Die seelische Wunde offen lassen

„Psychische Narbe“ – immer wieder begegnet mir dieser Begriff. Doch lassen sich Bilder vom Körper so einfach auf die Seele übertragen? Die seelische Narbe macht, dass man keinen Zugang zur Wunde mehr hat. Die Verbindung zur ursprünglichen Wunde ist durch kreuz-und-queres Bindegewebe verstellt. Doch Psychoanalyse ähnelt der Chirurgie, wenn wir in der Körpersprache bleiben wollen. Schicht um Schicht wird das Verworrene, das Verhärtete abgetragen. Bis man an der Wunde landet wie an einem tiefen See. Die Wunde wird sichtbar, sie ist warm und spürbar. Endlich.

Die Verbindung ist hergestellt, die Zusammenhänge werden klarer, Pulsieren und Lebendigkeit kehren zurück. Und zusammen mit einem anderen Menschen, der bei einem sitzt, kann man sie anschauen und fühlen. Ein nachträglicher Zeuge ist nun dabei. Endlich lassen sich die bisher unerklärlichen Schmerzen erklären. Endlich ist man auf den Grund gestoßen.

Denn sie heilt nicht unter der Narbe. Die Wunde ist da.

Der Grund ist erreicht und eine kleine Sicherheit wird spürbar: Es geht nicht mehr tiefer. Hier ist der Boden. Und dann die Frage: Will ich diese Wunde wieder verschließen, wieder vernarben lassen? Hier hört der Vergleich zum Körper auf. Ich will vielleicht etwas darüber legen können, aber ich will Zugriff auf meine Wunde haben. Ich will sie offen lassen, damit ich zu ihr gehen kann, damit ich sie hören kann, wenn sie mich ruft, damit ich sie sehen und ich mich ihr zuwenden kann, wenn ich wieder einmal glaube, dass mir alles rätselhaft erscheint. Ich will sie respektieren können.

Eine verletzte Seele verhält sich wie eine körperliche Wunde

Der Schnitt sitzt tief. Er kam plötzlich und unerwartet. Man kreischt, läuft weg, man muss sich übergeben. Man denkt, man wird verrückt. Man kann nicht weinen. Man fragt sich, ob man nicht einfach gegen den nächsten Baum fahren soll. Wie wenn man auf die heiße Herdplatte fasst. Erst reagieren die schnellen Schmerzfasern, man zieht die Hand ruckartig zurück. Dann eine kurze Pause. Dann steigt der Schmerz langsam auf. Die erste Nacht nach dem Schnitt kann man nicht schlafen. Es ist alles so nah. Sobald die Augen zugehen, kommen alle Bilder.

An der Wunde versammeln sich die Thrombozyten. Sie versuchen, eine Kruste zu bilden. Es dauert ein paar Tage, bis die Kruste stabil ist. Der Fleck wird rot, dann blau, dann gelb. Erst nach Wochen ist er weg. Auch in der Psyche bewegt es sich. Die psychische Wunde hat ihren eigenen Ablauf und braucht ihre Zeit. Könnte man die Psyche unter ein Mikroskop legen, so würde man vielleicht jede Phase erkennen können.

Das Aufwachen am dritten Tag ist vielleicht schon etwas erträglicher. Die Bilder verfolgen nicht mehr so stark. Die Überwältigung nimmt ab, es entsteht ein Abstand. Vielleicht wird man endlich müde, kann endlich weinen oder einmal richtig schlafen. Nach einiger Zeit kann man darüber träumen, nachdenken, sprechen, sich mit anderen austauschen. Das ist dann aber schon die höchste Form der Verwundung.

Viele Wege

Die Psyche kann verschiedene Wege nehmen, je nach Trauma, genau wie der Körper auch: Es gibt Virusinfektionen, bakterielle Infektionen, Schnittwunden, Prellungen, Knochenbrüche, Verrenkungen, Verbrennungen – jede Verletzung hat ihren eigenen Ablauf. Manche Verletzungen heilen narbenlos ab, manche hinterlassen sichtbare Spuren. Manchmal isoliert sich Eiter, der später herauskommt oder resorbiert wird.

Der Reparatur-Vorgang ist durch kaum etwas zu beschleunigen. Man muss abwarten, bis die Heilungsphasen in Ruhe abgelaufen sind, bis das Fieber gesenkt werden konnte, bis die eosinophile Morgenröte aufsteigt, die zeigt, dass die Lungenentzündung überstanden ist.

Man kann nur wenig „wollen“

Dem Körper lassen wir Zeit, weil wir wissen, dass er sie braucht. Bei der Seele denken wir: „Reiß‘ dich zusammen“ und „Wo ein Wille ist, ist ein Weg.“ Aber die Seele ist oft genauso wenig zu drängen wie der Körper. Sie braucht lange, um sich zu erholen. Am besten unterstützen wir sie, wenn wir das wissen und beobachten, was von Tag zu Tag, von Phase zu Phase, passiert. Später können wir vielleicht dramatisierend oder sogar romantisch an die Verletzung zurückdenken, sie in ein Gedicht formen, einen Film aus ihr machen, sie erzählen, einen Roman schreiben. Wir können sie aufbauschen, wir können uns wichtig machen oder wir können die Verletzung verstecken. Doch in dem Moment, in dem die Verletzung geschieht, ist es einfach nur hart. Da ist nichts Beschönigendes, da ist es einfach nur bedrohlich, erschreckend, furchtbar. Manchmal bleibt es so, bis man Hilfe findet. Die Zeit steht still, bevor sie Wunden heilt.

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 27.1.2019
Aktualisiert am 7.11.2021

One thought on “Die seelische Wunde offen lassen

  1. sylphes sagt:

    …tatsächlich, ich habe die Wunde geöffnet, und so weh es auch tut, ich will sie gar nicht schliessen, im Gegenteil, ich bin dankbar, dass sie endlich (wieder?) klafft und blutet, und ich endlich wage, sie mir genau anzuschauen. Endlich kümmere ich mich um sie.
    Ich wünsche allen den Mut, die Wunde zu öffnen. Und die/den passende/n Therapeut/in, um dich dabei zu begleiten.

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