Unbewusstes (Ubw) und Vorbewusstes nach Sigmund Freud und anderen

Das Unbewusste (Ubw) ist nach Sigmund Freud ein psychischer Raum, in dem z.B. Gefühle und Vorstellungen liegen, die uns nicht bewusst sind. Häufig sind es z.B. innere Bilder oder Regungen, die vom Körperinneren ausgehen („Triebe“).

Der Traum ist nach Freud der „Königsweg“ (die Via regia) zum Unbewussten, das heißt, über Traumerinnerungen und Traumerzählungen kann man auf das Unbewusste rückschließen. Das Unbewusste ist vom Vorbewussten und Bewussten getrennt. An den Schwellen steht jeweils ein „Zensor“, ein Teil der Psyche, der entscheidet, ob das Unbewusste bewusst werden darf oder nicht. Die hin und her fließenden Kräfte, die zurückgehalten werden, während sie gleichzeitig ins Bewusstsein treiben, sind „dynamisch“. Das Modell von Bewusst-Vorbewusst-Unbewusst nannte Freud das topographische Modell (topos = griechisch „Ort“).

Timo Storck schreibt: „Aber zunächst zurück zu Freud. Dieser meint: ‚Das Unbewusste ist das eigentlich real Psychische … (Freud 1900a, [Die Traumdeutung, GW II/III] S. 771). Damit meint er, dass das Unbewusste uns nur eingeschränkt zugänglich ist und dass, das muss man hier dazu denken, es das aus funktionalen Grünen ist, es wird, zumindest als dynamisch Unbewusstes, aktiv aus dem Bewusstsein ferngehalten. Wir können ohne Weiteres nichts davon wissen. Aber für Freud hat das Unbewusste auch ‚einen natürlichen >Auftrieb<, es verlangt nichts so sehr, als über die ihm gesetzten Grenzen ins Ich und bis zum Bewusstsein vorzudringen.‘ (Freud 1940a, [Abriss der Psychoanalyse, GW XVII] S. 104f.)“ Timo Storck: Das dynamisch Unbewusste, Kohlhammer, 1. Auflage 2019, S. 19

Merke: Freud spricht vom „Unbewussten„, nicht vom „Unterbewussten“.

Verdrängtes ist unbewusst, aber nicht alles Unbewusste ist Verdrängtes (Freud-Zitate)

Erlebnisse, die mit unangenehmen Gefühlen zusammenhängen, verdrängen wir. Verdrängung ist ein Abwehrvorgang der Psyche. Bei der Verdrängung wird sozusagen etwas ins Unbewusste gedrückt. Es ist dann nicht mehr so leicht hervorzuholen. Bei etwas Vergessenem können wir uns oft willentlich erinnern, doch beim Verdrängten regt sich Widerstand, wenn es hoch will, bewusst werden will. Freud sagt: „‚Unbewusst‘ ist der weitere Begriff, ‚verdrängt‘ der engere.“

„Alles, was verdrängt ist, ist unbewusst. Aber nicht von allem Unbewussten können wir behaupten, dass es verdrängt sei. … ‚Unbewusst‘ ist ein rein deskriptiver, in mancher Hinsicht unbestimmter, ein sozusagen statischer Terminus.“ (Freud)

„‚Verdrängt‘ ist ein dynamischer Ausdruck, der auf das seelische Kräftespiel Rücksicht nimmt und besagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle psychischen Wirkungen, darunter auch die des Bewusstwerdens, zu äußern, aber auch eine Gegenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser psychischen Wirkungen, darunter wieder das Bewusstwerden, zu verhindern vermöge …“ (Freud, Der Wahn und die Träume, GW VII, S. 74/75)

„Vorstellungen werden nur verdrängt, weil sie an Gefühlsentbindungen geknüpft sind und nicht zustande kommen sollen. Es wäre richtiger zu sagen, die Verdrängung betreffe die Gefühle, nur sind uns diese nicht anders als in ihrer Bindung an Vorstellungen fassbar … Was sich nun weiter in ihm (Anm.: dem Held der Geschichte „Gradiva“, Norbert Hanold) abspielt, ist ein Kampf zwischen der Macht der Erotik und den sie verdrängenden Kräften; was sich von diesem Kampfe äußert, ist Wahn.“ (Sigmund Freud: Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, 1907)

Das Vorbewusste

Manchmal schwebt uns etwas vor, wir haben es in Gedanken, aber wir können noch nicht ganz bewusst darüber nachdenken. Da hängt also etwas zwischen den Bereichen „unbewusst“ und „bewusst“. „Es liegt mir auf der Zunge“, sagen wir und dann fällt es uns wieder ein. Solche fast bewussten Gedanken und Gefühle nannte Sigmund Freud „vorbewusst“. Das Vorbewusste ist ein Bereich der Psyche, der zum Bewussten gehört. Wenn der „Zensor“ Teile aus dem Unbewussten ins Bewusstsein lässt, landen diese Teile sozusagen zuerst im Vorbewussten. Die vorbewussten Gefühle und Gedanken sind „bewusstseinsfähig“, wie Josef Breuer (1842-1925) es nannte. Ein kleiner Anstoß von außen genügt und dann wird das Vorbewusste bewusst.

Der Psychoanalytiker Professor Timo Storck, psychologische-hochschule.de (DPV) schreibt: „Freud unterscheidet zwischen dem deskriptiv Unbewussten und dem dynamisch Unbewussten. Deskriptiv unbewusst schließt auch das ein, das prinzipiell bewusstseinsfähig ist und nur gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit steht (von Freud als vorbewusst bezeichnet). Aller Voraussicht nach ist uns im Verlauf eines Tagesdeskriptiv unbewusst, was wir am Morgen zum Frühstück gegessen haben. Wenn wir aber daran denken, wird es uns vermutlich wieder einfallen … – es ist uns bis dahin vorbewusst gewesen. Dynamisch unbewusst ist hingegen etwas, das nicht durch bloße gedankliche Anstrengung wieder ins Bewusstsein gehoben werden kann, weil es davon ferngehalten wird. Es hat auch den Status ‚unbewusst‘, aber in einem speziellen Sinn (aufgrund der Hindernisse gegenüber einem ‚Hervorholen‘ ins Bewusste).“ Timo Storck: Das dynamisch Unbewusste, Kohlhammer 1. Auflage 2019: S. 19

Sigmund Freud: „Man übersieht an dieser Sachlage gewöhnlich den einen wesentlichen Punkt, daß der pathogene Konflikt der Neurotiker nicht mit einem normalen Kampf seelischer Regungen, die auf demselben psychologischen Boden stehen, zu verwechseln ist.
Es ist ein Widerstreit zwischen Mächten, von denen die eine es zur Stufe des Vorbewußten und Bewußten gebracht hat, die andere auf der Stufe des Unbewußten zurückgehalten worden ist.
Darum kann der Konflikt zu keinem Austrag gebracht werden; die Streitenden kommen so wenig zueinander wie in dem bekannten Beispiel der Eisbär und der Walfisch. Eine wirkliche Entscheidung kann erst fallen, wenn sich die beiden auf demselben Boden treffen. Ich denke, dies zu ermöglichen, ist die einzige Aufgabe der Therapie. Sigmund Freud: 27. Vorlesung: Übertragung, Projekt Gutenberg

Wolfgang Leuschner schreibt: „Das hier im Fall der Bearbeitung telepathischer, subliminaler und traumrelevanter Wahrnehmungen tätige Dissoziierungs-Reassoziierungs-Geschehen erscheint heute als ein umfassendes seelisches Prinzip. Es macht das Vorbewusste neben dem Bewusstsein zu einem zweiten, relativ unabhängigen Operationssystem, zu einem ‚Para-Bewusstsein‘, einem Nebenbewusstsein. Das schläft nachweislich niemals, es nimmt vielmehr ständig wahr, denkt auf eigene Weise und spielt dabei mit dem Bewusstsein ständig zusammen. Das Vorbewusste ist also weit mehr als ein bloßer Verzerrungsapparat. Schließlich ist es auch ein System, das für die Darstellung unwillkürlicher Handlungen zuständig ist …“
Wolfgang Leuschner: Telepathie und das Vorbewusste. Experimentelle Untersuchungen zum „siebten Sinn“. Sigmund-Freud-Institut, 2004, amazon

„Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt; den Namen unbewußt beschränken wir auf das dynamisch unbewußte Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist.“ Sigmund Freud 1923: Das Ich und das Es. Bewusstsein und Unbewusstes. Projekt Gutenberg

Während beim Unbewussten die Verdrängung als Abwehr im Vordergrund steht, so ist es beim Vorbewussten die Verleugnung. (Verdrängung = Bewusstes wird ins Unbewusste gedrückt, Verleugnung = Nicht-Wahrhabenwollen.) Besonders die Scham verhindert, dass Vorbewusstes ins Bewusstsein kommt. Zum Vorbewussten gehören z.B. Masturbationsphantasien, Phantasien über den Psychoanalytiker und Reverie. Das Vorbewusste kann man sich eher wie eine Fläche, eine Spielwiese vorstellen, während das Bewusste eher punktuell und linear ist.

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Links

Soldt, Philipp (2005):
Vorbewusstes und vorbewusste seelische Prozesse – Versuch einer konzeptuellen Klärung.
Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung 2005, 17: 211-237
zvab.com

Fred Busch:
A shadow conept
The International Journal of Psychoanalysis, Volume 87, Issue 6, December 2006: Pages 1471-1485
doi.org/10.1516/F8M4-TRM7-XNRP-9BA6
onlinelibrary.wiley.com/…

„The author (Fred Busch) focuses on the significance of preconscious thinking, and its relationship to what we think of as unconscious fantasies.“

Ernst Kris:
On Preconscious Mental Processes
Columbia University Press, 1951
doi.org/10.7312/rapa92214-026
www.degruyterbrill.com/…
Aus dem Buch: Organization and Pathology of Thought

Hanna Gekle, blockbloch.net (1986)
Wunsch und Wirklichkeit
Blochs Philosophie des Noch-Nicht-Bewußten und Freuds Theorie des Unbewußten
Suhrkamp, 1986

Beitrag vom 4.3.2026 (begonnen am 20.10.2014)

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