Projektion und Projektive Identifizierung im Alltag und in der Psychoanalyse: „Ich wusste, dass du so bist!“

Manchmal löst ein anderer ein starkes Gefühl in uns aus: Wir fühlen uns im Kontakt mit ihm hilflos, wütend, ohnmächtig oder schuldig. Kleine Kinder können uns „wütend machen“, wenn es in ihnen selbst „irgendwie“ brodelt. Ein Patient in der Psychoanalyse, dem noch die Worte für Erlebtes und innere Nöte fehlen, „macht“, dass der Therapeut sich plötzlich so (traurig, neidisch, verzweifelt, stark) fühlt, wie er sich selbst unbewusst fühlt. Wenn der andere „macht“, dass ich mich so fühle, wie er, dann spricht man von „Projektiver Identifizierung“. Der andere legt dann sein Gefühl, seine Eigenschaft oder Phantasie sozusagen in mich hinein.

Der Therapeut identifiziert sich mit den Gefühlen des Patienten. Er fühlt sich zunächst relativ direkt schuldig, wütend, sprachlos etc. Der Therapeut merkt später jedoch: „Ich habe mich identifiziert mit dem Schuldgefühl des Patienten.“ Der Patient hingegen „identifiziert“ das Gefühl (Wut, Schuld etc.) im Therapeuten („Ah, da ist es ja! Der Therapeut ist wütend, ich hab’s doch gleich gewusst!“). Der Patient versucht dann, den Therapeuten zu steuern, ihn zu beruhigen etc. So hat der Patient das Gefühl, die Wut/Schuld oder andere Gefühle außen steuern zu können. Der Patient hat alle seine Anteile sozusagen in den Therapeuten gelegt. Er selbst hat keine Verbindung zu seinem ursprünglichen, unbewussten Gefühl.

Wird die „Projektive Identifizierung“ in der Therapie erkannt, dann ist es dem Therapeuten möglich, zur Sprache zu bringen, was da passiert. Der Therapeut kann sich dann gut vorstellen, wie der Patient sich (unbewusst) vielleicht fühlen muss oder wie er sich vielleicht als Kind immer gefühlt hat. Er kann sich dann vorstellen, was für ein Bild von Beziehung der Patient innerlich hat. Ebenso kann die Mutter nachempfinden, wie sich das traurige oder wütende Kind wahrscheinlich fühlt.

Projektive Identifizierung ist jedoch mehr als ein „Einfühlen“. Es ist ein persönliches Betroffensein und oft ein unbewusstes Geschehen, was nicht sofort deutlich wird. Indem der Patient seine eigenen unerträglichen Gefühle dem Therapeuten nahebringt und sie „in ihn legt“, kann er sie dort auch kontrollieren – ebenso wie wir den „wütenden Anderen“ vielleicht leichter kontrollieren können als unsere eigene Wut in uns. Dieses mächtige Gefühl, alles kontrollieren zu können, ist dem Patienten vielleicht gar nicht unbewusst. Unbewusste Phantasien regieren das Geschehen.

Der Patient kann seine Wut auf den Therapeuten projizieren, er kann den Therapeuten „wütend machen“ und ihn dann zum Beispiel noch wütender machen oder aber wieder beruhigen oder zähmen. So jedenfalls die unbewusste Phantasie des Patienten.

Abspalten von positiven Gefühlen

Auch positive Gefühle kann man von sich abspalten und in den anderen „hineinlegen“. Beispielsweise haben wir vielleicht manchmal Angst vor unseren eigenen Liebesgefühlen. Wenn wir einen anderen lieben, machen wir uns in gewisser Weise abhängig von ihm und seinen Gegengefühlen. Das kann Angst machen und sogar Hassgefühle hervorrufen, weil wir die eigene Abhängigkeit hassen oder den anderen dafür hassen, dass er Abhängigkeitsgefühle in uns hervorruft. Also verleugnen wir vielleicht unsere Liebe, spalten sie von uns ab und legen sie quasi in den anderen hinein. So passiert es, dass manche Menschen sagen: „Immer verlieben sich die anderen in mich, aber ich verliebe mich nicht in sie.“

Die Projektive Identifizierung ist wichtiger Teil der normalen Kindesentwicklung. Auch bei Erwachsenen kann sie ein Teil der gesunden Kommunikation sein. Sie kann sich jedoch auch krankhaft als Abwehr äussern. Dann fühlt sie sich meistens unangenehm, zerstörerisch, verwirrend und quälend an. „Hier stimmt was nicht“, denkt man sich.

Sprachlosigkeit führt zum Handeln

Wenn Worte fehlen, weil Entwicklungsverzögerungen oder Verletzungen zur Sprachlosigkeit geführt haben, dann handelt der Patient unbewusst richtig, wenn er sich auf diese Weise dem Therapeuten mitteilt. Er zeigt ja dem Therapeuten unbewusst: „Schau mal, so geht’s mir.“ Wofür uns die Worte fehlen, damit machen wir etwas, damit spielen wir. Zunächst bedeutet dieser Schritt für die Psyche Entlastung. Wohl jeder kennt das: Wenn wir Unangenehmes abgeben, fühlen wir uns zunächst gestärkt („Der andere ist ja schuld, ich kann Gott sei dank nichts dafür“).

Projektion schwächt. Wenn ich projiziere, kommt eine Schwächung zustande, weil eigene Gefühle beim anderen untergebracht werden. Das, was man unbewusst in den anderen hineinlegt, fehlt dann bei einem selbst. Das kann dazu führen, dass man sich verfolgt fühlt. Man hat Angst, dass die eigenen Gefühle zurückkommen oder bewusst werden.

Schwer zu erkennen

Für den Therapeuten ist es nicht immer leicht, projektive Identifizierung zu erkennen, denn sie nimmt den Therapeuten ganz ein. Es wird ihm plötzlich übel oder er wird plötzlich ganz und gar ärgerlich, ohne es sich wirklich erklären zu können. Hat der Therapeut erkannt, dass es Anteile des Patienten sind, die er in sich spürt, dann kann er dem Patienten die Gefühle beschreiben und ihn fragen, ob es vielleicht mit ihm zu tun haben könnte. Dadurch kann sich der Patient besser kennenlernen. Er kann dann seine Gefühle oder Eigenschaften zunehmend bei sich selbst lassen und kontrollieren. Das stärkt. Zwar sind Neid, Eifersucht, Ärger oder Verzweiflung unangenehm, aber immerhin sind es die eigenen Gefühle. Und das macht ein gutes Gefühl.

Beispiel von projektiver Identifizierung aus dem Alltag: „Komisch, alle sind gegen meinen Entschluss, die Schule zu verlassen. Jeder redet mir da ins Gewissen und keiner kann sich mit mir freuen.“ Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie eigene Zweifel ausgelagert werden. Manchmal muss das so sein, damit man die Zweifel überhaupt erkennen kann. Man erkennt sie außen und merkt dann irgendwann, dass die anderen die Zweifel widerspiegeln, die man eigentlich auch selbst hat, aber nicht wahrhaben will.

Alle Anteile des Ichs können projiziert werden. Der Begriff „Projektive Identifizierung“ wurde 1946 von Melanie Klein eingeführt (Quelle: Danielle Quinodoz: Worte, die berühren. Brandes & Apsel 2002, S. 126).
Die Psychoanalytikerin Hanna Segal sagte: „Bei projektiver Identifizierung wird nicht nur einfach der Trieb in der Phantasie auf das Objekt projiziert, sondern [es werden] auch Anteile des Ichs (Selbst) [projiziert], zum Beispiel der Mund oder der Penis des Babys, die Produkte des Körpers wie Urin oder Exkremente.“ (Zitat gefunden bei Quinodoz, S. 121, Segal 1979, S. 111).

Was ist der Unterschied zwischen Projektion und Projektiver Identifizierung?

Beides geht oft ineinander über. Projektion heißt, dass ich im anderen Gefühle sehe, die eigentlich meine sind, die ich aber nicht fühlen möchte. Beispiel: „Du bist sauer, ich nicht!“ Wir haften dem anderen sozusagen etwas außen an. Dabei muss sich der andere aber nicht so fühlen. Der andere fühlt sich gar nicht sauer. Die Projektion findet in der Phantasie des Patienten/des Kindes/des „Subjektes“ statt. Er erlebt den anderen zwar als wütend, ablehnend, schuldbewusst, aber der andere fühlt sich selbst gar nicht so.

Bei der Projektiven Identifizierung geht es eine Schicht tiefer, da legen wir sozusagen etwas in den anderen hinein. Sind wir ärgerlich oder neidisch und spüren das nicht oder wollen es unbewusst „weg“ haben, dann können wir den anderen so provozieren, dass der sich tatsächlich ärgerlich und neidisch fühlt. Da spielt sich also dann nicht nur in der Phantasie einer Person etwas ab, sondern durch projektive Identifizierung verändert sich der andere tatsächlich.

Wie sehr besteht die Verbindung zum eigenen Gefühl?

Wer seinen Ärger/seinen Rassismus/seinen Neid/seine Freude unbewusst auf den anderen projiziert, der denkt und fühlt: „Der andere ist wütend/rassistisch etc.“ Derjenige, der projiziert, fühlt oft nichts mehr von seinem Ursprungsgefühl. Die eigene Wut ist „weg“ – sie wird nur im anderen gesehen/erkannt. Der „Empfänger“ der Projektion spürt nichts von dem projizierten Gefühl: Das heißt, er fühlt sich nicht wütend oder neidisch, obwohl der Sender den Empfänger so sieht. Es spielt sich alles in den Vorstellungen des Senders ab.

Bei der Projektiven Identifizierung fühlt sich der Sender entweder gar nicht oder irgendwie doch noch verbunden mit dem ursprünglichen Gefühl. Er hat den anderen „wütend gemacht“ und ist irgendwie noch in Kontakt mit der Wut – er „macht“ etwas mit dieser Wut, er versucht, sie (im anderen) zu steuern. Der andere spürt, dass sich seine Gefühle tatsächlich verändert haben. Hier findet eine Kommunikation von Unbewusst zu Unbewusst statt. (Literatur hierzu: Ogden, Thomas H. (1982): Projective Identification and Psychotherapeutic Technique. New York/London: Jason Aronson, heute Rowman&Littlefield)

Kernberg: „Projective identification … assures the capacity of empathy under conditions of hatred …“ („Projektive Identifizierung stellt die Fähigkeit zur Empathie sicher, wenn Hass besteht.“) (Kernberg, 1987, S. 100, in: Grotstein: A Beam of Intense Darkness, Karnac Books 2007, S. 177)

Die Empathie ist eine wohlwollende Form der projektiven Identifizierung, … die uns in unseren alltäglichen Beziehungen begleitet. Sie entspricht dem Ausdruck, ’sich in die Haut des anderen versetzen‘, und dem umgekehrten Vorgang, ‚einen Anteil von sich selbst in den anderen verlegen …‘.“
(Danielle Quinodoz: Worte, die berühren, Brandes & Apsel 2002, S. 127)

Projektive Transidentifizierung: Wenn beide sich durch die Phantasien des Einen verändern

Der Ausdruck „Projektive Transidentifizierung“ (Projektive Transidentifikation) wurde von dem Psychoanalytiker James Grotstein geprägt. Der gängige Begriff „Projektive Identifizierung“ beschreibt seiner Ansicht nach besonders die unbewussten Phantasien, die sich im Subjekt abspielen. Derjenige, der die projektive Identifizierung einleitet (= das Subjekt) hat ein inneres Bild von seinem Mitmenschen (Objekt). Das Subjekt verhält sich so, dass der andere (das Objekt) so reagiert, wie es den inneren Phantasien des Subjekts entspricht. Beispielgedanke: „Der andere ist immer ärgerlich.“ Dann kann ich mich so verhalten, dass der andere tatsächlich immer ärgerlich ist.

Grotstein spricht hier von „zwei separaten, sich selbst aktivierenden Systemen“. Sobald solch ein Prozess in Gang kommt, sollte man von projektiver Transidentifizierung sprechen, so Grotstein. Der eine hat sich sozusagen mit der unbewussten Phantasie des anderen identifiziert. Dies würde zeigen, dass es sich um ein transpersonales Geschehen handelt, das auch außerhalb der Welt der Phantasie stattfindet. (James Grotstein: A Beam of Intense Darkness – Wilfred Bion’s Legacy to Psychoanalysis. Karnac Books, London 2007, S. 180) Zwei Menschen haben sich durch den Vorgang der Projektiven Identifizierung in Wirklichkeit, also auch außen erkennbar, verändert.

Person 1 hat also in Person 2 etwas Passendes „evoziert“ (= hervorgerufen). Die Psychoanalytikerin Elisabeth Spillius (1924-2016) bezeichnete den Vorgang als „evokative projektive Identifikation“. (Elisabeth Spillius, 1994: Developments in Kleinian thought: Overview and personal view. Psychoanalytic Quarterly. 14: 324-364, www.tandfonline.com/…)

„Ich muss Dir wehtun, damit Du ein Gefühl für meinen Schmerz bekommst.“

Wir alle kennen Menschen, die viel Leid erfahren haben. So mancher kennt noch die Kriegserzählungen von Oma und Opa. Das Leid war schrecklich. Doch wieso können wir kein Mitleid empfinden, während die Betroffenen erzählen? Das liegt manchmal daran, dass die Betroffenen ihr Leid so oft erzählen und zwar in einem sehr anklagenden, vorwurfsvollen Ton.

Es ist, als wollten sie dem Zuhörer persönlich den Vorwurf für das Erlittene machen. Vielleicht kennen wir es von uns selbst: Wenn es uns selbst sehr schlecht geht und wir meinen, dem anderen geht es sehr gut, dann entwickeln wir innerlich Neid und Wut – Wut auf unser Schlechtgehen und Neid auf das Gutgehen des anderen. Doch dadurch verlieren wir das Mitgefühl für uns selbst. Dann glauben wir gleichzeitig, dass auch der andere allein durch unser Erzählen kein Mitgefühl mit uns bekommen kann.

Wir spüren noch die Wut auf damalige Täter und lassen diese Wut an unserem jetzigen Gegenüber aus. Die Affekte bahnen sich ihren weg. Und dabei glauben wir auch, das Böse, das wir selbst in uns fühlen, die rachsüchtigen Impulse und die Wut, seien außen. Dann halten wir unser Gegenüber für böse – und verscheuchen ihn damit.

Wir wehren unseren eigenen Schmerz ab und wir versuchen, dem anderen wehzutun und ihn unter Druck zu setzen in der Vorstellung, dass er dann endlich etwas von unserem Schmerz kapieren mag. Doch das Gegenteil ist oft der Fall: Wenn wir einmal erlebt haben, dass ein anderer unser Leid erkannt hat und wenn wir selbst unser Mitgefühl für uns selbst wecken konnten, dann erleben wir auch, wie der andere allein durch unsere Erzählung, unsere Gesten, unsere Mimik uns versteht.

Der andere kann sich in uns einfühlen. Sobald wir davon ausgehen können, müssen wir keinen Druck mehr ausüben.

Das Problem ist nur, dass wir vielleicht selbst uneinfühlsame Eltern hatten, die selbst nach dem Prinzip arbeiteten: „Wer nicht hören will muss fühlen“. Es ist ähnlich wie mit dem Agieren: Oft denken wir, wir müssten zur Tat schreiten, wir müssten den anderen tatsächlich schlagen, damit er merkt, wie wütend oder verletzt wir uns fühlen. Wir denken, wir müssten den anderen erst wütend machen, damit er unsere Wut versteht. Doch wenn wir einfühlsame Eltern hatten, dann sind wir uns selbst gegenüber auch einfühlsam. Wir gehen dann davon aus, dass wir auch ohne Agieren gehört, gesehen und verstanden werden. Und das spürt auch das Gegenüber. Der andere ist dann frei, uns wirklich zu verstehen.

Ich wusste, dass du so bist!

Projektion: Beispiel: Person A fühlt sich wütend, will es aber nicht sein, wehrt die Wut ab. A projiziert seine Wut auf B und denkt auf einmal: „B ist wütend!“ Person B selbst fühlt sich aber gar nicht wütend. Ich sehe im anderen Gefühle, die eigentlich meine Gefühle sind. Aber der andere fühlt sich gar nicht so. Projektive Identifizierung: Beispiel: Person A fühlt sich wütend, kann das aber bewusst gar nicht wahrnehmen, weil er nicht wütend sein will. Wut ist das Schlimmste für Person A. Sie tut (unbewusst) etwas, das Person B wütend macht. Person B fühlt sich nun tatsächlich wütend. Person B hat sich mit dem Negativen, was auf ihn geworfen wurde, identifiziert.

Dann: Person A sieht jetzt die Wut in Person B und identifiziert sich wiederum mit der Wut von Person B. Person A hat das Gefühl, die Wut von Person B kontrollieren zu können und versucht, Person B zu beruhigen.

  • „Ich kann deine Wut gut nachempfinden“, sagt Person A vielleicht. Person A hat sich dann sozusagen mit der Wut in B „zurück-identifiziert“.
  • Es kann aber auch sein, dass Person A irgendwie bemerkt: „Das ist in Wirklichkeit meine Wut!“ Dann bekommt Person A vielleicht Angstgefühle und fühlt sich vom anderen verfolgt, weil sie spürt, dass die Wut zu ihr zurückkehren kann.

Bei diesem Vorgang fühlt die „werfende Person“ (die Person, von der die Projektion ausgeht) sich unterschiedlich stark mit dem ursprünglichen Gefühl (z.B. der unbewussten Wut) verbunden. Es gibt verschiedene Grade:

  • Person A weiß gar nicht, was sie tut, spürt das eigene Gefühl gar nicht, sieht es nur im anderen (der sich bewusst so fühlt, wie sich Person A unbewusst fühlt)
  • Person A hat noch Verbindung zum Vorgang: „Ich merke irgendwie, dass ich den anderen wütend machen will, weiß aber nicht, warum.“

Projektive Identifizierung: Die Person, die ihr Gefühl in den anderen hineinlegt, identifiziert sich mit dem Gefühl, sobald es außen in dem anderen sichtbar ist. Die Person, in die das Gefühl hineingelegt wurde, identifiziert sich ebenfalls mit dem Gefühl, z.B. mit der Wut, die der andere in ihn hineingeworfen hat. Die Person, in die das Gefühl hineingelegt wurde, ist tatsächlich wütend geworden.
Daher ist es so schwierig, bei diesem Begriff festzumachen, wer sich denn jetzt mit was identifiziert. Da geht etwas hin und her und beide sind beteiligt.

Introjektive Identifizierung: Ich nehme Teile der anderen Person in mich auf, ich bin die aufnehmende Person, nicht die „werfende“ Person.

Introjektive Identifizierung kann einfach heißen, dass ich den anderen verstehe. Vom anderen kommt etwas in mich hinein, das ich von mir selbst kenne. „Der andere fühlt sich so ähnlich wie ich“, können wir dann sagen. Wir gewähren dem anderen Einlass und nehmen etwas von ihm auf. Indem der andere von seinen Verletzungen oder Freuden erzählt, berührt er ähnliche Erfahrungen in uns, die wir schon einmal gemacht haben. Gleichzeitig steigen wir aber auch in die Welt des anderen hinein, nachdem der andere uns Einlass gewährt hat. Wir entdecken im anderen sozusagen unseren eigenen Schmerz oder unsere eigene Freude.

Bei der projektiven Identifizierung wird etwas vom anderen in mich „geworfen“. Bei der introjektiven Identifizierung sauge ich eher vom anderen etwas in mich hinein, finde ich vom anderen etwas in mir wieder oder aber ich steige in den anderen regelrecht ein, weil ich neugierig bin oder Sehnsucht danach habe, dass ein anderer ähnliche Schmerzen kennt wie ich.

„Das gibt mir Kraft“ – „Das nimmt mir alle Energie“

Von unangenehmen Introjektionen wollen wir uns befreien – sie können uns sehr quälen. Sie können sich fremd anfühlen oder wie etwas Eigenes, das wir abstoßen wollen. Hier ist viel Selbstanalyse erforderlich: Wo stößt der andere mit seinem Trauma an unser eigenes Trauma und wie kann ich es unterscheiden? Vielleicht fühlen wir uns vom anderen verfolgt oder wir fühlen uns als Analytiker schuldig, weil wir dem anderen nicht genügend helfen konnten. Wir haben dann den anderen sehr in uns aufgenommen (= Introjektive Identifizierung).

Wenn wir dann die Vorgänge sortiert und verstanden haben, können wir dem anderen seines wieder zurückgeben (englisch: to reprojekt, deutsch: reprojizieren). Wir fühlen uns dann befreit, entlastet und der andere fühlt sich verstanden, nachdem wir ihm die richtige Erklärung (= Deutung) geliefert haben.

Wenn der Analytiker sich sehr in seinen Patienten einfühlt, dann fühlt er sich so, als sei er in der Welt des Patienten und als könne er fühlen, wie er sich möglicherweise fühlt. Dieses Gefühl, sich so fühlen zu können wie der andere sich möglicherweise fühlt, nennen Psychoanalytiker „introjektive Identifizierung“. Dieser natürliche Austausch kann gestört sein:

„Auf welche Weise und unter welchen Bedingungen ist die ’normale‘ Gegenübertragung gestört? Das Verstehen des Analytikers, welches der Autor (Anm.: Roger Money-Kyrle) auf die introjektive Identifizierung zurückführt, versagt unvermeidlich dann, wenn der Patient einem Aspekt von dessen (Anm.: des Analytikers) eigenem Selbst zu nahe kommt, welcher diesem noch unerschlossen geblieben oder in seiner Lehranalyse nicht analysiert worden ist; es versagt auch bei wenig ‚kooperativen‘ Patienten, mit denen Kontakt zu halten selbst den besten Analytikern äußerst schwerfällt.“ Aus: Die Übertragung und das Begehren des Analytikers, von Moustapha Safouan. amazon

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links/Literatur:

Elisabeth Spillius and Edna O’Shaughnessy:
Projective Identification
The Fate of a Concept
www.melanie-klein-trust.org.uk/…

Kritik an Edna O’Shaughnessy (1924-2022) übt Michael Bacon – er war als Kind drei Jahre lang ihr Patient. In ihren Fallgeschichten heisst er „Leon“.
Michael Bacon (2024):
The therapist who hated me
„Going to a child psychoanalyst four times a week for three years was bad enough. Reading what she wrote about me was worse“ aeon.co/essays/…
„How do I feel about having come across a wild misrepresentation of my early self? … I found a video interview with her recorded sometime around 2015. In it she makes casual mention of ‘my young Leon’. That proprietary comment – made over a quarter of a century after she last saw me – feels to me now like an attempted kidnapping. … O’Shaughnessy wasted part of my childhood for three frustrating years, it wasn’t because she meant to do so, but because she could perceive me only as a device to play out already fixed ideas.“

Grotstein, James (2007):
A Beam Of Intense Darkness
Karnac Books 2007
S. 168-190: Projective transidentification: an extension of the concept of projective identification

Kernberg, Otto (1987):
Projection and projective identification:
Developmental and clinical aspects.
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/3693786
In: J. Sandler (Hrsg.):
Projection, Identification and Projective Identification.
S. 92-116, Madison, CT, International Universities Press, 1987.

Robert T. Waska:
Hate, Projective Identification, and the Psychotherapist’s Struggle
J Psychother Pract Res 9:33-38, January 2000

Kenneth Sanders
The Economics of Introjective Identification and the Embarrassment of Riches
British Journal of Psychotherapy
Volume 10, Issue 2, Pages: 133-306, December 1993

Dieser Beitrag wurde erstmals verfasst am 31.5.2012
Aktualisiert am 24.12.2024

One thought on “Projektion und Projektive Identifizierung im Alltag und in der Psychoanalyse: „Ich wusste, dass du so bist!“

  1. Christian sagt:

    Guten Abend, Morgen, Mittag.

    fÅ«r ihre Interessanten, aufschlussreichen Berichte möchte Mensche sich bedanken.
    Natūrlich rein objektiv betrachtet:)
    Gott sei dank gibt es Menschen, die im begrenzten Raum mit begrenzter Zeit
    sich dem Menschen zu wenden. Sich sich selbst spūren lassen.

    Ein schizoid, auf sich selbst zurūck geworfener Mensch.

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