Allein die emotionale Präsenz ist in der Pychoanalyse ein sehr wirksamer Faktor – Now Moments bewirken oft tiefe Veränderung

Als Psychoanalytiker kann man klarifizieren, konfrontieren, Gesagtes markieren, Übertragungsgeschehen und Konflikte deuten, Widerstandsdeutungen geben, Zusammenhänge herstellen und vieles mehr. Aber ganz besonders kann man mit gleichschwebender Aufmerksamkeit, also in einem meditativen Zustand, da sein.
Diese Präsenz ist für den Patienten deutlich spürbar und die verstoffwechselnde Wirkung ist schwer zu erklären – man muss es selbst erfahren. Es fühlt sich manchmal so an, als werde die eigene Seele von einer anderen Seele berührt. Daraus können Halt, Veränderung und tiefe Beruhigung entstehen.
Als Analysand kann man in solch guten Momenten zutiefst aufatmen. Die Arbeit des Analytikers erinnert an die Tätigkeit einer Hebamme: Sie sitzt neben der werdenden Mutter und wartet geduldig – sie kennt die Vorgänge der Geburt und vertraut den natürlichen Fähigkeiten der Frau.
Nicht mehr alleine
Der Analytiker will nichts verändern, nichts heilen, nichts retten. Er hält mit aus. Der Patient gebiert dabei oft seine eigene emotionale oder kognitive Erkenntnis, seine eigene Lösung. Er geht einen inneren Entwicklungsschritt und wird dabei begleitet. Zu spüren, dass der Analytiker da ist, während schmerzliche oder schwer beunruhigende Erlebnisse wieder präsent sind und zu spüren, dass das Analytiker zutiefst mitfühlen kann, hat seine eigene heilende Wirkung. Sie ist mindestens genauso wirksam wie das gesprochene Wort.
Um diese Präsenz so wirksam zu spüren, ist es wichtig, dass beide Personen körperlich in einem Raum sind. Online-Analysen können ein Segen sein, wenn aufgrund großer Distanzen eine psychoanalytische Behandlung oder Ausbildung nicht anders möglich ist. Der Psychoanalytiker Christopher Bollas schildert in seinem Buch „Wenn die Sonne zerbricht“, wie er aus einsamen Wäldern in den USA eine schizophrene Patientin in Schottland analysierte. Doch die körperliche Anwesenheit als Wirkfaktor kann ein Online-Setting wahrscheinlich nicht ersetzen.
„Den Schmerz halten“ als psychoanalytische Technik
„Lerne ich in der Psychoanalyse nur, mit meinen quälenden Zuständen umzugehen, oder sind sie dann wirklich weg?“ Mit dieser bangen Frage beginnen wohl viele Menschen ihre Psychoanalyse. Zuvor haben sie es manchmal mit anderen Psychotherapien versucht, in denen sie zwar Techniken zur Beruhigung (= „Handwerkszeug“) an die Hand bekommen haben, aber nach denen sie sich nicht grundsätzlich besser fühlen.
Manche Probleme vergehen während des Psychoanalyse-Prozesses ganz. Manchmal weiß man nicht, wie es geschah, aber man spürt, dass es mit der Psychoanalyse zusammenhängt. Was in der Psychoanalyse wirkt, ist der Mensch. Die Beziehung zum Therapeuten ist das, was heilt.
Vergleiche schwer möglich
Die tiefere Wirkung kommt oft erst in Gang, wenn der Patient über längere Zeit in der Psychoanalyse ist. Es braucht oft lange, bis der Patient sich im asymmetrischen Setting wohl fühlt: Der Psychoanalytiker sitzt hinter dem Patienten, der Patient liegt auf der Couch – das ist besonders für schwer traumatisierte Patienten sehr gewöhnungsbedürftig. Manchmal ist erst eine längere Therapie im Sitzen notwendig, bevor der Patient sich auf die Couch legen kann.
Zugangswege
Wenn der Patient mit dem Psychoanalytiker so vertraut ist, dass er sich besser entspannen kann, kann sich die Psyche wirklich verändern. Der Patient und der Analytiker kommen während den Sitzungen in meditative Zustände, in denen beide sich öffnen und für einander gut erreichbar werden können. Die Kommunikation zwischen „Unbewusst und Unbewusst“ oder „Gefühlswelt und Gefühlswelt“ ist gut hergestellt, wenn das aktive und fokussierte Bewusstsein in den Hintergrund getreten ist.
Bereit
Dann kommt der Patient irgendwann an den Punkt, an dem etwas greifbar wird. Er kommt vielleicht wieder in den haltlosen oder schmerzhaften Zustand, in dem er war, als ihm die Worte fehlten – sei es, weil er noch sehr klein war oder weil die Situation absolut überfordernd war. In der Regel stellen die Patienten unbewusst die alten und verletzenden Situationen wieder her.
Freud sagte dazu: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“.
Man könnte hier auch sagen: „Erinnern, Wiederholen, Schmerz halten.“ Wer einem Trauma ausgesetzt ist, der leidet meistens besonders darunter, dass er isoliert war. Es ist ähnlich wie bei körperlichen Verletzungen: „Als ich mich so schwer verletzte, war es für mich das Schlimmste, dass ich alleine war“, sagt eine Patientin in der Chirurgie. Ein anderer sagt: „Meine Freundin war die ganze Zeit bei mir und konnte mir beistehen.“ Der Schmerz ist abgeschwächt, wenn eine nahestehende Person dabei ist.
So ist es auch mit den unaussprechlichen psychischen Zuständen und Situationen, die nicht wenige Menschen erlebt haben. Sie hatten weder Zeugen noch praktische Hilfe noch Verständnis. Der Analytiker wird nachträglich zum Zeugen.
Wenn nun das Unaushaltbare in der Psychoanalyse wieder auftaucht, sind die Voraussetzungen für eine neue Erfahrung geschaffen. Man spürt alles wieder ganz genau, aber man kann es stückweise zulassen, weil da jemand sitzt, von dem man sich gehalten fühlt. Manchmal wird es dann ganz ruhig, niemand muss mehr etwas sagen. Vielleicht hört man sich und den Analytiker leise atmen.
Wenn der Analytiker dann in einem Zustand ist, in dem er den Patienten gut verstehen kann, in dem er den Schmerz des Patienten gleichzeitig nachempfinden und halten kann, dann kann sich das anfühlen wie ein Berührtwerden im tiefsten Inneren.
Neu
Der Patient spürt auf einmal, wie es ist, wenn da noch jemand ist, wenn er eben nicht alleine ist mit dem bisher Unaushaltbaren. Er spürt, wie es ist, wenn sein Schmerz oder seine Bodenlosigkeit gehalten wird. Dadurch entwickelt sich psychisch etwas Neues: Der Patient kann sich später an diesen Moment erinnern und er bekommt die Vorstellung, dass er selbst seinen Schmerz irgendwann genau so halten kann wie „der Analytiker in ihm“.
Der Schmerz oder die Bodenlosigkeit ist nun mit der Erinnerung an das Gefühl des Gehaltenwerdens verknüpft. Der Patient weiß, dass jetzt auch ein anderer weiß. Mithilfe des anderen wurde das Unheilvolle begreiflicher. Der Patient fühlt sich oft weitaus weniger verlassen als vorher.
Der Analytiker kann den Schmerz nur halten, wenn er sich selbst gut gehalten fühlt oder einst gehalten und verstanden wurde. Daher ist die Lehranalyse in der psychoanalytischen Ausbildung von unschätzbarem Wert.
In der Psychoanalyse können sehr schwere Traumen bearbeitet werden.
Der Schmerz ist im zukünftigen Leben nicht weg, das Geschehen lässt sich nicht ausradieren. Aber es entsteht das Gefühl, dass etwas gehalten wurde. Dieses Gefühl kann so heilsam sein, dass der Betroffene sagt: „Ich fühle mich geheilt.“ Er kann jetzt damit leben, aber vom Gefühl her ist es viel mehr: Es ist das Gefühl, dass ein anderer ihn innerlich berühren konnte und dass er im unaushaltbaren Moment die Hoffnung entwickeln konnte, nicht ganz allein zu sein. Diese Erfahrung wirkt wie ein Schutz vor den immer wiederkehrenden psychischen, unaushaltbaren Zuständen. Es entsteht die Zuversicht, dass die schreckliche Welle wieder vorbeigeht.
Die tiefgreifende Veränderung ist im „Now Moment“ für den Analytiker und den Patienten genau spürbar. Hier kann nichts beschleunigt oder willentlich herbeigeführt werden. Um das Gehaltenwerden so zu erleben, braucht es viel Zeit.
Der Now Moment in Psychotherapie und Psychoanalyse
Der „Now Moment“ ist ein Moment tiefen Verstehens, der Verbundenheit, der Resonanz. In den „Now Moments“ in Psychotherapie und Psychoanalyse findet Veränderung statt. Wenn Resonanz, Verstehen und Liebe da sind, werden wir satt. Wenn uns solche Erfahrungen in der Beziehung fehlen, dann wollen wir immer mehr: mehr Geld, mehr Essen, mehr vom anderen, mehr Abenteuer. Doch im Grunde werden wir von all dem, was wir erleben, nur dann satt, wenn wir eine befriedigende Beziehung zu uns selbst und anderen haben.
Der Begriff „Now Moment“, auch bekannt als „Moment of Meeting“ (MoM) wurde von Daniel Stern (2004) geprägt. Wir können einen Now Moment nicht bewusst herbeiführen, aber wir können die Voraussetzungen dafür schaffen.
Der Soziologe Hartmut Rosa definiert die Resonanzerfahrung so (im Vortrag „Sinnsuche und Resonanzbedürfnis“):
1. Etwas berührt mich.
2. Ich kann antworten und fühle mich selbstwirksam. Ich fühle mich durch die Begegnung nicht entfremdet, sondern mir selbst näher. Ich werde berührt, es bewegt mich und
3. ich verändere mich.
4. Resonanz enthält einen „Moment der Unverfügbarkeit“. Wir können diese Momente nicht planen, willentlich herbeiführen, festhalten oder steuern. Wir wissen nicht, was dabei herauskommt.
5. könne man sagen: Resonanz hängt auch von Äußerlichkeiten ab, z.B. vom Wetter und vom eigenen Gesundheitszustand.
Wir fühlen Resonanz leiblich. Wenn wir Tränen in die Augen bekommen, dann zeige das die „Verflüssigung“, das Weichwerden in uns, so Rosa. Weniger denken, weniger kontrollieren wollen, sich überraschen lassen – das alles fördert die Resonanz. Ebenso ereignet sich Resonanz eher in angenehmen Umgebungen und dann, wenn wir keinen Zeitdruck haben, so Hartmut Rosa.
Oft heißt es, die Wirkung der Psychoanalyse sei wissenschaftlich kaum erwiesen. In gewisser Art ist es vielleicht tatsächlich so: Wie will man diese heilsamen Momente, die nicht vorhersehbar, nicht reproduzierbar und schwer in Worte zu fassen sind, wissenschaftlich erfassen? Nur die beiden Zeugen, Psychoanalytiker und Patient, machen in dem Moment die Erfahrung, dass sich etwas verändert.
Der Now Moment ist eine „stehende Situation“, die einige Augenblicke anhält. Etwas Unbewusstes oder Vergangenes aus der Lebensgeschichte wird greifbar und lebendig im Jetzt. Diesen Moment nannte der Psychoanalytiker Daniel N. Stern (1934-2012, Wikipedia) „Present Moment“. Beide haben das Gefühl, miteinander verbunden und ganz im Hier und Jetzt zu sein, etwas sehr deutlich zu erleben oder zutiefst verstanden zu haben. Die Selbstpsychologin Denise R. Davis (International Association for Psychoanalytic Self Psychology, IAPSP) beschreibt, dass solche Momente dann entstehen, wenn der Therapeut sich gut in den Patienten einfühlen kann.
„I suggest that when the therapist is empathically immersed in the patient’s subjective world, moments of meeting are an organic outgrowth of the process and within the bounds of conventional technique.“
(Frei übersetzt von Voos:) „Wenn der Therapeut tief versunken ist in die subjektive Welt des Patienten, dann sind die ‚Momente der Begegnung‘ eine organische Blüte des Prozesses. Es geschieht innerhalb des Rahmens der konventionellen Technik.“ (Das heißt: Egal, welche psychotherapeutische Technik angewendet wird: Ein „Now Moment“ kann immer vorkommen.)
Davis, Denise R. (2015):
Moments of Meeting: A Self Psychological Approach
International Journal of Psychoanalytic Self Psychology, Volume 10, Issue 1, 2015: pages 69-79
DOI:10.1080/15551024.2015.977504
www.tandfonline.com/…
Verwandte Beiträge in diesem Blog:
- Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Wege der Ärzte, Psychologen, Akademiker (Beispiel DPV)
- Wissen und Leistung zählen weniger – Sein und Lassen sind wichtiger
- Traumatherapie: Gemeinsamkeiten zwischen Peter Levine’s „Somatic Experiencing“ (SE) und Psychoanalyse
Links:
Manfred G. Schmidt:
Der Einfluss der Präsenztheorie auf die psychoanalytische Behandlungstechnik
Psyche, Klett-Cotta, Heft 09-10, September 2014
www.semanticscholar.org/…
Ein tolles Beispiel zur Prâsenz bei Traurigkeit findet sich in diesem Zeichentrickfilm für Kinder:
Les Moodz – Episode 10: Sniff vit une séparation
www.france.tv/france-5/…
Salman Akhtar:
Psychoanalytic Listening: Methods, Limits, and Innovations
Routledge, 2012
Conférence : Apprivoiser ses émotions
Avec Isabelle Filliozat
Youtube
Hans Ulrich Gumbrecht (2004):
Diesseits der Hermeneutik
Über die Produktion von Präsenz
Aus dem Amerikanischen von Joachim Schulte
Suhrkamp | Insel, 2004
Eine Rezension von Waldemar Fromm:
Einmaligkeit des Erlebens
Hans Ulrich Gumbrecht über Sinnkulturen und Präsenzkulturen
literaturkritik.de/id/7427
Hartmut Rosa:
Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung
Suhrkamp, 2016
Katherina Giesemann (2010):
Der Gegenwartsmoment in der psychotherapeutischen Arbeit.
The present moment in the psychotherapeutic work.
Boston Change Process Study Group, Psychotherapie 2010, Band 15, Heft 1, CIP-Medien, München
sbt-in-berlin.de/….pdf
Daniel N. Stern:
The Present Moment in Psychotherapy and Everyday Life
New York, 2004
psycnet.apa.org/record/2004-00303-000
„By placing the present moment at the center of psychotherapy, Stern alters our ideas about how therapeutic change occurs, about what is significant in therapy, and how our ways of being with each other are what can rewrite our past, and change our future.“
Daniel N. Stern:
„Der Gegenwartsmoment“ – Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl, Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2005, amazon
Javiera Duarte, Claudio Martinez & Alemka Tomicic (2021):
Sparks of psychotherapeutic change: How therapists understand moments of meetings’ contribution to change in psychotherapy
Psychotherapy Research, Routledge
doi.org/10.1080/10503307.2021.1948138
Daniel N. Stern
Le Moment présent en psychothérapie
Le Monde dans un grain de sable
Odile Jacob publie, 1 Octobre 2003
www.odilejacob.fr/…
Véronique Lemaître (2002)
La consultation thérapeutique auprès d’un bébé : de l’observation à la métaphore
Devenir, Vol. 14(2), 101-119. doi.org/10.3917/dev.022.0101
shs.cairn.info/revue-devenir…
„Winnicott nomme «moment sacré» (1971, p 7) ce temps des premiers contacts avec l’enfant, au cours desquels il témoigne d’une confiance particulière, comme s’il croyait en la possibilité d’être compris.„
Beitrag vom 27.1.2026 (begonnen am 10.4.2017)
VG-Wort Zählpixel b03b8a0fa231430ebf083ba62605a827