Sexueller Missbrauch und die erotische Komponente: „selbst schuld“ am sexuellen Missbrauch? Wie du Schuldgefühle verstehen kannst
Sexueller (Kindes-)Missbrauch kommt in unzähligen Farben und Varianten vor. Er kann von Vätern, Müttern, Großeltern, Geschwistern, Lehrern und anderen Menschen ausgehen. Er ist meistens umso folgenschwerer, je näher der Täter/die Täterin dem Opfer stand und je chronischer das Geschehen war. Sexueller Missbrauch ist furchtbar. Die Opfer sind echte Opfer und verabscheuen selbst, was ihnen passiert ist. Das ist ein Teil. Was die Sache aber so ungeheuer schwierig macht, ist die „lustvolle“ Komponente, die während des Missbrauchs oder aber in der Erinnerung manchmal auftauchen kann.
Viele Betroffene leiden sehr unter Schuldgefühlen und sie glauben dass mit ihrer Gefühlswelt etwas nicht stimmt. Die Betroffenen fühlen sich schuldig, weil sie sich doch irgendwie beteiligt fühlen. Viele Betroffene meinen, sie müssten akrobatische Gedankenverrenkungen vollbringen, damit sie den Missbrauch endlich als voll und ganz schlecht erinnern und empfinden können.
Dabei empfinden manche auch dies: dass sie – je nach Art und Form des Missbrauchs – als Kind manchmal auch die Situation selbst aufgesucht haben. Es war ihnen lieber, die Kontrolle zu behalten, als überfallen zu werden und manchmal suchten sie die Situation auf, weil sie ansonsten gar keine Zuwendung erfahren hätten und schließlich, weil bei manchen Betroffenen ein Funken Lustvolles an der Sache war. Gerade Kinder, die unter besonders lieblosen Eltern litten, fanden in der Missbrauchssituation – je nachdem, wie sie geartet war – auch Momente der Zuneigung.
Besonders in der Gruppenpsychotherapie ist es schwer, über sexuellen Missbrauch zu sprechen, denn auch in der Gruppe kann bei den Mitgliedern sexuelle Erregung und Lust entstehen. Es ist wichtig, dass der Therapeut hier sensibel ist und dass man auch darüber sprechen kann.
Nicht wenige Patienten offenbaren in der Psychotherapie, dass sie sich so furchtbar schuldig fühlen, weil sie eben nicht alles nur als „Igitt“ empfunden haben, sondern weil es auch Momente gab, die sie selbst als reizvoll und erotisch empfanden. Manchmal ist es auch so, dass erst in der Erinnerung an den Missbrauch ein erregendes Gefühl hinzukommt, während die Situation selbst nur grauenhaft war. Das Problem ist, dass die Betroffenen selbst dieses Lustempfinden als „krankhaft“ verstehen, dabei ist es ein gesunder Teil in ihnen, der jedoch ganz furchtbar missbraucht wurde.
Alles falsch
Die furchtbare Situation kann gemischt sein mit lustvollen Gefühlen. Diese Gefühle können in großer Not entstehen, weil sich Körper und Seele auf diese Weise zu schützen versuchen. Es ist nicht immer so, aber bei manchen Betroffenen kommt es vor, dass sie eben auch Lust empfinden und dass sie sehr verwirrt sind von ihren Gefühlen. Ähnlich, wie der Körper bei zu großen körperlichen Schmerzen „abschaltet“ und ohnmächtig wird, so kann die Psyche zu große Qual oder Verwirrung „umswitchen“ lassen in „Lust“, damit sie es überhaupt aushält. Davon berichten manche Erwachsene, die als Kinder sexuell missbraucht wurden und auch Erwachsene, die mit Vojta- oder Festhaltetherapien gequält wurden.
Viele Betroffene verbieten sich generell die Lust
Die Opfer leiden in der Folge jahre- und jahrzehntelang unter Schuldgefühlen, sobald auch nur die geringsten Gefühle des vermeintlichen „Genusses“ oder „Gefallens“ auftauchen. Die furchtbare Folge: Die Opfer verbieten sich später generell Genuss, Wohlgefühl und Lust, weil sie damals am falschen Ort, mit dem falschen Menschen, zur falschen Zeit empfunden wurden. Viele fragen sich dann ängstlich: „Bin ich pervers?“
Das Problem: Viele Opfer verbieten sich auch dann Lust und Neugier, wenn sie angemessen wäre – wenn sie am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, zusammen mit dem richtigen Menschen auftauchen würden.
Vom Schulsport bis zum Arztbesuch: alles kompliziert
Das Problem wird offensichtlich, sobald die Betroffenen als Jugendliche einen Tanzkurs besuchen, wenn sie auf Partnersuche gehen, wenn sie im Sportunterricht sind, wenn sie in den Urlaub fahren, wenn sie zum Arzt gehen müssen. Alle Situationen, die auch nur im Entferntesten an Körperlichkeit, Nähe, Erotik, Genuss und Sexualität erinnern, werden so zu einer furchtbar komplizierten Sache, zu einer Drangsal. Viele Opfer sexuellen Missbrauchs vermeiden Situationen von körperlicher Nähe. Manchmal vermeiden sie es sogar, sich attraktiv zu kleiden, um niemanden „anzulocken“. Sie umgehen die „Gefahr der Nähe“ nicht nur, um die Erinnerung an das Ekelhafte zu vermeiden, sondern auch, um nicht an ihre eigene, furchtbar verwirrende Lust erinnert zu werden. Denn die ist in ihren Augen in jedem Fall verwerflich und mit Schuld und Scham belastet. Dieses undurchschaubare Gewirr aus echten Gefühlen und moralischen Vorstellungen wieder zu entwirren, ist für die Betroffenen oft eine jahrzehntelange und belastende Aufgabe.
Selbst schuld?
Nein. Natürlich nicht. Kinder, die sexuell missbraucht wurden, haben keine Schuld daran. Doch wie ist das Schuldgefühl zu erklären, das viele Betroffene als Erwachsene belastet? Wer Kinder genau beobachtet, stellt immer wieder fest, dass schon bei den Kleinsten sexuelle Gefühle vorhanden sind. Schon Kleinkinder beginnen, sich in Anfängen selbst zu befriedigen. Kleine Mädchen entdecken, dass sie Mädchen sind und dass sie „schön“ sind und beginnen zu flirten. Jungs zeigen gerne, „was sie alles haben“. Kinder können sich Erwachsenen auf eine gewisse Art „sexuell“ annähern. Es liegt dann am Erwachsenen, „Nein“ und „Stopp“ zu sagen oder das Kuscheln, das „zu viel“ wird, mit Kitzeln und Toben zu beenden.
In gesunden und lebensfrohen Kindern entwickelt sich auch die Sexualität. Das große Problem ist dann, wenn ein Erwachsener dann seine eigenen sexuellen Bedürfnisse „mithilfe“ des Kindes befriedigt. Wenn der Erwachsene das in einer Phase tut, in der das Kind sich selbst gerade „entdeckt“, dann vermischen sich die Gefühle und Gedanken beim Kind. Weil es vielleicht selbst ja auch gerade „sexuell erregt“ war und in diesem Moment vom Erwachsenen ausgenutzt wurde, hat es das Gefühl, selbst der Motor des Geschehens gewesen zu sein.
Schuldgefühle erwachsen aus Hilflosigkeit
Andere Kinder wiederum haben erlebt, dass sie dem Geschehen vollkommen hilflos ausgeliefert waren. Diese große Ohnmacht auszuhalten, ist sehr schwer. Dann wehren die Betroffenen diese Ohnmachtsgefühle ab, indem sie sich sagen: „Irgendwie war ich ja auch selbst schuld“ – diese Sichtweise gibt ihnen ein gewisses Gefühl von „Eigen-Aktivität“. Die Schuldgefühle sind dann in gewisser Weise leichter erträglich als das vollständige Ohnmachtsgefühl. Das ist ähnlich wie in Situationen, in denen ein geliebter Mensch stirbt. Die verlassenen Angehörigen sagen dann: „Hätte ich doch nur dieses oder jenes …“ – sie suchen bei sich die „Schuld“, um sich nicht vollkommen ohnmächtig zu fühlen.
Manche Kinder übernehmen auch die fehlenden Schuldgefühle der Eltern. Sie fühlen sich sozusagen anstelle der Eltern schuldig und „erledigen“ das für sie. Die Eltern haben ihr eigenes Schuldgefühl abgewehrt und unbewusst auf die Kinder übertragen.
Schuldgefühle für die eigene Lebendigkeit
Ich glaube jedoch, der entscheidende Punkt ist die „eigene Sexualität“ der Kinder, die ihnen das Schuldgefühl vermittelt. Sie fühlen sich unbewusst bereits für die Tatsache schuldig, dass sie ein vollwertiges Mädchen oder ein vollwertiger Junge sind. Sie fühlen sich schuldig, für die eigene, lebendige Sexualität in ihnen. Wäre die nicht gewesen, so glauben sie, hätte der Missbrauch nicht stattgefunden.
Manchmal sagen die Betroffenen auch: „Als Kind wollte ich das ja selber!“ Dieses Gefühl macht ihnen oft das größte Schuldgefühl. Dabei war dieser Impuls, dieses „Selbst-Wollen“, ja eine gesunde, natürliche Regung im Kind. Dass der Fehler beim Erwachsenen liegt, der nicht „Stopp“ gesagt hat, ist für sie nur schwer zu fühlen.
Es gibt viele Formen sexuellen Missbrauchs und sexueller Gewalt. Manche Betroffenen fühlen sich auch dafür schuldig, dass sie ihren Missbrauch eben nicht als „Gewalt“ erlebt haben, sondern teilweise als etwas sehr Lustvolles. Dann schämen sie sich dafür, dass sie mit dem Begriff „sexuelle Gewalt“ nichts anfangen können, obwohl er doch in den Broschüren der Beratungsstellen steht. „Fühle ich falsch?“, fragen sie sich und fühlen sich allein dafür schuldig.
Die Verwirrung aufräumen
Missbrauch ist immer verwirrend und komplex. Das Kind liebt ja oft den Vater (den Opa, den Onkel, den Bruder, den Freund …), der es missbraucht – und hasst ihn. Der Junge liebt die Mutter (die Oma, die Tante, die Lehrerin), die ihn missbraucht – und hasst sie. Die Gefühle sind sehr gemischt. Ein Kind, das keine Liebe von der Mutter erfährt, nimmt die „Zuneigung“ des Vaters bis zu einer gewissen Grenze „gerne an“. Natürlich ist das verwirrend, weil die „Zuneigung“ des Vaters in dem Moment ja Egoismus ist und ein Zeichen dafür, dass er selbst bedürftig ist. In dem Moment verliert das Kind den Vater. Die Rollen sind vertauscht, es ist nicht mehr klar, wer erwachsen ist, wer Kind, wer Partner ist, Täter oder Opfer, was Liebe ist und was Eigennutz, wer „es“ nun eigentlich wollte und wer nicht. Diese Verwirrung führt zu Schuldgefühlen. Die Betroffenen wollen mit ihrem Schuldgefühl unbewusst eine Art „innere Klarheit“ schaffen. Oftmals verringern sich die Schuldgefühle der Betroffenen erst, wenn sie das Erlebte in einer Psychotherapie bearbeiten.
Feuchtwerden (Lubrikation) als Reflex bei sexueller Gewalt: Warum sich Opfer schuldig fühlen
Sexuelle Erregung bei Frauen geht mit dem Feuchtwerden (Lubrikation) der Scheide einher. Schon 10-30 Sekunden nach dem erregenden Reiz kann die Scheide feucht sein. Doch die Lubrikation tritt nicht nur bei Erregung auf. Bei manchen Frauen, die sexuell missbraucht wurden, lassen sich kaum Verletzungen feststellen. Die Wissenschaftlerin Elisabeth Lessels geht in ihrer Dissertation davon aus, dass die Lubrikation auch ein Reflex sein kann, mit dem der Körper reagiert, um die Scheide zu schützen.
Es kommt also vor, dass die Scheide reflexhaft mit Feuchtwerden reagiert, auch wenn die Frau nicht erregt ist oder wenn sie einer Gewalttat ausgesetzt ist. Der Reflex verhindert, dass es zu größeren Verletzungen in der Scheide kommt.
Rettung in der Not
Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Psyche die unerträglichen Gewaltzustände sozusagen „um-switcht“, um sie erträglicher zu machen. Manche Missbrauchs-Opfer berichten, dass sie selbst – wenn auch nur für kurze Momente – erregt waren.
Kinder, die missbraucht werden, fordern manchmal von sich aus das Procedere ein, damit sie in ihrer Ohnmacht wenigstens selbst den Zeitpunkt des Beginns der Qual bestimmen konnten.
Die Feststellung der Opfer, für Momente selbst erregt gewesen zu sein, ist ganz schrecklich für sie, denn sie können das nicht einordnen, weil die Situation an sich unvorstellbar schrecklich war. Doch wenn der Körper in eine unaushaltbare Situation kommt, versucht er, sich zu helfen. Bei Schmerzen werden Endorphine produziert. Bei sexueller Erregung steigen Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin und Prolaktin an. Wenn die Stresshormone sowieso schon erhöht sind, können auch Gefühle leicht umschlagen.
Später
Manchmal werden unaushaltbare Erlebnisse auch im Nachhinein, in der Erinnerung sozusagen, „sexualisiert“. Die „Nachbearbeitung“ in der Psyche bewirkt, dass die Gewalt in der Erinnerung anders erlebt wird als in dem Moment, in dem sie geschah. Es kann also sein, dass sich später, wenn man sich an die schreckliche Situation erinnert, Erregung hinzumischt. Diese Zusammenhänge könnten auch erklären, warum sich Missbrauchsopfer oft so schuldig fühlen.
Die Ärztin Emily Nagosky erklärt in einem TED-Video den Begriff „Arousal Nonconcordance„. Sie beschreibt sehr gut, wie ein sexueller Stimulus zur feuchten Scheide oder zur Erektion führen kann, obwohl der/die Betroffene nicht erregt ist. Sie vergleicht es z.B. mit dem Biss in eine schimmelige Frucht, der auch zu erhöhter Speichelsekretion führt, obwohl man die Frucht nicht essen möchte. Sie erinnert daran, dass der Pawlowsche Hund beim Erklingen der Glocke mit erhöhter Speichelsekretion reagiert, obwohl er ja nicht die Glocke fressen will, sondern das Fressen, das dem Glockenton folgt. (Siehe: Emily Nagosky, Ph.D. The Truth about unwanted Arousal, Youtube)
Verführungstheorie: „Der Analytiker glaubt mir ja sowieso nicht.“
„Ich gehe nicht zum Psychoanalytiker – weil der mir nicht glauben würde, dass ich tatsächlich missbraucht wurde.“ Diesen Satz habe ich schon mehrmals gehört. Schuld daran ist unter anderem die große Wolke rund um die „Verführungstheorie“ (1896) von Sigmund Freud (1856-1939). Freud machte zu Beginn seiner psychoanalytischen Arbeit eine wiederkehrende Erfahrung mit seinen Patientinnen: Die Symptome, die zur Hysterie führten, ließen sich auf bestimmte Ereignisse in der Kindheit zurückführen und zwar auf solche Situationen, in denen die Patientinnen als Kinder mit der Sexualität der Erwachsenen konfrontiert wurden.
„Die sogenannte „Verführungstheorie“ – Freud selbst hat den Begriff nie explizit gebraucht – wurde im Jahre 1896 der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsentiert (Freud 1896b, c). Sie enthielt als Kernaussage, daß jeder Hysterie (und im übrigen auch jeder Zwangsneurose) als ursächliche Bedingung reale, mittels der Psychoanalyse eruierbare, sexuelle Erlebnisse des Kleinkindalters zugrunde lagen, als deren Urheber sich zumeist Erwachsene darstellten,“ Benigna Gerisch und Thomas Köhler (s.u.)
Wenn ein Erwachsener das Kind zu „erwachsener Sexualität“ verführt hatte, so könnte dies die Ursache für die aktuellen Symptome sein.
„Freud stellte die Hypothese auf, dass psychische Symptome im Erwachsenenalter auf Missbrauchserfahrungen in der Kindheit zurückzuführen seien. Diese Hypothese nannte er ‚Verführungstheorie‘, die er von 1893 bis 1897 vertrat“ (Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen, Psychosozial-Verlag 2011: S. 49).
Der Begriff „Verführungstheorie“ verleitet zu der Frage: „Wer verführt wen? Das Kind den Erwachsenen oder der Erwachsene das Kind?“ Und so steckt in diesem Begriff auch die Vorstellung, dass das Kind „selbst schuld“ sein könnte am Drama.
Freud entdeckte die „infantile Sexualität“ („infantil“ = „kindlich“). Er beobachtete, dass Kinder von Anfang an ein sexuelles Leben und sexuelle Gefühle haben. Freud ging davon aus, dass der Kontakt mit der Erwachsenen-Sexualität (z.B. Entdecken eines Paares beim Geschlechtsverkehr) im Kind relativ wenig bewirke, da ein Kind noch keine sexuelle Erregung verspüren könne. Er stellte fest, dass die Probleme erst ab der Pubertät auftauchten, also mit Erwachen der reifen Sexualität. So könnten die Erfahrungen des Kindes „nachträglich“ zum Trauma werden und müssten verdrängt werden, so Freuds Theorie.
So viel? Im Laufe seiner Arbeit zweifelte Freud immer mehr daran, dass die vielen erzählten Sexualkontakte tatsächlich so oft real vorgekommen sein sollten. Am 21.9.1897 schrieb Freud an seinen Freund Wilhelm Fließ den berühmten Satz: „Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr“ (Freud lesen, S. 49). Freud sagte, dass es im Unbewussten egal ist, ob etwas Wahrheit oder eine „mit Affekt besetzte Fiktion“ ist (Freud lesen, S. 49).
Umstritten
Der Psychoanalytiker JeffreyMasson.com (ehemals IPA-Mitglied) veröffentlichte 1984 ein Werk, das „die angeblich ‚wahren‘ Gründe darlegt, die Freuds Abkehr von der Verführungstheorie motiviert hätten. Masson zufolge hat Freud mit dieser Abkehr von der realen Verführung und der Hinwendung zu einer Theorie der phantasierten Verführung einzig und allein die Wahrheit verbergen und die zu Recht von ihren eigenen Töchtern angeklagten Väter schützen wollen„ (Freud lesen, S. 52).
Der Psychoanalytiker Charles Hanly, psychomedia.it schrieb 1986 ein Gegenwerk, in dem er Massons Argumente als einseitig beschrieb. Er zeigte auch, „dass Freud niemals die Verführungstheorie ganz aufgegeben hat“ (Freud lesen, S. 53).
Die Autorin Iris Därmann schreibt: „wie namentlich Nicholas Rand und Maria Torok, psychoanalytikerrinnen.de gezeigt haben, greift Freud auf seine frühe Verführungstheorie auch nach dem 21. September 1897 immer wieder explizit zurück, so dass der von ihm selbst erzählten Fabel ihrer Widerrufung mit Misstrauen zu begegnen ist.“
Iris Därmann (s.u.), S. 68
Glaubt mir mein Psychoanalytiker?
Es ist erstaunlich, wie genau Kinder-Erinnerungen sein können, was sich nicht selten zeigt, wenn Omas Keller ausgeräumt wird und die groß gewordenen Kinder altes Spielzeug genau wiedererkennen – genau so hatten sie sich daran erinnert. Andererseits können in einer Psychoanalyse anhand von Gefühlen, Phantasien, Übertragungen, Träumen und Erinnerungsspuren viele Ereignisse der Vergangenheit nur rekonstruiert werden.
In der Psychoanalyse geht es um die Suche nach der Wahrheit.
Verführungsphantasie oder Verführungsrealität?
Der Analytiker ist keineswegs so eingestellt, dass er dem Patienten „nicht glaubt“. Patient und Analytiker begeben sich auf eine ernsthafte Suche. Bei beiden werden Gefühle, Bilder, Erinnerungen und Sinneseindrücke geweckt, die sich „echt und wahr“ oder „nicht ganz stimmig“ anfühlen können. Und natürlich wird auch in der Psychoanalyse realer sexueller Missbrauch in der Vergangenheit voll anerkannt und oft jahrelang bearbeitet. Natürlich ist nicht alles „Phantasie“, das weiß auch der Analytiker.
Dem Patienten werden manchmal sogar erst durch die Psychoanalyse sexuelle Missbrauchssituationen bewusst, die er verdrängt hatte oder nicht klar sehen konnte. Hier sehen Kritiker wiederum die Gefahr der „falschen Erinnerung“ – sie glauben, dass die Psychoanalyse dem Patienten Erinnerungen „aufdrängt“, die so auch nicht stimmen können. Und vielleicht ist das vorübergehend manchmal sogar der Fall. Vieles wird in der Psychoanalyse rekonstruiert und wie nah diese Rekonstruktion der früheren Realität kommt, ist nie sicher. Wichtig ist der ständige Versuch, sich der Wahrheit so gut wie möglich anzunähern und ein plausibles Narrativ zu entwickeln.
Der Patient kennt sich selbst am besten. Er weiß, woran er sich erinnert und was für ihn wahr ist.
Begriffe werden neu sortiert
In der Psychoanalyse versuchen Analytiker und Patient eine Einordnung zu finden, die sich für den Patienten schließlich „stimmig“ anfühlt. Beispiel: Der Begriff „sexuelle Gewalt“ wird heute in vielen Beratungsstellen sehr weit gefasst. Die Patienten sind verunsichert und fragen sich: „War es wirklich so schlimm? Fühlte ich auch Erregung? Empfinde ich das, was mir angetan wurde, wirklich als ‚Gewalt‘? Stimmt etwas nicht mit mir, wenn ich es nicht als ‚Gewalt‘ empfand?“ Schritt für Schritt versuchen Analytiker und Patient nun Antworten auf die vielen verwirrenden Gefühls-Fragen zu finden. Auf diese Weise rücken beide der „Wahrheit“ immer näher und das ist oft ein beruhigendes und zufriedenstellendes Gefühl.
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Links
Elisabeth Lessels (2012):
Female sexual arousal response to implied sexual violence.
The University of Texas at Austin
repositories.lib.utexas.edu/handle/2152/18981
Exton, Natalie et al. (2000):
Neuroendocrine response to film-induced sexual arousal in men and women.
Psychoneuroendocrinology, Volume 25, Issue 2, February 2000: 187-199
Iris Därmann, aesthetik.hu-berlin.de…:
Die Wahrheit der Realitätszeichen zwischen Phantasie, Deckerinnerung und Trauma
In: Kindliche Fremdheit und pädagogische Gerechtigkeit
Brill.com, Verleger: Ferdinand Schöningh
doi.org/10.30965/9783657764488_004
Benigna Gerisch und Thomas Köhler (ohne Jahresangabe):
Freuds Aufgabe der „Verführungstheorie“: Eine quellenkritische Sichtung zweier Rezeptionsversuche
www.psycharchives.org/….pdf
Jean Laplanche:
Die allgemeine Verführungstheorie und andere Aufsätze
Brandes & Apsel, 2. Auflage 2017
Sandor Ferenczi:
Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind
(Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft)
Vorgetragen am 12. Internationalen Psychologischen Kongress in Wiesbaden, September 1932
Psyche, Klett-Cotta, April 1967, 21. Jahrgang, Heft 4, pp 256-265
elibrary.klett-cotta.de/article/…
Beitrag vom 22.1.2026 (begonnen am 16.4.2015)
5 thoughts on “Sexueller Missbrauch und die erotische Komponente: „selbst schuld“ am sexuellen Missbrauch? Wie du Schuldgefühle verstehen kannst”
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Liebe Nadine,
vielen Dank für Ihren berührenden Kommentar.
Auch meine Erfahrung ist, dass das, was Sie beschreiben, zum Menschsein gehört. Sexualität und Phantasien von Gewalt hängen eng zusammen so wie der schmerzvolle Gesichtsausdruck die Lust bei der Sexualität widerspiegelt. Ich finde es ganz wichtig, dafür einen inneren Raum zu haben, das heißt, es ist wichtig, diese Gefühle wahrzunehmen und ihnen innerlich einen Platz zu geben. Wenn man jemanden hat, mit dem man darüber sprechen kann, umso besser. Auch die Scham gehört dazu und auch sie kann man spüren und innerlich beobachten, sodass man darüber nachdenken kann. Das Nachdenken entspricht in der Psyche dem Verdauungsvorgang des Körpers – das Erlebte und Gefühlte wird durch Nachdenken und In-Worte-Fassen sozusagen verstoffwechselt.
Hallo ich hab den Beitrag erst gerade gefunden und es tut gut zu lesen das es mir nicht alleine so geht, ich fühle mich oft schuldig oder pervers weil mich die Erinnerungen an meinen eigenen Missbrauch erregen und wenn ich Berichte über Missbrauch lese oder höre mein Körper auch reagiert ich hasse und verabscheue meinen Körper dafür und versuche immer mit aller Gewalt dagegen anzukämpfen weil ich diese Erregung in dem Moment nicht will.
Wie geht ihr damit um lasst ihr das einfach zu?
Ich habe es gestern nach 2 Jahren hartem Kampf endlich geschafft meiner Therapeutin davon zu erzählen und nun im Nachhinein schäme ich mich weil ich nicht weiß was sie jetzt von mir denkt…
Sie hat mir zwar auch gesagt das es vielen Menschen die Missbrauch erlebt haben so geht und ich gegen körperliche Reaktionen nichts kann also der Körper reagiert trotzdem ist es ein schamhaftes Gefühl
Vielen lieben Dank, Redberry, für Ihren Kommentar, der nachdenklich macht.
So entstand bei mir Eckel vor eigenem Körper und dann Verlust vom Körpergefühl. Nur Schmerz war etwas, was ich mir „erlaubte“. Deswegen verletzte ich mich selbst, sabotierte mich selbst und am Ende versuchte, mich umzubringen. Der Scham spielte dabei entscheidende Rolle.
Danke für diesen Artikel, den ich als sehr entlastend empfinde!