Primärprozess und Sekundärprozess: vom Chaos zur Ordnung
Wenn wir träumen, sind uns Gegensätze, Widersprüche und Logik vollkommen egal. Wir orientieren uns nicht mehr an der Vernunft. Rechts kann im Traum auch links sein, oben und unten sind Eins (lateinisch: „altus“ = „hoch, tief“), zeitliche Abfolgen spielen keine Rolle. Diese Art des Denkens nannte Sigmund Freud den „Primärvorgang“, auch „Primärprozess“ genannt.
Neben unserem vordergründig logischem Denken im Wachzustand läuft immer auch das primärprozesshafte Denken mit. Bei schweren psychischen Störungen, insbesondere bei Psychosen, tritt das primärprozesshafte Denken auch im Wachzustand deutlicher hervor als bei weitgehend gesunden Menschen. Kinder denken offensichtlicher primärprozesshaft als Erwachsene.
Vor allem in der Kunst, auf Twitter, in der Musik, in Filmen, im Märchen, in Gedichten und Religionen finden wir primärprozesshaftes Denken. Diese Art des Denkens macht uns vielleicht Angst. Es ist aber auch eine Quelle der Freude und Kreativität.
Primärprozess und Sekundärprozess
Primärprozesshaftes Denken wirkt mitunter chaotisch und „unlogisch“, obwohl es seiner eigenen inneren Logik folgt. Schnell geht ein Bild ins nächste über. Das freie Assoziieren und die freischwebende Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse sind reich an primärprozesshaftem Denken. Dem primärprozesshaften Denken gegenüber steht das „sedundärprozesshafte Denken“. Im Sekundärprozess denken wir „vernünftig“. Wir sind bei Verstand. Es ist alles zeitlich geordnet und zusammenhängend (konsistent).
Freud ging davon aus, dass das primärprozesshafte Denken in der psychischen Entwicklung zuerst da ist und dass sich das sekundärprozesshafte Denken erst im Laufe der Zeit beim Kind entwickelt.
Heute weiß man allerdings, dass Babys schon sehr früh logisch denken können und schon als Säuglinge z.B. physikalische Gesetze „kennen“. In Experimenten staunen sie, wenn etwas unlogisch abläuft. Einige Forscher nehmen an, dass primär- und sekundärprozesshaftes Denken zwei getrennte Systeme sind, andere wiederum glauben an Übergänge.
„Wir haben erfahren, dass die Vorgänge im Unbewussten oder im Es anderen Gesetzen gehorchen als die im vorbewussten Ich. Wir nennen diese Gesetze in ihrer Gesamtheit den Primärvorgang im Gegensatz zum Sekundärvorgang, der die Abläufe im Vorbewussten, im Ich, regelt.“
Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse Reclam 2010, 4. Kapitel: Psychische Qualitäten
(Gesammelte Werke, Band 17: S. 86: PDF)
Primärprozesshaftes Denken in der Psychoanalyse
In der Psychoanalyse ist viel Platz für primärprozesshaftes Denken. Das Unbewusste von Patient und Analytiker begegnen sich dabei. Es entstehen Gefühle von Lust, Angst, Freude, aber auch von Sinnhaftigkeit und einem tiefen Verstehen.
Primärprozess: Ich habe Lust auf ein Eis – und zwar jetzt!
Der Primärprozess steht für das Lustprinzip. Wenn ich an ein Eis denke, es sofort haben möchte und keine Aufschiebung dulde, dann ist das primärprozesshaft. Das Unbewusste, das Es und die unbewussten Teile des Ichs – auch die Anteile, die für die Abwehr zuständig sind – stehen für den Primärprozess.
Primärvorgang: „… jener psychischer Prozess, der durch das freie und widerstandslose Strömen der psychischen Energie gekennzeichnet ist. Aber der psychische Apparat könnte nicht funktionieren, wenn er allein auf dem Prinzip der Abfuhr beruhte; er muss auch eine gewisse Erregungsmenge ertragen können.
Deshalb postuliert Freud die Existenz eines Regulationssystems der Psyche, das in der Lage ist, der Abfuhr überschüssiger physischer Energie Widerstand zu leisten, und das die Eigenschaft besitzt, Primärvorgänge in ‚Sekundärvorgänge‘ zu überführen.
Letztere sind dadurch charakterisiert, dass sie Energie zu binden und Primärvorgänge zu hemmen vermögen (… ‚Konstanzprinzip‘). … Diese schon 1895 eingeführten Begriffe ‚Primärvorgang‘ und ‚Sekundärvorgang‘ werden in der Folge für Freud Grundbegriffe bleiben, mit denen er die Funktionsweeise der Psyche beschreibt.“
Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen, Psychosozial-Verlag, 2011: S. 56-57
Verschiebung und Verdichtung
Wenn wir primärprozesshaft denken, dann verschieben und verdichten wir. Wir fassen Widersprüchliches in einer Figur zusammen. Die Sphinx ist ein Sinnbild für den Primärprozess: Sie ist halb Frau, halb Löwe mit Flügeln. Verschiedene Vorstellungen sind im Primärprozess zu einer Vorstellung vereint.
Fehlleistungen
Fehlleistungen sind ebenfalls das Ergebnis von primärprozesshaftem Denken. Wenn jemand sagt: „Das Gute in ihm kam zum Vorschwein“, rutscht seine unbewusste Ablehnung mit hinaus. Die Psyche hat daraus eine Befriedigung gewonnen, aber es ist auch peinlich und gleichzeitig witzig. Hier hat also einerseits eine Wunscherfüllung stattgefunden („Ich will etwas Negatives über den anderen sagen“) und gleichzeitig gibt es eine Abwehr („Ich will den anderen in den höchsten Tönen loben, um meine Aggressionen zu verbergen.“).
Auch in Dichtungen findet man primärprozesshaftes Denken, z.B. wenn Worte kunstvoll zusammengesetzt wurden und sich reimen. Es gibt auch schriftliche Fehlleistungen, z.B. wenn wir uns vertippen: Da wird aus dem Vorratsraum ein Vortragsraum oder ein Vortagstraum, je nachdem, was wir unbewusst gerade dachten.
Quelle unter anderem: Seminar „Primärprozess“ am 5.12.2013 mit Gabriela Wachenhausen-Goldmann, Psychonalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 8.12.2012
Aktualisiert am 1.11.2021
One thought on “Primärprozess und Sekundärprozess: vom Chaos zur Ordnung”
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Sehr geehrte Frau Dr. Voos,
Sie hätten diesen oder einen ähnlichen Artikel nicht zufällig in Englisch oder? Ich versuche den Primary Process gerade auf Englisch zu erklären, finde aber leider keinen Artikel der so gut strukturiert und deutlich erklärt ist wie Ihrer.
Liebe Grüße,
Stephanie Scheller