Neid – Gefühle erklärt für Kinder (aber nicht nur)

Warst du schon einmal neidisch? Bestimmt kennst du dieses Gefühl – es sticht und tut weh. Vielleicht bist du neidisch, weil dein Freund einen liebevollen Vater hat, den du selbst nicht hast. Vielleicht hat deine Freundin immer schönere Klamotten oder bessere Noten als du selbst. Oft beneidet man solche Menschen, die einem ähnlich sind und wo es sein kann, dass man selbst einmal das schafft oder bekommt, was der andere hat. Man ist also eher auf seinen besten Freund neidisch als zum Beispiel auf einen echten Prinzen, weil man den sowieso nicht erreichen kann.
Neid ist aber nicht nur eine Sache, die im Kopf passiert. Neid kann auch etwas mit dem Körper machen – man sagt zum Beispiel: „Der wird blass vor Neid“ oder „grün vor Neid“. Wenn man gerade sehr neidisch ist, kann sich also die Durchblutung verändern, oder man fühlt den Neid als einen „Stich ins Herz“ oder als ein drückendes Gefühl im Magen. In vielen Geschichten und Filmen werden die Menschen, die neidisch sind, oft als besonders dünne und magere Menschen dargestellt. Neidisch ist man, wenn man von etwas zu wenig bekommen hat: von Sachen, von Erlebnissen, von Liebe und Zuneigung. Je schlechter es einem geht, umso neidischer kann man werden.
Neid kann Einsamkeit verstärken
Manchmal wird der Neid so groß, dass man nicht mehr mit den anderen zusammensein mag, weil man immer denkt, den anderen geht es so viel besser als einem selbst. Das kann ganz schön einsam machen. Wenn man es schafft, mit anderen trotzdem etwas zusammenzumachen, obwohl man so neidisch ist, kann es einem aber auch wieder besser gehen. Vielleicht merkt man, dass es den anderen auch nicht immer so gut geht, wie man dachte. Oder der andere ist so nett zu einem, dass man sich über das Zusammensein freut. Dann kann der Neid kleiner werden.
Neid auf Dinge, die der andere tut
Oft ist man gar nicht auf die Sachen von anderen Leuten neidisch, sondern auf Dinge, die die anderen tun können. Vielleicht beneidest du in den Ferien die Leute, die in den Urlaub fahren, während du selbst zu Hause bist und dich langweilst. Vielleicht fühlst du den Neid in deinen Augen, weil du am liebsten weinen würdest vor Neid. Neid ist wie eine Wut auf das, was der andere hat und man selbst nicht hat.
Neid auf die Gefühle von anderen
Manchmal ist man neidisch, ohne zu wissen, warum. Das passiert oft dann, wenn es um Neid auf Gefühle geht. Stell dir vor, du könntest toll schwimmen, aber du kannst nicht so richtig stolz auf dich sein. Und dann gibt es neben dir jemanden, der vielleicht gar nicht so toll schwimmen kann, aber der damit zufrieden ist. Dann wird man wütend auf den anderen und findet, dass der ganz schön angibt. Vielleicht erkennt man aber irgendwann das: „Ich bin neidisch auf den anderen, einfach, weil der zufrieden sein kann.“
Neid, weil andere geliebt werden
Manchmal fühlt man sich auch ungeliebt. In Zeiten, in denen die Eltern einen nicht gut behandeln, meint man, dass die Geschwister oder Freunde viel mehr geliebt werden als man selbst. Vielleicht hast du auch keine Geschwister und beneidest andere einfach darum, dass sie Geschwister haben. Das ist ein sehr großer Schmerz. Manchmal können einem dann aber andere liebevolle Menschen Mut machen und Kraft geben, zum Beispiel ein Lehrer, eine Nachbarin oder eine Oma. Und wenn keiner da ist? Dann muss man sich gute Menschen suchen.
Wenn es einem ganz schlecht geht, kann man zum Beispiel die Telefonseelsorge anrufen: 0800/111 0 111.
Bücher können trösten
Manchmal macht es auch Mut, wenn man Geschichten über andere Kinder in Büchern liest. Kennst du das Märchen vom „Aschenputtel“? Aschenputtel ist ein Mädchen, deren Mutter gestorben ist und die dann in eine Stief-Familie kommt. Dort hat sie eine Stiefmutter und zwei Schwestern, die immer gemein zu ihr sind. Alle sind gemein, weil sie spüren, dass Aschenputtel eine innere Kraft hat, die sie selbst nicht haben. Die echte Mutter von Aschenputtel und ihr Vater hatten sie sehr geliebt und diese Liebe, die Aschenputtel abbekommen hat, kann man immer noch spüren. Diese Liebe fehlt den Stiefschwestern und deswegen sind sie neidisch auf Aschenputtel, obwohl Aschenputtel immer nur hart arbeiten muss und dreckige Kleider trägt.
Neidisch, obwohl es dem anderen schlecht geht
Vielleicht kennst du auch den Spruch: „Man gönnt dem anderen noch nicht mal den Dreck unter den Fingernägeln.“ Damit ist gemeint, dass man einen anderen so sehr beneidet, dass man ihn sogar noch um das Schlechte beneidet, das er hat. Man glaubt, dass es dem anderen immer noch besser geht als einem selbst, obwohl der andere gerade so viel Pech hat.
Angst vor dem Neid der anderen
Manchmal hat man auch Angst davor, dass ein anderer neidisch werden könnte. Das kann zum Beispiel passieren, wenn man einen anderen sehr gerne hat, aber merkt, dass es dem anderen selbst nicht so gut geht. Dann will man dem anderen nicht wehtun. Das ist eigentlich auch in Ordnung, aber manchmal kann das zum Problem werden.
Manche Kinder haben Eltern, die zum Beispiel in einem Beruf arbeiten, den sie nicht mögen. Doch die Eltern hatten kein Geld, um den Beruf zu lernen, den sie wirklich wollten. Darunter leiden die Eltern manchmal. Sie werden dann vielleicht neidisch und nörgeln viel mit einem herum. Wenn man selbst gut in der Schule ist und viel lernt, hat man vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil es einem besser geht als den Eltern.
Manche Kinder werden dann sehr vorsichtig und schaffen nicht das, was sie eigentlich schaffen könnten. Oder sie tun nicht das, was sie gerne tun würden, weil sie glauben, dass sie damit die Eltern schonen könnten. „Die Eltern oder andere Leute sollen bloß nicht neidisch werden“, denkt man. Aber manchmal muss man den Eltern eben auch etwas wehtun, um selbst weiterzukommen. Die meisten Eltern sind manchmal auch neidisch auf ihre Kinder. Aber damit müssen sie selbst fertig werden – sowas müssen die Eltern dann eben mit ihren Freunden besprechen.
Den Neid der anderen genießen
Es gibt Menschen, die wollen immer die Besten sein. Sie genießen es sehr, wenn andere sie beneiden. Sie tun auch alles dafür, dass andere sie beneiden: Sie ziehen tolle Sachen an und geben damit an. Das tun sie aber in Wirklichkeit deshalb, weil sei das Gefühl haben, dass sie eigentlich nicht gut genug sind. Sie wollen sich dadurch ein gutes Gefühl holen, indem sie andere neidisch machen. Sie selbst tun so, als wären sie nie neidisch – sie tun so, als wären sie nur cool. In Wirklichkeit aber sind sie selbst natürlich auch neidisch auf andere. Erst, wenn es ihnen wieder besser geht und wenn sie merken, dass sie einfach so wertvoll sind und geliebt werden, dann brauchen sie es nicht mehr so sehr, dass andere sie beneiden. Und wenn du selbst einmal merkst, dass du beneidet wirst? Dann stellst du vielleicht fest, dass du es auch geniessen kannst.
Gutes suchen und finden. Neid wird umso kleiner, je wohler man sich selbst fühlt. Dazu gehört, dass man sich andere Menschen und Freunde sucht, die einen gut behandeln. So kann man sich dann auch selbst gut behandeln. Wenn ein anderer sieht, welchen Schmerz man selbst hat, fühlt man sich gleich besser – und umgekehrt: Du kannst davon ausgehen, dass auch der andere seelische Schmerzen hat, auch, wenn er es vielleicht nicht zeigt.
Maligner und benigner Neid
Bei malignem Neid kommt das Gefühl auf, selbst defizitär zu sein. Man möchte den anderen einfach niederreißen (Van de Ven, Zeelenbeg & Pieters, 2009). Während beim benignen (gutartigen) Neid der positive Antrieb besteht, so zu werden wie der andere oder das zu erreichen, was der andere erreicht hat, ist der maligne Neid von Gefühlen der Minderwertigkeit und Feindseligkeit geprägt. Ob man nun gutartigen oder malignen Neid entwickelt, hängt zum Einen davon ab, ob man es für möglich hält, das Wünschenswerte zu erreichen, zum Anderen hängt es aber auch von den Beziehungen ab, in denen man lebt. Wenn wir in guten Beziehungen leben, fühlen wir uns weniger fehlerhaft und neigen nicht so sehr zu „malignem“ Neid.
Neid und Eifersucht – ist es nicht das Gleiche?
Manchmal wissen wir nicht, für welches Wort wir uns entscheiden sollen: Sind wir neidisch oder eifersüchtig? Das ist meistens dann der Fall, wenn es um Beziehungen geht: Wir sind neidisch auf den anderen, dass er von einer weiteren Person geliebt wird, wird sind aber auch eifersüchtig, weil wir von ihm selbst geliebt werden wolllen. Der Unterschied zwischen Neid und Eifersucht: Neidisch kann man im Verhältnis 1:1 sein, ich brauche nur einen anderen Menschen, um neidisch zu sein. Bei der Eifersucht „trianguliere“ ich – hier brauche ich eine dritte Person. um eifersüchtig zu sein. Zwei „wetteifern“ um Einen.
Neid ertragen – die höchste Stufe der Kraft
Da ist der große Bruder. Er ist nicht beschnitten, während man selbst immer zu kurz kam. Direkt nebenan ist die alte Schuldfreundin, die die teure Ausbildung machen durfte, während die eigenen Eltern kein Geld hatten. Da ist die Freundin, die schwanger wird, während man selbst nicht weiß, ob man jemals schwanger werden kann. Da ist die Nachbarin, die Enkelkinder bekommt, während das eigene Kind vor Jahrzehnten den Kontakt abgebrochen hat. Da sind die anderen Menschen, die eine gute Mutter hatten und einen Lebensbeginn ohne Gewalt erlebten. Neid ist eine Mischung aus Wut über denjenigen, der Neid auslöst und Trauer über den eigenen Mangel. Neid ist oft auch verbunden mit einem Trennungsgefühl oder dem Gefühl des Ausgeschlossenseins, das oftmals als Verzweiflung erlebt werden kann.
Der eine muss früh sterben, während der andere weiter leben darf. Oder der andere darf früh sterben, während man selbst weiter leben muss. Neid wird früh geboren. Der Beneidete ist dem Neider ganz nah. Man selbst wird alt und mit einem werden es die, die einen besseren Start hatten und besser alt werden. Bitterkeit macht sich im Magen breit. Es ist eine der größten menschlichen Übungen, diese Bitterkeit selbst zu lindern und von der Messerklinge des scharfen Neids herunterzurutschen.
Neid ist kompliziert
Neid ist besonders in engen Beziehungen sehr kompliziert. Sagt der andere: „Mir geht es gut, wenn Du bei mir bist“, dann kann das schon schwierig werden. Wenn es dem anderen nämlich immer sowieso schon gut geht, während es mir selbst tendenziell eher schlechter geht, dann möchte man selbst nicht noch der Grund dafür sein, dass es dem anderen noch besser geht. Wenn ich dann Kopfschmerzen bekomme und das gemeinsam geplante Konzert ins Wasser fällt, geht es wenigstens beiden wieder schlechter.
Neid-Beispiel einer jungen Mutter, die nicht stillen kann
Eine junge, sehr übergewichtige Mutter, ist selbst immer zu kurz gekommen. Wenn sie nun ihr Neugeborenes stillt, dann gibt sie etwas von sich ab. In ihrer Vorstellung erhält das Kind nun reiche Milch, während sie selbst weiterhin psychische und emotionale Mangelerfahrungen macht. Sie bekommt Still-Probleme. Als ihr beim Besuch der Hebamme klar wird, wie traurig und bedürftig sie selbst ist, geht es ihr besser. Die Hebamme kann ihr emotionalen Halt geben und die Milch fließt wieder besser. Vielleicht ist „Neid“ hier nicht ein ganz so passendes Wort, doch es geht in diese Richtung:
Immer wieder kann es Störungen zwischen Mutter und Kind, zwischen Versorger und Versorgtem, zwischen Therapeut und Patient geben, weil der „Geber“ auf eine gewisse Art neidisch auf den „Empfänger“ (von Hilfe, Nahrung etc.) ist. Dann kommt es sozusagen zu einer „Gebens-Störung“. Sobald sich die Betroffenen dessen bewusst werden und selbst Zuwendung in Form von Verstehen erhalten, kann es wieder fließen und das Geben fällt ihnen wieder leicht.
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- Psychotherapieausbildung: Neid zwischen Ärzten und Psychologen
Links:
Paul Ekman:
Universal Facial Expressions
www.paulekman.com/…
Baumel, Amit and Berant, Ety (2015):
The role of attachment styles in malicious envy.
Journal of Research in Personality 55 (2015): 1-9
http://dx.doi.org/10.1016/j.jrp.2014.11.001
www.sciencedirect.com/…
Hill, SE & Buss, DM (2008):
Social comparison and envy.
In R.H. Shmith:
Envy: Theory and research: pp 73-93
New York: Oxford University Press
Klein, Melanie (1957):
Envy and Gratitude: A study of unconscious sources.
The International Behavioural and Social Sciences Library
Melanie Klein Trust (Editor) (15-Mar-2013)
amazon
van de Ven, Niels; Zeelenberg, Marcel; Pieters, Rik:
Leveling up and down: The experiences of benign and malicious envy.
Emotion, Vol 9(3), Jun 2009, 419-429
http://dx.doi.org/10.1037/a0015669
psycnet.apa.org/journals/emo/9/3/419/
Rätsel des Unbewussten – ein Podcast von Cécile Loetz und Jakob Müller
Folge 60: Neid. Verborgene Triebkraft menschlicher Beziehungen?
https://psy-cast.org/de/folge-60-…
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 19.10.2012
Aktualisiert am 4.10.2025
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5 thoughts on “Neid – Gefühle erklärt für Kinder (aber nicht nur)”
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Super!
Das fände ich ganz toll liebe Dunja! :D
Viele Grüße Saskia
Liebe Saskia,
lieben Dank dir – ja, eine wirklich gute Idee! :-)
Ich sage dir Bescheid, wenn ich’s mal realisieren sollte!
Viele Gruesse,
Dunja
Hallo liebe Dunja,
ich könnte mir ein Kinderbuch oder ein E-Book mit kleinen Geschichten in diesem Stil von dir und im psychoanalytischen Sinne, plus deinen süßen selbstgemalten Bildern dazu sehr gut vorstellen.
Wäre doch eine schöne Idee oder?
Viele Grüße Saskia
Ich (Einzelkind) hatte in meiner Kindheit einen Freund, der sehr oft neidisch auf mich war.
Meistens ging es dabei um Spielsachen und um Freiheiten, die ich zuhause hatte, er bei sich aber nicht.
In seiner Familie galt ein striktes Leistungsprinzip: Es wurde von den Kindern erwartet, dass sie die hohen Ansprüche der Eltern erfüllten, dann gab es eine Belohnung. Sonst nicht. Keine Ausnahme.
Von sich aus war das Kind in dieser Familie nicht viel wert, es musste sich seinen Wert erst verdienen.
Bei mir hingegen war es so, dass ich mit allem möglichen Zeug von meinen Eltern überhäuft wurde, was sicherlich ebenfalls problematisch war.
Auch waren meine Eltern, was das alltägliche Leben eines Kindes angeht, nicht sehr streng. Ich wurde zu keinen Freizeitaktivitäten wie Sportvereine o.ä. gezwungen.
Mein Freund ließ damals viel neidische Wut an mir aus. Er redete bei anderen schlecht über mich, belog mich oft, wirkte oft angeberisch oder stahl manchmal sogar Kleinigkeiten aus meiner Spielzeugkiste, gelegentlich rauften wir uns auch. Trotzdem war er ein Freund, der mich vom Kindergarten bis ins junge Erwachsenenalter begleitete, bis unsere Weg sich verliefen. Schon merkwürdig.
Ich habe damals natürlich nicht verstanden, warum er so neidisch reagierte. Aus heutiger Sicht ist mir klar, dass ich eventuell etwas unsensibel war, wenn ich ihm ständig mein neuestes Spielzeug vorführte, aber als Kind hat man nicht das Gespür dafür.
Ich selbst war neidisch, als in der dritten oder vierten Klasse auf einmal zwei andere Freunde mit einer Zahnspange im Mund vor der Tür standen. Bis ich ein paar Monate später selbst eine bekam, war ich extrem neidisch und kreiste in Gedanken ständig um dieses Thema.
Schon kurios.
Sehr geehrte Frau Dr. Voos,
wir bieten ihre Bücher in unserem Ladengeschäft FUNDUS in Berlin gerne und mit Erfolg an und haben sie auch bei vielen Fortbildungsveranstaltungen auf dem Büchertisch.
Gerne versenden wir sie auch portofrei zum Ladenpreis,www.buch-fundus.de für die hp oder order@buch-fundus.de für eine email würden reichen.
Und http://www.freud-club.de (noch im Aufbau) für etwas mehr historisch interessierte Zeitgenossen.
Freundliche Grüße Urban Zerfaß