Schichtwechsel: Warum es so schwierig ist, die soziale Schicht von unten nach oben zu wechseln und was Hass mit Bildungsferne zu tun hat

Oft ist es nichts weiter als eine Kette von Zufällen und Fügungen: Die Grundschullehrerin ermuntert das Kind, Klavier zu lernen, sie empfiehlt das Gymnasium. Der Mathelehrer glaubt an das Kind und wird zum Vorbild. Das Kind lernt eine neue Welt kennen: die Welt der Bildung. Es geht ruhiger zu, es gibt mehr Worte und weniger Geschrei, es gibt neue Möglichkeiten, die eigene Kreativität zu entdecken. Und plötzlich hast du das Abitur und denkst über ein Studium nach.

Wer von unten kommt, leidet oft an einer großen Scham, den Wunsch nach Bildung offenzulegen und sich zu bilden. In dem Film „Am Pass“ erzählt der Zwei-Sterne-Koch Silio del Fabro, esplanade-sb.de, fast schuldbewusst: „… da hab ich zu Hause so oft gelernt, dass ich einfach allein schon theoretisch so viel stärker und ich sag mal, gebildeter, belesener war, als er [der andere], dass er es halt mit seinem Kochen sehr, sehr schwer hatte, an mir vorbeizukommen.“ Silio del Fabro im Film „Am Pass“, Saarländischer Rundfunk 2022, ARDmediathek, verfügbar bis 3.5.27

Weiterlesen als Mitglied.

Jetzt Mitglied werden

Verwandte Beiträge in diesem Blog:

Links:

Professor Aladein El-Mafaalani, mafaalani.de:
Womit Bildungsaufsteiger zu kämpfen haben. youtu.be/XRBK1IK6P44 , Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, 6.1.2014, Mit Dank an Wolfgang-Gruendinger.de, auf dessen Blog ich dieses Video gefunden habe.

J. D. Vance (2016):
Hillibilly Elegy – A Memoir of a Family and Culture in Crisis. „With piercing honesty, Vance shows how he himself still carries around the demons of his chaotic family history . Hillbilly Elegy is the story of how upward mobility really feels.“ amazon.com/Hillbilly-Elegy…, (HarperCollins Publisher) (ehemals Ullstein Verlag 2017, Yes Verlag 2024, m-vg.de, Buch nicht auffindbar) „Viele benachteiligte Gruppen werden inzwischen bewusst berücksichtigt: Menschen mit Migrationshintergrund, Schwarze, Behinderte, Transgender – doch ich passe in keine der Gruppen. Immer, wenn ich davon lese, fühle ich mich noch mehr an den Rand gedrängt. Die Unterschicht wird einfach ausgelassen.“

Alexander-Teske.de

www.arbeiterkind.de

Susan T. Fiske, Hazel Rose Markus (Editors) (2012):
Facing Social Class: How Societal Rank Influences Interaction. Russell Sage Foundation, New York, jstor.org/…

Thora Bjornsdottir and Nicholas Rule (2017):
The visibility of social class from facial cues. Journal of Personality and Social Psychology, 113(4), 530–546, doi.org/10.1037/pspa0000091, psycnet.apa.org/…

Wolfgang Gründinger (2020):
Die Marshmallow-Lüge: Warum harte Arbeit nicht reich macht – und was wirklich zählt. wolfgang-gruendinger.de/…

Julia Reuter et al. (Hrsg.) (2020):
Vom Arbeiterkind zur Professur. transcript Verlag : „Erstmals äußern sich in diesem Buch Professor*innen unterschiedlicher Fächer zu ihrem ‚Klassenübergang‘ und zur Verknüpfung von sozialer Herkunft und Wissenschaft. Gerahmt werden die persönlichen Schilderungen durch ausgewählte Beiträge aus der Ungleichheitsforschung, u.a. von Christoph Butterwegge, Michael Hartmann und Andrea Lange-Vester.“

Mirijam Günter:
„Und ich sehe ihre Wut“, 9.7.2016, DIE ZEIT Nr. 27/2016, 23. Juni 2016, zeit.de/2016/27/…

Marco Maurer:
Ich Arbeiterkind
24. Januar 2013, DIE ZEIT Nr. 5/2013, zeit.de/2013/…

Die richtige Herkunft zählt
Bourdieus Erben. gepris.dfg.de/…

Pierre Bourdieu (befreundet mit Didier Eribon):
Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp, 1987

Didier Eribon, Deutschlandfunk.de (befreundet mit Pierre Bourdieu):
Rückkehr nach Reims. Suhrkamp-Verlag, 2016

Annie Ernaux:
Der Platz. Suhrkamp, 2019/2022

Bruce Watson und Richard Kopnicek (1990):
Unterricht für und durch ‚conceptual change‘: Auseinandersetzung mit kindlichen Konzepten in Lernprozessen. In: Phi Delta Kappan, Mai 1990, Seite 680 – 684, entdeckendes-lernen.de

Jason Schiffman et al. (2002)
Perception of parent–child relationships in high-risk families, and adult schizophrenia outcome of offspring. Journal of Psychiatric Research, Volume 36, Issue 1, January–February 2002, Pages 41-47, doi.org/10.1016/S0022-3956(01)00046-2, sciencedirect.com/…

Beitrag vom 13.9.2026 (begonnen am 17.7.2016)

5 thoughts on “Schichtwechsel: Warum es so schwierig ist, die soziale Schicht von unten nach oben zu wechseln und was Hass mit Bildungsferne zu tun hat

  1. Dunja Voos sagt:

    Ganz herzlichen Dank für diesen berührenden Kommentar, liebe Jana Blum.

  2. NinaHuba sagt:

    Man kann sich immer Probleme machen, wo keine sind. Im eigenen Saft zu schmoren ist nie eine gute Idee. Es gilt, die wahren Ursachen zu erforschen. Möglicherweise spiegeln andere nur die eigene Aggression, die man anderen gegenüber zum Ausdruck bringt, vor allem der eigenen Herkunftsfamilie gegenüber. Von ihnen hängt es letztlich ab, ob und wie man durchs Leben geht. Arsch hoch, Nase wieder etwas runter, dann wird es schon.

  3. Jana Blum sagt:

    Danke für diese gute Zusammenfassung, die genau beschreibt wie ich mich (als „Aufsteiger“) in meiner Familie fühle. Ich habe lange nach Worten gesucht die die Struktur und das Miteinander (oder mittlerweile eher ein „gegen mich“) beschreiben. Ich dachte immer ich sei mit meinem Wunsch „mehr vom Leben“ zu wollen eine Art „Sonderling“. Jemand, der seine Wurzeln nicht schätzt und als „eingebildete Tussi“ denkt sie sei etwas besseres. Vom kleinen Kuh-Dorf in die Großstadt. Abitur, Studium, Karriere im Großkonzern. Tatsächlich steckte immer ein großer Wunsch in mir ein (finanziell) sorgenfreies Leben zu führen und mir nun im Erwachsenenalter die Dinge zu geben, (materiell und immateriell) die ich als Kind so schmerzlich vermisst habe. Ich liebe meine Familie natürlich, aber muß seit einigen Jahren mit ansehen, dass wir immer mehr auseinander driften, je mehr ich bei mir selbst ankomme und das Leben lebe, von dem ich als Kind schon geträumt habe. Es ist ein sehr einsamer und schmerzhafter Prozess. Aber ich bin auch stolz auf meinen Weg, den ich mir aus eigener Kraft geschaffen habe. Ohne familiäre Hilfe. Der Artikel stimmt mich nachdenklich, aber er befreit auch, weil ich nun endlich etwas „greifbares“ habe. Danke!

  4. Dunja Voos sagt:

    Liebe leighanne,
    das freut mich sehr! Vielen Dank für Ihre hilfreiche Rückmeldung.
    Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg.

  5. leighanne sagt:

    Dieser Artikel ist wie für mich geschrieben – genau das habe ich erlebt! Nur hat es noch keiner so deutlich auf den Punkt gebracht.

Schreibe einen Kommentar