Die Dunkelheit in Dir kennenlernen

Manchmal fühlen wir uns, als sei alles nur noch dunkel. Ich meine damit nicht die „Schattenseiten“ in uns, von denen der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung sprach. Es geht nicht um die Seiten in uns, die wir nicht haben wollen, wie z.B. Neid, Gier, Aggressionen etc. Ich meine die Dunkelheit in uns, die wir manchmal lange oder weniger lang in uns spüren. Diese Dunkelheit ist wie eine tiefe innere Einsamkeit. Wie eine Gewissheit, dass es wohl keinen Menschen gibt, der „das“, dieses Namenlose, jetzt nachvollziehen kann. Es ist wie ein Loch in uns.

Es ist die absolute Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, dass es einem nie mehr besser gehen wird. Es ist das Gefühl, sich weder alleine noch in Anwesenheit anderer jemals wieder wohlfühlen zu können. Es ist das Gefühl, dass selbst die Natur, der schönste Sonnenaufgang, der eisigste Bach, nicht mehr in der Lage dazu wären, dich aus dieser Tiefe zu holen. Die unbeantworteten existenziellen Fragen lassen dich am Leben verzweifeln. Es erscheint so gewiss, dass dir nichts und niemand mehr helfen kann. Diese Dunkelheit zeigt sich auch körperlich, z.B. durch Druckgefühle im Kopf, eine unruhige Müdigkeit oder eine schwache Stimme.

Der Kampf gegen die Dunkelheit

Manche nennen es „Depression“. Die Idee kommt auf, dass Antidepressiva helfen könnten, doch dadurch geht nichts weg. Vielleicht gehst du in die Kirche und hoffst, im Glauben Licht und Lebenssinn zu finden. Was die Dunkelheit oft noch schlimmer erscheinen lässt, sind die Versuche der anderen, zu helfen. Das Problem mit der Dunkelheit ist, dass auch viele andere sie fürchten. Menschen, denen man sich in der Dunkelheit anvertraut, bekommen vielleicht einen Schrecken. Sie werden unruhig und wollen unbedingt helfen. Sie haben Angst.

Die Dunkelheit anerkennen

In der Dunkelheit ist es wichtig, sie selbst anzuerkennen. Wunderbar ist es, wenn es da draußen einen Menschen gibt, der sich der Dunkelheit selbst bewusst ist und die Angst aushält. Der Psychoanalytiker James Grotstein hat ein Buch über seinen Lehrer Wilfred Bion geschrieben. Er hat es „A beam of intense darkness“ (Ein Strahl intensiver Dunkelheit) genannt. Das zeigt, dass es auch andere Menschen gibt, die sich intensiv mit dieser Dunkelheit auseinandergesetzt haben. Bion sagte, dass man diese Dunkelheit manchmal nur dann erfassen könnte, wenn man sich selbst erlaubt, blind zu sein.

Traumata machen es noch dunkler

Wer als Kind Gewalt erfuhr, der erfuhr die ganze Dunkelheit. Wer den Krieg erlebte, ebenfalls. Die Dunkelheit ist bei traumatisierten Menschen ein besonders gefürchteter Begleiter. Sie kehrt immer wieder zurück und bleibt unterschiedlich lange. Kindheitstraumata Jedes Trauma ist einzigartig und enthält eine Art „Ewigkeit“. Für das, was man selbst erlebt hat, gibt es keine Selbsthilfegruppe. Dieses Wissen kann die Einsamkeit verstärken.

Menschen, die in der Kindheit schwer traumatisiert wurden, haben im Vergleich zu Nicht-Betroffenen möglicherweise eine um 7 bis 15 Jahre verkürzte Lebenszeit. (Kiecolt-Glaser et al. 2011)

Jetzt kommen erschwerend Angst und Hoffnungslosigkeit hinzu, denn hat man selbst nicht schon alles probiert? „Warum klappt’s bei den anderen, aber bei mir nicht?“, fragst du dich. Die Selbstwirksamkeit scheint auf Null gesetzt zu sein. Und dann ensteht ein Kreislauf wie bei körperlichen Schmerzen auch: Je größer die Angst vor der Dunkelheit, desto eher hast du das Gefühl, dass du es nicht mehr aushalten kannst.

Bei den Abwehrformen „Projektion“ und „Projektive Identifizierung“ geht es meistens darum, dass wir negative Gefühle wie Neid, Wut, Hass oder Ärger aus uns auslagern und es einer anderen Person anheften. Vergessen wird oft, dass wir auch gute, sonnige Anteile von uns hinausverlagern können, zum Beispiel dann, wenn wir Schuldgefühle haben. Wir erlauben es uns nicht, uns wohl zu fühlen. Der andere hat dann das „sonnige Gemüt“, das eigentlich auch ein Teil von uns selbst ist.

Es gibt viele Menschen, die mit der Dunkelheit leben

„Mein Mann starb, als ich 46 war. Ich fand nie mehr einen Partner. Nun bin ich 96. Es ist kalt – innerlich und äußerlich kalt, ohne den anderen in einem Bett zu schlafen.“ Diesen Satz hörte ich von einer Jüdin. Sie ist eine gesunde alte Frau. Obwohl Einsamkeit so schädlich sein soll, obwohl Dunkelheit so gefährlich sein soll, hat sie überlebt. Es war und ist schwer. Menschen wie sie machen Mut. Sie wissen, was Verzweiflung heißt. Sie haben einen Weg gefunden, mit dieser Verzweiflung zu leben. Die Dunkelheit kann machen, dass du dich blind fühlst. Und manchmal ist es eben doch die pure Erschöpfung, die dich so fühlen lässt.

Die Dunkelheit kann viel länger dauern als jemals gedacht. Wir können uns Jahrzehnte lang wie ein Gefangener fühlen im Rad der Verpflichtungen oder der Auswegslosigkeit. Aber: Manches wird eben doch noch kommen und uns erleichtern. Wichtig ist es, Ausschau zu halten. Ich glaube, wir werden finden, was wir suchen – selbst, wenn wir noch nicht einmal wissen, was wir da gerade suchen.

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Links:

„After controlling for age, caregiving status, gender, body mass index, exercise, and sleep, the presence of multiple childhood adversities was related to both heightened IL-6 (0.37 ± 0.03 log10 pg/mL versus 0.44 ± 0.03 log10 pg/mL) and shorter telomeres (6.51 ± 0.17 Kb versus 5.87 ± 0.20 Kb), compared with the absence of adversity; the telomere difference could translate into a 7- to 15-year difference in life span.“ (n = 132 Studienteilnehmer)
Janice K. Kiecolt-Glaser et al. (2011):
Childhood Adversity Heightens the Impact of Later-Life Caregiving Stress on Telomere Length and Inflammation. Psychosomatic Medicine 73(1):p 16-22, January 2011, DOI: 10.1097/PSY.0b013e31820573b6
journals.lww.com/…

Johannes vom Kreuz
Die dunkle Nacht
Verlag Herder Spektrum
www.amazon.com/…3451043742

Dieser Beitrag erschien erstmals am 2.10.2016
Aktualisiert am 6.1.2026

6 thoughts on “Die Dunkelheit in Dir kennenlernen

  1. Anne Hoffmann sagt:

    Ich habe eben erst diesen Artikel gefunden, als ich nach „Dunkelheit in mir“ gegoogelt habe. Er spricht mir sehr aus der Seele, denn seit langem befinde ich mich in der „dunklen Nacht der Seele“, die unvorstellbare Qualen bedeutet, keine innere Heimat, totale Hoffnungslosigkeit und gegen die bisher auch nichts geholfen hat (Therapie etc..)
    Und vorhin dachte ich noch: Ich bin so müde, ich bin verloren, mir bleibt nichts mehr als schlichtes Annehmen. Mehr bleibt manchmal wirklich nicht.

    Danke für den Text, er tat gut.

    Anne

  2. Dunja Voos sagt:

    Danke sehr, lieber Simon, die Rückmeldung freut mich.

  3. Simon sagt:

    Ich hätte es nie so formulieren können, aber es ist mir aus der Seele gesprochen.
    Das Wissen, dass ich nicht der Einzige bin der so fühlt, tut gut und erleichtert. Danke dafür.

  4. Dunja Voos sagt:

    Liebe Kati,

    es freut mich sehr, dass Sie sich verstanden fühlen! Vielen Dank für Ihre Rückmeldung und alle guten Wünsche für 2018!

    Dunja Voos

  5. Kati sagt:

    Danke liebe Frau Voos für diesen Artikel!

    Sie beschreiben genau meinen Gefühlszustand seit mehreren Monaten, ich empfinde es als unaushaltbar, Es ist als sei da eine Macht in mir die gegen mich arbeitet. Alles erscheint bedeutungslos und sinnlos, nicht einmal mit mir selbst kann ich etwas anfangen. Und ich habe Angst meine Umwelt genau so hilflos zu machen, wie ich es bin!!
    Aber Ihre Texte machen mir immer wieder Mut weiter zu machen, da ich mich dadurch einfach verstanden fühle – da beschreibt jemand genau das, was ich fühle, wie es in mir aussieht, das ist was sehr Wohltuendes!

    Lieben Dank!
    Kati

  6. ricardo sagt:

    Genauso fühle ich mich schon lange..Im Moment kaum aushaltbar.. Ich hab keine wirkliche Heimat in mir.. In Therapie bin ich seit 20 jahren

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