Widerstand (englisch: Resistance), Übertragungswiderstand und Widerstandsanalyse in der Psychoanalyse

Sigmund Freud bezeichnete die Aktionen des Patienten, die das Weiterkommen in der Psychoanalyse verhindern, als Widerstand. Wenn Patienten „Widerstand leisten“, dann tun sie das meistens aus Angst. Wer in der Psychoanalyse seinen vorbewussten Neid oder seine Scham nicht sichtbar werden lassen möchte, der beginnt vielleicht, belanglose Dinge zu erzählen.

Dieses Erzählen von belanglosen Dingen kann insofern ein Widerstand sein, dass der Therapeut damit nichts anfangen kann. Die Entdeckung der Ängste, der ungewollten Gefühle und Phantasien wird somit zunächst unmöglich. Die Arbeit stockt, der Patient kommt nicht weiter und erhält seine Schwierigkeiten an diesem Punkt aufrecht. Der Psychoanalytiker kann zusammen mit dem Patienten über den Widerstand sprechen und versuchen, ihn zu verstehen (Widerstandsanalyse).

Erstmals erwähnt wurde der „Widerstand“ von Sigmund Freud und seinem Kollegen Josef Breuer in den Jahren 1893-1895.

Formen des Widerstands

Ich-Widerstand: Hier will sich das „Ich“ bewusst oder unbewusst vor unangenehmen Affekten schützen und leistet Widerstand vor einer Aufdeckung. Das Ich setzt typische Abwehrformen ein wie z.B. Rationalisierung, Verleugung oder Verdrängung.

Überich-Widerstand: Das Über-Ich steht für meine Moral, mein Gewissen. Es geht um Scham und Schuld. Beim Überich-Widerstand habe ich ein großes Bedürfnis, mich selbst zu strafen. Ich habe dabei ein großes Schuldbewusstsein. Typisches Beispiel: Ich strafe mich für die Weiterentwicklung und verhindere die weitere Entwicklung, weil mir die Entwicklung Schuldgefühle bereitet (vereinfacht gesprochen: Das Kind will der Mutter keinen Trennungsschmerz zumuten). Das strenge Gewissen (Über-Ich) stellt sich meinen Bestrebungen entgegen. So kommt es, dass man in der Therapie zum Beispiel immer wieder ein Weiterkommen selbst verhindert, zum Beispiel weil das Weiterkommen zu Schuldgefühlen führen würde.

Es-Widerstand: Hier geht der Widerstand vom „Es“ selbst aus und wir bekommen das Gefühl, dass uns die Dinge automatisch passieren. Wir stellen zum Beispiel unbewusst immer wieder dieselben schädlichen Situationen her und leiden unter einem „Wiederholungszwang“.

Widerstand lässt sich manchmal durch Bewegung lösen.

Wie äußert sich Widerstand?

Widerstand äußert sich in den verschiedensten Formen, z.B. als Zuspätkommen, Vergessen, das Sprechen über Belanglosigkeiten, Schweigen, überpünktliches Ankommen, Wiederholungen der Themen, Trotz, Agieren usw.

Was ist der Unterschied zwischen Widerstand und Abwehr?

Der Widerstand ist der Abwehr sehr ähnlich. Der Begriff „Widerstand“ bezieht sich jedoch auf die Psychoanalyse/Psychotherapie. Der Patient wehrt sich sozusagen gegen die äußeren Eingriffe des Therapeuten. Bei der Abwehr wehrt man sich gegen innere Regungen. Da kämpfen sozusagen innere Instanzen gegeneinander: Ich wehre z.B. die eigene Wut ab, indem ich sie auf einen anderen projiziere und dann den anderen als wütend wahrnehme. Ich wehre meine Angst ab, indem ich rationalisiere und bagatellisiere. Ich wehre schmerzliche Erinnerungen ab, indem ich sie verdränge oder verharmlose. Oft lassen sich die Begriffe „Widerstand“ und „Abwehr“ nicht trennen – das eine ist eng mit dem anderen verknüpft.

Widerstandsanalyse

Es ist nicht leicht, an sich zu arbeiten. Oftmals will man sich vor dem Therapeuten verstecken. Man hat Angst, dass unerwünschte Gefühle und Erinnerungen wieder auftauchen. Man hat Angst, verletzt zu werden – kurz gesagt: Als Patient leistet man Widerstand. Der Psychoanalytiker analysiert diesen Widerstand. Er macht den Patienten darauf aufmerksam (Konfrontation). Der Analytiker versucht zusammen mit dem Patienten zu verstehen, warum der Patient Widerstand leistet und beschreibt genau, wie der Patient das macht. Dabei muss der Analytiker sehr vorsichtig vorgehen, denn der Patient leistet ja aus guten Gründen Widerstand. Leicht können zu große Angst, Scham oder Aggressionen entstehen, wenn der Widerstand zu früh oder unempahtisch analysiert wird.

Übertragungswiderstand: Wenn der Analytiker dem Patienten „egal“ ist

Die Psychoanalyse lebt von der Beziehung – besonders auch von der „Übertragungsbeziehung“. Der Analytiker verhält sich relativ „neutral“ und schweigt viel, sodass im Patienten alte Erfahrungswelten neu auftuachen. Der Patient kommt in die Übertragung – er fühlt sich in der Analyse z.B. plötzlich so alleine wie damals als Kind bei den Eltern. Er erlebt den Analytiker dann z.B. als ebenso unnahbar und übergriffig wie er damals den Vater erlebt hat. Der Patient „überträgt“ dem Analytiker die Rolle des Vaters. Diese Übertragung kann jedoch ausbleiben. Der Patient fühlt dann z.B. „nichts“ in Bezug auf den Analytiker. Vereinfacht gesagt „weigert“ er sich, eine Verbindung zum Analytiker einzugehen, weil seine Angst zu groß ist, wieder in das für ihn schreckliche Gefühl der Abhängigkeit zu gelangen. Natürlich ist es aber ein enges Wechselspiel, sodass auch Widerstände und Ängste im Analytiker eine Übertragung erschweren können.

Im Übertragungswiderstand entwickelt der Patient keine Neugier auf den Psychoanalytiker und er geht aufgrund von Angst keine emotionale Bindung mit ihm ein. Er will unabhängig bleiben. Meistens sind die Patienten aufgrund unbewusster Hindernisse im „Übertragungswiderstand“. Sie können sich grundsätzlich an den Analytiker binden, aber sie wollen es unbewusst verhindern. Bei manchen Patienten kann der Übertragungswiderstand so groß sein, dass die Frage auftuacht, ob es sich wirklich um einen Widerstand handelt, oder ob die Patienten keine Übertragungsbeziehung zum Analytiker eingehen können.

Beispielsweise weichen alkoholkranke Menschen oft der Beziehung aus. Sie wenden sich nicht einem anderen Menschen, sondern stattdessen dem Alkohol zu. Die Sucht wirkt dann wie eine „innere Umleitung“ weg vom anderen Menschen hin zum Alkohol. Manchmal könnte man dann meinen, es gäbe so etwas wie eine „grundsätzliche Bindungsunfähigkeit“.

Die Übertragung kann sich verändern

Es gibt Übertragungsgefühle, zu denen der Patient stehen kann. Es ist leicht, zu einem Analytiker zu gehen, den man als „guten Vater“ erlebt. Es gibt aber auch Übertragungsgefühle, die ungewollt und unangenehm sind. So ist es für den Patienten zum Beispiel unangenehm, sich in seinen Analytiker zu verlieben oder während der Sitzung sexuelle Erregung zu verspüren. Das wird als gefährlich und peinlich erlebt. Eine Liebesbeziehung zum Analytiker ist genauso tabu wie zum eigenen Vater. Wenn Neid, Hass, Eifersucht, Enttäuschung oder vieldeutige Träume auftauchen, wird es ebenfalls schwierig. „Böse“ Gefühle und Gedanken mag der Patient ebenso wenig fühlen wie Schwäche und Abhängigkeit. Er möchte darüber weder nachdenken noch reden. Daher geht er in den „Widerstand“.

Nach einer Kindheit mit gewalttätigen Eltern ist die Beziehung zum Analytiker oft besonders schwierig – er wird oft als bedrohlicher Angreifer erlebt. Menschen mit schweren Angststörungen haben leicht Angst, der Psychoanalytiker könnte sie „verrückt“ machen – daher vermeiden sie die tiefere Beziehung zu ihm.

Ablenkung ist die beste Verteidung

Der Patient wehrt seine ungewollten Gefühle und Wünsche ab und will verhindern, dass diese Gefühle in der Analyse zum Vorschein kommen. Daher beginnt er, von seinen Gefühlen abzulenken, denn wenn offensichtlich würde, was in ihm vorgeht, würde er sich vielleicht schämen. Er fängt an, in der Therapiestunde Widerstand zu leisten. So lenkt er zum Beispiel ab, indem er irgendwelche Probleme heraufbeschwört, die er in der Psychoanalyse-Stunde besprechen kann. Zum Beispiel provoziert er einen Streit mit seiner Partnerin, um das echte Problem, das er mit dem Psychoanalytiker hat, zu umschiffen.

Dieser Widerstand gegen das Auftauchen der „echten“ Gedanken, Gefühle und Wünsche in Bezug auf den Analytiker nennt sich „Übertragungswiderstand“ (was man manchmal auch mit „Beziehungswiderstand“ bezeichnen könnte). Mithilfe der „Widerstandsanalyse“ lässt er sich häufig verstehen und in verschiedenen Graden auch auflösen.

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 14.12.2013
Aktualisiert am 9.9.2024

6 thoughts on “Widerstand (englisch: Resistance), Übertragungswiderstand und Widerstandsanalyse in der Psychoanalyse

  1. Dunja Voos sagt:

    Das freut mich, lieber Bernhard. Vielen Dank für Ihre Rückmeldung!

  2. bernhard sagt:

    Danke für Ihre ausführliche Antwort, liebe Frau Voos!

    Was Sie schreiben ergibt mal wieder großen Sinn für mich und viele Ihrer Aussagen fühlen sich sehr treffend an!

  3. Dunja Voos sagt:

    Lieber Bernhard,
    vielen Dank für Ihre Frage. Inwiefern das überpünktliche Ankommen als Widerstand gedeutet werden kann, das kann nur in der gemeinsamen Arbeit herausgefunden werden. Vielleicht kämpft die Patientin gegen ihre unbewusste Abneigung vor der Stunde an. Vielleicht will sie gar nicht kommen. Vielleicht hat sie furchtbare Angst vor dem Analytiker und möchte schon vor der Stunde die Kontrolle gewinnen. Vielleicht ist es ihre Art, den Analytiker zu nerven, um ihre Wut auf ihn loszuwerden. Vielleicht bereitet ihr das ohnmächtige Warten, bis die Tür aufgeht, Qualen, sodass sie vielleicht auch dringend zur Toilette muss. Vielleicht ist es Winter und es geht um Phantasien des Alleingelassenwerdens, Erfrierens und Nicht-Versorgtwerdens. Die Möglichkeiten des Verstehens sind hier sehr zahlreich.
    Viele Grüße,
    Dunja Voos

  4. bernhard sagt:

    Liebe Frau Dr. Voos,

    können Sie mir erläutern, inwiefern das überpünktliche Ankommen des Analysanden als Widerstand zu deuten ist?

  5. Dunja Voos sagt:

    Liebe Adele,
    als Analysand kann man schon mal verzweifeln, wenn man den eigenen Widerstand spürt. Wenn man bemerkt, wie hartnäckig der Widerstand ist, taucht Hoffnungslosigkeit auf und die bange Frage, ob man „es“ jemals schaffen wird. Häufig sind ja Angst und Scham der Grund für den Widerstand. Manchmal ist es auch ein „Noch-nicht-Verstehen“. Auch die Beziehung zum Analytiker spielt natürlich eine Rolle. Vertraut man ihm? Wie einfühlsam/kompetent ist er oder wie erlebt man ihn? Wie ist das Verhältnis zu ihm? Welche Übertragungen sind gerade am Werk? Wenn es nach und nach gelingt, die Angst zu reduzieren, lässt sich der Widerstand häufig überwinden. Das kann manchmal plötzlich gehen, manchmal Jahre dauern, manchmal auch erst bei einem anderen Analytiker gelingen, weil man plötzlich neue mögliche Ursachen für den Widerstand entdeckt. Doch keine Eile – die „Widerstandsanalyse“ selbst ist meistens eine sehr wertvolle Arbeit. Immer versuchen, die Hoffnung zu behalten oder sie wiederzufinden.

  6. Adele sagt:

    Was macht man wenn der Widerstand zu groß ist. Ist die Therapie dann zum Scheitern verurteilt. Wie kann kann man den Widerstand überwinden? Das ist die Frage die ich mir als Analysand stelle.

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