Orale Phase und Acht-Monats-Angst: Die Mimik der Mutter spielt eine besondere Rolle

Saugen, Nuckeln und das Verlangen, alles in den Mund zu nehmen steht im ersten Lebensjahr an oberster Stelle. Schon im Bauch haben wir unseren Daumen in den Mund genommen, um uns zu beruhigen. Als wir auf die Welt kamen, erkundeten wir sie mit dem Mund.
Im ersten Lebensjahr waren wir in der oralen Phase (Os = lateinisch: Mund). Geprägt wurde der Begriff von Sigmund Freud. Zunächst überwiegt das passive Bekommen. Mit dem Einsatz der Hände und mit den Zähnchen kommt das aktive Sich-Nehmen hinzu.
Waren wir gesund, so saugten wir begierig an der Brust oder am Fläschchen. Wir nahmen die gute Nahrung in unseren Körper auf. Gleichzeitig nachmen wir sozusagen Mutter und Vater auch in unsere Psyche auf. Auch heute noch geht die Liebe ganz durch den Magen und wir haben jemanden zum Fressen gern.
Wenn wir an einer Essstörung leiden, haben wir ein „orales Problem“. Manchmal handelt es sich um eine „Verschiebung von unten nach oben“, zum Beispiel bei sexuellen Traumata – unsere Probleme mit unserer Schamregion verlagern wir auf den Mund. Interressanterweise haben wir nicht nur Backen im Gesicht, sondern wir haben auch „Pobacken“, ausserdem „Scham-Lippen“ sowie einen „Mutter-Mund“.
Auch die Angst, unser Essen könnte vergiftet sein, kann von den frühen Erfahrungen, die wir mit dem Gefüttertwerden gemacht haben, herrühren. Eine „toxische“ Beziehung ruft Ängste um das Vergiftetwerden hervor oder anders gesagt: Eine schlechte Beziehung bezeichnen wir als „toxisch“, weil wir die Phantasie haben, wir könnten uns vergiften. Manchmal haben wir vielleicht auch die Vorstellung, wir hätten die „böse Mutter“, den „bösen Vater“ psychisch viel mehr in uns aufgenommen, als wir es wollten.
Wenn uns Vater oder Mutter fütterten, war die Nähe zu ihnen groß. Wir verbrachten viel Zeit damit, uns unsere Mutter während des Stillens anzusehen – bis uns die Augen zufielen. Wir nahmen also nicht nur die Nahrung auf, sondern auch ihre Blicke, ihre Stimme und ihre Berührungen. Der Abstand zwischen den Augen der Mutter und denen des kleinen Babys beim Stillen beträgt übrigens etwa 20 cm. Wir entwickelten eine Vorstellung (Repräsentanz) davon, wie es ist, Zuwendung von der Mutter zu bekommen.
Das gute Bild und das dazugehörige Körpergefühl gaben uns Sicherheit, an die wir uns erinnern können und die wir immer fühlen können – doch auch die negativen Seiten nahmen wir auf: Grobe Berührungen oder langes Warten auf das Fläschchen haben uns in Aufregung versetzt. Haben wir gute Erfahrungen mit dem frühen Versorgtwerden gemacht, können wir uns vielleicht relativ leicht einem anderen Menschen anvertrauen. Wir können uns fallen und versorgen lassen.
Das Sich-Fallenlassen ist jedoch natürlicherweise oft nicht so leicht, denn das frühe Versorgtwerden hängt auch mit vielen Gefahren zusammen. Wir waren abhängig von der Güte der Mutter und wir sind immer wieder abhängig von anderen Menschen, besonders dann, wenn wir krank sind und alt werden. Die Sorgen darum, was mit uns in der Abhängigkeit passiert, hängen mit unseren Erfahrungen zusammen, sind aber doch wohl auch angeboren.
Sobald wir als Baby nicht mehr vollkommen abhängig waren und das Bild unserer Mutter ausreichend in uns aufgenommen hatten, war sie für uns innerlich da, auch wenn sie äußerlich weg war. Daumenlutschen, Schnuller und Schnüffeltuch (Übergangsobjekte) halfen uns dabei, uns an das wohlige Gefühl bei der Mutter zu erinnern und Trennungen auszuhalten. Bald kamen unsere Händchen mehr und mehr zum Einsatz: Die Welt wurde für uns hand-hab-bar und be-greiflich.
Die Grenze zwischen Mutter und Kind entsteht
Oft waren wir als Kinder frustriert, weil die Mutter nicht immer gleich da war. Brust oder Fläschchen kamen nicht sofort, wenn wir Hunger hatten. Es wurden uns längst nicht alle Wünsche erfüllt. Wir lernten Einsamkeit und Mangel kennen. So wurden wir mit der Härte der Realität konfrontiert. Wir lernten, dass die „gute Mutter“, die uns unsere Bedürfnisse manchmal rasch und gut befriedigte, dieselbe Person war wie die „böse Mutter“, die manchmal keine Zeit hatte, die nicht da war oder nicht auf uns eingehen konnte. Über diesen Entwicklungsschritt hat die Psychoanalytikerin Melanie Klein viel geschrieben.
Die Abwesenheit eines anderen guten Menschen gehört zeitlebens zu den schmerzhaftesten Erfahrungen. Nicht selten greifen wir dann zum Essen, wenn wir jemanden vermissen und wenn wir uns einsam fühlen. Die orale Phase nehmen wir also auch mit ins Erwachsenenalter.
Wenn unsere Mutter über lange Zeit gelitten hat und depressiv war, konnte sie nicht so auf uns eingehen, wie wir es gebraucht hätten. In solchen Zeiten fühlen sich sowohl die Mutter als auch das Kind allein und verlassen.
Wenn uns unsere Mutter anblickte, war ihre Mimik vielleicht nur wenig beteiligt oder sie war nicht passend zu unserem Gefühl. Dann fühlten wir uns alleingelassen und unverstanden. Es ist nicht immer leicht, sich selbst zu beobachten, die eigenen Emotionen wahrzunehmen, sie zu versprachlichen und auszuhalten. Doch wenn es unseren Eltern lange Zeit nicht gut ging, haben wir vielleicht größere Schwierigkeiten damit als andere Menschen.
Die Mimik von weniger alleingelassen Kindern ist oft ausdrucksstärker und differenzierter als von Kindern, die in den ersten Wochen und Monaten nur wenig guten Kontakt zu Mutter und Vater hatten. Ein „leeres“ Gesicht kann die Folge sein – die Kinder wirken auf eine Art „dümmer“.
Kinder, die schon in der oralen und analen Phase (also im Alter von null bis drei Jahrern) Schlimmes erlitten, sind „frühtraumatisiert“. Die Folgen sind oft besonders schwer, weil die Kinderr in diesem frühen Alter noch keine ausgereifte Wortsprache haben.
Mangelte es uns zu sehr an Mütterlichkeit, konnten wir auch nur schwer eine gute innere Stimme ausbilden. Vielleicht wurde nur wenig oder überwiegend in schlechter Wiese mit uns gesprochen. So haben wir vielleicht die Vorstellung entwickelt, dass Beziehungen schwierig und negativ gefärbt sind. Aus diesem Gefühl heraus können Depressionen entstehen. Doch auch hier gilt wieder: Auch Menschen, denen es besser ging als uns, haben ihre Defizite. Wir wünschen uns wahrscheinlich immer, besser mit unseren Gefühlen umgehen zu können als wir es können.
Wir alle haben Stellen, an denen die Kommunikation mit der „frühen Mutter“ nicht so gut geklappt hat, z.B. weil der Vater abwesend war, weil es Geldsorgen gab, Krankheiten oder sonstige Probleme. Die Emotionen und der Umgang damit können sich auch später noch verändern, z.B. in guten Beziehungen oder auch in einer Psychoanalyse.
Orale Phase und die „Separations-Krankheit“
Der Psychoanalytiker René Spitz war einer der Ersten, die den Hospitalismus beschrieben, also die Resignation eines Babys, wenn es von der delinquenten Mutter getrennt und im Heim alleingelassen wurde. Dieses Youtube-Video auf dem Kanal des Autors Philippe Crevoisier stellt es sehr gut dar. Dort kritisiert ein Sprecher die Psychoanalyse, indem er sagt, dass die Depression eines Kleinkindes von Psychoanalytikern manchmal mit dem „Neid auf die Schwangerschaft der Mutter“ erklärt wird/wurde. Der Sprecher im Film weist auf die vielen tiefen Ursachen der Depression hin und sagt: „Schaut in die Augen der Kinder!“
Depressionen hängen nach psychoanalytischer Theorie mit oralen Themen zusammen. Das heißt nicht, dass eine gestörte orale Phase zwangsläufig Depressionen zur Folge hat oder dass Depressionen immer auf eine Störung in der oralen Phase zurückzuführen sind. Aber die Themen „Versorgen- und Versorgtwerden“ sowie „Abhängigsein und Selbstständigkeit“ hängen eng zusammen.
Nach der OPD (Operationale Psychodynamische Diagnostik) geht es also um die Konflikte (Achse III) „Versorgtwerden versus Autarkie“ und „Abhängigkeit versus Autonomie/Individuation“.
Manchmal erleben wir uns so hilflos und passiv wie ein Baby – zum Beispiel, wenn wir krank sind, wenn wir unter Druck geraten oder eine Depression entwickelt haben. Oder aber wir geben uns extra stark, haben aber den tiefen Wunsch, versorgt zu werden.
Eine Depression zu haben heißt häufig, nicht ausreichend (aggressiv) „zubeißen“ zu können, die eigenen Bedürfnisse nur wenig zu kennen, zu wenig nach erwünschten Zielen zu greifen und sich nicht ausreichend abgrenzen zu können. Das „Zähnezeigen“ fällt schwer. Wir kennen das: Wir lächeln verkrampft, wenn es uns mit dem anderen unbehaglich wird, anstatt ihm mit abweisender Mimik deutlicher zu zeigen, dass wir uns gerade nicht wohlfühlen.
Wenn wir uns nicht gut abgrenzen können und uns nicht gut vom anderen getrennt fühlen, dann fällt es uns auch schwer, Trauer zu empfinden. Trauer können wir nur empfinden, wenn wir die Trennung deutlich spüren. Als kleine Kinder konnten wir erst in einem bestimmten Alter weinen, weil wir traurig waren. Interessanterweise fällt es depressiven Menschen oft schwer, wirklich zu trauern. Eine Depression kann sich zurückbilden, wenn wir bewusst Trauer spüren.
Wir haben immer wieder eine große Sehnsucht danach, gut versorgt zu werden. Aber wir wissen nicht, wie wir unseren Wünschen Ausdruck verleihen können. Zu groß wird dann vielleicht das schlechte Gewissen. Vielleicht wehren wir unseren Wunsch nach Zuneigung und Versorgung ab. „Ich bin doch kein Kind mehr!“, sagen wir uns dann.
Wenn es uns an Zuneigung, Hilfe und Versorgtwerden mangelt, dann wandeln wir diese Sehnsucht manchmal in Aktion um: Wir beginnen, andere liebevoll zu umgehen und zu pflegen. Es befriedigt uns, aufopfernd zu sein und die anderen so zufrieden zu sehen, wie wir es gerne wären. Gleichzeitig kann diese Situation jedoch auch unseren Neid erwecken: So, wie wir den anderen gerade verorgen, würden wir selbst gerne versorgt werden.
Für unseren Neid wiederum fühlen wir uns schuldig. Das muss uns noch nicht einmal bewusst sein – doch irgendwie bemerken wir das Schuldgefühl. Sich aufzuopfern, kann dem Gefühl gleichkommen, eine Strafe abzuleisten.
Wenn wir depressiv sind, dann möchten wir gerne etwas im Mund haben – Zigaretten, Süßigkeiten oder Alkohol. Hier zeigt sich, wie eng die Depression mit oralen Themen (Versorgung, Ernährung, Verschlingen und „Nicht-Trennung“) zusammenhängt.
Auf die orale Phase folgt in der Kindesentwicklung die anale Phase (Alter: zwei bis drei Jahre), in der es um Ablösung, Trennung und Stärkung der Eigenständigkeit geht. Das Kind erobert die Welt. Die Worte „Nein, Mein und Ich!“ kommen hervor. Der Vater spielt hier eine besondere Rolle, weil er – vereinfacht gesprochen – das Kind von der Mutter wegbewegt und es in die Welt hinausführt.
Der Säuglingsforscher René Spitz (1887-1974) bzeichnete die Mundhöhle als „Urhöhle„, weil er davon ausging, dass der Säugling die frühesten und wichtigsten Erfahrungen mit dem Mund macht. Erst an zweiter Stelle standen für ihn die Sinneserfahrungen, die mit den Augen gemacht werden. (René Spitz war ungarischer Abstammung und ließ sich bei Sandor Ferenczi zum Psychoanalytiker ausbilden. Später machte er eine Lehranalyse bei Sigmund Freud. Quelle: Wikipedia)
Acht-Monats-Angst: Über das Fremdeln
Neugeborene Babys geben sich manchmal zur Beruhigung noch mit anderen Müttern kurzzeittig zufrieden. Wenn sie etwa acht Monate alt sind, erleben sie die Mutter jedoch bewusster als einzigartig. Sie beginnen, zu fremdeln: Alles, was „Nicht-Mutter“ ist, macht ihnen Angst – manchmal sogar der Vater, wenn er nach Hause kommt.
Dieses Fremdeln kann in verschiedenen Formen länger anhalten. Zu Karneval zeigen die Kleinen große Angst vor verkleideten Personen; aber auch der Nikolaus macht ihnen Angst oder ein Mensch von einer anderen Hautfarbe. Der Forscher Henry Parens sieht sogar einen Zusammenhang zwischen Fremdeln und Fremdenhass.
Der Entwicklungsforscher René Arpad Spitz (1887-1974) konnte feststellen, dass Kinder in der Fremdelphase auch vor nichtbelebten Objekten zurückschrecken: Sie zeigen Angst vor vielen Spielzeugen.
Die Acht-Monats-Angst kann beunruhigend wirken, weil sie manchmal extrem ausgeprägt sein kann. Diese Angst ist jedoch ein Entwicklungsschritt hin zu mehr Reife: Das Kind kann unterscheiden zwischen Vertrautem und Unvertrautem. Es baut zunehmend Bindungen auf. Ein Übergangsobjekt (wie der Teddy, obwohl Winnicott einmal schrieb, er meine nicht den Teddy) kann beruhigen.
Markiertheit der Mimik – warum wir mit Babys übertrieben sprechen
Was ein Baby fühlt, zeigt es mit seiner Mimik. Die Mutter/der Vater reagieren darauf mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck. Die Mutter spiegelt dem Baby das zurück, was es ihr zeigt. So sieht sich das Baby fast wie in einem Spiegel. Nun ist es aber wichtig, dass die Mutter irgendwie zeigt, dass das, was das Baby gerade fühlt, nicht unbedingt ihr eigenes Empfinden ist. Um diesen Unterschied zu zeigen, „markiert“ sie ihre Mimik: Sie übertreibt den verstehenden Gesichtsausdruck. Diese Übertreibung wird „Markiertheit“ genannt. Das Baby bemerkt die Übertreibung. So fühlt es sich verstanden und merkt gleichzeitig, dass die Mutter ein anderer Mensch mit eigenen und anderen Empfindungen ist.
Was als markierte Spiegelung der Gesichtsausdrücke beginnt, setzt sich im Kleinkindalter im Spiel fort. Hier übertreiben die Eltern die Kommentare zum Spiel des Kindes: „Ohh, sooo einen großen Turm hast Du gebaut?“
Das Kind lernt, dass Spiel und Wirklichkeit unterschiedliche Dinge sind und dass sich auch Wünsche und Taten voneinander unterscheiden. Es versteht den „Als-ob-Modus“. Mit der Zeit erfährt das Kleinkind durch die Kommunikation mit den Eltern, dass es ein eigenes Menschlein mit eigenen Ideen und Gedanken ist. Es entdeckt sich selbst und lernt, über sich selbst und andere nachzudenken (Mentalisierung).
Wenn das Markieren fehlt
Wenn die Mutter zwar dem Baby spiegelt, was es fühlt, aber ihren Gesichtsausdruck nicht markiert, dann kann sich das Baby überwältigt fühlen. Es fühlt sich möglicherweise so, als würde es die Mutter und auch die ganze Umwelt mit seinen Gefühlen anstecken. Dann erscheinen dem Baby die eigenen Affekte gefährlich.
Das passiert natürlich nicht bei gelegentlichen Unaufmerksamkeiten, sondern nur, wenn die fehlende Markierung ein Dauerzustand ist. Und auch hier gibt es sehr viele verschiedene Ausprägungen, die mit dem Temperament von Mutter und Kind zusammenhängen. Befindet sich die Mutter gerade im selben Zustand wie das Baby, ist die Spiegelung automatisch anders. Wenn ich mich als Mutter erschrecke und mein Baby erschreckt sich auch, kann ich meinen Gesichtsausdruck als Mutter natürlich nur schwer „markieren“ – dann kann ich mitfühlend schauen.
Nur wenn du als Mutter die Affektausdrücke deines Säuglings so gut wie gar nicht wiedergeben kannst, dann kann es deinem Kind später vielleicht schwerer fallen, seine inneren Zustände zu benennen, was als „Alexithymie“ bezeichnet wird. Natürlich können viele andere Gründe für die Alexithymie mit hineinspielen, zum Beispiel das Gefühl, die eigenen Gefühle nicht ausdrücken zu dürfen, weil die Not in der Familie so gross ist oder es überstrenge Bezugspersonen in der Umgebung gibt.
Eigene Gefühle können sehr verwirrend sein und es ist nicht immer leicht, dem Kind zu zeigen, wie es sie wahrnehmen, benennen, ausdrücken und dosieren kann. Die Beziehung zu vielen gesunden Bezugspersonen fördert das Kennenlernen der eigenen Gefühle – es lastet nicht alles auf den Schultern der Mutter.
Depression als Ausdruck früher Körpergefühle
Wie fühlen sich erwachsene Menschen, wenn sie als Baby früh von der Mutter oder vom Zwillingsgeschwister getrennt wurden oder wenn sie im Brutkasten lagen? Wenn sie medizinische Eingriffe oder die Vojta-Therapie erhielten? Kommen weitere ungute Faktoren hinzu wie z.B. eine postpartale Depression der Mutter oder eine Alkoholabhängigkeit der Eltern, dann können daraus im Laufe des Lebens hartnäckige Depressionen entstehen.
Es ist faszinierend, wie Betroffene mit 30, 40 oder 50 Jahren ihre depressiven Gefühle beschreiben. Hört man genau hin, kann man sich das hilflose Baby zu Beginn des Lebens genau vorstellen: „Es ist ein Gefühl wie zwischen Leben und Tod. Ich möchte einfach nur noch dasitzen und nichts mehr tun. Ich fühle mich zu schwach für irgendeine Anstrengung. Ich will irgendwie nicht sterben, aber leben kann ich auch nicht.“
Bei solchen Beschreibungen können beim Zuhörer innere Bilder von schwachen Säuglingen auftauchen, die sich eben genau in diesem Zustand befinden: einem Zustand zwischen Leben und Tod. Man bangt um ihr Leben, man will, dass sie leben, aber sie sind noch zu schwach, um es eigenständig zu tun. Die Kleinen spüren die jähe Trennung von der Mutter oder vom Zwillingsgeschwister, der Körperkontakt ist abgebrochen und es kommt zu tiefen Einsamkeitsgefühlen.
Auf der Haut spüren die Kinder die fehlende Berührung. In diesem Zustand fehlt die Kraft, weiterzuleben. Jeder Atemzug erscheint wie eine große Anstrengung.
Frühe Körpergefühle melden sich später wieder
Die Körpergefühle und die innere Verzweiflung des Säuglings, der noch keine Worte und ein fragliches Zeitgefühl hat, tauchen bei vielen Menschen anscheinend ab der Pubertät wieder auf und können sich verstärken, wenn beim Älterwerden und im Beruf die körperliche Kraft und Energie wieder nachlässt.
Auch auf der Suche nach einem Partner, der ja Nähe bedeutet, können unbewusste Ängste vor alten Körpererfahrungen mit Berührung, Schmerz und Trennung wieder auftauchen.
Wenn man die Betroffenen fragt, was genau sie denn fühlen, sagen sie häufig: „Ich weiß nicht.“ Dies könnte ein Ausdruck dafür sein, dass das aktuelle Befinden dem so frühen Befinden sehr ähnelt, doch weil es damals noch keine Worte gab, lassen sich auch jetzt schwer Worte finden.
Wie sieht Heilung aus?
Aus diesen Lebensgefühlen herauszukommen, kann enorm schwierig werden. Doch wir alle waren auch einmal Baby und tragen die frühen Erfahrungen von Geborgenheit, Verlassenheit, Hunger, Wortlosigkeit, Chaos und Zeitlosigkeit in uns. Wichtig bei einer Psychotherapie oder Psychoanalyse ist es, dass der Therapeut bedenkt, dass er sich mit dem Patienten möglicherweise in solch frühen Sphären bewegt.
Wir fühlen uns oft erleichtert, wenn wir spüren, dass der Therapeut sich in unsere Zustände einfühlen kann und ein Konzept davon hat. Vielleicht ist es sogar besonders wertvoll, wenn der Analytiker selbst Ähnliches erlebt hat und in einer eigenen Analyse diese Gefühlswelten schon bearbeiten konnte. So kann er dem Patienten immer einen Schritt voraus sein, was als wertvoller Halt erlebt werden kann. Allein durch diese Erfahrung, endlich eine Art „Grip“ für das Rätselhafte zu erhalten, können wir neue Kraft und Lebensfreude erleben.
Still Face Experiment: Babys brauchen unser Lächeln. Zuwendung wirkt sich auf die Gene aus (Epigenetik)
Babys sind darauf angewiesen, dass die Mutter mit ihrem Gesicht auf sie reagiert. Wenn die Mutter im Gesicht keine Reaktion auf das Baby zeigt, wird es misstrauisch, unruhig, ängstlich und verzweifelt. Das lässt sich leicht in Experimenten nachweisen. Erfunden wurde das „Still Face Experiment“ (bewegungsloses-Gesicht-Experiment) von dem Entwicklungspsychologen Edward Tronick, youtube
Die mütterliche Zuwendung hat zudem Einfluss auf die Gene des Kindes. Der kanadische Forscher Michael Meaney wies in einem Tierexperiment nach, dass Rattenkinder, die zu wenig Zuwendung von der Mutter erhalten hatten, als ausgewachsene Tiere besonders stressanfällig waren. Der Grund: Bestimmte Gene konnten dauerhaft nicht mehr abgelesen werden. Das Forschungsfach, das sich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt, heißt Epigenetik.
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Links:
Mother-Infant-Communication. Mikroanalysen der Mutter-Kind-Kommunikation. Forschungsarbeiten und Videos von beatricebeebe.com
René Spitz et les bébés séparés : naissance du concept d’hospitalisme, youtube
Barbara Diepold: Depression bei Kindern. Psychoanalytische Betrachtungen (PDF)
Siegfried Elhardt (2001): Tiefenpsychologie. 5. Der Hunger und seine Folgen. Kohlhammer-Verlag Stuttgart 2001: 76-80
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Maternal Resilience and Chronic Depression in Mourning for a Child: A Preliminary Case-Based Analysis. Rorschachiana (2007), 28, pp. 16-35, doi.org/… , econtent.hogrefe.com/…
Hartmut Böhme und Beate Slominski (2013): Das Orale. Die Mundhöhle in Kulturgeschichte und Zahnmedizin, amazon
René Spitz (1963/1983): Dialogues from infancy. freud-institut.ch/…
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Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett-Cotta
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Liebst Du mich, auch wenn ich wütend bin? Was gefühlsstarke Kinder wirklich wollen. amazon
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Beitrag vom 27.4.2026 (begonnen am 8.9.2012)
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9 thoughts on “Orale Phase und Acht-Monats-Angst: Die Mimik der Mutter spielt eine besondere Rolle”
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Noch ergänzend: Das „Ende der oralen Phase“ gibt es so deutlich gar nicht. Ein Leben lang haben wir mit oralen Themen zu tun – wir müssen immer essen und trinken, wir rauchen, trösten uns mit Schokolade, nehmen Tabletten, lassen uns versorgen. Die verschiedenen Phasen (oral, anal, ödipal) gehen eher ineinander über und ergänzen sich. Sie bilden Schwerpunkte im Alter von 0-1, 1-3 und 4-6 Jahren, aber sie sind nicht strikt voneinander getrennt.
Oft wird gesagt, Frustrationen seien entwicklungsfördernd – damit ist dann gemeint, dass man Kindern ruhig viel zumuten kann. Frustrationen sind aber nur dann in guter Weise entwicklungsfördernd, wenn die meisten grundlegenden Bedürfnisse ausreichend gestillt werden.
Liebe lilapause,
ja, was Sie beschreiben, ist wirklich schwierig. Der Schlafmangel der Mütter ist enorm! Jedes Mutter-Kind-Paar findet wohl seine eigene Lösung. Manchen hilft es, das Baby einfach mit ins eigene Bett zu nehmen. So können dann beide einschlafen.
Liebe Frau Voos,
verstehe ich das richtig, dass die genannten Frustrationen auch entwicklungsfördernd sind bzw. das Ende der oralen Phase einleiten können? Ich frage mich, wie es sich auswirkt, wenn ein neun Monate altes Kind nicht mehr wie üblich in den Schlaf gestillt wird, sondern lernen soll in seinem Bettchen alleine einzuschlafen während die Mutter daneben sitzt und versucht beruhigend zu sprechen/singen. Nuckel und Kuscheltiere liegen auch im Bett, werden vom Kind auch benutzt, trotzdem weint das Kind lange, streckt die Arme zur Mutter aus und sagt auch immer wieder „Mama, Mama…“. (Aber die Mutter hat ein starkes Schlafdefizit und kann das Kind nicht mehr stündlich in den Schlaf kuscheln/stillen, weshalb sie diese Umgewöhnung/Frustration für dringend nötig hält).
Viele Grüße
Hallo liebe Kommentar-Schreiber*innen,
ohne dass ich alles Vorherige gelesen habe zu „orale Phase/Bedeutung von Mutter und Oralität in prägender frühen Lebensphase, usw.“ , ist mir aber klar, dass man von dem großen Erkenntnisgewinn führender Personen, wie Freund, usw., inbezug auf Ableitungen zu seiner eigenen Situation abstrahieren muss. Trotzdem bleibt für mich das Wesentliche bestehen und hilft mir sehr, weiterzukommen und Lösungen für meine (individuelle) Problemkonstellation zu entwickeln.
Zu „Oralität“ fällt mir z.B. spontan ein:
– Die „Mutter“ als GEBENDE
– KONSUMIEREN (Dinge, Essen, Geld, teure Kleidung, großes Haus, großes Auto, usw.), immer nur
HABENWOLLEN (Gib mir!! Ich brauche…..!!).
Liebe Grüße von
Melande
Hallo, was kann man Eltern raten, wenn man glaubt, dass das 8jährige Kind in der oralen Phase feststeckt.
Hallo.
Besonders bei einer Medizinseite würde ich mir wünschen dran zu denken, dass 1. Die Mutter nicht immer die nächste Bezugsperson ist und damit alle Probleme des Kindes auf die Mutter zurück zu führen sind (das ist vllt bei Freud selbst so gewesen aber entspricht nicht der Realität), dass 2. es nicht immer eine Mutter gibt (schwule und queere Eltern) und dass 3. Die stillende/gebährende Person nicht immer eine Frau oder die Mutter ist, es gibt auch trans Personen z.b. trans Männer, die Kinder gebären und stillen.
Und ja Freud hat das so formuliert, aber Freud war selbst eine extrem problematische Person mit viel Sexismus in den Texten und davon abgesehen denke ich Texte und Theorien gehören an die derzeitige Realität angepasst und weiterentwickelt.
Solche Texte inklusiver zu schreiben, führt dazu, dass queere und trans Elternschaft normalisiert wird und somit die Gewalt und der Hass denen diese Personen ausgesetzt wird, endlich ein bisschen weniger wird.
Lg,
Konsti
Liebe Goldi,
vielen Dank für Ihre Frage. Ich denke, jede Mutter kennt es, das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben, nicht genug da gewesen zu sein, nicht „richtig“ beim Baby gewesen zu sein usw. Es ist schwer, diese Gefühle aushalten zu lernen, doch das bewusste Bedauern kann helfen. Wenn es gelingt, diese Gefühle und Vorstellungen nicht abzuwehren, sondern sie anzuerkennen, lässt die Schärfe mitunter nach. Wichtig ist es, über sich und das Kind wahrheitsgemäß nachdenken zu können und in Beziehung zu bleiben.
Was Sie schreiben von „unbewussten Phasen beim Stillen“ könnte auch bedeuten, dass Sie oft eine träumerische Haltung eingenommen haben. Innerlich waren Sie vielleicht sehr mit sich, aber ohne es zu merken wahrscheinlich auch mit Ihrem Kind beschäftigt. Solche träumerischen Phasen sind jedoch sehr wichtig, denn dabei findet die wertvolle Kommunikation von „unbewusst zu unbewusst“ statt.
Vielen Dank für diesen hilfreichen Text.
Was kann ich tun wenn ich das Gefühl habe dass mein Sohn (4 Jahre) in der orale Phase „zu kurz gekommen „ ist?
Ich war sehr mit mir & meine eigenen Themen beschäftigt & hatte lange unbewusste Phasen beim Stillen…
Herzliche Grüße
Goldi
Die Frage, ob die Depression genetisch vererbt wird oder ob sie von der Mutter durch ihr Verhalten weitergegeben wird, lässt sich nicht so leicht beantworten. Sicher spielen viele Faktoren eine Rolle.
Häufig findet man eine „vorgetäuschte“ genetische Vererbung: Kinder depressiver Mütter zeigen selbst früh depressives Verhalten. Sie spiegeln die Mutter und nehmen psychisch auf, was die Mutter ihnen vorgibt. Wenn diese Kinder jedoch – z.B. in einer Therapie – neue Beziehungserfahrungen machen können, kann die Depression zurückgehen.
Zudem weiß man heute, dass das mütterliche Verhalten auch Einfluss auf die Gene des Kindes hat. Man kann sich das etwa so vorstellen wie bei einer Schuppenflechte: Es gibt Menschen, die Gene tragen, die an der Schuppenflechte beteiligt sind. Ob die Schuppenflechte jedoch ausbricht, also ob die Gene dann auch etwas ausdrücken, hängt von vielen Faktoren ab.
Der Vorteil dieser Sichtweise: Die Depression ist kein Schicksal, sondern kann durch neue Beziehungserfahrungen zurückgehen.
Der Nachteil dieser Sichtweise: Auf Mutter und Vater lastet noch mehr Druck, alles „richtig“ zu machen und Schuldgefühle können dadurch größer werden. Wichtig ist es, die Eltern von den Schuldgefühlen zu entlasten. Eltern, denen es nicht gut geht, benötigen selbst Entlastung, Ermutigung und möglicherweise auch eine Therapie. So kann man der „Vererbung“ der Depression vorbeugen.