Containment: Gefühle wollen gehalten werden. Schwierigkeiten in der Kommunikation aus psychoanalytischer Sicht
Kleine Kinder werden von ihren Gefühlen oft regelrecht übermannt. Du kennst die plötzliche schlechte Laune deines Kindes, die von jetzt auf gleich die gute Stimmung völlig zunichte macht. Bist du in einer guten Verfassung, kannst du deinem Kind helfen, damit umzugehen. Das ist eine große innere Arbeit, die viel Kraft und Zeit erfordert – und müde macht. Und manchmal bleibt ihr einfach beide im Regen stehen.
Der britische Psychoanalytiker Wilfred Ruprecht Bion (1897-1979) fand für die haltende Funktion der Mutter ein schönes Bild: die Mutter ist für die Gefühle des Kindes eine Art „Container“. Sie versucht, die Gefühle des Kinders zu verstehen. Hunger, Langeweile, Unlust aber auch Freude nehmen das kleine Kind in vielen Momenten ganz in Beschlag. Als Erwachsene wissen wir, wie sehr wir mit einem schreienden Kind mitleiden oder mit einem lachenden Kind mitlachen können.
Die Mutter nimmt die Gefühle des Babys auf und „hält“ sie eine Weile. Sie kann auch die anfängliche Ungewissheit aushalten. Dann interpretiert sie die Signale des Babys und verarbeitet seine Emotionen. Das macht sie meistens in einer träumerischen Haltung. Diese träumerische Haltung ist notwendig, um die Psyche des Babys zu erreichen, denn das Baby hat noch keine Worte.
Unsere Sprache ist ein Teil unseres Bewusstseins – hier können wir konkret in Worten denken und unseren Verstand walten lassen. Um ein Baby emotional und ohne Worte verstehen zu können, müssen wir teilweise unseren bewussten und kontrollierenden Verstandesapparat verlassen. Wenn wir uns in eine träumerische Haltung begeben, dann können wir in Resonanz mit dem Baby treten. Das Baby spürt dann, dass wir wirklich „da“ sind und beruhigt sich dadurch.
Ein unbeschreibliches Gefühl, welches das Baby alleine kaum bewältigen kann, nannte Bion ein „Beta-Element“. Nachdem die Mutter das Gefühl ihres Kindes verarbeitet hat, gibt sie es ihm psychisch verdaut zurück, dass es das Gefühl annehmen kann. Das „annehmbare Gefühl“ ist dann das Alpha-Element.
Vom Gefühl zum Wort – aus gefühlt wird gedacht
Die Mutter, die ihr weinendes Kind sieht, nimmt seine Gefühle wahr, schaut es an und sagt: „Ah, Du bist traurig. Ich werde Dich trösten.“ Solche Szenen wiederholen sich unzählige Male. Jeder einzelne dieser Momente ist wichtig. Das Baby ist auf die Wiederholung angewiesen. Daher reicht es nicht, einem Baby nur gute Qualitätszeit zu geben – auch die Quantität ist wichtig.
Irgendwann bewirkt dieser Kommunikations-Vorgang, dass das Kind das bisher nur Gefühlte auf einmal denken kann. Die Umwandlung ist ähnlich wie beim Träumen. Wenn wir träumen, dann „sind“ wir ganz Traum. Wenn wir wach sind, dann können wir darüber nachdenken und reden. Wir haben dann eine Umwandlung von „ein Gefühl sein“ zu „ein Gefühl haben“ vollzogen.
Nach Bion (1970) gibt es drei Arten von Container-Contained-Beziehungen: Kommensale Container-Contained-Beziehung:
Bei der kommensalen Containter-Contained-Beziehung ist das Containment genau richtig. Mutter und Kind können daran wachsen. Beide tun sich gegenseitig gut, keiner schadet dem anderen – die Beziehung ist weder ausbeutend noch ermüdend. Beide spüren Resonanz und eine Form von Gehalten-Werden im anderen. (Reinhardt Lobe: „‚Kommensal‘ heißt wörtlich: an einem Tisch sitzend. Gemeint ist damit ‚eine Beziehung, in der zwei Objekte an einem dritten (dem Tisch, Anm. R.L.) zum Vorteil für alle drei teilhaben‘ (Bion 1970, 95; zit.: Hinshelwood [1989]1993, 355.“ Zitat aus: Reinhardt Lobe: Containment und die Dialektik von Gruppe und Organisation, Wien, Sept. 2002 www.teampotential.at/containment.pdf).
Symbiotische Container-Contained-Beziehung:
Bei symbiotischem Containment ist einer vom anderen in einer unguten Art abhängig – es findet keine Entwicklung statt. Im Beispiel von Mutter und Kind könnte man sagen, dass die Mutter bei der symbiotischen Form des Containments vom Kind lebt. Sie braucht das Kind, um sich selbst zu beruhigen oder zu stärken. Das Kind, das die Unsicherheit der Mutter spürt, wird paradoxerweise auch anhänglich. Es findet keine Beruhigung bei der Mutter und sucht sie folglich umso mehr.
Beispiel: Eine ängstliche Mutter beruhigt sich dadurch, dass ihr Kind mit seiner Angst zu ihr kommt. Dann nützt die Angst des Kindes der Mutter, weil sie so von ihrer eigenen Angst abgelenkt ist. Die Angst des Kindes ist nun im Mittelpunkt und für die Mutter fühlt es sich an, als sei die eigene Angst nun beruhigt oder gar verschwunden. Es gibt dann scheinbar nur Angst außerhalb von ihr. Sie sieht die Angst im Kind, wo sie leichter zu steuern ist. Wir kennen das: Es ist oft leichter, einen anderen Menschen zu beruhigen als uns selbst. Dadurch, dass die Mutter nur Angst im Kind sieht, beruhigt sich ihre eigene Angst. Möglicherweise beruhigt sich anfangs auch das Kind, denn es spürt, wie die Angst bei der Mutter abnimmt. Doch auf Dauer vergrößern sich die Ängste des Kindes. Es fühlt sich mitunter seltsam leer und „unbehandelt“. Es stößt mit seiner Angst zwar auf Resonanz, jedoch wächst in ihm die Angst. Das Kind spürt, dass es die Mutter mit der Angst nähren muss.
Ähnlich funktioniert dieses Prinzip auch bei Schuldgefühlen oder bei narzisstischen Bedürfnissen. Wenn die Mutter die Schuld immer nur in ihrem Kind sieht, kann sie sich selbst von ihren eigenen Schuldgefühlen ablenken. Wenn sie sich alleine oder minderwertig fühlt, kann sie sich am Kind „bedienen“, um sich weniger allein und wieder besser zu fühlen. Es ist dabei nicht immer leicht, gesunde und normale Vorgänge von einem eher krankhaften Ungleichgewicht abzugrenzen. Meistens gelingt es dadruch, indem einer von beiden bemerkt, dass es ihm im Kontakt auf Dauer oder wiederholt schlechter geht statt besser.
Das gegenseitige „Bemitleiden“ in ungünstig organisierten Selbsthilfegruppen ist ein weiteres Beispiel für symbiotisches Containment. Es entlastet mich, wenn ich wütend/traurig bin und der andere ist es ebenso. Der andere legt seine Gefühle in mich ab, was mich erleichtert, weil es mich „ausfüllt“ und weniger einsam sein lässt. Aber man merkt: Es hilft nicht wirklich, weil keine „Verdauung“ stattfindet. Umgekehrt spürt man: Der andere reißt meine Sorgen, meine Inhalte nur an sich, um sich selbst zu beruhigen und zu trösten.
Parasitäre Container-Contained-Beziehung
Diese Container-Contained-Beziehung hat etwas Zerstörerisches. Ein Beispiel hierfür ist Gewalt. Gewalt ist oft nichts anderes als ein verzweifelter Versuch der Kontaktaufnahme. Wenn eine Mutter das Gefühl hat, dass sie absolut keine Verbindung zu ihrem Kind herstellen kann und dass ihre eigene Verzweiflung keinen Raum findet, dann kann sie sich in einen gewaltsamen Kampf mit dem Kind begeben. Die Mutter nimmt das Kind sozusagen emotional aus wie ein Parasit seinen Wirt. Manchmal wird dies in Handlungen sichtbar, z.B. kann sie die Schubladen des Kinderzimmers rauszieht und die Inhalte auf den Boden schmeißt. Dadurch versucht sie, ihre Wut zu reduzieren, jedoch erfolglos. Das Kind wird durch solche Vorgänge enorm geschwächt, weil es selbst seine Wut nirgendwo unterbringen kann.
Praktisch gesagt: Es gibt Containment in mindestens drei Arten: Zu viel, zu wenig und genau richtig. Manchmal läuft das Kind bei der Mutter wie vor eine Wand. Es erhält gar kein oder zu wenig Containment. Es ist dann mit seinen Gefühlen auf sich selbst zurückgeworfen und erfährt keine Erleichterung. Das Kind findet in der Mutter keine Resonanz, es findet kein Gehör und keinen psychischen Raum, in den es seine eigenen Gefühle „ablegen“ kann.
Bei einem „Zuviel“ an Containment kann die Mutter das Kind übermuttern und lässt es nicht eigenständig sein. In „sensationeller Weise“ nimmt sie z.B. die Ängste des Kindes auf und macht daraus ein Drama. Das, was das Kind ihr anbietet, verschlingt sie sozusagen, reißt es an sich und macht damit was. Sie macht sich die Angst des Kindes zu eigen, aber auch die Erfolge des Kindes. Sie fällt über das Erzählte her und belagert das Kind mit ihren Tröstungen und Verarbeitungen. Obwohl das Kind schon längst sagt: „Ist ja gut, Mama!“, macht die Mutter mit weiter und fragt: „Ist wirklich alles gut?“. Die Mutter nutzt die Emotionen des Kindes, um ihre eigene Leere aufzufüllen. Sie ist überbesorgt und überengagiert und versucht dadurch auch, ihre brennenden Schuldgefühle zu löschen. Außerdem gibt es „Containment in die falsche Richtung“, dann nämlich, wenn die Mutter das Kind dauernd als Container benutzt. Das Kind wird dann zum „emotionalen Mülleimer“ für die Mutter.
Beziehung ist immer auch Containment
Das „Container-Contained-Modell“ begleitet uns ein Leben lang. In uns selbst legen wir dann psychisch sozusagen ein Container-Contained-Modell an, indem wir uns selbst gut zureden, wenn wir Sorgen haben oder indem wir unsere Ängste und Freuden selbst aufnehmen und in uns halten. In guten Beziehungen erleben wir manchmal, dass wir nach einem Gespräch etwas in Worte fassen können, was wir vorher nicht konnten. Wir fühlen uns erholt und gestärkt. So können wir auch für unsere Zustände selbst Worte finden und sind dann erleichtert, wenn wir uns eine Weile lang still zurückgezogen haben. So wie uns der andere helfen kann, unsere Gefühle zu sortieren, so können wir das schließlich auch bei uns selbst machen.
Wenn Patienten Gefühle oder Erlebnisse nicht in Worte fassen können, dann gestalten sie unbewusst die Psychotherapie-Stunde so, dass sich der Therapeut so fühlt wie der Patient. Das nennt man projektive Identifizierung.
Auch kleine Kinder „machen“ das mit ihren Eltern. Sie schreien vor Wut, bis auch die Eltern wütend sind. Dann können sie die Gefühle des Kindes nachempfinden. Doch die Eltern bzw. der Therapeut können diese Gefühle mit Abstand aufnehmen, darüber nachdenken und sie in Worte verpacken. So wird ein Gespräch möglich, denn was vorher nur gefühlt werden konnte, kann nun auch gedacht werden. Das Kind bzw. der Patient ist dann meistens sehr erleichtert.
Was beim Containment alles schiefgehen kann
Manche Menschen neigen dazu, den anderen wie eine schweigsame, bedrohliche Wand zu erleben. Möglicherweise hatten diese Menschen Mütter, die sich wie eine verschlossene Wand verhielten. Das bedeutete für das Kind, dass es nicht möglich war, Psychisches „in die Mutter zu legen“. Das heißt, wenn das Kind Freude, Schmerz, Ärger etc. zeigte, nahm die Mutter diese Gefühle nicht auf. Das Kind war auf sich zurückgeworfen. Kam diese Situation die meiste Zeit vor, dann hat das Kind möglicherweise auch als Erwachsener oft das Gefühl, dass er beim anderen „nicht ankommt“ und dass er den anderen fürchten muss, weil er „wie eine Wand“ ist und vielleicht immer nur „Nein“ sagt. Der „Container“ der Mutter war verschlossen.
Treffen unreife psychische Zustände des Kindes auf unreife Zustände der Mutter, wird es schwierig. Zeigt das Kind z.B. Angst und hat die Mutter gerade selbst Angst, dann kann sich das Angstgefühl für beide potenzieren. Es ist ein „Zuviel“, was z.B. viele der Kriegsgeneration noch besonders gut kennen. Im Container der Mutter waren quasi dieselben Beta-Elemente (= unreife psychische Stücke) wie im Kind. Das Kind kann dann das Gefühl haben, dass es die Mutter mit seinen Gefühlen „angesteckt“ hat (siehe Anthony Bass, 2008: Whose Unconscious Is It Anyway?).
Es kann aber auch sein, dass die Mutter auf einmal weniger Angst hat, weil sie sich um die Angst des Kindes kümmern kann. Das Kind, das Angst hat, ist dann verwirrt: Seine Angst bleibt auf demselben Level. Das Kind fühlt sich nicht beruhigt, obwohl die Mutter scheinbar alles dafür tut, um es zu beruhigen. Die Mutter erhält damit ungewollt einen Kreislauf aufrecht. Sie will auf keinen Fall selbst wieder Angst spüren. Manche „Schreibaby-Kreisläufe“ funktionieren so. Die Lösung wäre, der Mutter selbst die Möglichkeit zu geben, ihre Ängste und Qualen zu verarbeiten, sodass sie ihrem Kind einen Schritt in der Gefühlsverarbeitung voraus sein kann.
Ungefilterte Aufnahme Manche Menschen neigen auch dazu, ungefiltert aufzunehmen, was der andere sagt, denkt oder fühlt. Sie löschen sich quasi selbst aus für den Moment. Hier war oft die Mutter „zu stark“, das heißt, sie hat ihre Container-Inhalte so sehr in das Kind geschüttet, dass das Kind mit den Inhalten der Mutter beschäftigt war und sich selbst vergessen hat.
Andererseits ist es aber auch häufig der Fall, dass das Kind sein Eigenes übersieht und verdrängt und dann denkt, dass das, was von außen von der Mutter kommt, eindeutig nur deren Inhalt sei. Dabei entspricht es dem, was auch im Kind ist. Das löst dann Ärger im Kind aus: Es hat so schön versucht, zu verdrängen, und jetzt ist alles hin! Die Worte der Mutter kann es eben nicht sofort verdrängen.
Die Mutter dichtet dem Kind etwas an
Die Mutter „schüttet ihr Herz aus“. Sie missbraucht das Kind als Container (parasitäres Containment), indem sie ihre Gefühle und Sorgen nicht für sich behalten kann, sondern sie allzuleicht in das Kind hineinlegt, um sich selbst zu entlasten. Wenn die Mutter selbst Angst und Schmerz hat, diese aber nicht spüren will, dann projiziert sie diese kurzerhand aktiv ins Kind und „füttert“ das Kind sozusagen mit ihren eigenen Inhalten. Sie sieht dann (ohne es zu wissen) ihre eigenen Gefühle im Kind. Sie will dann quasi Angst und Schmerz im Kind sehen, obwohl sich das Kind im Moment gerade gar nicht so sehr danach fühlt.
Was fühle ich eigentlich? Die Verwirrung.
Wir kennen das: Wenn wir Angst haben, geht es uns oft besser, wenn wir merken, dass der Nebenmann oder ein kleines Kind auch Angst hat. Dann können wir uns dem anderen zuwenden, uns um seine Angst kümmern und vergessen dabei unser eigenes Gefühl. Manche Erwachsene lieben es, Kindern Angst zu machen. Das eigene Gefühl wird dann kontrollierbarer. Das Kind, das aber ständig mit den Gefühlen der Mutter vollgestopft wird, merkt, dass es irgendwie nicht seine eigenen Gefühle sind, die es da spürt. Vielleicht passt sich das Kind an und entwickelt ein „falsches Selbst“, indem es versucht, das zu fühlen, was die Mutter von ihm erwartet.
Es kann passieren, dass das Kind sich dann abschottet, wenn es älter wird. Als Erwachsener bekommt es dann gesagt: „Du lässt ja keinen an Dich ran, Du machst ja immer dicht.“ Der Containter der Mutter wurde zu sehr in den Container des Kindes ausgeschüttet und das Kind hat mit Abschottung reagiert.
Wenn’s gut geht … (Kommensales Containment)
Wenn’s gut geht, kann die Mutter ihre eigenen Gefühle selbst wahrnehmen und gut halten. Sie hat selbst eine Beziehung, in der ihre Gefühle gehalten werden. Sie kann dann die Gefühle ihres Kindes „aufnehmen“, also sozusagen verstehen und nachempfinden. Sie kann dann darüber nachdenken und die Gefühle in „verdauter“ Form dem Kind zurückgeben, z.B. indem sie sowas sagt wie: „Och, jetzt hast Du Dich erschreckt, mein Liebes. Das war ja auch erschreckend, ich kann das gut verstehen. (Das, was Du spürtest, nennt man ‚Schrecken‘. Du hast ihn mir gezeigt, ich habe ihn mit Dir gefühlt, doch mein Grundgefühl gerade ist Sicherheit. Ich hoffe, ich konnte Dich ein bisschen beruhigen, sodass Du Dich später selbst beruhigen kannst, wenn Du an mich denkst.)“
Wenn der andere zum Container für das eigene Böse wird
Warum brauchen wir manchmal einen „bösen Menschen“ in unserer Nähe? Weil wir dann unser „eigenes Böses“ sozusagen in ihn hineinlegen können. Der böse Nachbar ist böse, was sehr praktisch ist, weil wir selbst dann nicht mehr böse, sondern gut erscheinen. Der böse Nachbar ist kleinkariert und dumm. In den bösen Nachbarn wird alles Böse dieser Welt projiziert. Eines Tages ist der böse Nachbar weg. Was passiert dann? Wir streichen unseren Zaun und merken, dass wir selbst „kleinkariert“ sind. Sobald ein „böser Mensch“ außen weg fällt, fällt „das Böse“ auf uns zurück. Wer sich selbst gut kennt und auch unliebsame Seiten an sich selbst tolerieren kann, der braucht den anderen nicht, damit er die Rolle des Bösen übernimmt. Jeder behält sein „Schlechtes“ für sich. So ist man unabhängig und kann gemeinsam über die eigenen Schwächen sprechen.
Was in der Kommunikation alles schief gehen kann
Kommunikation ist immer auch gegenseitiges Containment: Der Eine nimmt die Gefühle des anderen auf, denkt darüber nach und versucht, sie zu verstehen. Es folgt die Reaktion, zum Beispiel in Form von Trost, Beruhigung, Überraschtsein, Neugier oder Interesse. Funktioniert das Containment gut, dann haben wir eine gute Kommunikation: Der Eine sagt was, der andere hört zu, denkt nach und sagt dem anderen etwas, der wiederum zuhört. Bei beiden trifft das Gesagte auf fruchtbaren, lockeren Boden (kommensales Containment). Der Eine findet sich im anderen vielleicht wieder, oder auch nicht. Beide zeigen durch ihre Mimik und Gestik, wie es ihnen geht.
Dann wiederum gibt es ungute Containment-Formen: Wer „zumacht“, der kann nichts aufnehmen. Was ich sage, prallt am anderen ab; ich werde auf mich selbst zurückgeworfen, finde mich im anderen nicht wieder und werde wütend.
Oder der andere nimmt das, was ich ihm gebe und „dreht mir die Worte im Mund herum“. Der andere fällt vielleicht über mein Gesagtes her wie ein hungriger Wolf über seine Beute. Er will es kontrollieren. So wird echter Kontakt nicht möglich. Dabei kann Schnelligkeit in der Kommunikation vieles nur schlimmer machen. „Den hab‘ ich aus meinen Kontakten gelöscht“, sagen wir. Wenn wir lernen, Beunruhigung auszuhalten und trotz Spannung zu warten, etwas „ankommen“ und sich transformieren zu lassen, werden wir uns wundern, wieviel schöner Kommunikation werden kann.
„Ich bin mir sicher!“
Dann wiederum gibt es ein Containment, das „zu verständnisvoll“ ist. Der andere hat eine Phantasie davon, wie es mir geht und ist sich 100 Prozent sicher, dass es so ist. Dann versteht er mich nicht, sondern ist bezogen auf seine innere Phantasie, während er das Gefühl hat, mich „voll und ganz“ zu verstehen. Auch wird es schwierig, wenn zwei im selben Gefühlszustand zu sehr gefangen sind: Wenn ich meine Angst mitteilen möchte, der andere aber selbst in einem Angstzustand ist, dann verstärkt meine Angst möglicherweise seine Angst und umgekehrt: Blickt der andere „zu erschrocken“, dann kann es sein, dass ich mich davon noch ängstlicher fühle.
Der andere versteht mich zwar, aber es gibt eine Art „Folie à Deux“, eine „Verrücktheit zu zweit“, also einen gemeinsamen Gefühlszustand, in dem beide gefangen sind.
Die Mimik ist besonders am Lebensanfang wichtig
Wie sehr wir unsere Mimik einsetzen, ist von entscheidender Bedeutung für die Gefühle, die beim anderen entstehen. Das spielt eine große Rolle bei der Mutter-Kind-Kommunikation im Säuglingsalter, wo die Mutter ihre Gesichtsausdrücke noch „markiert“, also „übertreibt“, um dem Baby zu zeigen: „Schau her, so fühlst Du! Unter meinem übertriebenem Gesichtsausdruck liegt mein eigenes Gefühl und das unterscheidet sich von Deinem.“ So kann ich dem Baby zum Beispiel seine Überraschung spiegeln, aber selbst auch herüberbringen, dass ich selbst nicht überrascht bin. Bei dieser frühen Kommunikation kann vieles gelingen, aber auch furchtbar schief gehen.
Größenphantasien | Übertriebene Übertragung | Minderwertigkeitsgefühle | Soziale Phobie | Autismus | Trauma | Neurose | Psychose | Trauer | Körperzustände| Geschwisterkonflikte | Geldsorgen | innere Unruhe| Depressionen | Angst| Launen | Lebensumstände | Frühe Kindheit | Bindungserfahrungen | Narzissmus | Clown | Verstecklust | Exhititionslust | Rückzugswünsche | Rachegelüste | Provokation … all dies und noch viel mehr beeinflusst die Kommunikation.
Verschiedene Worte für Dasselbe finden
Ruhige Kommunikation kann dort stattfinden, wo jeder Worte hat. Wenn zwei ein gutes Gespür für sich selbst haben und gelernt haben, ihre Bedürfnisse und Gefühle in Worte zu fassen, dann brauchen sie keinen Körpereinsatz und keine Gewalt, um sich verständlich zu machen.
Bildung hilft sehr dabei, ruhig zu kommunizieren, denn sie zeichnet sich dadurch aus, dass man einen Sachverhalt in verschiedenen Worten schildern kann oder dass man für eine Sache mehrere Begriffe kennt. Wer gebildet ist, weiß, dass die Dinge komplex sind und es mehrere Ansichten gibt.
Fehlt die Wortgewandtheit, so wiederholen die Personen immer wieder denselben Satz oder dasselbe Wort, werden dabei nur immer lauter. Bildung spiegelt sich auch im Gesicht wider: Die Ausdrücke variieren stärker, die Mimik ist differenzierter, sodass sich leichter erfassen lässt, wie es dem Menschen gerade geht.
Die unbewusste Phantasie vom Gefressenwerden
Besonders stark kann die Kommunikation von unbewussten Phantasien gesteuert sein. Es kann zum Besipiel sein, dass man die unbewusste Phantasie hat, der andere könne in den eigenen Körper steigen oder man selbst könne in den Körper des anderen schlüpfen. Auch bei Psychotikern dreht sich vieles um das Thema Fressen und Gefressen-Werden: Die Angst, der andere könnte die eigenen Gedanken lesen, ist auch die Angst, der andere sei irgendwie „in mir“. Auch der gesunde Erwachsene kann immer wieder unbewusste Phantasien zur Inkorporation haben, z.B. wenn man den anderen „zum Fressen gern“ hat.
Bei der Magersucht und anderen Essstörungen sowie beim Reizdarmsyndrom und anderen Darmerkrankungen können unbewusste Phantasien zum Fressen-und-Gefressen-Werden beteiligt sein.
Spiegelneurone und Telepathie in der Kommunikation
Wenn ein anderer sich weh tut, können wir uns seinen Schmerz vorstellen – unsere eigenen „Spiegelneuronen“ in unseren Schmerzzentren springen an. Durch dieses Modell kann ebenfalls die Vorstellung entstehen, ein anderer sei in uns drin bzw. er sei ein Teil von uns. Auch bei Ängsten vor Gedankenübertragung bzw. Telepathie haben wir manchmal das unheimliche Gefühl, den anderen in uns zu haben.
Der Körper ist eine Grenze mit Fenstern und Türen
Der Körper ist immer eine Grenze. Ich kann nicht „in den anderen einsteigen“, ich kann ihm nur nahe sein. Wenn der andere ein Bild sieht, kann ich nicht in seine Sehrinde einsteigen, aber ich kann das gleiche Bild anschauen. Wir können beide dasselbe Bild anschauen und uns darüber austauschen. Bei uns beiden werden durch das Bild vielleicht die gleichen Hirnareale aktiviert, aber wie wir es empfinden und fühlen, hängt auch von der Gefühlsmatrix ab, in der wir leben.
Die Einsicht, dass ich eine Einheit bin und körperlich getrennt bin von anderen, kann unangenehmste Gefühle wachrufen. Manche bekommen eine Art „Ich-Attacke“, sie fühlen sich in sich selbst wie in einem Gefängnis und immer und immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das passiert oft dann, wenn sie sich sowieso schon einsam fühlen. Hier hilft manchmal der Gedanke, dass der Körper zwar abgeschlossen ist, dass es aber Fenster, Türen und Durchgänge gibt, wobei wir die Öffnung steuern können.
Körperlich bildet das Zwerchfell eine Grenze zwischen „oben und unten“, wir haben einen Magenpförtner zwischen Magen und Darm, wir können unsere Augen und unseren Mund schließen. Der Verdauungsapparat ist zwar durchgängig, aber er filtert, was er durchlässt. Die Psyche hängt eng mit dem Verdauungsapparat zusammen.
Es gibt ein Bewusstsein und ein Unbewusstes, das durch eine Grenze getrennt ist. Diese Grenze, der „Zensor“ ist nur halbdurchlässig. Wir können etwas ins Unbewusste verdrängen, doch manchmal erscheint es wieder. Anderes wiederum ist von Beginn an unbewusst und bleibt sozusagen immer im Keller.
Durchgängig und doch geschützt
Wir fühlen uns wohl, wenn wir das Gefühl haben, dass unser Darm gerade in gesunder Weise durchgängig ist. Wir haben keinen Durchfall und keine Verstopfung, sondern das richtige Maß an Anspannung und Entspannung. In der Psyche können wir etwas Ähnliches erleben: Es ist keine „Wand“ da und die Kommunikation mit uns selbst und mit dem anderen ist ungestört. Es fühlt sich leicht und beschützt an.
Manchmal haben wir jedoch den Eindruck, eine deftige Mahlzeit liege uns „wie ein Stein“ im Magen. Neuigkeiten, die uns überfordern, können wir psychisch nur schwer „verdauen“ – das fühlt sich dann psychisch ähnlich an wie der körperliche „Stein im Magen“. Überfordernde Eindrücke müssen wir unter Umständen „auskotzen“ – so wird uns schlecht oder wir bekommen Durchfall, wenn wir einen Unfall sehen. Auch das anstehende Gespräch mit dem Chef kann Durchfall verursachen – wir fühlen uns nicht mehr „ganz dicht“ und befürchten, es könnte „etwas durchsickern“, was verborgen bleiben soll, z.B. unsere Wut auf den Chef.
Manchmal hat man das Gefühl, da gibt es innerlich eine Wand, die da nicht sein soll. Zwischen mir und dem anderen – oder auch zwischen mir und meinen Gefühlen. So kann man sich vor anderen verschließen und nichts aufnehmen, vor allem wenn man hauptsächlich die Erfahrung gemacht hat, dass von den Eltern nichts Gutes kam. Hier kann vielleicht die Vorstellung helfen, einen Filter zu haben oder eine semipermeable Schutzmembran, die filtert, was man aufnimmt, so wie die Muschel das Wasser filtert, das sie aufnimmt.
Das Vegetativum kommuniziert mit
Kommunikation ist immer auch vegetativ. Blitzschnell kann Schweißgeruch auftreten, wenn ich mich durch einen anderen unter Stress gesetzt fühle. Liebe geht durch den Magen und auch Wut liegt im Bauch. Zwischen mir und dem anderen kann es zu einer vegetativen Angleichung kommen, dem sogenannten „Attunement“ (= Affektabstimmung). Die Atmung kann sich angleichen oder auch Darmgeräusche können durch die Entspannung des Darms bei beiden hörbar werden. Die Nähe eines vertrauten Anderen und insbesondere die Berührung kann schmerzlindernd wirken.
Gestörte Kommunikation durch falsche Sicherheit
Manchmal fühlen wir uns so sicher: Wir glauben sicher, dass die Dinge so sind, wie wir sie sehen und dass der andere uns verstanden hat. Wenn wir merken, dass er das nicht hat – oder uns anders verstanden hat, als wir es mit unserem festen inneren Schema erwarteten, fallen wir aus allen Wolken. Wenn wir aber wissen, dass wir nie sicher sein können – weder über die Dinge noch über das, was im anderen wirklich vorgeht – werden wir innerlich flexibler. Dann haben wir nicht mehr so oft das Gefühl, dass der andere so „unpassend“ antwortet.
Einigermaßen sicher können wir uns nur unserer eigenen Gefühle und Körperwahrnehmungen sein
Das Gefühl stimmt immer. Doch wozu es gehört, ist immer die Frage. Wie wir unser Gefühl interpretieren, kann zu einer Reihe von „Fehlern“ führen. Wir meinen vielleicht, wir fürchten den Kollegen, dabei fürchten wir uns vor Erinnerungen, die er in uns wachruft. Richtig ist das Gefühl der Angst. „Falsch“ ist die Zuordnung – der Kollege kann nichts dafür. Auch bei Phobien gibt es solche Verschiebungen, z.B. kann ich bewusst eine Spinnenphobie haben, unbewusst aber das Netz fürchten, wenn ich mich in einer Lebenssituation gefangen fühle.
Komplexe Kommunikation
Kommunikation ist nie einfach. Oft müssen wir uns fragen: Was inszenieren wir? Warum trotzen wir und zeigen wir Widerstand? Vor welchen Gefühlen haben wir Angst? Welche Phantasien haben wir vom Gegenüber? Wie sehen unsere „inneren Objekte“ aus und wie kommunizieren wir mit ihnen? Wie sprechen wir mit uns selbst und wie sieht unsere „Matrix“ aus, unsere innere Brille, unsere innere Gefühlswelt, durch die wir alles wahrnehmen? Wie sehen unsere Übertragungen und Gegenübertragungen aus? Wo kommt es zur projektiven Identifizierung (vereinfachtes Beispiel: „Ich mache, dass Du Dich fühlst, wie ich mich fühle.“)?
Missverständnisse lassen sich in keiner Kommunikation verhindern. Es kommt zu Annäherungen oder zu Entfernungen. Aber Eines ist klar: Wohl jeder sehnt sich nach ungestörter Kommunikation, nach Harmonie und Nähe in Sicherheit bei dem gleichzeitigen Gefühl von Freiheit und Schutz, nach Berührung, Gemeinsamkeit und Verbindung.
Bei so vielen Unsicherheiten in der Kommunikation hilft nur Eines: das Ernstnehmen. Wer sich selbst und den anderen ernstnimmt und wer so gut wie möglich die Wahrheit erforschen will, erfährt oft eine tief befriedigende Kommunikation.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Bion, Wilfred Ruprecht (1958):
On Arrogance
Richard Parry:
A critical examination of Bion’s concept of containment and Winnicott’s concept of holding, and their psychotherapeutic implications. wiredspace.wits.ac.za/handle/10539/9617
2011-04-26, hdl.handle.net/10539/9617
Growth and Turbulence in the Container/Contained: Bion’s Continuing Legacy, herausgegeben von Howard B. Levine (Youtube) und Lawrence J. Brown (Youtube)
Dieser Beitrag erschien erstmals am 5.2.2011
Aktualisiert am 19.4.2020
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4 thoughts on “Containment: Gefühle wollen gehalten werden. Schwierigkeiten in der Kommunikation aus psychoanalytischer Sicht”
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Hallo Frau Voos,
leider kann das mit der Symbiotischen Container-Contained-Beziehung so weit gehen, dass die Mutter nicht nur ihre Angst mit der des Kindes in Beziehung setzt und sie somit relativiert, sondern es kann auch sein, dass die Mutter über die Symbiose hinaus ihre Angst aktiv im Kind ablegt und ihm so vermittelt, es habe tatsächlich etwas genuin schlechtes in sich. Dann fühlt sich die Mutter wie ein Vampir an, der sich über das Kind am Leben hält und sich so an dessen Angst labsalt.
Liebe Melande,
ich antworte jetzt mal für die Psychoanalyse: Um Psychoanalytiker zu werden, muss der Therapeut selbst eine Psychoanalyse machen, bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) 4-mal pro Woche, in der Regel über mindestens 600 Stunden. In dieser Zeit kommen beim angehenden Psychoanalytiker alle möglichen Gefühle hoch. Das Gefühl, allein und verlassen zu sein, kennt sicher jeder Mensch. Natürlich ist es katastrophal, wenn man als Baby über die Maßen alleingelassen wurde. Das Ausmaß des Gefühls ist dann beim Erwachsenen umso stärker. Aber ich denke, dass ein Psychoanalytiker sich höchstwahrscheinlich mit dem Gefühl des Alleingelassenwerdens auskennt und sich einfühlen kann. Es kann natürlich sein, dass ein Patient, der so ein Thema hat, es so herüberbringt, dass der Analytiker sich nicht einfühlen kann. Es kann sein, dass die therapeutische Beziehung sich so gestaltet, dass der Analytiker sich nicht einfühlen kann. Oder dass die Not des Analytikers selbst in dem Moment so groß ist, dass er abwehren muss. Es gibt da viele Möglichkeiten, aber das Thema „Was passiert, wenn ich mich als Analytiker/Therapeut nicht einfühlen kann?“ wird immer wieder unter Kollegen diskutiert und ausgearbeitet. Wie sehr man sich einfühlen kann, hängt von tausenden Faktoren ab.
Viele Grüße, Dunja Voos
Hallo.
Ich habe eine Frage:
Wenn ein Patient in einer Therapiestunde Situationen beschreibt und Gefühle äußert (verbal und affektiv), die deutlich machen, dass er oft alleingelassen worden ist in Notsituationen, es sich also niemand in ihn eingefühlt und ihm geholfen hat,…….kann ein Therapeut, der solche Gefühle SELBER GAR NICHT KENNT, sich dann überhaupt in diesen Patienten einfühlen?
Liebe Grüße von
Melande
Hallo,
ich musste zu der Zeit, als ich meine Sucht zum Stillstand brachte, wie ein kleines Baby auch erst wieder lernen, meine Gefühle anzunehmen und mit ihnen umzugehen.