Identifikation und Introjektion: Ich bin wie Du! Du bist wie ich!
Wenn wir an einem anderen Menschen etwas entdecken, das uns entspricht, dann identifizieren wir uns mit ihm uns (idem = lateinisch „Dasselbe“). Wir finden den anderen gut, fühlen uns von ihm verstanden und verstehen ihn. Wir übernehmen vielleicht etwas von seinen Verhaltensweisen, vielleicht sogar von seinen Gefühlen und Meinungen. Kinder spielen, wie der Lehrer oder wie die Eltern zu sein. So lernen Kinder, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Gleichzeitig spürt das Kind, dass es nur so tut, „als ob“ es so wäre wie Vater oder Mutter.
Dieses „Als-ob-Gefühl“ ist ein anderes Gefühl als das Realitätsgefühl. Kinder, denen es bei ihren Eltern sehr schlecht geht, können oft nicht gut spielen. Sie wollen nicht in das „Als-ob-Gefühl“ hineingehen.
Manchmal ist das Kind so mit einem Elternteil identifiziert, dass man denken könnte, es hätte einige Verhaltensweisen schlicht vererbt. Diese Verhaltensweisen liegen dann aber nicht (nur) auf den Genen, sondern sind das Ergebnis der Identifikation. Diese Vorgänge gehören zur normalen Entwicklung. Werden die Kinder größer, identifizieren sie sich gerne mit Stars, Peers, aber auch ganz banal mit Lehrern.
Ein Vorbild kann zum Ich-Ideal werden. Wenn wir so sind, wie wir uns das vorstellen, dann sind wir mit uns zufrieden. Als Kind ahmten wir im Spiel die Eltern auch mit ihren Verboten nach. Wir lernten darüber, wie „man“ es macht. Dabei entwickelte sich unser Über-Ich. Identifikationen finden also im Über-Ich ihren Platz. Manchmal entsteht Identifikation aber unter Angst. Wer in einer Gruppe Angst hat, ausgeschlossen zu werden, der sieht zu, dass er sich den Gruppenmitgliedern und dem Gruppenführer anpasst und die Vorstellungen übernimmt. Dieser Mechanismus spielt zum Beispiel beim Stockholm-Syndrom eine Rolle.
Identifikation mit dem Aggressor
Kleine Kinder sind den Aggressionen der Eltern hilflos ausgeliefert. In diesen Situationen helfen sich die Kinder damit, dass sie sich in den Angreifer hineinversetzen und die gleichen Überzeugungen haben wie er: „Ich hab’s ja auch so verdient“ kann eine „Identifikation mit dem Aggressor“ sein, weil der ja auch meint, dass ich’s „verdient“ habe. Im Grunde ist der Begriff „Identifikation mit dem Aggressor“ jedoch problematisch, denn unter „Identifikation“ verstehen wir meistens, dass wir uns jemanden freiwillig aussuchen, den wir gut finden, mit dem wir unsere Meinung teilen oder von dem wir Ansichten übernehmen können.
Introjektion
Je früher in der Kindheit Identifikationen stattfinden, desto tiefer sind sie verwurzelt (Siegfried Elhardt). Solche starken, frühen Identifikationen werden auch Introjektionen genannt. Sie sind fest mit dem „Ich“ verbunden. Wir gehen oft so mit uns selbst um, wie es früher die Eltern taten – und teilweise bemerken wir das noch nicht einmal. Wir scheinen nicht „wie die Mutter“ zu sein (also wie bei der Identifikation), sondern wir „sind“ die Mutter, wir sind zu ihr geworden. Auch Introjektionen finden häufig unter Angstdruck statt. Damit der äußere Böse verschwindet, werden wir selbst böse.
Identifikation kann eine Form der Abwehr sein
Wenn wir einen nahestehenden Menschen verlieren, dann übernehmen wir manchmal eine Gewohnheit von ihm und erhalten ihn so innerlich lebendig. Wir haben dann das Gefühl, dass der andere immer noch bei uns ist. Das kann jedoch so weit gehen, dass man vor der Trauer flieht. Es kann sogar den Charakter verzerren. Ein Mädchen, dass zum Beispiel den Tod des Vaters kaum verschmerzt, kann dabei in ihrer Art vermännlichen.
Triebpsychologisch sagt man auch, dass Identifikation eine Einverleibung des anderen sei, eine Art „seelischer Kannibalismus“ (Elhardt). „Identifikation vermittelt Schutz, ihre Lösung Selbstständigkeit, aber auch oft Einsamkeit“ (Elhardt). Wer sich aus alten Identifikationen löst, sich „de-indentifiziert“, der verliert auch immer ein Stück Heimat, egal, wie schlecht das Vorbild und die Identifikation mit ihm waren.
Introjektion als Gegenteil von Projektion
Viele kennen den Begriff „Projektion“: Wir laden Gefühle oder Eigenschaften, die wir selbst (unbewusst) haben, manchmal auf andere ab. Wir sagen: „Der Chef war heute aber sauer“ und merken gar nicht, dass wir selbst (auch) aggressiv waren. Bei der „Introjektion“ findet oft der umgekehrte Weg statt: Wir übernehmen unbewusste Regungen, Gefühle oder Phantasien des anderen und halten sie für unsere eigenen.
Der amerikanische Psychoanalytiker Harold F. Searles schreibt über einen Therapeuten, der seine eigenen sexuellen Wünsche stark verdrängt. Gleichzeitig lässt sich bei dem Patienten des gehemmten Therapeuten feststellen, wie er verstärkt sexuell aktiv wird und sich mit sexuellen Themen beschäftigt. Der Patient hat das Unbewusste des Therapeuten quasi aufgenommen und die Wünsche des Therapeuten ausagiert. Dieser Vorgang spielt, so Searles, auch bei Psychosen eine entscheidende Rolle. Wo das schwache Ich zu Projektionen neigt, da kann es auch leicht zu Introjektionen kommen.
Es gibt noch zwei schwierige Begriffe, die ich hier sehr vereinfacht darstelle:
Projektive Identifizierung: Ich identifiziere mich mit dem, was der andere in mich hineinprojiziert. Beispielsweise werde ich wütend und verhalte mich wütend, weil der andere seine Wut „in mich hineingelegt“ hat. Zunächst ist mir gar nicht klar, was da passiert ist. Oder andersherum: Ich lege meine Wut in den anderen hinein und der wird tatsächlich wütend. Er hat mein Gefühl angenommen. Ich verstehe dann seine Wut, bemerke aber kaum, dass es (auch) meine Wut ist, die ich da beim anderen sehe und sogar ausgelöst habe.
Introjektive Identifizierung heißt so viel wie: „Ich verstehe Dich.“ Ich kann den Schmerz des anderen in mich aufnehmen, wo er auf meinen eigenen, ähnlichen Schmerz trifft.
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Links:
Siegfried Elhardt
Tiefenpsychologie
Kohlhammer Stuttgart 2001: 50-52
Barbie: „Ich bin wie Du!“
Die Prinzessin und das Dorfmädchen
youtube.com/watch?v=2VPTKJvNEM0
Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht am 29.5.2012
Aktualisiert am 10.12.2025


