Ich bin auch alleinerziehend – mein Mann kommt immer erst um 20 Uhr nach Hause
Es gibt wohl kaum eine alleinerziehende Mutter, die diesen Satz nicht schon mal gehört hat: „Mein Mann kommt immer erst spät nach Hause – ich bin sozusagen auch alleinerziehend.“ Ich antwortete dann meistens: „Die Tage sind nicht das Problem. Erst in der Nacht spürt man die Last.“
Alleinerziehend zu sein ist deshalb oft so anstrengend, weil abends eben niemand nach Hause kommt. Nach einem anstrengenden Tag fällt man totmüde ins Bett. Und wird vielleicht mitten in der Nacht geweckt, weil das Kind spuckt oder mit Fieber aufwacht. Nachts kommen die Geldsorgen, die Sorgen um die Konflikte mit dem Vater, die Gefühle des Alleinseins und Überfordertseins. Es ist das leere Bett, das schmerzt.
„Ich bin jetzt auch alleinerziehend“, erzählte mir eine Bekannte. „Ich war noch nie so ferienreif.“ So geht es natürlich nicht allen Alleinerziehenden – viele sind in so belastenden Beziehungen, dass sie es als echte Befreiung empfinden, wenn die Trennung vollzogen ist. Viele gewinnen dann ganz neue Kraft und freuen sich, dass abends niemand nach Hause kommt. Doch auch sowas kommt vor:
„Ich möchte mich bei dir entschuldigen“, sagt die Freundin. „Bevor ich ‚wirklich‘ alleinerziehend war, wusste ich nicht, wie schwer das sein kann. Aus heutiger Sicht empfinde ich es als Luxus, dass mein Mann damals abends nach Hause kam.“
Zwar seien Alleinerziehende gut vernetzt, heisst es, doch die meisten schweren Entscheidungen muss die Alleinerziehende eben ganz alleine treffen. Die alleinerziehende Mutter schleppt die Sprudelkästen, bringt die Lampen an, hat eine Bohrmaschine, geht zum TÜV, zum Winterreifenwechsel, mit dem Kind zur Vorsorgeuntersuchung, zum Zahnarzt, zu Ämtern, Elternabenden, Einschulungsveranstaltungen.
Fühlt sich die Mutter selbst einmal krank, dreht sich alles um die Frage: „Was soll ich tun? Wenn ich einen Krankenwagen rufe – was passiert dann mit dem Kind? Wer bringt es morgen zur Schule? Wie erkläre ich meinem Kind, dass ich krank bin und nicht aufstehen kann?“ Die Lösung ist meistens sehr einfach: Die Mutter entscheidet sich, gesund zu sein, steht auf und funktioniert. Sie darf nicht ausfallen. Noch mehr als auf andere Menschen trifft auf sie der Satz von Katrin Schmick (alias ehemaliger Gesundheitsministerin Ulla Schmidt) zu: „Bleiben Sie gesund – anders wär‘ nämlich schlecht.“
Zu viel Freizeit tut Alleinerziehenden nicht gut
Also wie soll ich sagen? Natürlich tut ein Abend am See oder im Biergarten gut. Natürlich ist es schön, wenn man keine Schulbutterbrote schmieren muss und vielleicht sogar länger schlafen kann. Aber für viele Alleinerziehende stellen sich in jeden Ferien aufs Neue altbekannte Probleme ein. Man fährt von Hundert auf Null, wenn die Kinder beim Vater sind. Die Ferien ermöglichen es zwar, sich einmal das Gehirn durchpusten zu lassen und die Zeitung zu lesen, doch es sorgt auch für Einsamkeit und Lähmung.
Nicht wenige Mütter haben nie Erholung, weil es keinen Vater (bzw. kein anderes Elternteil) gibt. Bei vielen muss die Arbeit auch in den Schulferien weiter gehen, denn sie arbeiten selbstständig, weil sich eine Festanstellung mit dem Alleinerziehen oft nur sehr schwer vereinbaren lässt. Die Anspannung bleibt.
Alleinerziehende sind schon im Alltag meistens erschöpft und angespannt. Was sie oft gelernt haben, ist, sich der Mühle hinzugeben. Viele können die unzähligen notwendigen Arbeitsschritte so gestalten, dass sie darin quasi meditieren. Die vielen Termine und Arbeitspunkte können wirken wie ein Korsett – negativ, weil’s zu eng ist, aber auch positiv, weil ein Korsett Halt gibt. Wenn man „im Tritt“ ist, ist die Erschöpfung geringer als wenn die Schritte ungleichmäßig werden. Das wäre auch bei einer langen Wanderung so.
„Ach bleib‘ doch noch!“
So manche Alleinerziehende lässt sich überreden, jetzt doch mal länger auf zu bleiben und die Sommernachtsfeste zu genießen. „Ist ja auch schön“, denken sich viele, während sie doch nervös mit den Händen spielen, weil sie denken: „Eigentlich müsste ich jetzt am Schreibtisch sitzen.“
Und dann kommt am nächsten Tag die Gewissheit, dass die Arbeit nicht getan wurde. Es waren keine Heinzelmännchen da. Was erschöpft, ist nicht die getane Arbeit – es ist die Arbeit, die vor einem liegt.
Bei Alleinerziehenden ist die Erschöpfung dann am geringsten, wenn sie in allem einen Mini-Schritt voraus sind: wenn die Wäsche etwas früher gewaschen werden konnte, obwohl der Korb noch nicht ganz voll war. Wenn das Auto beim TÜV war, obwohl man noch zwei Monate Zeit gehabt hätte. Wenn die Zahnarztvorsorge schon stattgefunden hat, kurz bevor der Termin fällig geworden wäre.
Dieses „Immer-ein-bisschen-Vor-Sein“ hilft vielen Alleinerziehenden, denn dann haben sie das Gefühl, einen Puffer zu haben. Etwas vorschlafen ist wichtig, weil Alleinerziehende immer einberechnen müssen, dass das Kind nachts kotzt oder die Kinder sie mit Husten und Alpträumen wecken.
Wenn der Alltag geregelt ist, ist mehr oder weniger alles gut. Entfällt der Alltag und gibt es mehr Freizeit-Verlockungen, kann alles ins Wanken geraten. Manche Alleinerziehende fühlen sich, als hätten sie einen Kater, ohne etwas getrunken zu haben. Die Nachwehen der „zu vielen Freizeit“ schlagen auf’s Gemüt, weil man mit der Arbeit rasch nicht mehr nachkommt oder man sich plötzlich wie gelähmt fühlt und gar nichts mehr tun kann.
Auf Urlaubsreisen liegt die ganze Verantwortung auf einer Person (wenn man denn alleine mit den Kindern fährt) – pünktlich die Busse, Züge, und Flieger zu erreichen, ist mühselig. Reiseunterlagen und Pässe zusammenzuhalten, erfordert Konzentration. Alleine mit dem Kind in den Urlaub zu fahren, heisst oft: möglichst selbst gesund bleiben zu müssen, das Kind gesund zu halten, die Stimmung durch gute Unterhaltung und rechtzeitige Mahlzeiten aufrecht zu erhalten – und dabei nie sagen zu können: „Halt mal kurz das Kind, ich muss zur Toilette.“
Wie konnte ich mich bloß freuen?
Und schon bald ist nur noch schwer nachzuvollziehen, warum die Freude auf die Ferien so groß war. Die Anspannung ist immer noch da, die Unregelmäßigkeiten, Organisationsprobleme, Verdienstausfälle und hohen Kosten der Ferien machen unruhig, Und so manches Mal freut man sich dann schon auf das 20. Schulbutterbrot der Zukunft, denn dann kann es sein, dass man endlich wieder in der Struktur ist, in der man am besten funktioniert.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
- Das Alleinerziehendengefängnis
- Kann man als Alleinerziehende Psychoanalytikerin werden?
- Immer im Dienst
Buchtipp:
Dunja Voos:
Ich hab dich lieb, Mama. Neue Kraft gewinnen, das Kind liebevoll begleiten (für Mütter): amazon
und:
Die Sorgen der Alleinerziehenden. Warum Lösungen nicht immer die Lösung sind. amazon
Beitrag vom 8.6.2026 (begonnen am 1.7.2013)
VG-Wort Zählpixel d6b3cb6312f54340a84def6389ad213b
2 thoughts on “Ich bin auch alleinerziehend – mein Mann kommt immer erst um 20 Uhr nach Hause”
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
Ist vielleicht aber auch als wenn man Äpfel mit Birnen vergleichen möchte. Jede Konstellation hat Vorteile aber auch schwere Seiten. Wem es da jetzt im Allgemeinen schlechter oder besser geht lässt sich so pauschal wohl nicht sagen und macht auch keinen Sinn.
Die Frau, die darunter leidet, dass ihr Partner defacto dich nicht da ist fühlt sich sicher allein und hat mit dem Problem zu kämpfen, dass da wenig Verbindlichkeit ist. Das ist einfach eine andere Dimension des seelischen Schmerzes.
Ja. Und selbst die Frauen, deren Männer die ganze Woche in einer anderen Stadt arbeiten und die denken, das wäre schon schwer (was es zweifellos auch ist), können sich nicht vorstellen, wie es ist, immer alles alleine zu machen. Nicht weil alleine machen schlimm ist, sondern weil die Last der Verantwortung so schwer wiegt. Und niemand da ist, einen zu stützen.