Orale Phase und Acht-Monats-Angst: Die Mimik der Mutter spielt eine besondere Rolle

Saugen, Nuckeln und das Verlangen, alles in den Mund zu nehmen steht im ersten Lebensjahr an oberster Stelle. Schon im Bauch haben wir unseren Daumen in den Mund genommen, um uns zu beruhigen. Als wir auf die Welt kamen, erkundeten wir sie mit dem Mund.

Im ersten Lebensjahr waren wir in der oralen Phase (Os = lateinisch: Mund). Geprägt wurde der Begriff von Sigmund Freud. Zunächst überwiegt das passive Bekommen. Mit dem Einsatz der Hände und mit den Zähnchen kommt das aktive Sich-Nehmen hinzu.

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Links:

Barbara Diepold:
Depression bei Kindern. Psychoanalytische Betrachtungen (PDF)

Siegfried Elhardt:
Tiefenpsychologie. 5. Der Hunger und seine Folgen. Kohlhammer-Verlag Stuttgart 2001: 76-80

Claude de Tychey und Marianne Dollander (2007):
Maternal Resilience and Chronic Depression in Mourning for a Child: A Preliminary Case-Based Analysis. Rorschachiana (2007), 28, pp. 16-35, doi.org/… , econtent.hogrefe.com/…

Hartmut Böhme und Beate Slominski (2013)
Das Orale. Die Mundhöhle in Kulturgeschichte und Zahnmedizin, amazon

René Spitz (1963/1983):
Life and the dialogue In (R. Emde, Herausgeber)/ René A. Spitz: Dialogues from infancy (pp.  147-160).
New York? International Universities Press. (Original work published 1963)

Salman Akhtar (2003)
Things: Developmental, Psychopathological, and Technical Aspects of Inanimate Objects. Canadian Journal of Psychoanalysis,11(1):1-44, pep-web.org/…

Beitrag vom 27.4.2026 (begonnen am 8.9.2012)

9 thoughts on “Orale Phase und Acht-Monats-Angst: Die Mimik der Mutter spielt eine besondere Rolle

  1. Dunja Voos sagt:

    Noch ergänzend: Das „Ende der oralen Phase“ gibt es so deutlich gar nicht. Ein Leben lang haben wir mit oralen Themen zu tun – wir müssen immer essen und trinken, wir rauchen, trösten uns mit Schokolade, nehmen Tabletten, lassen uns versorgen. Die verschiedenen Phasen (oral, anal, ödipal) gehen eher ineinander über und ergänzen sich. Sie bilden Schwerpunkte im Alter von 0-1, 1-3 und 4-6 Jahren, aber sie sind nicht strikt voneinander getrennt.
    Oft wird gesagt, Frustrationen seien entwicklungsfördernd – damit ist dann gemeint, dass man Kindern ruhig viel zumuten kann. Frustrationen sind aber nur dann in guter Weise entwicklungsfördernd, wenn die meisten grundlegenden Bedürfnisse ausreichend gestillt werden.

  2. Dunja Voos sagt:

    Liebe lilapause,
    ja, was Sie beschreiben, ist wirklich schwierig. Der Schlafmangel der Mütter ist enorm! Jedes Mutter-Kind-Paar findet wohl seine eigene Lösung. Manchen hilft es, das Baby einfach mit ins eigene Bett zu nehmen. So können dann beide einschlafen.

  3. lilapause sagt:

    Liebe Frau Voos,
    verstehe ich das richtig, dass die genannten Frustrationen auch entwicklungsfördernd sind bzw. das Ende der oralen Phase einleiten können? Ich frage mich, wie es sich auswirkt, wenn ein neun Monate altes Kind nicht mehr wie üblich in den Schlaf gestillt wird, sondern lernen soll in seinem Bettchen alleine einzuschlafen während die Mutter daneben sitzt und versucht beruhigend zu sprechen/singen. Nuckel und Kuscheltiere liegen auch im Bett, werden vom Kind auch benutzt, trotzdem weint das Kind lange, streckt die Arme zur Mutter aus und sagt auch immer wieder „Mama, Mama…“. (Aber die Mutter hat ein starkes Schlafdefizit und kann das Kind nicht mehr stündlich in den Schlaf kuscheln/stillen, weshalb sie diese Umgewöhnung/Frustration für dringend nötig hält).
    Viele Grüße

  4. Melande sagt:

    Hallo liebe Kommentar-Schreiber*innen,

    ohne dass ich alles Vorherige gelesen habe zu „orale Phase/Bedeutung von Mutter und Oralität in prägender frühen Lebensphase, usw.“ , ist mir aber klar, dass man von dem großen Erkenntnisgewinn führender Personen, wie Freund, usw., inbezug auf Ableitungen zu seiner eigenen Situation abstrahieren muss. Trotzdem bleibt für mich das Wesentliche bestehen und hilft mir sehr, weiterzukommen und Lösungen für meine (individuelle) Problemkonstellation zu entwickeln.

    Zu „Oralität“ fällt mir z.B. spontan ein:

    – Die „Mutter“ als GEBENDE
    – KONSUMIEREN (Dinge, Essen, Geld, teure Kleidung, großes Haus, großes Auto, usw.), immer nur
    HABENWOLLEN (Gib mir!! Ich brauche…..!!).

    Liebe Grüße von

    Melande

  5. Kerstin sagt:

    Hallo, was kann man Eltern raten, wenn man glaubt, dass das 8jährige Kind in der oralen Phase feststeckt.

  6. Konsti sagt:

    Hallo.

    Besonders bei einer Medizinseite würde ich mir wünschen dran zu denken, dass 1. Die Mutter nicht immer die nächste Bezugsperson ist und damit alle Probleme des Kindes auf die Mutter zurück zu führen sind (das ist vllt bei Freud selbst so gewesen aber entspricht nicht der Realität), dass 2. es nicht immer eine Mutter gibt (schwule und queere Eltern) und dass 3. Die stillende/gebährende Person nicht immer eine Frau oder die Mutter ist, es gibt auch trans Personen z.b. trans Männer, die Kinder gebären und stillen.
    Und ja Freud hat das so formuliert, aber Freud war selbst eine extrem problematische Person mit viel Sexismus in den Texten und davon abgesehen denke ich Texte und Theorien gehören an die derzeitige Realität angepasst und weiterentwickelt.
    Solche Texte inklusiver zu schreiben, führt dazu, dass queere und trans Elternschaft normalisiert wird und somit die Gewalt und der Hass denen diese Personen ausgesetzt wird, endlich ein bisschen weniger wird.

    Lg,

    Konsti

  7. Dunja Voos sagt:

    Liebe Goldi,
    vielen Dank für Ihre Frage. Ich denke, jede Mutter kennt es, das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben, nicht genug da gewesen zu sein, nicht „richtig“ beim Baby gewesen zu sein usw. Es ist schwer, diese Gefühle aushalten zu lernen, doch das bewusste Bedauern kann helfen. Wenn es gelingt, diese Gefühle und Vorstellungen nicht abzuwehren, sondern sie anzuerkennen, lässt die Schärfe mitunter nach. Wichtig ist es, über sich und das Kind wahrheitsgemäß nachdenken zu können und in Beziehung zu bleiben.
    Was Sie schreiben von „unbewussten Phasen beim Stillen“ könnte auch bedeuten, dass Sie oft eine träumerische Haltung eingenommen haben. Innerlich waren Sie vielleicht sehr mit sich, aber ohne es zu merken wahrscheinlich auch mit Ihrem Kind beschäftigt. Solche träumerischen Phasen sind jedoch sehr wichtig, denn dabei findet die wertvolle Kommunikation von „unbewusst zu unbewusst“ statt.

  8. Goldi sagt:

    Vielen Dank für diesen hilfreichen Text.
    Was kann ich tun wenn ich das Gefühl habe dass mein Sohn (4 Jahre) in der orale Phase „zu kurz gekommen „ ist?
    Ich war sehr mit mir & meine eigenen Themen beschäftigt & hatte lange unbewusste Phasen beim Stillen…
    Herzliche Grüße
    Goldi

  9. Dunja Voos sagt:

    Die Frage, ob die Depression genetisch vererbt wird oder ob sie von der Mutter durch ihr Verhalten weitergegeben wird, lässt sich nicht so leicht beantworten. Sicher spielen viele Faktoren eine Rolle.

    Häufig findet man eine „vorgetäuschte“ genetische Vererbung: Kinder depressiver Mütter zeigen selbst früh depressives Verhalten. Sie spiegeln die Mutter und nehmen psychisch auf, was die Mutter ihnen vorgibt. Wenn diese Kinder jedoch – z.B. in einer Therapie – neue Beziehungserfahrungen machen können, kann die Depression zurückgehen.

    Zudem weiß man heute, dass das mütterliche Verhalten auch Einfluss auf die Gene des Kindes hat. Man kann sich das etwa so vorstellen wie bei einer Schuppenflechte: Es gibt Menschen, die Gene tragen, die an der Schuppenflechte beteiligt sind. Ob die Schuppenflechte jedoch ausbricht, also ob die Gene dann auch etwas ausdrücken, hängt von vielen Faktoren ab.

    Der Vorteil dieser Sichtweise: Die Depression ist kein Schicksal, sondern kann durch neue Beziehungserfahrungen zurückgehen.

    Der Nachteil dieser Sichtweise: Auf Mutter und Vater lastet noch mehr Druck, alles „richtig“ zu machen und Schuldgefühle können dadurch größer werden. Wichtig ist es, die Eltern von den Schuldgefühlen zu entlasten. Eltern, denen es nicht gut geht, benötigen selbst Entlastung, Ermutigung und möglicherweise auch eine Therapie. So kann man der „Vererbung“ der Depression vorbeugen.

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