Wenn das Märchen „Rumpelstilzchen“ interpretiert wird, liegt der Schwerpunkt häufig auf der Müllerstochter, die sich zur Frau entwickelt und viele Hürden überwinden muss. Märchen helfen, die eigene Innenwelt zu verstehen. Was aber, wenn man das Märchen aus Sicht des Rumpelstilzchens betrachtet? Was, wenn man sich so fühlt, als sei man das Rumpelstilzchen selbst? Das Rumpelstilzchen ist ausgeschlossen von dieser Welt. Es ist einsam und hässlich. Es ist selbst noch ein Kind, gleichzeitig ein Greis und es verrät sich selbst. Weiterlesen
Im Leben ist es uns immer wieder zu viel – sagt der Psychoanalytiker Adam Phillips in seinem Video „On being too much for ourselves“ (Youtube). Wenn wir emotional oder physisch überfordert sind, dann reagieren wir körperlich: Herzrasen, Übelkeit, Bluthochdruck, Tinnitus, Heiserkeit, Atemnot, Zittern und Durchfall sind die Folge. Mit Tränen zeigen wir, wenn es uns zu viel wird – wir laufen dann über. Weiterlesen
„Why can’t some people remember their dreams?“, lautet der Titel eines Beitrags von Stephen Dowling auf BBC.com vom 17.5.2019. Hier erklärt die Traumforscherin Deirdre Barrett, dass die Traumbilder zu durcheinander sind, als dass wir sie uns merken könnten. Je mehr Ordnung und hervorstechende Details es im Traum gebe, desto besser könnten wir ihn uns merken. Die Fähigkeit, sich an einen Traum zu erinnern hängt auch davon ab, wieviel Bewusstsein im Traum dazugemischt ist. Träume, die wir vor Mitternacht haben, sind oft besonders tief, weil der Schlaf so tief ist. Da ist luzides (also gesteuertes) Träumen kaum möglich – unser Bewusstsein, so wie wir es vom Tag her kennen, ist da quasi ausgeschaltet. Weiterlesen
Die Begriffe „Körperbild“ und „Körperschema“ werden oft gleichsinnig benutzt und sind nicht streng definiert. Je mehr ich über diese Begriffe lese, desto verwirrter bin ich. Der italienische Psychologe Massimo Cuzzolaro schreibt (2018): „However, there are no reliable definitions of these two notions that were and are often used interchangeably, as synonyms, in a confused way. Body schema and body image are metaphorical expressions.“ Cuzzolaro Massimo (2018): Body Schema and Body Image: History and Controversies. In: Body Image, Eating, and Weight. Springer, 2018.
„Körperschema meint nach (Sir Henry) Head* die neurophysiologische Repräsentanz der gemachten Erfahrungen. Körperbild bezeichnet nach (Paul) Schilder, psycalpha.net, (1886-1940) die phänomenale Körperlichkeit in den Beziehungen zur Umwelt, als ‚Summe aller auf den Körper bezogenen Empfindungen‘.“ Anne Budjuhn: Körperbild. Wörterbuch der Psychotherapie: S. 375-376, link.springer.com. Die Autorin Anne Budjuhn schreibt auch, dass die Fähigkeit zur Symbolisierung gestört werden kann, wenn sich das Körperbild bzw. das Körperschema nicht richtig entwickeln können.
* Nach Henry Head (1861-1940) sind auch die „Headschen Zonen“ benannt, also die Areale auf der Körperoberfläche, die breitflächig von einem Nerven und seinen Verästelungen durchzogen werden.
Wenn man sagt, dass magersüchtige Menschen eine „Körperschemastörung“ haben, dann heißt das, dass sie sich – im Vergleich zu „normalen“ Frauenkörpern – als zu dick empfinden. Sie empfinden sich als dicker als sie in Wirklichkeit sind. Die „Repräsentanz“ über die Körperproportionen stimmt dann also nicht: Was sich die Patientinnen vorstellen bzw. was sie fühlen ist anders als das, was Waage und Zentimetermaß sagen.
Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt: „Der Begriff ‚Körperbild‘ ist bekanntlich von dem Wiener Psychoanalytiker und Neuropathologen Paul Schilder (1886-1940) geprägt worden.“
„Paul Schilders Körperbild-Modell und der ‚Body Intercourse'“, Psyche Klett-Cotta 2017, Heft 2.
Leuschner erklärt, dass das Körperbild ein dreidimensionales Bild unseres Körpers sei, das Folge von Berührungen, Bewegungen und optischen Eindrücken ist. (Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung, Brandes&Apsel 2011: S. 93, amazon). Leuschner schreibt auch: „Allerdings zeigt heute eine schon oberflächliche Durchsicht der Literatur eine kaum überschaubare begriffliche und konzeptuelle Unschärfe, ja Konfusion dieses Begriffs.“ (S. 93)
„Das Körperbild kann durch einen Introjektions-Projektions-Mechanismus verändert werden.“ (Schilder, 1923). In: Renate Schwarze: Körperbildstörungen. Wörterbuch der Psychotherapie, Springer: S. 376
Der Psychiater und Psychologe Serge Sulz schreibt: „Henry Head (1861-1940) hat 1920 den Begriff des Körperschemas geprägt: als einem neurophysiologischen Vergleichsstandard, der hilft, afferente propriozeptive Impulse zu identifizieren, z.B. Änderungen der Körperhaltung, und der zudem der Lokalisation von Oberflächenreizen dient.“ Sulz, S.K.D. (1987): Eine Methode zur Erfassung des Körperbildes: Mein Körper als kognitives Konzept in einem Bedeutungsraum. In: Lamprecht, F. (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Springer-Verlag
Im Dresdner Körperbildfragebogen DKB-35 steht: „Der Begriff Körperbild bezeichnet ein mehrdimensionales Konstrukt, das ‚one’s body-related self-perceptions and self-attitudes, including thoughts, beliefs, feelings and behaviors‘ (Cash, 2004) umfasst.“ (Diagnostische Verfahren in der Sexualwissenschaft, Hogrefe, 2014: S. 62; Cash F.T. 2004: Body image: Past, present, future.)
Ein Körperschema kann erweitert werden: „Diese verkörperte Dimension des Selbst ist so eng an die Interaktion mit der Umwelt gebunden, dass seine Grenzen nicht einmal notwendig mit denen des Körpers zusammenfallen. Beim geschickten Werkzeuggebrauch, etwa beim Klavierspielen oder Autofahren, schließen sich die Instrumente an das Körperschema an und werden zu Teilen des fungierenden Leibes; daher spürt der Blinde den Boden an der Spitze seines Stocks, nicht in seiner Hand.“
Thomas Fuchs: Selbst und Schizophrenie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Akademie Verlag 60 (2012) 6: S. 889, www.degruyter.com
Wenn Du an einer Angststörung leidest, dann hängt Deine Angst möglicherweise auch damit zusammen, dass es Dir Angst macht, von anderen Menschen abhängig zu sein. Angewiesen zu sein auf andere Menschen bedeutet, darauf zu hoffen, dass die anderen es gut mit Dir meinen. Wenn Du in sehr unsicheren Bindungen großgeworden bist, empfindest Du die Bindung zu anderen Menschen möglicherweise als sehr wackelig. Du fragst Dich vielleicht ständig, ob Du dem anderen vertrauen kannst. Ähnlich kann es Dir mit Deinem Körper gehen: Du bist Dir nicht sicher, ob Dein Körper verlässlich ist oder ob er Dich im Stich lässt oder von irgendwoher angreift. Du erlebst Deinen Körper vielleicht als unberechenbar und auch unattraktiv. All das hängt miteinander zusammen.
Die amerikanischen Wissenschaftler Thomas F. Cash und Kollegen haben hierzu bereits 2004 eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Unsichere Bindungen und ein gestörtes Körperbild hängen zusammen.
Die Wissenschaftler befragten 103 männliche und 125 weibliche College-Studenten nach ihrem Körperbild, ihrer sozialen Angst, ihrer Angst vor Intimität, ihrem Bindungsstil und ihren Liebesbeziehungen. Bei beiden Geschlechtern zeigte sich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Körperbild und sozialer Angst gab: Je schlechter das Bild vom eigenen Körper, desto stärkere soziale Ängste waren vorhanden. Bei Frauen hing das Körperbild zusätzlich stark mit dem Thema „Liebesbeziehung“ zusammen. Bei beiden Geschlechtern waren Störungen des Körperbildes mit wenig sicheren Bindungen verknüpft.
Das Gute bei diesen komplexen Zusammenhängen ist, dass Du eigentlich überall ansetzen kannst. Du kannst versuchen, Deinen Körper besser kennenzulernen. Dazu kannst Du Anleitungen zur Achtsamkeit lesen, schwimmen gehen, einen Yogakurs machen und vieles mehr. Wenn Du Deine Beziehungsfähigkeit verbessern möchtest, kannst Du eine Psychotherapie oder Psychoanalyse (Analytische Psychotherapie) anstreben. Wo immer Du Dich mit der Beziehungsfähigkeit beschäftigst, liegen Möglichkeiten zur Entwicklung.
Auch im traditionellen Yoga heisst es: Ohne Beziehung kein Yoga. Du kannst versuchen, einen Yogalehrer zu finden, der Einzelunterricht anbietet. Aber auch das Erlernen eines Musik-Instruments oder der Anschluss an eine Gruppe wie z.B. an einen Kirchenchor oder an eine buddhistische Gruppe (= Sangha) kann Dir dabei helfen, Dich selbst besser kennenzulernen. Das geht oft zunächst über aversive Gefühle – über Unsicherheit, über das Gefühl, steckenzubleiben oder über das Gefühl, sich vergeblich anzustrengen. Doch wenn Du Dir Zeit gibst und mit den Menschen um Dich herum vertrauter wirst, können sich Ängste reduzieren. Oft wächst das Gefühl, attraktiver zu werden in dem Maße, in dem Du Dich selbst besser kennenlernst.
Es ist sehr schwierig, sich einzugestehen, dass sich manches im Alleingang nur sehr schwer verändern lässt und es ist mit vielen Ängsten verbunden, weil Du nicht weißt, wer Dir helfen wird und wie es ausgeht mit Deinen Problemen. Doch allein schon die Suche bringt Bewegung in Deine Schwierigkeiten und kann Dich aus dem Stillstand herausführen.
Leuschner, Wolfgang (2011):
Körpergefühl, Körperbild, Körperschema im Einschlafvorgang.
In: Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung:
Psychoanalytische Studie zur Struktur und Funktion des Ichs
und des Körperbildes im Schlaf.
Brandes und Apsel, 2011: S. 93, amazon
Lemche, Erwin. (1993, 2006):
Das Körperbild in der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie
Verlag Dietmar Klotz, 2006, amazon
Von Arnim, Angela; Joraschky, Peter; Lausberg, Hedda (2007):
Körperbild-Diagnostik
In: Peter Geißler (Mitbegründer der analytischen Körperpsychotherapie) und Günter Heisterkamp (Hrsg.):
Psychoanalyse der Lebensbewegungen
Springer, Wien 2007: 165-196, www.bisp-surf.de/…
Karin Pöhlmann , Marcus Roth , Elmar Brähler , Peter Joraschky
Der Dresdner Körperbildfragebogen (DKB-35): Validierung auf der Basis einer klinischen Stichprobe
The Dresden Body Image Inventory (DKB-35): Validity in a Clinical Sample
Psychother Psychosom Med Psychol 2014; 64(03/04): 93-100
DOI: 10.1055/s-0033-1351276
www.thieme-connect.com/…
Francoise Dolto (2023):
The unconscious Body Image
Routledge 2023,
www.routledge.com…
Klick ins Buch (Google)
Frankfurter Körperkonzeptskalen (FKKS)
www.testzentrale.de/shop/…
Thomas F. Cash et al. (Old Dominion University, Norfolk, Virginia, USA):
Body Image in an Interpersonal Context: Adult Attachment, Fear of Intimacy and Social Anxiety.
Journal of Social and Clinical Psychology: Vol. 23, 1 Special Issue: Body Image and Eating Disorders: Influence of Media Images, pp. 89-103
doi: 10.1521/jscp.23.1.89.26987
guilfordjournals.com/doi/abs/10.1521/jscp.23.1.89.26987
Francoise Dolto:
The Unconscious Body Image
Routledge, 2022
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 5.12.2020
Aktualisiert am 15.5.2023
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Träume sind eine Verdichtung von vielen Eindrücken, Gefühlen und Erfahrungen. Manche Kinder haben eine Alptraum-Figur, von der sie immer wieder träumen. Diese Alptraumfigur kann uns auch noch als Erwachsene begleiten. Diese Horrorfigur ist so etwas wie der böse Wolf, ein „Monster“, ein „schwarzer Mann“. Er hat vielleicht große Zähne, abstehende Haare, lange Finger. Er verfolgt uns im Traum, wir fühlen uns ihm ausgeliefert. Diese Figur ist oft eine Zusammensetzung aus vielen Eindrücken, die uns Angst gemacht haben. Weiterlesen
Mit leisem Summen öffnet sich das Tor. Der Junge empfängt mich freundlich. Ich darf mit in den riesigen Garten kommen. Kinder springen in den Pool, doch sie werden ermahnt, das Wasser zu verlassen, weil Blitz und Donner nahen. Es ist schwül. Wir setzen uns an den reich gedeckten Kaffeetisch und genießen die Luft. „Was ist an Deinem Leben luxuriös?“, frage ich den Jungen. „Dass meine Eltern sich lieben, dass beide mich lieben, dass sie für mich da sind und mich ernst nehmen“, antwortet er. Weiterlesen
„I fall in love“ heißt es, wenn wir uns verlieben. Auf englisch sagt man zu „schwanger werden“ auch „to fall pregnant“. Wenn wir fallen, dann geschieht uns etwas. Mitunter träumen wir in Alpträumen vom Fallen. Als ich einmal eine für mich sehr wichtige Beziehung zu Ende ging, träumte ich, dass sich die Holzpanelen vom Boden hochhoben und darunter ein tiefes Loch sei, in das ich fallen könnte. Die Tiefe ist körperlich spürbar. Wir spüren sie vielleicht vom Herzen an abwärts. Wenn wir fallen, scheint sich das Denken auszuschalten und die Muskeln werden schwach.Weiterlesen
Als „kataton“ (kata = griechisch: „von oben nach unten“, herab; tonus = Spannung) bezeichnet man einen Menschen, der nur noch da sitzt uns sich unter großer innerer Anspannung nicht mehr bewegt. Das kommt unter anderem bei sehr schweren Depressionen und Psychosen vor. Manchmal wippen die Betroffenen ihren Körper vor und zurück, weil das Schaukeln sie wenigstens etwas beruhigt. Manche Menschen spüren sich selbst und ihren Körper im starren Liegen oder Sitzen mehr als in der Bewegung. Weiterlesen
Alexithymie ist die Schwierigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu regulieren. Wenn wir ein Gefühl nicht wahrnehmen können, obwohl es gerade stark aktiv ist, können körperliche Beschwerden auftreten. Das Kleinkind spürt Wut vielleicht nur als „Bauchweh“ – anstatt eines Affektes hat es eine Körpersensation. Auch wir kennen das: Wir spüren Schuldgefühle, bekommen aber gleichzeitig Magenschmerzen, weil uns die Schuldgefühle zu viel sind und wir sie nicht besser regulieren können. Manchmal aber können wir unser Grundgefühl nicht erkennen oder benennen. Es kommt vielleicht zu einem Symptom (Angst, Kopfschmerz etc.), aber es fehlt die bewusste Wahrnehmung der Emotion (z.B. Wut, Neid, Schuld). Weiterlesen
„Es wird ernst“ – heißt: Es gibt kein Entrinnen mehr. Es ist real. Kein Spiel, kein Humor, kein Lockersein. Kein „Das-wird-schon-wieder“, kein „Alles-ist-möglich“. Es wird ernst. Der Boden unter den Füßen wird fest, die Blicke sind ehrlich, die Gefühle echt. Weiterlesen