Hohe Frequenzen in der Analytischen Psychotherapie: Wenn Patienten weinerlich immer mehr wollen

Der amerikanische Psychoanalytiker RichardReichbart.com erzählt in seinem Buch „The Anatomy of Psychotic Experience“ (amazon), wie er als junger Student psychotische Episoden erlebte und eine Psychoanalyse begann. Er sei so verstört gewesen, dass er anfangs sieben Sitzungen pro Woche erhielt – also auch sonntags.
Auch weitere amerikanische Psychoanalytiker und Psychotherapeuten wie Danielle Knafo, Daniel Dorman oder Bertram Karon beschreiben Behandlungen von sehr schwer beunruhigten Patienten, in denen hohe Frequenzen, mitunter auch zwei Mal täglich, notwendig und sinnvoll waren. Doch als Einzeltherapeut ist man weder ein behandelndes Pflege-Elternpaar noch eine Klinik. Wenn Patienten weinerlich nach immer mehr fragen – was kann man tun?
Viele Patienten haben schon viele Klinikaufenthalte und medikamentöse Therapien hinter sich, bevor sie eine psychoanalytische Therapie beginnen. Von der Klinik mit ihrem 24-Stunden-Setting kommen sie nach Hause, wo der Kühlschrank leer ist und die Einsamkeit wartet. Oder es geht in ein betreutes Wohnen, in dem sich viele jedoch auch nicht wohl fühlen. Eine hochfrequente Psychotherapie kann ein guter Weg sein, um intelligente, wissbegierige, aber zutiefst angstvolle und oft auch sehr aggressive Menschen in ein selbstständigeres und zufriedeneres Leben zu begleiten.
Eines der grössten Probleme bei schweren psychischen Belastungen ist es, sich selbst zu beruhigen. Wer sich für eine intensive Psychotherapie statt (erneut) Klinik entscheidet, hat das Problem, mindestens 24 Stunden selbst aushalten zu müssen. Als Therapeut kann man es zur Bedingung machen, „nur“ einmal in 24 Stunden fûr den Patienten real da zu sein. Doch manchmal spürt man deutlich, dass eine zweite Stunde an einem Tag wirkliche Erleichterung bringen könnte. Doch ufert das Ganze nicht aus?
Viele Patienten kônnen in der Wartezeit richtig aufdrehen. Sie sind geplagt von namenloser Angst. Manche sind tief verzweifelt, andere drohen fast erpresserisch mit Suizid. Nicht selten kommen alte Schleifen wieder in Gang mit Anrufen der Polizei und Klinikeinweisungen. Es erfordert oft extrem viel Mut und beherztes, verantwortungsvolles Abwägen, um nicht schon wieder die Polizei oder den Rettungsdienst zu rufen.
Es hört auf
Früher sagte man, die Borderlinestörung brenne sich mit dem Älterwerden aus. So ist es meistens auch mit stürmischen Therapiebeginnen. Es kann sehr lange dauern, bis man in ruhigeres Fahrwasser gerät – wir kennen das von Schreibabys, die noch sehr lange Begleitung beim Einschlafen brauchen. Manche finden erst in der Jugend zu der Fähigkeit, sich selbst ausreichend zu beruhigen. Doch ähnlich wie ein Schreibaby kann man auch einen innerlich terrorisierten Menschen nicht einfach über längere Strecken alleine lassen, denn er kann und wird sich (zunächst) nicht selbst beruhigen.
Das Betteln des Patienten um immer mehr Stunden kann sich sehr belastend anfühlen.
Die Sorge aber, dass es immer schlimmer wird und nie mehr aufhört, kann man beiseite legen.
Zuerst sieht es aus wie eine Beziehungssucht. Süchte entstehen oft dann, wenn „das Richtige“ fehlt. Das heisst vielleicht, dass Patienten vor lauter Angst und Scham lügen und somit eine echte Beziehung kaum möglich ist. Oder dass sie sich nicht beruhigen lassen, weil sie die beruhigende Beziehung – die wie eine Bedrohung erscheint – abwehren. Oft fehlt auch etwas beruhigendes Drittes. Der Vater als „Dritter“ kann das Schreibaby oft beruhigen, weil er es aus der engen Beziehung zur Mutter „rettet“. Wenn eine Zweierbeziehung zu gefährlich wird, kann ein weiterer Mensch der Ausweg sein – selbst schon in der Vorstellung.
Wichtig ist es, dass Ich und Du zu sortieren und dem Patienten immer wieder aufzuzeigen, wo er selbst etwas macht. Seine Ängste können schnell in Aggression und Verfolgungswahn münden. Aber weil der Patient den Therapeuten „braucht“, versucht er den „bösen Therapeuten“ zu zähmen. Ähnlich wie ein Kind bei einer traumatisierten, vielleicht unberrechenbaren Mutter, wird der Patient anhänglich in dem Versuch, irgendwie eine gute Beziehung hinzubekommen. Und er ist sich der guten Beziehung nie gewiss – daher starrt er aur den Therapeuten und vergisst sich selbst. Solche Phasen können gerade am Anfang der Therapie dazu führen, dass der Patient nach immer mehr Beziehung bettelt, ohne dass es besser wird, weil die Bindungsversuche auf leere Nebenwege führen.
Ähnlich wie bei einem Schreibaby liegt auch hier die natürliche Grenze in der Kraft des Therapeuten.
Während das Baby/der Patient scheinbar unendliche Energie und Ausdauer hat, muss sich der erschöpfte Therapeut etwas überlegen. Manchmal mag einem das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ einfallen, doch sind die Methoden mit der entschiedenen Abwesenheit vielleicht doch zu brachial. Statt eines Prinzips ist es wichtig, die eigenen Grenzen und Gefühle abzuwägen. Man kann es dem Patienten erklären. Und mithilfe der eigenen Grenze kann es gelingen, auch dem Patienten mehr Ruhe zu verschaffen. Dabei das Bild zu haben, dass ES aufhören will, kann zur weiteren Beruhigung beitragen.
Für Patienten:
Vielleicht merkst Du, dass es eines der schwierigsten Dinge ist, Dich selbst zu beruhigen. Die Chance einer Psychotherapie besteht darin, dass Du auf eine gewisse Art gezwungen bist, Wege zur Selbstberuhigung zu finden. Es kann sehr hilfreich sein, offen zu sein und nach guten Menschen Ausschau zu halten, gute Texte zu lesen, sich mithilfe des Fernsehers eine Tagesstruktur aufzubauen, sich zu bewegen, zu kochen und backen und Stundenpläne zu haben, wo Du die Stunden abhaken kannst, die Du schon überlebt hast und die Du noch warten musst bis zur nächsten Stunde.
Wir müssen uns auch an den Gedanken im Leben gewöhnen, dass es auf gewisse Weise keinen Retter gibt, obwohl wir danach suchen und darauf warten. Ich meine, der Zen-Meister Muho (Youtube) hat in einem seiner unzähligen Videos einmal gesagt: „Da kommt keiner.“ Retter gibt’s auf verschiedenen Ebenen, z.B. kann ein Retter eine Foltersituation beenden. Und auch eine gute Beziehung kann zu Beruhigung und Befreiungsgefûhlen führen. Doch es gibt immer wieder Zustände des Gefangenseins in uns, für die es keine Rettung gibt. Muho spricht viel über das „Sterben auf dem Kissen“, womit er das Sterben beim Sitzen auf dem Kissen während der Zen-Meditation meint.
Quälendes psychisches Leid entsteht besonders durch quälende frühe Bindungen zu den Eltern. Wenn Du in der Psychotherapie nun eine emotional enge Bindung zum Therapeuten aufnimmst, kann es passieren, dass Du wieder inneren Terror spürst, so, wie Du ihn vielleicht von klein auf kennst. Du hast vielleicht das Gefûhl, mit Therapie geht’s nicht, aber ohne Therapeuten geht es auch nicht. Der Therapeut erscheint Dir vielleicht böse und Du weisst nicht, wie Du die Dinge einschätzen sollst.
Versuche immer wieder, Deinen Geist zu beruhigen, denn nur mit einem ruhigeren Geist kannst Du klarer sehen und weisst besser, was zu tun ist. Und vor allen Dingen weisst Du auch, was besser nicht zu tun ist. Der kleine Säugling beruhigt sich, indem er den Daumen entdeckt und daran nuckelt. Ein Leben lang können wir weitere Dinge finden, mit denen wir uns selbst beruhigen können.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
- Die Retterphantasie des Psychotherapeuten
- Wir brauchen mehr hochfrequente Psychotherapien
- Bei quälendem Suiziddruck können Dehnübungen manchmal helfen
- Autophobie – die Angst vor sich selbst
- Der Patient kommt nicht zur Stunde, weil er sich für zu gefährlich hält
- Was uns einmal beruhigt, beruhigt uns oft nicht ein zweites Mal
Links:
Andrzej Werbart & Sven Lagerlöf (2022):
How much time does psychoanalysis take? The duration of psychoanalytic treatments from Freud’s cases to the Swedish clinical practice of today
The International Journal of Psychoanalysis, Volume 103, Issue 5, Pages 786-805
Open Access
https://doi.org/10.1080/00207578.2022.2050463
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00207578.2022.2050463#d1e353
Steven Stern
Session Frequency and the Definition of Psychoanalysis
Psychoanalytic Dialogues, The International Journal of Relational Perspectives
Volume 19, 2009 – Issue 6
https://doi.org/10.1080/10481880903232058
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10481880903232058
Lindon, John A. (1994):
Gratification and Provision in Psychoanalysis Should We Get Rid of “The Rule of Abstinence”?
Psychoanalytic Dialogues, 1994, 4 (4): 549-582
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10481889409539038
Cohen, Abraham I.
Modifiations in Psychoanalysis: The double session
Psychoanalytic Review; New York Bd. 67, Ausg. 1, (Spring 1980): 69.
https://www.proquest.com/docview/1310160403