Bei der Affektabstimmung (Attunement) von Mutter und Kind gleichen sich Herzschlag und Atmung einander an

Von „Attunement“ (tune [englisch] = Einklang, Harmonie) sprechen Entwicklungspsychologen, wenn Du Dich in Dein Baby einfühlst und ihr Euch verbunden fühlt. Dein Baby äußert sich durch Laute, Bewegungen und Mimik Manchmal kannst Du nur schätzen, was Dein Baby will – andere Male kommst Du mit Deinem Baby in Einklang. Du spürst, was es braucht und wenn Du Deine Nase an sein Köpfchen hältst, findest Du das ebenso beruhigend wie Dein Baby. Dabei gleichen sich Deine vegetativen Spannungszustände an die Deines Babys an und umgekehrt. Schön ist es, wenn es zu einer gemeinsamen Beruhigung kommt – oft wird Attunement in diesem Sinne verstanden. Du kannst aber auch Spannungszustände Deines Babys erkennen und dann selbst angespannt werden.
Der Begriff „Attunement“ (Abstimmung, Gleichklang) wurde von dem Psychoanalytiker Daniel Stern (1934-2012) geprägt. Attunement kann es in jeder Beziehung geben: Zwischen Eltern und Kind, zwischen Therapeut und Patient, zwischen erwachsenen Partnern sowie zwischen Kindern untereinander.
Wenn ein Baby schreit, fängt das Nachbarbaby auch oft an zu schreien. Das heißt „Affektansteckung“ und wird bei manchen Wissenschaftlern als Vorform der Empathie angesehen. Affekte sind kurzlebige, reaktive Gefühle, die stark mit vegetativen Reaktionen verbunden sind. Wenn sich zwei Menschen, die sich nahe sind, entspannen, kann man oft die Darmgeräusche beider hören. In der „Windelfrei-Bewegung“ kann man beobachten, wie Mütter, die eng mit ihren Säuglingen verbunden sind, genau erspüren, wann sich ihr Kind entleeren will.
„Affektabstimmung“ und „Empathie“ (em = griechisch: innen, drinnen; pathos = Leiden; Empathie = Mitleiden) sind ähnlich, aber je nach Definition nicht das Gleiche. Wer „Empathie“ zeigt, stellt sich bewusst auf den anderen ein und kann nachempfinden, was der andere empfindet. Wenn jemand über seine Trauer berichtet, können wir empathisch die Trauer nachempfinden, ohne selbst allzu traurig zu werden. Die „Affektabstimmung“ hingegen ist ein eher unbewusster Vorgang. Sie ist flüchtiger und „körperlicher“. Man sitzt emotional und vegetativ in einem Boot mit dem anderen. Affektabstimmung und Empathie lassen sich jedoch nicht scharf trennen.
Ist die Affektabstimmung zwischen Mutter und Säugling dauerhaft schwer gestört, können sich beim Kind „Affektstörungen“ entwickeln – es fällt dem Kind später schwerer, Affekte wahrzunehmen, sie zu benennen und zu regulieren, also sich zu beruhigen.
Affektansteckung erleben wir häufig in Gruppen, beim gemeinsamen Lachen, auf Beerdigungen, beim Filmeschauen oder in Psychotherapien. Wenn ein Baby in einer Gruppe weint, dann weinen die anderen Kinder gleich mit. Auch Erwachsene kennen diese Affektansteckung: Im Fußballstadion oder bei einer Massenpanik. Aber dennoch können wir als Erwachsene mehr bei uns selbst bleiben. Die frühe Affekt-Ansteckung ist ein erster Schritt hin zum Mitgefühl, zur Empathie.
Affekte empfinden wir besonders dann als unaushaltbar, wenn wir an einer „frühen Störung“ leiden und wenn sie in unserer Kindheit überwiegend ablehnend, verächtlich oder strafend beantwortet wurden. Dann haben wir das Gefühl, wir könnten unsere Affekte nicht in uns betrachten, weil sie einen starken Druck ausüben. Wir möchten uns davon sofort entlasten. Insofern sind Affekte wie Wut, Schuld, Scham, Angst oder auch Freude wie ein Magnet. Sie ziehen unsere innere Aufmerksamkeit an. Im Moment des Affekts wollen wir gar nicht loslassen.
Affekte seien die subjektive Seite des Triebs, sagt der Neuropsychoanalytiker Mark Solms in seinem Podcast „The Hidden Spring“ (Mai 2021). Besonders ansteckend ist die Scham.
Wenn uns in unserem Ärger jemand sagt: „Nun lass doch mal los“, dann merken wir, wie wir uns dagegen wehren. Es fühlt sich an, als hätten wir das Wichtigste auf der Welt genau jetzt zu bearbeiten, zu bereinigen, klarzustellen und als sei eine sofortige Lösung dringend und lebensnotwendig. Wenn wir lernen, unsere Affekte besser zu tolerieren, können wir mit uns und anderen besser umgehen.
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Links:
Reck, Backenstraß, Möhler, Hunt, Resch, Mundt (2001):
Mutter-Kind-Interaktion und postpartale Depression (S. 171-186)
Frühes Interaktionsverhalten depressiver Mütter und ihrer Kinder. Interaktion und Affektausdruck
Psychotherapie 6. Jahrg. 2001, Bd. 6, Heft 2, CIP-Medien, München
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 24.1.2013
Aktualisiert am 13.11.2025


