Über die Angst, vom Bösen besessen zu sein

Sie sei überzeugt davon gewesen, dass der Teufel die Macht über sie übernommen hätte („The Devil had taken me over“), erzählt Catherine Penney in dem Film „Take these broken wings“ (Youtube). Vielleicht hattest Du auch schon einmal das Gefühl, irgendwie oder von bösen Mächten besessen zu sein. Es fûhlt sich an wie eine „Angst ohne Grip“. Du kannst gar nicht richtig beschreiben, wie Du Dich eigentlich fühlst. Es ist vielleicht wie ein Druck von aussen auf die Brust oder wie ein Gefühl, gefangen und eingesperrt zu sein. Besonders Dein Kopf fühlt sich vielleicht komisch an. Zwischen den Augen fühlst Du vielleicht einen unangenehmen Druck, so als wolltest Du weinen, aber es geht nicht.
Das Wort „besessen“ beschreibt vielleicht wortwörtlich, wie Du Dich fühlst, wobei es nichts Konkretes gibt, was auf Dir sitzt. Vielleicht ist es eine Art Körpererinnerung an Gewalterfahrungen, die Du gemacht hast. Das Gefühl betrifft vielleicht nur Deinen Oberkörper, während Deine Beine sich vielleicht normal anfühlen. Das nicht Greifen-Können und nicht Beschreiben-Können lässt Dich vielleicht verzweifeln.
Am liebsten würdest Du vielleicht schreien, aber Du fûhlst Dich, als könntest Du nichts tun, was Dich wirklich entlastet. Du wartest irgendwie auf irgendeine Form der Entlastung – vielleicht, wie sie in dem Märchen „Der Froschkönig“ beschrieben wird. Da war ein Pferdekutscher vor Kummer wie eingequetscht. Und als die Erleichterung kam, war es, als wäre ein Metallband von seiner Brust gesprungen – auch die anderen bemerken es. Der Freund in der Kutsche ruft: „Heinrich, der Wagen bricht!“, doch Heinrich sagt: „Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen.“
Vielleicht hast Du das Gefühl, dass es da so etwas wie einen bösen Aether um Dich herum gibt, den nur Du selbst empfinden kannst. Du hast vielleicht die Vorstellung, dass alle anderen Menschen weit weg sind und dass sie Dich zwangsläufig missverstehen müssen. Es ist vielleicht ein Gefühl von Unbegreiflichkeit – ähnlich wie wenn man von einer ungeheuer schrecklichen Nachricht erfährt. Du hast vielleicht das Gefühl, dass man Dir grundsätzlich nicht helfen kann, weil Dich auch keiner versteht, so meinst Du.
Diese Erfahrung ist so wenig greifbar, dass sie Dich an eine religiöse Erfahrung denken lässt. So, wie wir uns im Guten manchmal sehr erleichtert und dankbar fühlen und dies einer guten äusseren Macht zuschreiben, so hast Du das Gefühl, dass Du in Kontakt bist mit etwas namenlos Schrecklichem, etwas „Transzendentem“. Du fragst Dich vielleicht, wie Du überhaupt so weiterleben kannst. Du hast vielleicht Sorge, ganz besonders schwer krank oder nicht mehr zu retten zu sein. Doch in meiner täglichen Praxis erlebe ich, dass nicht nur „total Kranke“ unter so etwas leiden. Manche beschreiben genau solche Ängste und arbeiten dennoch täglich in sehr verantwortungsvollen Berufen.
Vielleicht hast Du auch die Vorstellung oder das Gefühl, Empfänger einer „bösen Fernwirkung“ zu sein. Es ist, als sässe z.B. die böse Mutter in der Ferne, die durch Gedanken und Wünsche bewirke, dass Du in einen unangenehm schwebenden, panikartigen Zustand versetzt wirst. Auch die Beschäftigung mit UFOs oder Ausserirdischen kann solch namenlose Gefühl in einem hervorrufen.
„Irgendwie“ scheint Unheil zu geschehen. Vielleicht hast Du das Gefühl, Du gehst mit Deinem Oberkörer über in eine andere Sphäre und löstest Dich darin auf. Es ist, als ob es keine Grenze, keine feste Struktur mehr gäbe.
Nicht selten kommen gerade muslimische Patienten mit dieser Angst, besessen zu sein, in die Sprechstunde und erzählen, dass ein Dschinn in ihnen sei, also eine böse, teufelsartige Macht. Die Betroffenen seien schon beim Exorzisten gewesen, jedoch habe ihnen das keine dauerhafte Erleichterung gebracht. Ich denke, dass Muslime nicht öfter solche Erfahrungen machen als andere Menschen auch, aber dass sie eben diese Art von Bildern und Sprache entwickelt haben, um sich verständlich zu machen und damit umzugehen. Auch in christlich-religiösen Gemeinschaften wird Exorzismus praktiziert.
Im Buddhismus hingegen gibt es die Idee des Exorzismus meines Wissens nicht – auch hier gilt das Prinzip des Mitgefühls.
Auf der Website isalamiq.de heißt es: „Ein Rechtsgelehrter aus Saudi-Arabien erklärte auf einer Fachtagung, dass Dschinn, Zauberei und Ähnliches zu der verborgenen Welt gehören, die unseren Sinnen verborgen bleibt und nicht durch moderne Wissenschaft oder die Naturwissenschaft bewiesen werden kann.“ („Vom Dschinn besessen – Mythos oder Wahrheit?“ Eine Kolumne von Dr. med. Ibrahim Rischoff, 8.1.2023) Ein interessanter Film hierzu findet sich auf Youtube: Stephan investigates Islamic Exorcism.
Auf bibelwissenschaft.de findet sich eine interessante Einteilung verschiedener Arten der Besessenheit. Der Religionswissenschaftler Traugott Konstantin Oesterreich (1880-1949) unterschied die Besessenheit, bei der das Bewusstsein ausgeschaltet ist (somnambule = schlafwandlerische Besessenheit) und eine Besessenheit, bei der das Bewusstsein erhalten bleibt (luzide Besessenheit).
Was tun?
Wenn Du an diesem merkwürdigen Angstgefühl leidest, fühlst du Dich vielleicht „dünnwandig“. du hast vielleicht das Gefühl, ein „schwaches Ich“ zu haben. Also ist da zum Einen gefühlt die fehlende Schutzhülle und zum Anderen der fehlende innere Widerstand, die gefühlt fehlende innere Kraft. Es besteht die Horrorvorstellung, dass die anderen keine Ahnung davon haben, was mit einem selbst geschieht.
Es kann Dir helfen, wenn Du jemanden findst, mit dem Du über Deine Gefühle und Ängste sprechen kannst. Schon wenn Du sagst: „Ich kann es nicht beschreiben“ oder „ich kann das Gefühl nicht benennen – es ist alles so komisch“, ist es ja schon eine Art Beschreibung. Andere können die „bösen Mächte“ nicht sehen, aber sie können Deine Angst und Deinen Zustand sehen. Nimm Dich selbst damit ernst.
Manchmal hilft schon ein wenig Schlaf, um Dich aus diesem Zustand herauszubringen. Du kannst Dich zurückziehen und unter Deine Decke krabbeln. Auch Wärme und gute Nahrung können helfen. Vielleicht spürst Du irgendwann, wie der „scheussliche Grip“ von Dir ablässt. Mit der Entspannung der Muskulatur, vor allem im Nacken, kann es Dir von einer Sekunde zur anderen besser gehen.
Denken, Denken, Denken – das hilft oft bei „übernatürlichen“ Erfahrungen, erklärt die Psychoanalytikerin Marsha Aileen in ihrem Video „Unconscious Communication, Psychoanalysis and Religion“. Auch der Physiker und Psychologe Walter von Lucadou (Freiburger Institut für Parapsychologie) rät, bei Unerklärlichem das Erlebte so detailliert wie möglich zu beschreiben und aufzuschreiben. Dadurch kommt das Erlebenis von wieder mehr „Grip“ zurück.
Manchmal können Tiere beruhigen – es kann Dir gut tun, in das weiche Fell eines Hundes oder einer Katze zu greifen. Auch „Feinstoffliches“ kann helfen wie der Duft von getoastetem Brot oder frisch gekochtem Kaffee, aber auch Grobes wie z.B. die Arbeit in einer Schmiede oder einer Schreinerei können Dir Grip verleihen. Selbst, wenn Dein Kopf sich auch bei körperlicher Betägigung noch schwebend anfühlt, kannst Du davon ausgehen, dass diese namenlosen Empfindungen auch wieder vergehen werden.
Auch kann die Vorstellung eines „Dritten“ entlasten. Häufig kommen die Ängste vor Besessenheit im Alleinsein oder im Zuzweitsein. Wenn es jedoch etwas außerhalb gibt, z.B. einen Dritten, der Dich versteht, kann das ein Gefühl von „Boden“ vermitteln.
Frei schwebend, ohne gute Bindungen
Viele, die unter dieser Angst leiden, klagen, dass sie noch nie gute familiäre Bindungen hatten oder dass ihnen enge Bindungen große Angst machen. Oft liegt hier eine Ansammlung von frühen schrecklichen Beziehungserfahrungen zugrunde: Was, wenn derjenige, der mir helfen soll, sich selbst als gefährlich entpuppt?
Viele Betroffene waren psychisch sehr quälenden Angriffen ausgesetzt, noch bevor sie sprechen konnten. Die Angst, besessen zu sein, tritt interessanterweise jedoch meistens erst nach der Pubertät auf, sodass möglicherweise auch Sexualität und sexuelle Erregung eine Rolle dabei spielen. Es ist, als würde die Psyche den frühen „Schaden“ mit sich ziehen, sodass die angegriffene Seele in der Pubertät nur mit vielen Hindernissen reifen kann.
Es ist vorstellbar, dass die Angst, „besessen“ zu sein, schon in den ersten Lebensmonaten ihre Wurzeln hat. Das „Averbale“ spielt hier eine Rolle. Interessant dabei ist, dass „böse Mächte“ wie z.B. ein Verfolger beim „Stimmenhören“ oder im Alptraum selbst stumm (averbal) sind und auch auf irgendeine Weise „dumm“. Es lässt sich nicht mit dem Bösen reden und auch nicht mit ihm verhandeln. Er ist nicht zu packen. Er ist wie eine Vorstellung, ohne Festigkeit. Die abwesende Mutter, der abwesende Vater können möglicherweise die Ursache dafür sein. Es ist wie bei der Abwesenheit von Nahrung: Der Hunger in einem wächst und wird zum „beißenden Hunger“. Im Hunger ist man angreifbarer als im gesättigten Zustand. Dieser Mechanismus kann übrigens auch eine Rolle bei der Adipositas-Behandlung spielen. Manche sehr übergewichtige Menschen erleben eine psychotische Phase, wenn sie zu rasch abnehmen.
Die Säuglingsforscherin Beatrice Beebe zeigt in ihrem Film „Decoding the nonverbal Language of Babies“ (Youtube, Minute 32), wie eine psychisch traumatisierte Mutter mit ihrem Kind kommuniziert. Das „Mismatch“, diese „Nicht-Passung“ ist schon beim Anschauen nur schwer zu ertragen. An einer Stelle erstarrt das Kind vor Angst, weil seine Mutter so furchterregend unpassend mit Lachen auf seine Not reagiert. Durch die furchterregende Kommunikation mit der Mutter, entsteht im Kind möglicherweise das Gefühl, dass innerlich und äußerlich etwas einstürzt und dass da nichts da ist, worauf es sich verlassen kann.
Auch Babys, die zu früh zu viel allein gelassen wurden, entwickeln möglicherweise das Gefühl, dass das Abwesende (also die Abwesenheit der guten Mutter) so etwas ist wie ein Böses Äußeres um sie selbst herum. Interessant ist auch die Frage, wo die Betroffenen das Böse in der Umwelt verorten – oft kommt es eher von hinten oder seitlich-hinten, von oben, seltener von vorne oder von überall her. Das lässt möglicherweise auf frühere Erfahrungen schließen, also auf die Erfahrung, dass Böses von hinten oder oben kommt, aber weniger von vorne.
Häufig sind vorzugsweise Kopf, Brust, Bauch und Arme von dem Gefühl betroffen, von bösen Mächten eingenommen zu sein, während die Beine noch zum Fliehen fähig sind.
Es kann möglicherweise auch die Körperhaltung eine Rolle spielen, in der die Erfahrung der Abwesenheit gemacht wurde: Lag man als Kind überwiegend auf dem Bauch im Bettchen oder auf der Seite oder auf dem Rücken? Untersuchungen zu Einschlafphänomenen hierzu können möglicherweise ein Bindeglied zwischen den vielen Fragen liefern (Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung, Brandes&Apsel, 2011, Sigmund-Freud-Buchhandlung).
Auch Übergriffe körperliche Erfahrungen wie sexueller Missbrauch oder medizinische Eingriffe wie Operationen oder die Vojta-Therapie können zu dem frühen Gefühl des Überwältigtseins geführt haben, wobei die Körperhaltung mit dem Erlebnis verbunden ist. Schon durchdringende Blicke können bei kleinen Kindern ausreichen, um schreckliche Angst auszulösen. Die Psyche war im Kleinkindalter noch nicht reif und hatte dem Gewaltigen noch nichts entgegenzusetzen. Solche Bereiche der Psyche bestehen ein Leben lang fort.
Religiöse Fragen tun sich auf
Wer unter der Angst leidet, von etwas eingenommen zu werden, der beschäftigt sich häufig auch mit der Religion – und umgekehrt: Nicht wenige Menschen mit dieser Angst kommen aus strengen Glaubensgemeinschaften. Für viele kann es zunächst eine Lösung sein, davon Abstand zu nehmen. Mit der Zeit, wenn mehr Festigkeit gewonnen ist, kann man sich vielleicht dem Spirituellen neu zuwenden.
Im Vaterunser heißt es: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Manchmal scheinen „Versuchung“ und „das Böse“ fast dasselbe zu sein. Manche Betroffene, die sehr religiös aufwuchsen oder/und missbraucht wurden, haben schon bei „normaler Sexualität“ das Gefühl, sie täten etwas Böses, das bestraft werden müsste. Sie haben dann das Gefühl, sich nicht mehr helfen zu können – manche beginnen dann, innerlich zu bitten, von dem Bösen erlöst zu werden.
Mangel an Festigkeit
Wir fühlen uns in dem Moment der Angst vor dem Ergriffensein durch das Böse als sehr hilflos. Manchmal kann es helfen, die körperliche Nähe eines anderen Menschen zu suchen. Durch das Anschmiegen an den anderen Körper kann das Gefühl von Angst und Besessenheit manchmal nachlassen. Es ensteht wieder ein festeres Gefühl, sodass auch das Gefühl entsteht, nicht so leicht durchdrungen werden zu können.
Wut vertreibt das Böse
Oft stellen wir vielleicht fest, dass wir das Gefühl der Besessenheits-Angst nicht mehr haben, wenn wir wirklich wütend, neidisch oder eifersüchtig sind. Auch eine Grippe oder andere handfeste körperliche Erkrankungen können entlastend wirken. In dem wunderbaren Film „Sörensen hat Angst“ von und mit Bjarne Mädel, wird gezeigt, wie Sörensen einen engen Gang voller Angst entlang geht. Die Wände scheinen sich aufeinander zu zu bewegen, sodass der Gang immer enger wird. In einer zweiten Szene kommt Sörensen wieder dorthin, doch diesmal ist er voller Wut. Nun ist der Gang ganz frei für ihn.
Bei sehr großer Angst kann eine Psychoanalyse helfen, allerdings braucht es sehr viel Geduld. Es geht zunächst darum, seine Ich-Stärke zu entwickeln. Je besser man sich selbst kennenlernt und beobachten kann, desto stärker lässt sich „das Eigene“ fühlen. Wichtig ist es dabei, die Erfahrung machen zu können, dass einem selbst der Raum und die Ruhe gelassen wird, die man braucht.
In einer Psychoanalyse kann diese Erfahrung von Beziehung mit respektvollem Abstand gut gemacht werden. Es ist vielleicht manchmal, als nähme man von dem bedeutungsvollen Anderen (ursprünglich von Mutter und Vater, später vielleicht vom Partner oder Analytiker) eine Art „Seelen-Teilchen“ auf. Mit der Zeit genügt auch das Denken an den anderen, um sich zu beruhigen, ohne dass er körperlich anwesend ist. Die Entwicklung hin zu mehr innerer Festigkeit und zu einer sichereren Hülle kann lange dauern – und auch bei noch so viel innerer Festigkeit können wir dennoch von diesem Gruselgefühl von aussen erfasst werden.
Das vegetative Nervensystem zu beruhigen, z.B. durch Meditation, kann helfen, denn das aufgeregte vegetative System vermittelt auch ein Gefühl von „Dünnwandigkeit“ – beispielsweise verändert sich die Leitfähigkeit der Haut bei Angst. Was Ursache und was Wirkung ist, ist dabei nicht immer klar. Haltgebend kann das Erfahrungs-Wissen sein, dass das Gefühl des „Besessenseins/Überkommenseins“ wieder vergehen wird.
Ein zweiter wichtiger Ast, der zu mehr Sicherheit führt, ist die Bewegung. Yoga kann ein sehr gutes Instrument sein, um sich zu stärken. Im Yoga geht es um das Feinstoffliche und das Grobstoffliche. Als Basis braucht man das Grobstoffliche – es ist wichtig, erst einmal eine innere Substanz zu entwickeln. Dazu gehören z.B. schon ausreichend Schlaf und eine gute Ernährung, denn Essen hält Leib und Seele zusammen. Doch manchmal ist es auch so, dass wir von dieser unbegreiflichen Angst gerade während des Yogas oder danach heimgesucht werden.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Yogahaltungen, das meditative Denken und die Atemübungen (Pranayama) selbst zu diesen namenlosen Zuständen führen können.
Dieses Gefühl, eine innere Substanz zu entwickeln und schließlich zu haben, ist mit das Wertvollste, das ein Mensch haben kann. Ich denke, dieses Gefühl entsteht über den emotional ehrlichen Kontakt mit einem anderen Menschen, über die Wahrheitssuche, die Ausrichtung auf eine sinnvolle Arbeit und über Bewegung.
Der Dämon in mir
Die Indie-Rock-Band „Imagine Dragons“ singt von den „Demons“, den „Dämonen“ in uns. Immer wieder spüren wir Kräfte, die über unserer Willenskraft stehen. Manchmal spüren wir in uns vielleicht einen Elternteil als etwas „Böses“, als eine Kraft, die uns immer wieder dazu veranlasst, etwas zu sagen oder zu tun oder zu fühlen, wovon wir denken, dass das gar nicht wir selbst sind. Es ist, als lebte unsere Mutter in uns weiter oder wir in ihr. Wir erleben das, was wir sagen, denken oder fühlen dann als „Ich-fremd“ („Ich-dyston“).
Durch das, was wir als Kind erlebt haben, geben wir anderen immer wieder den Anstrich der „primären Bezugspersonen“ (also Mutter und Vater), wenn wir in Situationen kommen, die uns bewusst oder unbewusst an die Geschehen aus Kindertagen erinnern.
„Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?“
Als Kind träumten wir dann vom „schwarzen Mann“, vom „bösen Wolf“, dem „weißen Hai“ oder vom Feuer. Wir haben den „bösen Anderen“ verkörpert, wir haben aus ihm eine Figur gemacht, in der vieles verdichtet ist. Häufig sind es auch „böse“ Anteile von uns selbst. Die „böse Figur“ erhält verschiedene Seiten, die uns selbst immer Angst machten: Böse Augen, große Zähne, ein hämisches Lachen. Wir alle haben als Kind Beängstigendes und Katastrophales erlebt. Doch wie konnten wir damit fertig werden? Manchmal konnten wir es gar nicht. Und diese Erlebnisse wirken in uns weiter.
An guten Tagen fühlen wir uns als Herr im eigenen Hause. An schlechten haben wir das Gefühl, dass uns etwas aus dem Ruder läuft. Es sind oft unbewusste Gefühle und Erinnerungen, die uns wieder heimsuchen, die wir von früher kennen, aber die wir nicht in Worte fassen können.
Und immer wieder sind es die „bösen Anteile in uns selbst“, die wir in eine Figur verpacken. Ähnlich, wie wir Unerwünschtes nach außen auf andere Personen projizieren können, so können wir ungewollte eigene Anteile auch auf „innere Objekte“ projizieren. Wir träumen vom „Schwarzen Mann“, aber eigentlich sind wir selbst diese Figur. Wir fühlen uns verfolgt, weil unsere eigenen Anteile nicht weggeschickt, sondern gehört werden wollen.
Manchmal spüren wir die „Dämonen in uns“ so stark, dass wir Angst haben, wir könnten die Kontrolle verlieren und sie könnten die Macht übernehmen. Wir haben Angst, verrückt zu werden. Doch weil wir einen gesunden Anteil in uns haben, können wir auch den „kranken“ Anteil in uns spüren und sehen. Meistens reagieren wir mit dem Verstand. Wir wollen das, was wir da fühlen, spüren, erahnen, gerne wegdrängen. Aber dadurch sperren wir das Ungewollte, den „Dämon“, wieder nur in einen Käfig.
Der Dämon kann vielleicht nicht mit uns sprechen, weil er aus vorsprachlicher Zeit stammt, aber wir können mit ihm sprechen. Wir können versuchen, diesen „Dämon“ zu fühlen, zu sehen, zu verstehen. Wichtig ist, dass wir diese Mächte und Kräfte in uns anerkennen und nicht so tun, als würde es sie nicht geben.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen“? Oder von bösen Mächten bedroht?
Dietrich Bonhoeffer schrieb 1944 aus dem Kellergefängnis: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Menschen mit einer schweren Angststörung spüren aber oft das Gegenteil: Sie fühlen sich von „bösen Mächten“ umgeben und bedroht. Krieg, Klima und Krankheiten machen uns Angst – egal, ob mit oder ohne Angststörung. Wie ist das mit dem Eindruck, dass wir von Mächten umgeben sind?
Unser Körper hört nicht mit der Haut auf. Wir geben noch Wärmestrahlung und Gerüche ab. Unser Körper endet sozusagen erst einige Zentimeter über unserer Haut. Wir haben in unserer Schulmedizin meines Wissens keinen Begriff dafür – am ehesten spricht man wohl von „Aura“, einem „Gewebe feinstofflicher Energien“ (www.seelenwissen.com/lexikon/aura/). Wenn man Menschen fragt, wo ihr Körper endet, sagen sie oft, dass er seine Grenze erst einige Zentimeter über der Haut hat.
Was kommt von innen?
Manchmal fühlen wir das Außen sehr, manchmal mehr das Innere. Wenn ich gerade viele bedrohliche Nachrichten gesehen habe, habe ich ein beängstigendes „Außengefühl“. Wenn ich wütend bin, dann spüre ich den Energiestrom innerhalb meines Körpers. Der Körper bebt, wir spüren die Wärme von unten nach oben hochsteigen. Wir könnten „platzen vor Wut“. Wenn wir jedoch eine starke Panikattacke haben, dann spüren wir zwar vielleicht auch ein Beben oder „Bohren“ in uns, jedoch kann es sich auch so anfühlen, als ob da von außen etwas „böse Vibrierendes“ auf uns zukäme und uns durchdringe.
Wenn wir während einer Panikattacke in unsere Umgebung schauen, wirkt sie mitunter bedrohlich auf uns. Es ist, als würde sich die ansonsten neutrale Umgebung durch gruselige Hintergrundmusik in eine Horrorwelt verwandeln.
Ob wir eine Bedrohung oder etwas Gutes als von außen oder innen kommend wahrnehmen, ist nicht immer leicht zu sagen. In der Psychoanalyse spricht man von einem „Psychoanalytischen Feld“. Während zwei beisammen sind, entsteht sozusagen etwas Drittes: Eine Atmosphäre baut sich auf, ein Thema dehnt sich aus. Es entsteht etwas zwischen den Beiden: Sowohl Analytiker als auch Patient haben einen bestimmten „Eindruck“ von der Situation. Wie sieht das Zimmer aus, während wir Angst haben, während wir wütend sind oder während wir uns geborgen fühlen? Wir nehmen es unter Umständen immer wieder anders wahr.
Psychische Beschädigungen oft außen sichtbar
Man sieht oft von außen, ob ein Mensch psychisch schwer beschädigt wurde oder nicht. Wenn wir einen Menschen sehen, der in Liebe großgeworden ist, dann beneiden wir ihn um seine Erscheinung, die etwas von „Ganzheit“, von Ordnung und Unversehrtheit zeigt. Es ist, als hätten diese gesunden Menschen eine Schutzhülle um sich herum. Wenn wir uns geliebt fühlen, fühlt sich häufig auch unser Haut samtig und „ganz“ an. Wir fühlen uns, als trügen wir selbst einen Schutzmantel. Auch in der Psychoanalyse kann so ein Gefühl entstehen, wenn der Therapeut als „gutes Introjekt“ aufgenommen worden ist und wir einen inneren Raum entwickeln konnten.
Wenn wir eine schlechte Nachricht erhalten oder denken, wir werden verrückt, dann fassen wir uns an den Kopf – so, als wollten wir uns selbst zusammenhalten. Alles, was uns wieder zu uns selbst zurückführt, tut uns gut: Die eigene Wut wahrnehmen, eine emotionale Verbindung zum anderen herstellen, die eigene Kraft durch Bewegung spüren, sich eine Wärmflasche machen, Schlafen oder etwas Gutes essen, kann helfen, das bedrohliche Außen weniger bedrohlich wirken zu lassen („Essen hält Leib und Seele zusammen“).
Wenn wir uns innen gut fühlen, haben wir meistens auch den Eindruck dass die Außenwelt uns freundlich gesonnen ist. Wir brauchen auch das Gefühl, selbstwirksam zu sein. Der Alltag mit seinen Routinen und manchmal einfach Putzen, Planen und Gestalten können uns aufatmen lassen, wenn wir uns bedrängt fühlen. Wenn gar nichts mehr hilft, weil sich große Kräfte ihren Weg bahnen (z.B. in der Krankheit oder in Katastrophen) können Meditation und Gebet ein Anker sein.
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Links:
Tina Lintner:
Besessenheit. Ein Diskursfeld der Gegenwart zwischen Dämonenglauben und Psychiatrie/Psychotherapie
Masterarbeit, Universität Wien, 2020
Beitrag vom 22.1.2026 (begonnen am 20.6.2023)
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