“Du bist ja hysterisch!”, werfen Männer manchmal ihren Frauen vor. “Hystera” kommt aus dem Griechischen und bedeutet “Gebärmutter”. Hysterische Persönlichkeitszüge können den Betroffenen viele Schwierigkeiten bereiten, wenn sie zu stark ausgeprägt sind. Doch jeder Mensch kann in einer Überforderungssituation “hysterisch” reagieren. (Text: © Dunja Voos, Bild: © berwis, Pixelio)
Besonders Jugendliche sind zeitweise “hysterisch”, wenn sie erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen. Das ist die aufregende Zeit, in der z. B. Pop-Stars bis zur Ohnmacht angejubelt werden. Menschen, die zur Hysterie neigen, können beruflich sehr erfolgreich als Schauspieler sein. Obwohl die Hysterie meist den Frauen zugeschrieben wird, gibt es sie auch beim Mann.
Ein buntes Bild
Heute gibt es die “Hysterische Neurose” nicht mehr als offizielle Diagnose. Sie wird im Diagnoseschema ICD 10 bezeichnet als F60.4 – Histrionische Persönlichkeitsstörung. Der Begriff “histrionisch” sollte das negativ klingende Wort “hysterisch” entkräften (was aber nicht ganz gelungen ist, denn “histrio” ist das lateinische Wort für “Schauspieler”. Dieser Begriff wiederum hängt mit dem griechischen Wort “oistros” zusammen, was die “Brunft” bedeutet. Das Wort “Östrogen”, die Bezeichnung für das weibliche Hormon, hat hier ihren Ursprung [Mentzos 2009]). Auch die Dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen) sind an die Stelle der klassischen Bezeichnung “Hysterische Neurose” getreten. Der Einfachheit halber spreche ich hier weiterhin von der “Hysterischen Neurose”.
Die klassische hysterische Neurosenstruktur
Die hysterische Neurosenstruktur ist das “Gegenstück” zur Zwangsstörung. Während der Zwanghafte am Objektiven klebt und Zeit, Ordnung und Logik für wichtig hält, ist der Hysterische vom Subjektiven geprägt und kann die Realität kaum annehmen. Er wirkt manchmal demonstrativ-theatralisch, doch dabei geht es ihm meistens nicht gut. Menschen mit einer Hysterie hatten oft eine traurige Kindheit. Manche Betroffenen haben sexuelle Übergriffe erlebt – andere mussten in ihrer Kindheit oder Jugend Partnerersatz für einen Elternteil sein.
Neurologische Erkrankung vorgetäuscht
Wenn Menschen mit einer hysterischen Neurose körperliche Symptome haben, so sind dies oft Konversionssymptome. Innere Konflikte bleiben unbewusst, spiegeln sich aber in körperlichen Beschwerden wider. Die Sinnesorgane sind gestört, manchmal kommt es sogar zur “Seelenblindheit” – die Patienten können subjektiv nichts mehr sehen, obwohl Augen und Nerven völlig in Ordnung sind.
Kribbeln und Lähmungen
Häufig empfinden die Patienten ein Kribbeln oder Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen. Manchmal hyperventilieren sie dabei. Die beeindruckendste Form der Konversion ist wohl der Arc de Cercle, bei dem sich der Patient auf dem Rücken liegend zu einem Bogen (französisch “Arc”) biegt, bewusstlos ist und scheinbar einen epileptischen Anfall hat. Dieser Anfall kann Probleme oder Ängste im sexuellen Bereich widerspiegeln. Der Anfall kann einem Orgasmus ähneln – hier wird deutlich, wieviel Symbolik solch ein Anfall enthält. Ängste und Phobien können bei der Hysterie genauso vorkommen wie andere psychische Symptome. Die Hysterie wird auch als Clown unter den Neurosen (Siegfried Elhardt) bezeichnet.
Festlegen fällt schwer
Menschen mit einer hysterischen Neurose fällt es oft schwer, sich festzulegen. Sie fürchten das Endgültige. Alles soll offen bleiben – auch Partnerschaften oder gar die biologische Geschlechtsrolle.
Wurzeln in der ödipalen Phase
Die Ursache der hysterischen Neurose liegt in der Zeit der ödipalen Phase. Kinder, die die Phase des Verliebtseins in das gegengeschlechtliche Elternteil nicht zufriedenstellend beenden konnten – z. B. weil die Eltern keine intakte Partnerschaft hatten – ziehen diesen Schmerz mit sich ins Erwachsenenalter. Die hysterische Neurose kann das Ergebnis sein.
Oberflächlich und schillernd
Wer Angst hat vor seiner tieferen Gefühlswelt, der nimmt sich selbst auch nur schwer wahr. Daher kommt es oft zu “oberflächlichen Gefühlchen”, die sentimental und unecht erscheinen. Andere können den Betroffenen oft nicht ernst nehmen, obwohl es ihm natürlich nicht gut geht. Wenn die Wirklichkeit den Betroffenen dazu zwingt, aus seiner Maske oder seinem Versteckspiel hervorzutreten, ist er oft maßlos überfordert. Beispielsweise kann es ihm schwer fallen, ernsthafte sexuelle Wünsche und Gefühle wahrzunehmen und damit umzugehen. Die Flucht in eine Krankheit, z. B. in einen “Nervenzusammenbruch”, kann die Folge sein.
Verdrängung
Hysteriker lieben die Abwehrmechanismen Verdrängung und Verleugnung. Es ist ihre Lösung, um mit schwer zu verarbeitenden Gefühlen umzugehen. Aus diesem Grund erscheinen sie manchmal als Lügner oder Hochstapler.
“Wahnsinnige Verliebtheit” statt echter Liebe
Der Hysteriker/die Hysterikerin ist oft “wahnsinnig verliebt”, aber es kommt selten zu einer wirklichen Liebesbeziehung. Frauen machen sich übermäßig schick, aber fühlen sich “kalt”. Unter Umständen verführen sie einen Mann und lassen ihn dann eiskalt fallen. Dies kann der unbewusste Versuch des inneren Mädchens sein, sich symbolisch an einem Vater zu rächen, von dem es sich abgewiesen fühlte. Der kurzfristige Genuss besteht im Rachegefühl, doch langfristig bleibt die Sehnsucht nach einer echten Paarbeziehung erhalten.
Die Frau weigert sich, Frau zu sein
Manche Frau, deren ödipale Phase als Kind unglücklich verlief, rächt sich auf andere Art: Sie “wirft sich weg”, ist nicht wirklich Frau und rächt sich so symbolisch am Vater, von dem sie sich nicht geliebt fühlte. Manchmal führen diese Frauen Partnerschaften, in denen sie die Hosen anhaben und herrschsüchtig sind. Diese Herrschsucht kann jedoch hinter einer großen Fürsorglichkeit versteckt sein, die den Partner regelrecht erdrückt. Ihre Partner sind nicht selten passiv-feminine Männer.
Auch gibt es da die “rücksichtslose Karrierefrau”, die auf andere Frauen nur schlecht zu sprechen ist. Trotz ihres Erfolges fühlt sie sich nicht wohl in ihrer Haut und ist latent unglücklich. Auch, wenn diese Frauen oft nicht sympathisch erscheinen, so ist ihr Verhalten doch die Folge eines unglücklichen Gefühls, das nicht verarbeitet werden konnte.
Achtung: Der hysterische Mann
“… und legte ganz Köln flach”, so wird manch hysterischer Mann beschrieben. Der hysterische Mann muss sich stets beweisen, dass er ein toller Kerl ist. Das “Flachlegen”, das Erreichte, ist wichtiger als wahre Liebe. Seine Kastrationsangst kompensiert er durch Erfolge. Die attraktive Frau an seiner Seite, mit der er anderen imponieren kann, ist ihm wichtiger als eine echte Liebesbeziehung.
Das “Weichei”
Andere Männer mit einer hysterischen Neurose leiden darunter, als “passives Muttersöhnchen” zu gelten. Diese recht femininen Männer suchen das “Mannweib” als starke Partnerin. Diese Partner passen augenscheinlich gut zusammen, doch die Geschlechterrollen sind vertauscht; sadomasochistischer Clinch ist an der Tagesordnung. Die Paare selbst leiden nur mäßig darunter – Leidtragende sind oft die Kinder aus solchen Ehen.
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Quellen:
Siegfried Elhardt
Tiefenpsychologie
Kohlhammer Stuttgart 2001: 132–138
Stavros Mentzos:
Lehrbuch der Psychodynamik:
Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen
Vandenhoeck & Ruprecht, 3. Auflage 2009: 162
Radiotipp:
Über die zweite Aufklärung der Psychoanalyse
Mit Jürgen Wiebicke (Moderator) und Dr. Hermann-Josef Berk (Psychoanalytiker)
WDR 5, Das Philosophische Radio, Freitag, 17.8.2007, 21.05 Uhr
ICD 10:
F60.4 = Histrionische Persönlichkeitsstörung
F44.5 = Dissoziative Krampfanfälle





In der Tat, der klare Bezug von Hysterie und Dissoziation war das Puzzleteil, das mir zum Verstehen noch gefehlt hat. Es macht die Beziehung zwar nicht leichter und gibt auch keine Hoffnung, es erleichtert aber als Narzist, Helferlein und (ihr) Krisenmanager, wieder zu sich zu finden, vieles nicht mehr so auf sich zu beziehen und der Ehefrau nicht mehr so böse zu sein, weil sie ja nicht anders kann.
Danke
Der vorangegangene Text und die enthaltenen Informationen haben mir wirklich sehr geholfen meine Partnerin besser zu verstehen und mit der momentan herrschenden “Fernbeziehungs-Situation” fertig zu werden.
Ich bin dankbar für jede information die im Zusammenhang mit der “histrionischen Persönlichkeitsstörung” stehen und die Zeilen dieses Artikels enthalten wirklich sehr viele, sehr interessante Infos.
Danke für diesen “Kerzenschein in der Dunkelheit”
Jan