Was nutzt es uns, im Chaos ruhig zu bleiben? Meditation vor dem Abgrund
„Ich habe so viel zu erledigen, ich kann mich jetzt nicht hinsetzen und ‚Oom‘ singen“, sagst du vielleicht. Sobald du dir vornimmst, Yoga zu machen, drängen sich dir unglaublich wichtige, ja lebenswichtige Dinge auf: der Streit mit dem Partner, das nicht überwiesene Geld, der zu verschiebende Termin, der Schimmel im Kühlschrank, der merkwürdige Hautfleck.
„Ich muss mich sofort daran begeben, sofort schreiben, reden, handeln, damit sich die Brände um mich herum nicht noch weiter ausbreiten“, sagst du dir. „Wenn ich ruhig werde, obwohl um mich herum alles höchst beunruhigend ist, dann laufe ich doch vor der Realität weg, oder? Wenn ich Geldsorgen habe und eine Stunde meditiere, anstatt zu arbeiten, dann wird doch alles viel schlimmer!“
„Ich habe Angst, dass ich durch das Ruhigwerden nicht mehr auf die alltäglichen Katastrophen reagiere und dann irgendwann aufwache und merke, dass alles kaputtgegangen ist, nur weil ich meine Meditationszeit einhalten wollte.“
Von selbst
Doch wenn man sich trotz der Brände und Aufregungen hinsetzt und versucht, ruhig zu werden, stellt man oft fest: Das Leben regelt sich von selbst. Der Anrufer, der eben noch so dringend drängte, hat eine andere Lösung gefunden. Der verschobene Termin wird durch einen günstigeren ersetzt. Die Flammen, die man als sehr hoch phantasierte, haben vielleicht schmerzliche, aber stabilere neue Ordnungen geschaffen. Und anstatt „betäubt“ zu sein, wird man durch die Ausgeglichenheit sensibler für Entwicklungen, kann über die Dinge besser nachdenken, sie ruhiger beeinflussen und leichter mit anderen reden.
Bei der Meditation ist es dann manchmal wie im Urlaub: Während du in den ersten Tagen noch unruhig bist, merkst du nach einiger Zeit vielleicht, wie du ruhiger wirst und mehr Abstand gewinnst. Auch, wenn wir nicht da sind, geht das Leben weiter. Irgendetwas fängt uns auf, hält uns, wenn wir ruhig werden.
Irgendwann merken wir: Nicht das Ruhig-Werden ist das Problem, sondern das dauerhafte Mitbrennen, Mit-Hetzen, Handeln und Aktiv-Sein. Durch das Ruhigwerden werden unsere Größenphantasien kleiner, wir werden im positiven Sinne etwas unwichtiger. Der Lebenspuls geht weiter, so wie unser Herz einfach weiterschlägt, ganz besonders dann, wenn wir es in Ruhe lassen.
Warum Meditieren, wenn sich das Problem nicht ändert?
Die schwere Diagnose, die Schreckensnachricht, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Geldforderungen trotz Pleite. „Mach doch Entspannungsübungen“ heißt es. Doch dadurch verändert sich ja das Problem nicht. Warum also sollte Meditation etwas nützen? Weil sich dadurch nicht nur ich sondern vielleicht auch doch das Problem verändert. Wenn ich meditiere, kann ich wieder die Kraft erhalten, das Problem anzupacken.
Größer und kleiner werdend. Ein Problem kann sich verhalten wie Alice im Wunderland. Wenn ich nachts um zwei über mein Problem grübele, erscheint es unlösbar. Schaue ich es morgens um 7 oder 10 Uhr an, fühlt es sich nicht mehr so üterwältigend an. Wir haben uns in Relation zum Problem verändert. Wir sind vielleicht „größer“ geworden, wodurch das Problem etwas „kleiner“ werden konnte.
Der Zeitfaktor. Während wir meditieren, vergeht Zeit – und Zeit arbeitet auch am Problem. Jemand stirbt, ein neuer Mensch kommt, etwas findet sich wieder, jemand nimmt unser Angebot an. „Es tut sich etwas“, merken wir. Manches läuft ab wie eine Sanduhr: Der Krebs streut Metastasen, die Karies wird schlimmer und auch unsere Finanzen verändern sich nicht von selbst zum Guten. Und manchmal finden wir durch die Meditation auch zu der Erkenntnis, dass wir die ganze Zeit im Leben auch sterben. Damit können wir vielleicht viel anfanggen.
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Beitrag vom 6.3.2026 (begonnen am 11.5.2017)
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Meditation ist keine Pflicht. Meditation hilft uns Abstand zu nehmen vom Alltag und zu sortieren, was wir überhaupt als Pflicht absolvieren wollen und/ oder „müssen“.