Alkoholabhängigkeit und Bindung: „Cure the incurable“

Manche Therapeuten winken bereits am Telefon ab, wenn der Patient ein Alkoholproblem angibt. Andere haben einen hoffnungsvolleren Blick. Die Autoren Abdullah Cihan und Kollegen beschreiben in ihrem Beitrag „Attachment Theory and Substance Abuse: Etiological Links“ interessante Ansätze. (tandfonline.com 2014)

Die Alkoholabhängigkeit ist demnach keine eigenständige Krankheit, sondern eher das Ergebnis einer tiefgreifenden frühen Bindungsstörung. Diese frühe Bindungsstörung hat zu einer Störung in der Emotionsregulation geführt. Natürliche „Glückshormone“, die durch befriedigende Beziehungen hervorgerufen werden, fehlen dem Alkoholabhängigen, so Cihan.

„Attachment theory-based clinical treatment of this disorder could both diminish symptoms and cure the incurable. … Attachment theory holds that the clinician-client relationship fosters positive change. This dyad engages in direct right brain-to-right brain affective communication (Schore & Schore, 2008, link.springer.com), stimulating and encouraging growth in those areas of the brain most neglected during the client’s early development“ (S. 532 und 534). Abdullah Cihan et al., 2014.

(Frei übersetzt von Voos: „Bindungstheoretisch orientierte Behandlungen der Alkoholsucht können die Symptome reduzieren und das Unheilbare heilen. … Zwischen Analytiker und Patient findet die affektive Kommunikation von „Rechtshirn-zu-Rechtshirn“ direkt statt (Schore & Schore, 2008). Dadurch kommt es zu einem Wachstum in den Gebieten des Gehirns, die in der frühesten Lebenszeit des Patienten am meisten vernachlässigt worden sind.“)

„Die Flasche“ zeigt dem Alkoholkranken täglich die vermisste, verloren gegangene oder auch nie gehabte Brust.

Natürlich könne die Psychotherapie nur stattfinden, wenn der Betroffene „trocken“ ist, meinen die abweisenden Therapeuten. Die Assoziation zu Kindergartenkindern liegt nahe. Doch Psychotherapeuten, die sich der Alkoholiker annehmen, obwohl sie nicht „trocken“ sind, machen mitunter gute Erfahrungen.

Gerade Psychoanalytiker versuchen „Rückfälle“ eher zu verstehen und nicht zu sanktionieren. Einen erhellenden Beitrag hierzu schreibt der Psychoanalytiker Wolf-Detlef Rost: Ambulante Psychotherapie des Alkoholismus, Sucht-und-Psychoanalyse.de (21.2.2014).

„Nur wenn sie betrunken war, fühlte sie sich ihrem Inneren ganz nah. Denn dann war sie sie selbst. Dann war es für sie möglich, eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen oder das gute Gefühl der Beziehung auch noch nach dem Abschied in sich zu tragen. Daher trank sie immer besonders dann, wenn sie gerade eine gute Begegnung mit einem verstehenden Menschen hinter sich hatte. Sie wollte das Gefühl der Verbundenheit festhalten.“ Erfahrung aus meiner Praxis (Voos)

Alkoholabhängige Ärzte müssen um ihre Approbation bangen

Bei der Landesärztekammer Brandenburg fand ich dann dieses „Merkblatt für Kammerangehörige mit einem Suchtmittelproblem“ (2018). Hieraus geht hervor: Es besteht nur die Gefahr eines Approbationsentzuges, wenn der Arzt sich nicht behandeln lässt. Suchterkrankungen kommen bei Ärzten schätzungsweise ebenso häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung. Das Ärzteblatt vom 24.5.2013 schreibt, man könne davon ausgehen, dass etwa 3 bis 4,5% der Ärzte betroffen sind.

In dem Merkblatt der Landesärztekammer Brandenburg (2018, PDF) heißt es:
„Von daher droht jedem suchtmittelabhängigen Arzt, egal ob es sich um Alkohol, psychotrope Medikamente oder illegale Drogen handelt, der Entzug der Approbation bis hin zum Berufsverbot, wenn er sich nicht unverzüglich in Behandlung begibt.“

Und: „In jedem Fall ist eine einjährige ambulante Weiterbehandlung durch ein Curriculum der stationären Behandlungseinrichtung oder durch einen ambulanten, mit dem Hilfsangebot der Landesärztekammer vertrautem Behandler erforderlich. Während dieses Zeitraums ist die Kammer bereit, in enger Zusammenarbeit mit den Behandlern die Abstinenz vom Suchtmittel zu kontrollieren, um einen möglichst dauerhaften Therapieerfolg zu sichern und die Weiterausübung Ihres ärztlichen Berufs zu verantworten.“

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Abdullah Cihan et al. (2014):
Attachment Theory and Substance Abuse: Etiological Links. Journal of Human Behavior in the Social Environment, Volume 24, Issue 5, 2014, DOI:10.1080/10911359.2014.908592, tandfonline.com/… : „Some often describe substance abuse as a disease with no cure. An alternative etiology of substance abuse may be examined through a modern attachment theory lens.“

aerztegesundheit.de

Der ehemals suchtkranke Tierarzt Dr. Jens Lundberg, erf.de gründete die Gruppe „ASA – Anonyme Substanzabhängige Ärzte“

Wolf-Detlef Rost (2009):
Psychoanalyse des Alkoholismus. Psychosozial-Verlag, Juli 2009

Jose Zusman:
A Psychoanalyst encounters Patients with Addictions. ipaoffthecouch.org/2019/… „Both analyst and patient will have to share a bitter taste of abandonment, of boredom, of antagonism and they have to remain together, because together they will be able to construct something to get out of it.” Jose Zusman, MD, Rio de Janiero

« S’il se passe un truc moche, on boit pour essayer d’oublier. S’il se passe un truc chouette, on boit pour le fêter. Et s’il ne se passe rien, on boit pour qu’il se passe quelque chose.» Charles Bukowski, citations.ouest-france.fr/ … et Wikipedia

Beitrag vom 23.6.2026 (begonnen am 29.8.2014)

One thought on “Alkoholabhängigkeit und Bindung: „Cure the incurable“

  1. j.o. sagt:

    hallo frau dr. voos, haben sie eventuell noch einige Informationen über (erwachsene) kinder alkoholabhängiger eltern und deren beziehungsambivalenzen? vielen Dank

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