„Es sind doch nur Gedanken.“ – „Nein!“

„Die Situation an sich ist so wie sie ist. Was sie so unerträglich macht, sind die Gedanken dazu. Unsere Bewertung entscheidet darüber, ob etwas gut ist oder schlecht“, hört man. Ich denke, dass es anders ist für Menschen, die frühe, schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben – insbesondere, wenn der Körper mit einbezogen war. Da spürten sie genau: Zuerst ist da das Unerträgliche. Die Gedanken sind nur die Folge, um es zu begreifen. Sie hatten keinen anderen Menschen, der das Unerträgliche mit ihnen ertrug.
Donald Winnicott sagt in seinem Beitrag „The Psychology of Madness“ (1965): „It must be conceded, however, that there are very roughly speaking two kinds of human being, those who do not carry around with them a significant experience of mental break-down in earliest infancy and those who do carry around with them such an experience and who must therefore flee from it, flirt with it, fear it, and to some extent be always preoccupied whith the threat of it. It could be said, and with truth, that this is not fair.“ (The Psychology of Madness (1965). In: Psychoanalytic Explorations, Routledge 2018: S. 122)
Frei übersetzt von Voos: „Vereinfacht gesagt gibt es zwei Arten Mensch: Solche, die kein bedeutsames Erlebnis eines mentalen Zusammenbruchs in der frühesten Kindheit mit sich tragen und solche, die so ein Erlebnis mit sich tragen. Daher müssen sie davor fliehen, damit flirten, sie müssen es fürchten und zu einem gewissen Ausmaß werden sie ständig mit dessen Bedrohung beschäftigt sein. Man könnte fürwahr sagen, dass das nicht fair ist.“
Wer solch einen frühen Zusammenbruch erlebt hat, der kann sich nicht einfach nur sagen: „Es sind nur Gedanken.“ Denn es handelt sich um tiefste Empfindungen bzw. Zustände von Körper und Seele und um ein mentales Geschehen, das wir gerade erst erforschen. Aus der Not und aus verschiedensten Körperzuständen entstehen die vielfältigsten Gedanken. Es ist sehr wichtig, sie zu denken, denn sie sind im Notzustand ein wichtiger Organisator, der dabei hilft, dass nicht alles zusammenbricht.
Ein Baby, das Gewalt erfährt, erlebt vermutlich Todesangst. Es ist die Hölle für dieses Baby. Kein Bewerten. Kein Denken. Es fühlt ohne Worte: „Das hier ist die Hölle.“ Und diese innere Hölle bleibt und wird neu wieder geweckt durch die verschiedensten Körperempfindungen, Umstände und Phantasien. Die Gedanken sind meistens die Folge, nicht die Ursache des Geschehens. Sie können natürlich dann die Sache verschlimmern oder verbessern – oft aber haben sie gar keinen Einfluss auf diese ursprünglichen, meist schrecklichen Empfindungen und Zustände.
Jedes Mal, wenn ich lese oder höre, dass es nur darauf ankomme, wie wir die Dinge bewerten und wie wir darüber denken, fühle ich eine abgrundtiefe Schlucht zwischen dem Gesagten und dem, was ich täglich in meiner Praxis an Leid miterlebe. Wie es uns geht, ist nicht nur das Ergebnis dessen, wie wir über die Dinge denken. Es ist vor allem das Ergebnis dessen, was wir fühlen und erleben. Direkt und unmittelbar. Ganz ohne Bewertung.
Jean Améry: „Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur. … Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. … Es wird schließlich die körperliche Überwältigung durch den anderen dann vollends ein existenzieller Vernichtungsvollzug, wenn keine Hilfe zu erwarten ist.“ Fritz J. Raddatz: Jean Améry: „Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert.“
Welt Kultur, 31.10.2012
Warum Gedanken ernstgenommen werden wollen
„Machen Sie sich klar, dass Ihre angsterfüllten Gedanken nichts als Gedanken sind.“ Dieser Satz beruhigt meistens nur begrenzt, denn die Entstehung von Gedanken ist ein ganzheitliches Geschehen. Es gibt verschiedene Arten von Gedanken und es gibt verschiedene Arten von Gefühlen und äußeren Realitäten. Gedanken und Gefühle können auf unterschiedlichste Weise miteinander verbunden sein. Gedanken entstehen aus vielem, z.B. aus äußeren Realitäten und Körperempfindungen heraus. Wir können durch unsere Körperhaltung unsere Sorgen schlimmer oder weniger schlimm erscheinen lassen.
Besonders Krankheiten und Geldmangel können unsere schrecklichsten sorgenvollen Gedanken wecken. Doch die Gedanken hängen auch davon ab, ob wir uns körperlich kräftig oder schwach fühlen.
So können wir vorstellen, arbeiten und kreativ sein zu können, wenn wir uns körperlich gerade frei fühlen. Wenn wir uns schlecht fühlen, schwitzend und flach atmend im Bett liegen, sorgen wir uns vielleicht darum, ob wir morgen überhaupt noch funktionieren können. „Heute geht’s noch“, können wir uns vielleicht sagen und uns damit auf kleine Häppchen konzentrieren. Gedanken können in der Katastrophe enden. Bei Geldsorgen können wir befürchten, dass wir mittellos auf der Straße landen oder aber dass uns Freunde helfen oder wir neue Aufträge bekommen. Meistens können wir das Problem handhaben, wenn es da ist. „You can face it, when it’s there“, sagt Eckhart Tolle in einem seiner Videos.
Realität, Gedanken und Körper gehören zusammen. Unser Körper erweckt in uns symbolische Bilder, die dann zu Worten werden. Unser Magen fühlt sich bei Ärger und Sorgen an „wie ein Stein“, unser Rücken scheint „Stock-gerade“ zu sein. Begriffe wie diese fallen uns als Reaktion auf unsere Körpergefühle ein.
Es ist wichtig, sich den Ursprung der Gedanken anzuschauen, denn die quälenden Gedanken sind wie Schmerzen: Sie weisen auf etwas Schädigendes hin und können nicht einfach abgetan werden.
Wachen und Schlafen
Ähnlich wie Traumgedanken sind Wach-Gedanken auch eine Frage des Bewusstseins: In der ersten Nachthälfte, wenn wir tief schlafen und das Wach-Bewusstsein ausgeschaltet ist, haben wir intensive Träume, die uns ganz und gar einnehmen. In den frühen Morgenstunden, wenn sich wieder mehr Bewusstsein dazu mischt, können wir luzide träumen und unsere Träume teilweise steuern. So können wir bewusstseinsferne und bewusstseinsnahe Gedanken haben.
Gedanken brauchen auch einen Gedanken-Raum, in dem sie gedacht werden können. Wenn wir im Stress sind, ist der Denkraum kleiner, als wenn wir ruhig sind. Außerdem tragen wir immer auch unreife psychische Elemente in uns, die sogenannten „Beta-Elemente“, die noch nicht gedacht werden können.
Wann immer wir uns „so komisch fühlen“ oder etwas nicht in Worte fassen können, wenn wir uns innerlich bedroht fühlen und dem Zustand keinen Namen geben können, dann werden wir unserer „Beta-Elemente“ gewahr. Diese unreifen Elemente, sozusagen noch nicht geformte Gedanken, sind für uns oft schwer beunruhigend. Sie müssen erst – zum Beispiel durch Nachdenken oder durch Gespräche mit anderen – in „Alpha-Elemente“ umgewandelt werden. Das heißt, wir können erst nach der Umwandlung darüber sprechen, wir können uns dann erst selbst besser verstehen, Zusammenhänge herstellen und über weiter über uns nachdenken.
Transformation von Beta- zu Alpha-Elementen bedeutet: Aus dem diffusen „Irgendwas“ wird etwas Fassbares, aus dem chaotischen Zustand werden Worte und Wortgedanken, sodass wir unser Innenleben wieder mit anderen teilen können.
Es gibt „reife und unreife“ Gedanken, klare und unklare, bewusste, bewusstseinsnahe und unbewusste Gedanken, Wort-, Bild- oder Musik-Gedanken, unbewusste Phantasien, Wahrnehmungen, Sinnesreize, Zukunftsvorstellungen, Tiefensensibilität, Repräsentanzen, Erinnerungen, Wissen, Zwangsgedanken und vieles mehr. Wenn zwei oder drei Menschen zusammen sind, entstehen zudem Gedanken, die dann „in der Luft“ liegen – in einer Gruppe können mehrere auf einmal sehr Ähnliches denken und es ist spannend, zu sehen, wer den Gedanken, der quasi „da draußen“ entstanden ist, zuerst „aufgreift“.
Mit den Gedanken ist es also sehr kompliziert. Wir können uns mit Gedanken verrückt machen, aber auch beruhigen. Wir können unsere Gedanken beobachten und ernst nehmen.
Wenn wir jedoch spüren, dass quälende und aggressive Gedanken, die vielleicht zu nichts führen, einen Sog auf uns auswirken, können wir versuchen, bewusst davon Abstand zu nehmen, z.B. indem wir uns auf die Einatemluft vor unseren Nasenlöchern oder auf unsere Gefühle und unseren Körper konzentrieren. Gedanken sind hochkomplex. Häufig wird gesagt, sie seien Verursacher von Leid – doch häufig sind sie auch ernst zu nehmende Folgen von Leid. Auch durch zunächst quälende und sinnlos erscheinende Gedanken können zur Problemverarbeitung führen und manchmal tauchen auch ganz unverhofft Gedanken auf, die uns zutiefst beruhigen. Manche dieser Gedanken können sogar unser Leben verändern.
Gyrus Cinguli
Das Cingulum (lateinisch „Gürtel“) ist eine Struktur des Gehirns. Es sind Nervenbahnen, die vorne vom Stirnlappen (Lobus frontalis) des Gehirns einmal im Bogen um den sogenannten „Balken“ (Corpus callosum) des Gehirns verlaufen und bis in den Schläfenlappen (Lobus temporalis) reichen. Bei der Gefühlsregulation und dem Zusammenspiel von Gedanken und Gefühlen spielt der Anteriore (vordere) Gyrus Cinguli (ACC, Anterior Cyngulate Cortex) eine wichtige Rolle.
Unsere Psyche funktioniert auch wie etwas Körperliches
„Ich bin verletzt“ sagen wir und meinen, dass etwas in unserer Psyche verletzt ist. Doch wie kann die Psyche verletzt sein, wenn sie nur ein „schwebendes Nichts“ ist? Da muss also etwas sein, etwas wie Körperliches, das verletzt werden kann. Und der Ausdruck zeigt, wie sehr Seele und Körper miteinander verbunden sind. Manche sagen, es gebe nichts Gutes oder Schlechtes – nur unsere Gedanken würden etwas gut oder schlecht machen. Doch oft ist es anders. Ganz tief in uns wissen wir, was gut und schlecht ist. Wir können es fühlen. Ganz ohne Gedanken.
Wenn wir einen Affekt haben, also ein schnelles Gefühl mit körperlichen Begleiterscheinungen, dann haben wir oft noch gar nicht gedacht. Unsere Psyche und unser Körper reagieren gemeinsam in einem engen Zusammenspiel.
Der „psychische Apparat“ – diesen Ausdruck nutzte Sigmund Freud
Wenn ich jemandem sage: „Ich werde dich jetzt täglich kontrollieren“, dann quetsche ich bildlich gesprochen die Psyche des anderen zusammen. Bei dem Gedanken, dass wir kontrolliert werden sollen, ziehen sich unsere Blutgefäße zusammen. Wir spüren die Einengung und das ist höchst unangenehm. Es ist, als würde mein psychisches Gebilde von einem anderen psychischen Gebilde eingeengt werden. Es fühlt sich so an, noch bevor wir denken können oder Worte dafür finden.
Und erst daraufhin springen vielleicht Gedanken ein wie „Das fühlt sich schrecklich an. Es ist gemein! Ich werde mich wehren!“ Das ursprüngliche Einengungsgefühl ist etwas Psychisch-Körperliches, wofür wir dann versuchen, Worte zu finden. Die Gedanken und Worte, die dann entstehen, gehen aus dem psychischen und körperlichen Zustand hervor wie die Blüten aus den Ästen eines Baumes. Sie sind unmittelbar mit der Wurzel verbunden.
„Könnten wir jetzt Fenster öffnen, damit die Schwere aus diesem Raum entweicht?“, sagte eine Patientin nach einem schwierigen Gespräch. Wir spürten beide die Schwere. Vielleicht hätte jeder, der den Raum betreten hätte, diese Schwere gespürt. Sie war fernab von Gedanken. Sie war einfach da.
Auch unsere Sorgen hängen von unserer körperlichen Verfassung ab
Wenn Du nachts von einem See träumst und wach wirst, merkst Du vielleicht, dass Deine Blase ganz voll ist. Du hast von dem See geträumt, weil Du im Schlaf spürtest, dass Du eine volle Blase hast. Aber warum träumt man dann nicht einfach, dass man eine volle Blase hat und zur Toilette muss? Es hängt wahrscheinlich auch davon ab, wieviel Bewusstsein unserem Schlaf schon wieder beigemengt ist. Jedoch zeigt das Beispiel gut, was unsere Psyche aus unseren körperlichen Empfindungen macht. Und so können auch andere Gedanken, Sorgen und Grübeleien entstehen.
In der Traumforschung gibt es viele Beispiele dafür, dass wir unsere Körperempfindungen nicht direkt fühlen sondern als Bilder im Außen sehen. So träumen manche Männer von Flügen und Abstürzen während sie im Traum eine Erektion haben.
Wie unser Körper unsere Gedanken und Gefühle beeinflusst – einige Beispiele:
- „Im Schwimmbad begann ich plötzlich über meine Prüfung zu grübeln. Es fühlte sich enorm belastend an. Dann wurde es mir schlecht – oder nein, ich merkte, dass es mir schon vorher schlecht war, weil ich direkt nach dem Mittagessen meine Bahnen gekrault bin. Ich musste zur Toilette. Nachdem ich mich ausgeruht hatte, hatten sich auch die Grübeleien um die Prüfung verwandelt in ein zuversichtliches Nachdenken darüber.“
- „Ich wachte morgens auf und war mir sicher, dass ich das Geld für mein Projekt nicht zusammenbekommen würde. Sorgenvoll und mit Herzrasen begann ich in großer Anspannung mit meinen Yogaübungen. Bei der Vorwärtsbeuge im Sitzen mit einem angewinkelten Bein wurde ich davon überrascht, dass sich meine Sorgen lösten. Ich spürte eine Leichtigkeit und wieder mehr Energie. Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Projekt schaffen kann.“
- „Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus (wenn Dein Körper nach dem Schlaf erholt ist).“
- „Ich hatte mich im Schlaf verspannt und wachte morgens sehr depressiv auf. Meine suizidalen Gedanken steigerten sich bis fast hin zu dem Impuls, mir etwas gegen meinen Willen anzutun. Als ich beim Yoga eine Streck-Übung im Stehen machte, merkte ich, wie dieser quälende Impuls nachließ.“
Die Selffulfilling Prophecy wird oft missverstanden
Natürlich gibt es sie: scheinbar „geheime Kräfte“, die uns bei unseren Vorhaben immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Oft sind es unbewusste Erwartungen, Wünsche oder Phantasien, die verhindern, dass wir unser Ziel erreichen.
Da fällt ein Student immer wieder durch die Prüfung, auf die er sich gut vorbereitet hat, weil er insgeheim den Neid des unstudierten Vaters fürchtet. Der Student weiß: „Ich werde sowieso wieder durch die Prüfung fallen.“ Er fällt aber nicht durch, weil er es sich so sagt, sondern weil er Ängste hat, von denen er nichts weiß und die vielleicht erst in einer psychoanalytischen Therapie verstanden werden können. Die „Selffulfilling Prophecy“ wird jedoch oft missverstanden, weil mit bewussten Vorgängen argumentiert wird.
„Wenn Du Dich immer vor Krebs fürchtest, wirst Du ihn auch bekommen“, sagt die Freundin. Oder: „Du darfst Dich nicht vor einer Fehlgeburt fürchten, sonst tritt sie auch ein.“ Oder: „Wenn Du nur daran glaubst, dann wirst Du die Gehaltserhöhung bekommen.“ „Selffulfilling Prophecy“, Selbsterfüllende Prophezeiung sagen manche dazu. Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Robert King Merton (1910-2003) zurück und ist ein beliebter Begriff in der Alltagssprache geworden. Viele Menschen gehen davon aus, dass man mit bewusst positivem Denken alles erreichen könnte. Doch sie lassen das Unbewusste außen vor, das manchmal stärker ist – und gewinnt.
„Da fürchtet man sich vor der Schweinegrippe und bekommt überraschend die Masern. Man kann tief davon überzeugt sein, gesund zu sein, während im Verborgenen bereits ein Tumor wächst – oder umgekehrt: Manch ein Hypochonder ist überzeugt davon, schwer krank zu sein, während er sich 100 Jahre lang bester Gesundheit erfreut.“ (Psychoanalyse tut gut, Psychosozial-Verlag 2011, S. 164, Link zu amazon)
Natürlich hilft das Wollen und das Wünschen. Wenn es mit unserem Unbewussten im Einklang ist, können wir viele unserer Ziele erreichen. Doch wir haben eben nicht alles im Griff: Es gibt Patienten mit schwerem körperlichen Leid, die wollen noch so sehr gesund sein und „schaffen“ es nicht, weil es eben auch vieles gibt, das wir nicht steuern können.
Der Gedanke an die selbsterfüllende Prophezeiung macht Menschen mit Zwangsstörngen Angst
Patienten mit einer Zwangsstörung leiden manchmal ganz besonders, wenn es um die „Selffulfilling Prophecy“ geht – hier ist das Thema der Selbsterfüllenden Prophezeiung sozusagen zur Krankheit geworden. Sie glauben nicht daran, dass die „Gedanken frei“ sind, sondern sie glauben stark an das „magische Denken“. Zwangspatienten haben Angst, dass ein Unglück geschieht, wenn sie ihrem ungeliebten Kollegen etwas Böses wünschen und nicht gleich dazu sagen: „Klopf auf Holz“. Sie befürchten, dass sie dem anderen tatsächlich Leid zufügen, wenn sie sauer auf ihn sind.
Manche zwangsgeplagte Menschen müssen sich ständig waschen, um „dreckige“ Gedanken oder Erinnerungen von sich fernzuhalten. Sie halten ihre Gedanken im Zaum und quälen sich mit Ritualen oder zwanghaften Grübeleien. Für manche ist es wie eine Mutprobe, bewusst auch einmal etwas „Böses“ zu denken – groß ist die Erleichterung dann, wenn sie sehen, dass dann nicht automatisch etwas Schlimmes passiert. Wer von einer Zwangsstörung betroffen ist, lernt in einer Psychotherapie manchmal erst mühselig, dass Denken und Tun, dass Innere Realität und Äußere Realität zwei verschiedene Dinge sind und dass die Gedanken längst nicht so viel Kraft haben wie angenommen.
(Aber-)Glaube bleibt immer
Obwohl wir in einer hochtechnisierten Welt leben – oder vielleicht gerade deshalb – sind unsere Ängste, Wünsche, Hoffnungen, Vorstellungen und ist unser (Aber-)Glaube längst nicht ausgestorben. In anderen Kulturen ist das „Magische Denken“ weniger eine „Krankheit“ als eben ein Teil der Kultur. Was nun für einen selbst stimmt und was nicht, findet jeder für sich im Laufe des Lebens selbst heraus.
Ein Bekannter arbeitete als Arzt in Afrika. Dort haben Entwicklungshelfer an einem Besen demonstriert, wie man ein Kondom überstülpt. Sie erklärten, dass sich so eine Schwangerschaft verhindern ließe. Bald darauf kam ein enttäuschtes Paar und sagte: „Wir haben jeden Abend das Kondom über den Besen gezogen – und dennoch ist die Schwangerschaft eingetreten.“ Hier spielen magisches Denken, abstraktes und konkretes Denken sowie psychologische und kulturelle Missverständnisse eine Rolle. Die westlichen Aufklärer hätten nicht daran gedacht, dass ihre Beispiele wörtlich – oder auch „magisch“ – aufgefasst werden könnten.
Ausprobieren, wie frei die Gedanken sind
Für viele ist es eine Erleichterung, wenn sie einmal ausprobieren, wie frei die Gedanken doch sind: Man kann dem verhassten Nachbarn einen Autounfall wünschen und er kommt dennoch gesund nach Hause. Ich habe auch schon „Hellseherinnen“ erlebt, die bei Schwangeren sicher waren: „Das wird ein Bub.“ Und dann wurde es ein Mädchen. Auch bezogen auf uns selbst, stellen wir doch oft fest, dass unsere Überzeugungen oder „Prophezeiungen“ nicht zutreffen: Obwohl wir sicher waren, wir hätten einen Tumor, stellt sich doch oft heraus: alles gesund.
Negativ denken erlaubt
Wir dürfen uns vor Krankheiten fürchten, wir dürfen befürchten, durch die Prüfung zu fallen, wir dürfen den „Feind“ verfluchen und uns selbst ausmalen, wie wir die schlimmsten Katastrophen erleben. Es ist auch schön, dass wir so etwas denken können. Filme entstehen so – und tolle Bücher. In der Realität stellen wir dann fest: Es ist nichts Schlimmes passiert. Und wenn’s doch nicht gut geht? „Wir dürfen den Zufall nicht unterschätzen“, hörte ich einmal einen Zufallsforscher sagen. Wenn wir etwas „Schlechtes“ denken und das „Schlechte“ tritt ein, dann kann es Zufall sein, dann kann etwas gleichzeitig passiert sein, ganz unabhängig von unserem Denken. Vielleicht sind wir aber auch unbewussten Wünschen gefolgt und haben das Schlechte „inszeniert“. Wir ziehen oft aus dem „Schlechten“ unbewusst etwas Gutes. Wer zu schlechtem Gewissen neigt und unter Schuldgefühlen leidet, wer also ein strenges Über-Ich hat, dem geht es infolge von „Selbstbestrafung“ manchmal psychisch besser. Die Zusammenhänge können da sehr kompliziert sein.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Donald Winnicott:
The Psychology of Madness (1965)
In: Psychoanalytic Explorations
Routledge 2018
Johannes Picht:
Zu Winnicotts „Psychologie der Verrücktheit“
April 2018, Heft 4: S. 257, DOI 10.21706/ps-72-4-267
elibrary.klett-cotta.de/article/10.21706/ps-72-4-267
Die Kraft der Vorstellung
Wie imaginierte Ereignisse unsere Einstellung verändern
Max-Planck-Gesellschaft, 21.5.2019
www.mpg.de/….
Roland G. Benoit, Philipp C. Pualus, Daniel L. Schacter (2019)
Forming attitudes via neural activity supporting affective episodic simulations
nature communications 10, Article number: 2215 (2019)
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https://www.nature.com/articles/s41467-019-09961-w
Mels F. van Driel (2014)
Sleep Related Erections Throughout the Ages
The Journal of Sexual Medicine, Volume 11, Issue 7, July 2014, Pages 1867-1875
www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1743609515308079
Charles Fischer et al. (1965):
Cycle of Penile Erection Synchronous With Dreaming (REM) Sleep
Arch Gen Psychiatry. 1965;12(1):29-45. doi:10.1001/archpsyc.1965.01720310031005
jamanetwork.com/…
Wolfgang Leuschner:
Einschlafen und Traumbildung
Brandes und Apsel, 2011
Sigmund-Freud-Buchhandlung
Die Autorin Mariana Leky schreibt in ihrem Roman „Erste Hilfe“: „Wir machen uns immer viel zu viele Sorgen. Wir machen uns Sorgen, wenn der Bäcker morgens irgendwie blöd geguckt hat. Wir machen uns Sorgen, dass irgendetwas an oder in uns ersetzt oder ausgeschält werden muss, … dass deine Wunde sich infiziert oder dass der Herd an ist … oder dass wir auf einen Brief die falsche Adresse geschrieben oder den falschen Brief in den Umschlag mit der richtigen Adresse getan haben, wir machen uns Sorgen, dass wir für den, der hinter uns Fahrrad fährt, zu langsam Fahrrad fahren, … dass unsere Eltern, die wir heute wieder nicht angerufen haben, morgen sterben könnte, dass irgendwer nicht wieder anruft oder dass irgendwer wieder anruft, … wir sorgen uns am Tag, dass wir in der Nacht nicht schlafen können, und in der Nacht, dass wir am Tag müde sein werden.“ Mariana Leky: Erste Hilfe. Roman. Dumont, S. 106/107
Dieser Beitrag entstand erstmals am 26.2.2019
Aktualisiert am 24.8.2023
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