Die Kunst ist, „das Böse“ in sich zu erkennen, aber sich nicht für böse zu halten
Mit dem Bösen ist es leicht, wenn es eindeutig ist: Mörder, Amokläufer und Menschen, die keine Schuld empfinden können sind böse. Vieles überschreitet unsere Vorstellungskraft. Doch diese Eindeutigkeit ist im alltäglichen Leben meistens nicht vorhanden. Es ist sehr schmerzlich, wenn wir uns mit unserem eigenen „Bösen“ beschäftigen – mit unseren ungewollten Phantasien, Gefühlen, Wünschen und Aggressionen.
Oft gehen wir schon bei Kleinigkeiten mit uns selbst hart ins Gericht. Ein „unerlaubter Gedanke“ und wir verdrängen ihn. Wir blicken ungnädig auf uns selbst und können uns kaum etwas verzeihen. Dennoch wollen wir ehrlich sein. Wohl die meisten Menschen suchen die Wahrheit und sagen von sich, dass sie die Wahrheit lieben. Das Problem beginnt dort, wo die „Wahrheit“ auf das eigene „Böse“ trifft.
Wir fühlen nicht, wenn wir zu streng mit uns sind. Sobald wir uns eifersüchtig, neidisch, schuldig oder wütend fühlen, wehren wir ab. Wir wollen auf keinen Fall Schuld spüren, weil das grosse Ängste in uns auslöst – wir haben Angst, nicht länger dazuzugehören, wenn wir schuld sind. „Der andere hat Schuld“, sagen wir kurzum.
Um gegen unsere eigenen unliebsamen Regungen anzukämpfen, engagieren wir uns vielleicht in Projekten zur „gewaltfreien Kommunikation“ und merken nicht, wieviel Gewalt wir selbst mit unserem moralischen Denken ausüben. Wir wehren „das Böse“ in uns ab, bevor wir es überhaupt wahrnehmen können und behaupten, die Außenwelt sei böse (Abwehrmechanismus: Projektion). „Wir sollten“, hören wir uns sagen, bevor wir integriert haben, was wir denn wirklich fühlen und meinen.
Entschuldigung
„Dass er eine schwere Kindheit hatte, entschuldigt nicht, dass er uns ständig aggressiv behandelt.“ Ja, er müsste doch andere Wege gehen können und Verantwortung tragen, sagt die Moral. Wir fragen gerne bei anderen: Was kann man entschuldigen und was nicht? Doch was können wir bei uns selbst entschuldigen? Wenn wir Gewalt erlebt haben, entschliessen wir uns vielleicht, besonders gut sein zu wollen. Wir bemerken dann oft nicht, wie die Gewalt vielleicht auch in uns selbst eingebrannt ist. Durch unsere Erlebnissse haben wir vielleicht eine Art Stempel mitbekommen. Es ist sehr schmerzhaft, zu erkennen, auf wie vielen Ebenen wir selbst manchmal Gewalt ausüben, ohne es zu merken.
Die Maßstäbe, die wir bei anderen ansetzen, setzen wir auch bei uns selbst an: Wir wollen gönnen, wollen loyal und gerecht sein. Und dann schauen wir unmerklich neidisch auf die schwangere Kollegin, weil wir selbst schon lange einen Kinderwunsch haben. Heimlich und fast unmerklich wünschen wir uns, dass es bei der anderen schiefgehen möge. Schwangere leiden unter dem „bösen Blick“ der anderen Frauen. Ältere Frauen blicken mit Neid auf die jüngeren – das ist das Thema vieler Märchen.
Der Weg zur Wahrheit über das eigene „Böse“ führt über das hingebungsvolle Verstehen-Wollen. „Ich spürte den unbändigen Drang, mir selbst etwas anzutun. Ich hatte echt Angst, ich würde mich gegen meinen Willen umbringen“, sagt eine Frau in der Psychotherapie. Die zerstörerische Kraft in uns, die Sigmund Freud als „Todestrieb“ bezeichnete, kann zur echten Herausforderung werden.
Bei unseren „Alltags-Bösheiten“ geht es darum, unsere Beobachtungsgabe einzuschalten und immer wieder zu versuchen, uns selbst so ungetrübt wie möglich anzuschauen. Wir haben unsere Grenzen und unsere Schicksale. Wenn uns körperlich übel wird, dann müssen wir uns übergeben. Mit der Seele ist es nicht viel anders: Sie läuft sozusagen über, wenn es uns zu viel wird, wenn wir eingesperrt, alleingelassen, gequält, gezwungen oder bedroht werden.
Wenn wir begreifen, dass wir von unseren Gefühlen überschwemmt werden können, dass wir oft nicht Herr in unserem Hause sind und dass wir oft gegen unseren Willen „böse“ sind, dann werden wir demütiger. Wir bekommen Respekt vor unseren eigenen inneren Kräften. Nur, wenn wir sie kennenlernen wollen, können wir sie in besser steuern.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 31.3.2018
Aktualisiert am 11.1.2026
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