Langeweile: ein Un-Gefühl. Auch Psychoanalyse kann langweilig sein
Bist du gelangweilt, bist du zu müde zum Wachsein und zu wach zum Schlafen. Ein Sonntagnachmittagsspaziergang bei heissem Wetter kann auch zeigen: Übelkeit und Langeweile liegen nah beieinander. Wir essen, trinken, schlafen aus Langeweile. Wir warten darauf, wieder anzuspringen, doch nichts spricht uns an. Wir brauchen Resonanz. Übermäßiges Versorgtsein kann das Gefühl von Langeweile hervorrufen. Hingegen ist das Nicht-Wissen, was man morgen zu essen hat, oft das Gegenteil von Langeweile. Der Mangel ist ein Motor.
Bei Langeweile fehlt uns die Verbindung – zu uns selbst, zum anderen, zu unserer Arbeit. Nachmittage können langweilig sein, aber auch ganze Lebensphasen. Bei der Langeweile ist die Fähigkeit, zu träumen, häufig stark vermindert. Man sitzt dumm rum, dabei könnte man doch irgendetwas Sinnvolles tun. Aber alleine? Ja, auch Einsamkeit und Langeweile hängen zusammen. Ähnlich wie Müdigkeit kann Langeweile in Beziehungen die Abwehr von Aggression sein. Langeweile hat meistens mit Beziehung und Nicht-Beziehung zu tun. Aber auch, wer seine Vitalität unterdrückt, der langweilt sich.
Langeweile entsteht oft durch Deprivation der Sinne. Wer ohne Außenreize in eine dunkle Zelle gesperrt wird, entwickelt Halluzinationen. Unser Gehirn braucht Außenreize. An Langeweile kann man möglicherweise sterben. Es ist sterbenslangweilig. Oder auch stinklangweilig. Manchmal vergeht das Langeweile-Gefühl, wenn wir eine heiße Schokolade, einen Vitaminsaft oder Kaffee getrunken haben.
„Alle ham’nen Job, ich hab‘ Langeweile,
keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen Feiern,
so ist das hier im Block tagein, tagaus,
halt‘ mir zwei Finger an den Kopf und mach: bäng, bäng, bäng.“
Kids: Zwei Finger an den Kopf. Von Rapper Materia, Youtube)
Überdruß
Wenn du wo bist, wo du nicht sein willst. Wenn du nicht weg kannst. Wenn keiner an dich glaubt, wenn sich niemand für dich interessiert und du deine eigene Neugier unterdrückst, dann ist dir langweilig. Regeln langweilen, Bevormundung langweilt. Zu wenig Geld kann langweilen, wenn du deine Wünsche nicht erfüllen kannst. Du spürst die Magensäure, den faden Geschmack im Mund. Du möchtest laufen und kannst doch nicht. Abends liegst du mit unruhigen Beinen im Bett. Ist Langeweile auch eine Frage des Dopamins? Es gibt zwar Antidepressiva, aber keine Antilangweilika.
Das Schild für „Sackgasse“ ist langweilig.
„In einer Langeweile ist die Frage da, wo wir von Verzweiflung und Jubel gleich weit entfernt sind, wo aber die hartnäckige Gewöhnlichkeit des Seienden eine Öde ausbreitet, in der es uns gleichgültig erscheint, ob das Seiende ist oder ob es nicht ist, womit in eigenartiger Form wieder die Frage anklingt: ‚Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?‘“ Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik. Max Niemeyer Verlag Tübingen, 1953: S. 1 (PDF)
Es gibt kein Ziel, kein Ergebnis, kein Fest, auf das man sich freut
In der Psychotherapie wird es oft langweilig, wenn man versucht, einer Begegnung aus dem Weg zu gehen. Erzählt der Patient nur über eine Begebenheit nach der anderen und klammert er sich selbst oder den Therapeuten aus, wird’s langweilig. Und umgekehrt: Wenn sich der Analytiker nicht für den Patienten interessiert, fühlt sich der Patient wie im Leerlauf. Wenn sich beide wieder aufeinander beziehen, fühlen sich beide wie aufgeweckt. So ist es oft auch in Beziehungen: Sobald wir uns zeigen und uns für den anderen interessieren, sobald wir „wachgeküsst“ werden, geht’s bergauf. Langweilig ist uns vielleicht auch oft in klassischen Konzerten, wenn uns die Musik nicht anspricht und sich langsame Sätze bis in alle Ewigkeit ziehen.
Der langsame Satz des Mozart-Klarinetten-Konzerts ist für mich das vermusikalischte Sinnbild der Langeweile – die langen Töne ziehen sich durch meinen Unterkiefer und ich bin zu gelähmt, um wegzulaufen.
Langeweile, Abhängigkeit, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit hängen zusammen. Geldmangel kann Langeweile auslösen, weil man nichts tun kann. Das Ende der Ideen ist es langweilig. Wo bleibt die erlösende Kreativität? Manchmal verlieren wir im Beisein anderer den Mut zu unserer eigenen Kreativität. Wir meinen, sie sei irgendwie verboten. Dann wird es uns langweilig – weil wir unser inneres Leben unterdrücken.
Langeweile liegt aber eben oft auch in der Natur der Sache. Wigald Boning bringt zu seinem 1096. Badetag in Folge (X.com) „die Langeweile ins Internet“. Mit Beharrlichkeit geht er jeden Morgen schwimmen und dokumentiert seine Ausflüge seit Jahren. Unmöglich, dass jedes Video interessant sein kann. Aber auch das hängt vom Auge des Betrachters ab: Jeder wird jedes Video als unterschiedlich langweilig empfinden. Und nur der Badende selbst kann sagen, wann es ihm langweilig wird.
Zuviel davon
Langeweile kann sich summieren: Wenn wir lernen, was uns nicht interessiert, einen Beruf ergreifen, der uns nicht liegt, wenn wir mit Hartz IV zu Hause in unserer Hochhauswohnung sitzen müssen, wird’s langweilig. Der vietnamesische Fischer in seiner Nussschale, der jeden Morgen zu seinen Götterstatuen fährt („Vietnams schwimmende Dörfer“, 3SAT), langweilt sich nicht (sagt er). Auch der Schellenbauer Peter Preisig oder die japanischen Muschel-Taucherinnen (Amas) langweilen sich meistens nicht (ARD: Japans tauchende Omas). Freilerner wie Andre Stern, der immer spielt („Ich habe nie eine Schule besucht“), langweilen sich im Gegensatz zu Schulkindern nicht. Nicht? Doch, auch sie werden sich ab und an langweilen, doch der Rhythmus ist erträglich: Die erfüllende Arbeit lässt die Langeweile bald wieder abflachen.
Yoga: In ihrem Youtube-Video erklärt Geetha Kanthasamy, wie wir manchmal genügend Energie haben, uns auch relativ munter fühlen, aber es nicht nutzen können. Das kann passieren, wenn die Verteilung der Körperenergien nicht richtig funktioniert (siehe „Vyana Vayu“ ab Minute 17.56: youtu.be/iOd0MVzo9-Y). Bei Langeweile entsteht manchmal genau das Gefühl: Alle Energien sind da, wir sind munter, können uns aber nicht zu etwas aufraffen, weil es uns zu langweilig erscheint.
Werden wir müde und dürfen nicht schlafen, werden unsere Beine unruhig – wir bewegen uns ziellos, bis wir uns endlich hinlegen und einschlafen dürfen. Auch dabei empfinden wir vielleicht Langeweile: wenn wir müde sind und nicht schlafen dürfen, wenn wir gehen wollen, aber nicht gehen dürfen.
Interessant
Die Nähe zur Natur und Bewegung oder ein Handwerk sind für die Menschen, die sich damit auskennen, interessant. Ein Winter auf der Hallig kann langweilig sein, doch das regelmäßige „Land unter“ bietet immer wieder neue Eindrücke (NDR, Die Nordstory: Land unter auf Hallig Hooge). Das Vertraute macht’s weniger langweilig. Das Tonleiter-Üben und Geige-Erlernen kann langweilig sein, doch wenn man sich „durchgebissen“ und es gemeistert hat, ist es plötzlich interessant. Yoga kann mal langweilig, mal interessant sein, je nachdem, wie wir in die Meditation finden, wie satt, hungrig, müde oder ausgeschlafen ir sind, je nachdem, was uns am Tag erwartet oder welche Menschen im Hintergrund an- oder abwesend sind.
Das angenehme Gefühl von Bettschwere ist das Gegenteil von Langeweile. Daran zeigt sich, dass Langeweile auch sehr stark ein körperliches Gefühl ist. Sobald wir wieder Bettschwere empfinden können, macht uns das froh.
Interessant: Auf Französisch gibt es viele Worte für „langweilig“: ennuyeux (ähnlich wie das Englische „annoying“ = nervig, unerfreulich), assommant, fastidieux (lateinisch: fastidiosus = voller Aversion, siehe archli.com), lassant, rasant, sciant (auch: sägend), bassant, barbifant, atone (wörtlich: ohne Tonus, ohne Spannung), barbant, insipide (lateinisch: insipidus = geschmacklos, ohne Geschmack), plan-plan, tuant (zum Sterben langweilig). Immer dieselbe Leier.
Die Langeweile gehört zu Leben. Sie ist Leere oder unangenehme Fülle, Kribbeln und Einsamkeit und sie „zieht sich wie Kaugummi“. Sie ist eine graue Betonwand, sie ist „langweiliges Licht“ oder schlicht eine „langweilige Uhrzeit“, wo wir zu müde zur Aktivität und zu munter zum Nickerchen sind – für viele ist das zwischen zwei und vier Uhr morgens bzw. nachmittags.
Der Theologe Romano Guardini (1885-1968) schreibt: „Ich bin mir langweilig. Ich bin mir zuwider. Ich halte es mit mir selbst nicht mehr aus … Es gibt das Gefühl, mit sich selbst betrogen, in sich eingesperrt zu sein: Nur so viel bin ich, und ich möchte doch mehr … Immer muß ich das Gleiche. Immer stoße ich an die nämlichen Grenzen. Immer begehe ich dieselben Fehler, erfahre dasselbe Versagen … Aus alledem kann eine unendliche Monotonie kommen – ein furchtbarer Überdruß. Ganze Zeiten waren dadurch charakterisiert – und zwar solche von sehr hoher Kultur. Denken wir etwa an das französische 18. Jahrhundert, in welchem die Langeweile eine uns kaum noch verständliche Rolle spielte – so sehr, daß manche, … wie Pascal gesagt hat: ‚vor Überdruß vertrockneten‘.“ Romano Guardini: Die Annahme seiner selbst. Werkbund-Verlag Würzburg, 1962, S. 13.
Vielleicht wird etwas von dieser Langeweile sichtbar, wenn man sich Videos von „schwer reichen“ Menschen anschaut, z.B. die Serie „Keeping up with the Kardashians“ (Netflix). Auch der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (Wikipedia) zeigt die Langeweile von einer ganz besonderen Seite: Jeder Tag ist wieder derselbe Tag – bis der Held namens Phil beginnt, zu lernen, sich zu bilden und die Wege der Liebe kennenzulernen. Es ist interessant, die Langeweile zu erforschen. Was ist das für ein Gefühl? Wo im Körper spüre ich sie? Die Langeweile ist oft wie weggeblasen, wenn sich der Zugang zu unseren Gefühlen, Projekten und Wünschen wieder öffnet und wenn wir eine Aussicht auf Erfüllung haben.
Langeweile ist auch ein körperliches Gefühl: Kleine Kinder sagen manchmal, ihnen sei langweilig, kurz bevor sie sich übergeben müssen.
„Mir ist so langweilig!“ kann vieles heißen: „Ich bin beziehungslos“, „Die Welt ist mir zu sicher“, „Ich tue nicht das, was mir Freude macht“, „Ich bin nicht dort, wo ich sein will“, oder: „Ich habe heute schon zu viele ‚Neins‘ gehört.“ Auch fehlendes Interesse der anderen an mir kann Langeweile auslösen: „Niemand interessiert sich für das, was ich tue, was ich will, was ich bin.“
Es ist ähnlich wie mit der Liebe: Wir können uns selbst leichter lieben, wenn andere uns liebend anblicken. Wenn wir Kinder haben und Interesse für das aufbringen können, was sie gerade tun und für das, was sie bewegt, wenn wir Anteil nehmen, dann halten wir auch das Innere des Kindes lebendig. Das Kind wiederum interessiert sich brennend für das, wofür wir uns interessieren. Deshalb ist gekauftes Spielzeug auch viel langweiliger als das Telefon, das wir in der Hand halten.
Langeweile kann auch aus Bewegungslosigkeit heraus entstehen.
Abhängigkeit führt zu Langeweile
Manchmal fühlt man sich in einer Beziehung wie gelähmt. Man fühlt sich abhängig. Man glaubt, man könne keinen Schritt ohne den anderen gehen. Manche glauben, sie würden ihren Partner verlieren, wenn sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagten. Andere glauben, sie müssten ständig das gut finden, was der Partner gut findet, um sich seine Liebe zu sichern. Wenn man sich aber aus der Abhängigkeit löst, spürt man vielleicht, wie das eigene Leben zurückkommt. Wenn man wieder das isst, was man selbst am liebsten mag oder sich für den Arbeitsweg entscheidet, der einem am meisten liegt, dann wird die Kreativität wieder wach. Man fühlt sich wieder vital. In einer gesunden Beziehung kann man das Eigene leben, ohne den anderen zu verlieren.
Langeweile und Hunger
Langeweile kann entstehen, wenn wir auf eine unangenehme Art satt sind und nichts mehr zu wünschen übrig ist. „Was jetzt?“, fragen wir uns nach dem Essen – vielleicht aber nur nach schlechtem Essen, also z.B. nach „Fast Food“. Wenn wir ein sehr gutes Essen hatten, fühlen wir uns doch meistens selig und lehnen uns träumend zurück.
Auch bei unbemerktem Hunger und unbemerkter Müdigkeit kann Langeweile aufkommen. Während wir essen, ist es uns meistens nicht langweilig. Schon die Freude auf ein leckeres Essen kann der Langeweile entgegenwirken. Im Krankenhaus und bei Kindern zählt nur: „Wann und was gibt’s zu essen?“
Langeweile hängt auch mit Stinken und Faulen zusammen. „Mir ist stinklangweilig“, sagen wir, ebenso wie „Ich bin faul“.
Langeweile und Schlaf
Wenn ich nachts schlaflos im Bett liege, ist mir auf eine Art langweilig. Wenn aber die Bettschwere und die Schläfrigkeit kommen, ist mir überhaupt nicht langweilig. Daran lässt sich vielleicht erkennen, wie sehr die Langeweile auch ein körperlicher Zustand ist.
Studien über die Langeweile:
- Die meisten Studenten erleben mindestens einmal am Tag eine Phase der Langeweile (Harris, Mary B., 2000: Correlates and characteristics of boredom proneness and boredom. Journal of Applied Social Psychology 2000; 30: 576-598. doi: 10.1111/j.1559-1816.2000.tb02497.x)
- Hohe Gestaltungsfreiheit bei einer Aufgabe (Task Autonomy) ist verbunden mit einer Art von Langeweile, für die ein „affektiv niedriges Arousal“ (sprich: eine depressive Stimmung) typisch ist. Niedrige Gestaltungsfreiheit hingegen führt eher zu einem „affektiv hohen Arousal“ in der Langeweile, also zu Frustration. (Edwin A. J. van Hooft and Madelon L. M. van Hooff: The state of boredom: Frustrating or depressing? Motivation and Emotion, 2018; 42(6): 931–946. doi: 10.1007/s11031-018-9710-6)
- Die Neigung, Langeweile zu empfinden, hängt zusammen mit verschiedenen Faktoren. Dazu gehören: Depressionen, Hoffnungslosigkeit, wahrgenommene Anstrengung, Einsamkeit und amotivationale Orientierung. Weniger geneigt, Langeweile zu empfinden, sind Menschen, die eine hohe Lebenszufriedenheit haben und nach Autonomie streben. (Farmer, Richerd and Sundberg, Norman D., 1986: Boredom proneness: Teh development and correlates of a new scale. Journal of Personality Assessment, 50(1), 4–17. doi.org/10.1207/s15327752jpa5001_2)
- Die Neigung zur Langeweile hängt von fünf Faktoren ab: von der Art der externalen Stimulation, der internalen Stimulation, der affektiven Antwort, der Zeitwahrnehmung und der Wahrnehmung von Zwang. (Vodanovich, Stephen J., & Kass, Steven J. (1990). A factor analytic study of the Boredom Proneness Scale. Journal of Personality Assessment, 55(1-2), 115–123. https://doi.org/10.1207/s15327752jpa5501&2_11)
- Weitere Faktoren, die zu Langeweile führen können sind Monotonie, Wiederholungen, ein Mangel an Neuem, eine niedrige Identifizierung mit der Aufgabe, die Situation, zu wenig zu tun zu haben und es mit zu einfachen Aufgaben zu tun zu haben. (Loukidou, Lia et al. 2009, Van Hooff and Van Hooft 2017)
- „Because of the perceived freedom and choice, which cause internalized regulation, people may blame themselves rather than others for the lack of goal progress that boredom may signal. Self-blame and attributing failures and lack of goal progress internally are associated with depressive symptoms (e.g., Garnefski et al. 2005; Sweeney et al. 1987). For example, unemployed individuals who feel bored and have high autonomy in deciding what to do, likely experience depressed affect because they experience little purpose and progress towards meaningful goals combined with self-blame, causing feelings of dejection and worthlessness.“ (In: Van Hooff & Van Hooft, 2018)
Wo im Körper spürst du Langeweile?
„Im Hinterkopf“, sagt ein 9-jähriges Kind auf die Frage, wo im Körper es Langeweile spürt. Ein Kleinkind sagt: „Mir ist so langweilig“ und übergibt sich. Langeweile lädt zum Gähnen ein und kann ein Zeichen für Hunger sein – sie kann aber auch Hunger vorgaukeln. Während wir essen, ist es uns meistens nicht langweilig. Wenn wir in einem Raum sitzen, in dem die Luft verbraucht ist, kann uns leicht langweilig werden. Nächtliches Wachliegen ist langweilig, doch bettschwer werden, träumerisch dösen und einschlafen ist nicht langweilig. Allerdings sagt Calvin von „Calvin und Hobbes“ einmal: „I bored myself awake“ („Ich langweilte mich wach“).
„Wenn ich nachts schlaflos da liege und mich langweile, dann hört die Langeweile sofort auf, sobald ich mich auf den Boden lege“, stellte ich irgendwann mal fest. Durch den spürbaren Boden kann ich den Kontakt zu mir selbst oft wiederherstellen. Dann kann die Bettschwere kommen und die Langeweile vergeht. Manchmal hilft auch etwas Süßes.
s’ennuyer = französisch: sich langweilen, verwandt mit dem Englischen „annoying“ = „nervig“. Beide Worte wurzeln im lateinischen Wort „Odium“ = „Hass“. Langeweile heißt oft, dass ein anderer fehlt. „Jemanden vermissen“ heißt auf französisch: „s’ennuyer de quelquun“.
Selbstverleugnung: ein Grund für Langeweile in der Partnerschaft
Es ist ein herrlicher Morgen. Die Vögel singen, es ist warm und du möchtest am liebsten früh aufstehen und schwimmen gehen. Mitten im Alltag. Doch was soll der Partner dazu sagen? Er schläft noch, will gleich sein Frühstück. Seufzend legt man seinen Impuls beiseite. Was vorher lebendig war, wird begraben, vermeintlich um der Partnerschaft willen. Bei vielen Paaren, die über Langeweile in der Beziehung klagen, lässt sich feststellen, dass sie sich selbst viel zu sehr zurücknehmen, weil sie Sorge haben, ihre Wünsche könnten der Partnerschaft schaden. Impulsen nachgehen, Überraschungen erleben, Ideen verfolgen, Leidenschaft für eine Sache entwickeln – all das ist das Gegenteil von Langeweile.
Wenn man nicht allzu sehr befürchten muss, dass der andere einen an der Erfüllung eigener Lebenswünsche hindert, bleibt auch die Partnerschaft interessant – eben weil man sich selbst gefahrlos lebendig fühlen darf.
Die Luft, die uns umgibt, nehmen wir normalerweise nicht wahr. Wir atmen sie einfach ein. Wir bemerken sie aber, wenn sie sich verändert – wenn wir an der Nordsee aus dem Auto steigen, nehmen wir die Luft als etwas Wunderbares wahr. Das, was uns vorher umgab und uns nicht auffiel, wird jetzt zu einem „Gegenüber“, zu einem „Objekt“. Wir nehmen das vormals Normale als etwas Einzigartiges wahr. Die Luft umgibt uns nicht mehr einfach so, sondern wir bemerken sie. Auch in der Partnerschaft kann es solche Gefühle geben: Der andere umgibt uns einfach und wird kaum noch wahrgenommen. Doch Veränderungen machen ihn wieder sichtbar.
Die Frau will studieren, der Mann will das nicht. Der Mann will beruflich eine neue Stelle annehmen, aber die Frau will das nicht. Der andere steckt zurück „um des lieben Friedens willen“. Doch der innere Unfriede wächst. In gut funktionierenden Partnerschaften lässt sich um das jeweils Eigene leben. Jeder bleibt lebendig und wer sich selbst vital fühlt, kann auch Interesse für den anderen aufbringen. Langeweile kann also entstehen, wenn man sich selbst zu sehr aufgibt. Den eigenen Wünschen wieder zu folgen, kann die Langeweile auflösen. Das Eigene gefährdet eine gesunde Partnerschaft nicht.
Leeregefühle
Es gibt unangenehme Gefühle wie Angst, Scham, Neid, Wut, Eifersucht und Schuldgefühle – aber am schlimmsten sind wohl die Gefühle der Leere. Sich wie ein leerer Raum zu fühlen, in dem es keine Beziehungen und keinen Sinn gibt und in dem sich Langeweile und Einsamkeit wie ein riesiger Schlund öffnen, macht vielen Menschen Angst. Die meisten Menschen wollen Gefühle der Leere unbedingt vermeiden, obwohl auch sie zum Leben gehören.
Manchmal kann es leichter sein, Streit, eine Katastrophe, ein Ärgernis oder eine Panikattacke zu ertragen. Manchmal gibt es eine Schaukelei zwischen dem einen und dem anderen – da scheint entweder nur Leere oder nur lautes Chaos zu sein. Der Raum in der Mitte, in dem es Ruhe und Sättigung gibt, scheint nicht da zu sein.
„Abwesenheit ist eine Anwesenheit, die angreift.“ (Faimberg, Hayde 2005: Après-coup. Response. Int J Psycho-Anal 86: 1-6., übersetzt von Christa Rohde-Dachser in : „Schwermut als Objekt“)
Wie entstehen Gefühle der Leere?
Es gibt Kinder, die dürfen nie in Ruhe sie selbst sein. Sie dürfen nicht ihren Gedanken nachgehen und sich nicht ins Spiel vertiefen. Immer sind da irgendwo Eltern, die das Kind unterbrechen – Eltern, die ihren Kindern beibringen, wie sie „sein sollen“ und ihnen keinen Raum geben, zu entdecken, wer sie sind.
Viele Kinder entwickeln im Laufe ihrer Kindheit ein „Falsches Selbst“. Sie sind immer angepasst und tun das, was die Eltern oder die anderen wollen, um Ärger zu vermeiden. In ihrer Kindheit war es oft karg – von Liebe, Wärme und Verstehen gab es wenig. Kritik, Strafen und vielleicht auch Schläge kamen dagegen in Hülle und Fülle vor. Kinder, die sexuell missbraucht werden, fühlen sich oft direkt nach dem Missbrauch leer. Wenn da niemand ist, der die Kinder auffängt und der ihnen das gibt, was sie brauchen, entsteht Leere.
Manchmal sollen Essen, Alkohol oder Drogen die Leere füllen oder den inneren Angreifer lähmen.
Andere Menschen leiden darunter, dass da „gar nichts war“ in ihrer Kindheit – kein Trauma, keine Schläge, keine Katastrophen, keine Gewalt, aber auch kein Interesse. Da, wo etwas hätte sein sollen, war nichts. Die Eltern reagierten nicht auf ihr Kind. Das Gefühl von Leere und Beziehungslosigkeit ist für die Betroffenen oft so stark und so schwer auszuhalten, dass sie phasenweise über Selbstmord nachdenken.
Gute Beziehungen helfen, sich selbst wiederzufinden
„Du musst dich selbst lieben“, bekommen viele Menschen zu hören. Abgesehen davon, dass das auch für lebensfrohe Menschen oft ein Kunststück ist, ist es für Menschen, die selbst wenig Liebe erfahren haben, sehr schwierig. Viele Betroffene finden in einer Psychoanalyse die Zeit und den Raum, die Akzeptanz und auch die emotionale Wärme, die sie suchen. In guten Beziehungen merkt man: Da ist ja was! Das, was ich fühle, ist ja doch richtig! Das, woran ich mich erinnere, ist so geschehen. Das, was ich wahrnehme, nehme ich „richtig“ wahr. Und das Gegenüber erkennt mich und kann das, was ich fühle und denke mit ihm teilen.
Vorbilder können die eigenen Interessen wieder wecken. Wärmende Beziehungen können die eiskalte Einsamkeit verringern. Doch der Weg dahin ist oft lang, denn Beziehungen kann man nicht herbeizaubern. Die Leere und den Mangel zu spüren und benennen zu können, ist ein wichtiger Schritt. Neugier auf sich selbst kann beleben. Vielleicht füllt sich das leere Gefäß dann langsam mit Traurigkeit. Doch auch Traurigkeit kann man oft nur zulassen, wenn jemand da ist, der tröstet. Manchmal geht Traurigsein nur mit einem Gegenüber. Zu schmerzlich ist sie oft, wenn niemand da ist, der sie mitträgt.
Sinnliches erfahren
Es gibt immer wieder Tage, an denen man keine Kraft für Beziehungen hat und lieber mit sich allein bleibt. Vielen hilft der Bezug zur Natur, zu Haustieren, zur Kunst, Bewegung oder Musik. Manche Menschen reisen viel, um neue Erfahrungen und Bilder aufnehmen zu können, aber auch, um neue Menschen kennenzulernen und neue Kontakte knüpfen zu können.
Langeweile. Es ist so zäh. Die Tür geht auf. Müde Augen begegnen sich. Beide denken: „Nicht schon wieder.“ Doch die Pflicht, sie ruft.
Langeweile in der Psychoanalyse – Psychoanalyse der Langeweile (Lesetipp)
In einer Psychoanalyse sehen sich Patient und Analytiker fast täglich über mehrere Jahre. Kein Wunder, wenn da mal Langeweile auftaucht. Sehr verwunderlich ist es da jedoch, dass es so wenige psychoanalytische Texte zu diesem Phänomen gibt. Der Bonner Psychoanalytiker Rudolf Bensch (DPV) hat 1999 einen sehr kurzweiligen Text zur „Psychoanalyse der Langeweile“, pep-web.org, geschrieben. Er schreibt: „Langeweile entsteht, wenn es erstens zu keinem Austausch zwischen zwei Subjekten (Anm.: Menschen) kommt, in welchem sie einander wechselweise verlebendigen, und wenn zweitens die in ihrer Interaktion gleichsam erstarrten und abgestorbenen Subjekte dennoch aneinander ‚kleben‘ bleiben – letztlich, weil ein Verlust nicht zugegeben werden kann, sondern verleugnet wird.“ (Bensch 1999, S. 161)
Obwohl die Langeweile ein unangenehmes Gefühl der Spannung ist, tut man nichts dagegen. Man ist zu müde zum Wachsein, aber zu wach zum Schlafen. Es ist sehr schwer, dort wieder herauszufinden. „In der Regel wird Langeweile abgelehnt“, schreibt Bensch. „Selten erfährt der Sich-Langweilende Anteilnahme wie der Traurige, der Depressive oder der Ängstliche. Die Langeweile wird als selbstverschuldet angesehen“, erklärt er.
Dass es oft ganz und gar nichts mit „selbstverschuldet“ zu tun hat, beschreibt der Psychoanalytiker in einem Beispiel von einer Psychoanalyse mit einer jungen Frau, in der ihn immer wieder tiefste Langeweile quälte. In diesem Fall lag die Ursache unter anderem darin, dass die Patientin sich nach dem Tod ihres Vaters weigerte, „wirklich“ zu leben. Sie war selbst wie tot. Sie hatte sich außerdem mit der emotional toten Mutter identifiziert, sodass die Beziehung zur Patientin nur oberflächlich werden konnte. Zudem betete die Patientin immer zu ihrem verstorbenen Vater. Auch das könnte ein Grund sein, warum der Analytiker als Vaterfigur die Stelle eines Toten einnahm, der nicht wiederbelebt werden konnte.
Langeweile in der Beziehung ist oft ein kompliziertes Wechselspiel. Mit Langweilern mag man nichts zu tun haben. „Ebenso ist die Kennzeichnung eines anderen als ‚langweilig‘ wohl eine der schärfsten Verurteilungen“, schreibt Bensch. Der Sich-Langweilende wird entwertet. „Dies ist lieblos, denn wer sich langweilt, ist in einem hilflosen und ohnmächtigen Zustand“, so Bensch.
Stinklangweilig!
Otto Fenichel über die Langeweile
Rudolf Bensch weist auf die Arbeit „Psychologie der Langeweile“ von Otto Fenichel aus dem Jahr 1934 hin (Imago, Pep-Web). Hierin beschreibt Fenichel die Langeweile als ein „unlustvolles Erleben von Impulslosigkeit.“ Bensch betont, dass dies nicht ein Zustand von „Spannungslosigkeit“ sei. Die Spannung „verlange“ nach neuen Anregungen von der Außenwelt, damit sie abgebaut werden kann. Trotz wachsender Anspannung komme es nicht zu Impulshandlungen, sodass die Langeweile nicht in das Freudsche Triebmodell passe. Der Sich-Langweilende verharre stattdessen in einem Zustand der Impulslosigkeit.
Das lahmgelegte Ich
Bensch erklärt: Ähnlich wie nach Freuds zweiter Angsttheorie das „Ich“ zur Angststätte werden könne, so könne seiner Überlegung nach das Ich auch zur Stätte der Langeweile werden. Bei der Langeweile sei das Ich möglicherweise noch nicht genügend entwickelt, weswegen Kinder zum Beispiel auf langen Autofahrten Langeweile verspürten. Auch könne das Ich lahmgelegt sein, z.B. „wenn es keine Eigenaktivität entfalten kann“. Wer mit sich selbst nichts anfangen könne, der könne auch mit der Welt nichts anfangen. Der Sich-Langweilende sei ziellos und unfähig zur Eigeninitiative.
Bensch geht auch auf den Psychoanalytiker Ralph Greenson ein. Ihm zufolge würden Patienten oder Analytiker, die sich in der Analyse langweilten, vermeiden, dass bestimmte Phantasien bewusst werden.
Doch wie kann man sich aus der Langeweile befreien? Rudolf Bensch zitiert auf S. 161 den Schriftsteller Rüdiger Safranski, der eine Biografie über den Philosophen Martin Heidegger schrieb: „‚Man muss sich losreißen … muss … sich selbst auf den Weg machen‘, indem man sich ‚zu sich selbst entschließt‘.“
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Wigald Boning: 1096. Badetag in Folge
„Ich bringe die Langeweile ins Internet.“
https://x.com/BoningWigald/status/1940075200701497638
Corinna Martarelli et al. (2022):
A Trait-Based Network Perspective on the Validation of the French Short Boredom Proneness Scale.
Psychological Assessment, June 2022, https://doi.org/10.1027/1015-5759/a000718: „A network analysis (n = 490) revealed the structure of the relationships between the SBPS (Short Boredom Proneness Scale) and the two facets of Curiosity and Exploration Inventory-II (CEI-II). The analysis revealed positive connections between the boredom and curiosity items, whereas the connections between the boredom and exploration items were negative.“ Martarelli C. et al. 2022
Marion Martin et al. (2008):
The phenomenon of boredom
Qualitative Research in Psychology, Vol 3, 2006, Issue 3, Pages 193-211
https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1191/1478088706qrp066oa
Bensch, Rudolf (1999):
Psychoanalyse der Langeweile
Jahrbuch der Psychoanalyse (1999)
Band 41, 135-163
Verlag frommann-holzboog
http://www.pep-web.org/document.php?id=jbp.041.0135a
Fenichel, Otto (1934):
Zur Psychologie der Langeweile.
Imago, 1934, Bd. XX: 270-281
www.pep-web.org
Greenson, Ralph R. (1953):
On Boredom.
J. Am. Psychoanal. Ass. 1: 7-21
Greenson, Ralph R. (1967):
Technik und Praxis der Psychoanalyse.
Klett-Verlag, 1973
Klett-Cotta, 9. Auflage 2007
Heidegger, Martin (1929/30):
Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt, Endlichkeit, Einsamkeit
www.klostermann.de/Heidegger-GrundbdMetaph3Auf-Ln
Safranski, Rüdiger (1994):
Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit
Carl Hanser Literaturverlage
Ursula Kreuzer-Haustein
Zur Psychodynamik der Langeweile
Forum der Psychoanalyse
June 2001, Volume 17, Issue 2, pp 99-117
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs004510100086
Anselm Grün:
Todsünde: Trägheit oder Akedia
„Es bei sich selbst auszuhalten ist eine Gabe, die man üben muss.“
www.erzdioezese-wien.at/7-todsuenden-traegheit
10.4.2014
Beitrag vom 18.1.2026 (begonnen am 3.11.20218)
VG-Wort Zählpixel im ersten Abschnitt (b1faa0b386054175bb88f0fa8fe5f135, veraltet: bde442da4c724db3a21cbd98c22dfc54)
2 thoughts on “Langeweile: ein Un-Gefühl. Auch Psychoanalyse kann langweilig sein”
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.
Mir war nicht klar, dass es so viele Gedanken zur Langeweile geben kann
Ich selber empfinde sie manchmal als wohltuend, weil niemand in diesem Moment etwas von mir will – ich darf mal die Zeit vertrödeln
Also ich finde Langeweile auch total toll, wenn sie sich mal zeigt. Manchmal gibt es für mich nichts besseres als ein langweiliger Nachmittag. Wenn sich die Zeit wie Kaugummi zieht und einfach nichts passiert. Ich weiß ja aus Erfahrung, das sich die Langeweile nicht ewig hält, das auch immer etwas passieren kann und nicht immer muss das gut sein. Ich bin dann immer dankbar für die Langeweile. Wenn ich dann beim 10. YouTube-Katzenvideo angekommen bin und anfange, mich frustriert zu fühlen, dann denke ich aber auch: „Hey! Jetzt gerade passiert nichts!“ Und dann freue ich mich über die Langeweile. :) Danke für den Artikel. Ich habe Langeweile vorher nie negativ betrachtet. Interessant :)