollas, dass er in seinem abgelegenen Haus in Nord-Dakota etwa die Hälfte der Zeit mit Skype-Psychoanalysen verbrachte. Er schreibt in seinem Buch „Wenn die Sonne zerbricht“ von einer Skype-Analyse mit einer psychotischen Patientin, die fünfmal pro Woche über mehrere Jahre stattfand. Inzwischen führe auch ich Online-Psychoanalysen durch. Dabei liegt der Patient z.B. auf der Couch und die Kamera stellt er so hinter die Couch, dass ich an meinem Bildschirm in etwa die gleiche Sicht auf den Klienten habe wie ich sie hätte, wenn ich im Sessel dahinter säße.

Die „leibliche Beziehung“ fehlt bzw. ist stark eingeschränkt. Der Schmerz über die Distanz bleibt. Schwere Störungen mit starken Nähe-Distanzproblemen sind in einer „echten Psychoanalyse“ aus meiner Sicht sicher viel besser behandelbar. Und doch kann man es immer online ausprobieren, wenn sich so schnell keine „echte Therapie“ auftut. Unschätzbar ist natürlich der Zeitgewinn – Psychotherapie ohne Anfahrtsweg, Stau und Parkplatzsuche kann ein echter Gewinn sein.

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Links:

Chiara F. Sambo et al. (2010):
Knowing you care: Effects of perceived empathy and attachment style on pain perception.
PAIN, Volume 151, Issue 3, December 2010, Pages 687-693
doi.org/10.1016/j.pain.2010.08.035
www.sciencedirect.com/…

Beitrag vom 21.1.2026 (begonnen am 20.10.2018)

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