
Manchmal spürt man es ganz genau: Der Patient versucht, uns zu einer bestimmten Aussage zu bewegen. Er will uns möglicherweise auch zu einem „Schluss jetzt!“ drängen. Es kann gut und richtig sein, dem Patienten die Antwort zu geben, auf die er wartet – so sie denn der Wahrheit entspricht. Oft aber merken wir auch, dass dem Patienten unsere Antwort nichts bringt. Es ist ein ähnlicher Effekt wie wenn Kinder immer „Warum?“ fragen. Wichtig ist es, zu verstehen, woher dieses Drängen kommt und was die Fragen bewirken sollen. Durch unsere Ratlosigkeit merkt der Patient, dass er nicht wie mit einem Automaten verbunden ist, sondern dass der Therapeut ein eigenständiger, getrennter und mitunter ebenso ratloser Mensch ist. Manchmal soll das Drängen auch von etwas anderem ablenken.Weiterlesen
Es gibt Zustände, da kann ich nicht meditieren. Bei Atemnot oder schwerem Schwindel zum Beispiel. Oder bei einer schweren Angstattacke. Manchmal habe ich einen Körper, der mir gehorcht und ein Ich, das funktioniert. Manchmal scheint es verschluckt zu werden – von überwältigender Angst. Ich kann dann noch nicht mal mehr sprechen, obwohl das Ich doch ein sprechendes ist.Weiterlesen
Glück lässt sich nur wenig kontrollieren. Wir können Voraussetzungen schaffen, die es dem Glück erleichtern, zu uns zu kommen. „Good things come to people who can wait“, heisst es. Wir können eine gute Atmosphäre schaffen, um gute Gespräche leichter zu ermöglichen. Aber wir können nicht alles steuern. Und deswegen neigen wir manchmal dazu, das Schlechte zu lenken. Denn das ist auf gewisse Art einfach. Wenn ich für eine Prüfung gelernt habe und alles gebe, dann bin ich dennoch abhängig von vielen Dingen, damit ich die Prüfung bestehe. Wenn ich mich jedoch dumm stelle, dann habe ich’s im Griff. Weiterlesen

„Wo ich hinkomme, reagieren die Menschen mit Ärger auf mich. Ich weiß nicht, wieso. Es sind sehr unbefriedigende Begegnungen.“ Eine Patientin erzählt, dass fast alle ihre Kontakte von unbegreiflicher Aggression betroffen sind. Erst im Laufe der Zeit entdeckt sie, dass sie die anderen ständig steuern will. Sie macht Witze, damit die anderen lachen und sie denkt sich vorher genau aus, was sie sagt, damit die anderen in dieser oder jener Weise reagieren. Auf einmal versteht sie, warum so viel Langeweile in ihrem Leben herrscht: Sie vermeidet die lebendige Begegnung.Weiterlesen
Libido ist das lateinische Wort für „Begierde, Lust“. Sigmund Freud bezeichnete die Libido als „Triebenergie“ – als den Motor, der uns am Leben hält. Später nannte er die Libido auch Eros (siehe Jenseits des Lustprinzips, 1920, Projekt Gutenberg). Weiterlesen
Eine zweite Sitzung an einem Tag kann gerade bei schwer traumatisierten und psychotischen Menschen in der ambulanten Psychotherapie oder Psychoanalyse sehr sinnvoll sein. Manche entwickeln in der Abwesenheit des Psychotherapeuten erschreckende Phantasien und fühlen sich verfolgt. Interessanterweise kann eine zweite Sitzung am Tag meiner Erfahrung nach Verfolgungsängste reduzieren, weil der Abgleich mit der Realität stattfinden kann. In krisenhaften Phasen der ambulanten, hochfrequenten Psychotherapie mit schwer gequälten Patienten können zwei Sitzungen an einem Tag zur deutlichen Entspannung führen.Weiterlesen

Der amerikanische Psychoanalytiker RichardReichbart.com erzählt in seinem Buch „The Anatomy of Psychotic Experience“ (amazon), wie er als junger Student psychotische Episoden erlebte und eine Psychoanalyse begann. Er sei so verstört gewesen, dass er anfangs sieben Sitzungen pro Woche erhielt – also auch sonntags. Weiterlesen

„Früher bin ich auch alleine schwimmen gegangen, aber jetzt mache ich das nicht mehr. Wenn ich alleine raus gehe, dann fühle ich mich noch einsamer. Wenn ich zu Hause bleibe, muss ich wenigstens nicht die anderen glücklichen Menschen, die Pärchen und Familien sehen.“ Vielleicht geht es Dir ähnlich. „Geh`doch mal raus“, raten die anderen Dir. Und Du denkst: „Wenn ich solche Aufförderungen schon höre, krieg‘ ich die Krise.“ Rausgehen ist manchmal das Letzte, was die einsame Seele braucht. Du spürst vielleicht: Der Rückzug auf Dich selbst kann die Einsamkeit paradoxerweise oft wenigstens etwas lindern – jedenfalls im Vergleich zu dem Gefühl, das aufkommt, wenn Du „raus gehst“.Weiterlesen

Im Studium hatte ich einen Kommilitonen, dessen Mutter immer eine Kerze für ihn anzündete, wenn er eine Prüfung hatte. Sie pustete die Kerze erst aus, wenn die Prüfung vorbei war. Sie betete für ihn. Dieses kleine Ritual hatte etwas Anrührendes. Es ist doch schön, wenn jemand an uns denkt. Es ist schön, zu wissen: Irgendwo da drüben brennt ein Kerzchen – nur für uns. Wir haben oft keine Zeit – aber ein Kerzchen können wir immer anzünden. Wenn wir morgens eine Kerze anzünden, können wir kurz innehalten. Wir können an das denken, was uns am Wichtigsten ist: an unsere Gesundheit oder Krankheit, an unsere Nächsten (die Anwesenden und Abwesenden), an unsere Wünsche, Vorhaben und Verluste.Weiterlesen
Noch drei Minuten, sagt der grosse Zeiger. Gleich wird er klingeln, mein Patient. Wie fast jeden Tag zur vollen Stunde. Und ich kann nichts dagegen tun. Er wird da sein. Er wird wollen. Er will, dass ich zuhöre und nachdenke. Ich kann nicht weg. Dabei bin ich müde. Wie eine Mutter. Doch der Säugling, er gibt keine Ruhe. Er fordert und fordert. || Noch drei Minuten, sagt das Autoradio. Dann steige ich aus und begebe ich mich zur Tür meines Lehranalytikers. Er wird da stehen und auf mich warten. Ohne Gnade. Er fordert von mir, dass ich sage, was mir einfällt. Ständig. In jeder Sekunde. Meine ich. In meiner Welt. Er sitzt da und wartet und wartet. Wie ein Herrscher. Ich bin müde, ich will nichts mehr sagen. Doch er ist da, komme, was wolle.Weiterlesen