Persönlichkeit und Charakter: Das Ich in der Beziehung zu mir und zu anderen
Als Persönlichkeit bezeichnet man die grundlegenden Eigenschaften eines Menschen, die sein Leben lang mehr oder weniger gleich sind. Die Persönlichkeit zeigt sich darin, wie wir unsere Welt erleben und wie wir uns verhalten. Umgangssprachlich benutzen wir oft abwechselnd die Begriffe „Charakter“ und „Persönlichkeit“ und meinen damit dasselbe: Wir wollen damit eine Person in groben Zügen beschreiben. Vereinfacht gesagt ist der „Charakter“ jedoch eher etwas Angeborenes und „Festes“, während sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens entwickelt und teilweise veränderbar ist.
Persönlichkeitsanteile entwickeln und verfestigen sich besonders durch die Erlebnisse in der frühen Kindheit. Wenn einzelne Anteile der Persönlichkeit so stark werden, dass man darunter leidet, dann hat man eine Persönlichkeitsstörung. Eine Persönlichkeitsstörung zeichnet sich dadurch aus, dass die Beziehungen zu anderen und zu sich selbst gestört sind. Zum Beispiel steht bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ein „arrogantes“ Verhalten im Vordergrund, das den Betroffenen einsam macht. Ursache ist meistens eine frühe Vereinsamung, oft noch in der Babyzeit, und oft viel Gewalterfahrung. Durch eine Psychoanalyse kann sich die Persönlichkeit verändern.
Definition der Persönlichkeit nach Otto Kernberg: „Persönlichkeit kann betrachtet werden als die dynamische Integration sämtlicher Verhaltensmuster, die sich aus dem Temperament, dem Charakter, dem internalisierten Wertesystem und den kognitiven Fähigkeiten ableiten lassen (Kernberg 1976, 1980).“ Otto F. Kernberg: Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung. Klett-Cotta 2009: S. 22
Person ist Ton: Der Begriff „Person“ hängt eng zusammen mit dem lateinischen Wort für „Ton“ = „Sonus“. Eine Per-son macht sich „durch den Ton“ bemerkbar. Der Schrei des Babys ist das erste, was wir von einem Neuling mitbekommen. Die Stimme eines Menschen zeigt uns viel von seiner Persönlichkeit. Und jeder hat seine „persönliche Note“. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) hat den Begriff „Persona“ geprägt. Damit meinte er die Idealvorstellung, die jeder Mensch von sich selbst hat. Daraus folgt die Art, wie sich der Mensch nach außen hin zeigt. Diese Person, die man den anderen preisgibt, ist die „Persona“ (lateinisch = „Maske“).
Charakter – was ist das eigentlich?
Umgangssprachlich werden „Charakter“ und „Persönlichkeit“ oft gleichgesetzt. Unter Charakter verstehen wir jedoch die mehr oder weniger unveränderlichen Eigenschaften eines Menschen. Der Begriff „Charakter“ leitet sich aus dem Alt-Griechischen ab und hat dort auch die Bedeutung von „eingeritzter Buchstabe“. Der Charakter zeigt sich direkt und wird auch manchmal mit „Temperament“ gleichgesetzt. Wenn ein Baby zur Welt kommt, können wir seinen Charakter schon am Gesichtsausdruck, am Schreien und an seiner Bewegungsfreude erkennen. Als einen „fiesen Charakter“ bezeichnen wir jemanden, der „keine Moral“ hat. Ein „guter Charakter“ ist umgangssprachlich jemand, der sein „Herz auf dem rechten Fleck“ hat.
Komplizierter drückt es der Psychoanalytiker Otto Kernberg aus: „Aus der Perspektive der Psychoanalyse sollte meiner Meinung nach der Begriff Charakter auf die Verhaltensmanifestationen der Ich-Identität angewandt werden: Die subjektiven Aspekte der Ich-Identität – die Integration von Selbstkonzept und dem Konzept von signifikanten Bezugspersonen – stellen die intrapsychischen Strukturen dar, die die dynamische Organisation des Charakters determinieren. Gleichfalls zum Charakter gehören die Verhaltensaspekte dessen, was in der psychoanalytischen Terminologie ‚Ich-Funktionen‘ und ‚Ich-Strukturen‘ genannt wird.“ (Otto Kernberg: Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung. Klett-Cotta 2009: S. 22)
Das heißt auf deutsch … Wie sich jemand verhält hängt eng damit zusammen, wie sein „Ich“ beschaffen ist. Jeder Mensch hat ein „Selbstkonzept“ – das, was wir von uns denken und halten, ist unter anderem das Ergebnis dessen, was unser Vater und unsere Mutter von uns dachten. Diese „signifikanten Bezugspersonen“ haben also einen starken Einfluss darauf, wie sich unser Charakter entwickelt. Wenn wir z.B. Eltern hatten, die uns immer angriffen, dann gehen wir davon aus, dass uns auch andere Menschen leicht angreifen. Wir entwickeln dann eine Haltung, die häufig auf „Abwehr“ programmiert ist.
Vom „Charakter“ her sind wir dann leicht kratzbürstig, bissig und misstrauisch. Wir reagieren dann oft in ähnlicher Weise, auch, wenn wir verschiedenen Menschen begegnen, weil wir innerlich quasi immer nach ähnlichen Mustern ablaufen – was wir denken und befürchten, führt zu einer speziellen Reaktion auf die Außenwelt. Es findet also psychisch so eine Art „innere Bewegung“ statt und wie wir uns verhalten, ist das Ergebnis dieser inneren Bewegungen, also das Ergebnis dessen, was wir uns vorher ausmalten, was wir dachten und erwarteten.
Andererseits ist der Charakter auch etwas Angeborenes. Er ist das „Wesen“ des Menschen – schon lange, bevor wir ein „Ich“, ein „Selbstkonzept“ oder „Repräsentanzen von nahen Bezugspersonen“ haben. charassein = griechisch: gravieren, einkerben, Furchen schneiden
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 29.7.2007
Aktualisiert am 10.12.2025