Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Was kostet das Leben in der Psychoanalyse-Ausbildung?
„Die Ausbildung bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) ist mir zu teuer“, sagen manche, die sich dafür interessieren. Für Ausbildungsteilnehmer ohne guten finanziellen Hintergrund ist die Ausbildung auch finanziell eine Herausforderung, aber sie ist nicht unmöglich. Das, was die Lehranalyse einem mitgeben kann, ist oft von unbezahlbarem Wert. Existenzängste gehören jedoch bei vielen dazu – man weiß eben nicht, wie es ausgeht. Vor einigen Jahren (2015) habe ich einmal ausgerechnet, wie das bei mir in der Anfangszeit der Ausbildung mit den Kosten aussah.
Die Liste ist also etwas veraltet, aber vielleicht dennoch interessant. Ich war damals alleinerziehende Medizinjournalistin, Fachärztin für Arbeitsmedizin in Aus-/Weiterbildung zur Psychoanalytikerin bei der DPV, Zustand nach Vorkolloquium und hatte gerade eine kleine Wohnung (115.000 Euro) als Praxisraum gekauft.
Ausgaben pro Jahr:
| Ausbildung: Lehranalyse | 14.790 € | |
| Ausbildung: Supervision | 8200,00 € | |
| Ausbildungsinstitut, Jahresbeitrag | 600,00 € | |
| Ausbildungskredit-Rückzahlung (1. Kredit) | 4200,00 € | |
| Ausbildungskredit-Rückzahlung (2. Kredit) | 4200,00 € | |
| Lebensversicherung f. Kredit | 59,54 € | |
| Ärztekammerbeitrag | 20,00 € | |
| Ärzteversorgungswerk | 0 € | |
| Autosteuer | 24,00 € | |
| ADAC | 44,50 € | |
| Autoversicherung | 373,46 € | |
| Auto: Reifenwechsel Winter/Sommer plus Einlagern | 169,98 € | |
| Auto-Inspektion/Reparaturen/Reifenkauf | 1200,00 € | |
| Bankgebühren | 120,00 € | |
| Berufsverband DGPT | 87,50 € | |
| Berufsverband DJV (Journalismus) | 168,00 € | |
| Blog (Paywall Memberpress) | 100 € | |
| Blog (Technik, Instandhaltung) | 350,00 € | |
| DPV-Kandidaten-Mitgliedsbeitrag | 72,00 € | |
| GEZ privat | 216,00 € | |
| GEZ Praxis | 70,00 € | |
| Haftpflichtversicherung (Beruf und Privat) | 140,00 € | |
| Handy | 117,20 € | |
| Kind Musikschule | 840,00 € | |
| Kind Busticket | 373,20 € | |
| Kind Essen Schule | 446,40 € | |
| Kind Tanzverein | 600,00 € | |
| Kind Schulbücher, Hefte, Utensilien | 240,00 € | |
| Kleidung (Beruf und Kind) | 1300,00 € | |
| Künstlersozialkasse | 575,64 € | |
| Lebensmittel/Kosmetika | 4800,00 € | |
| Praxisraum abbezahlen | 6007,32 € | |
| Praxisraum Hauskosten/Nebenkosten | 2860,32 € | |
| Praxisraum Strom | 120,00 € | |
| Praxisraum Grundbesitzabgaben/Jahressteuer | 149,90 € | |
| Steuerberater | 1200,00 € | |
| Tanken | 960,00 € | |
| Telekom (Festnetz) | 515,28 € | |
| Texttreff (freiwilliger Beitrag) | 23,00 € | |
| Website-/Domainkosten | 92,28 € | |
| Wohnen Miete warm | 7200,00 € | |
| Wohnen: Strom | 700,00 € | |
| Summe | 64.350 €/Jahr = 5363,00 €/Monat |
Ich habe schließlich (2017) halbtags eine Klinikstelle angenommen, in der ich monatlich ca. 1900 Euro netto verdiente. Rechnet man als Verdienst knapp 100 Euro pro psychotherapeutischer Sitzung, so kann man mit etwa zwei Patienten pro Tag an fünf Tagen pro Woche etwa 4000 Euro brutto verdienen. Zusätzlich hatte ich wechselnde Einnahmen als Medizinjournalistin, sodass die Ausbildung immer besser finanzierbar wurde. Zu Beginn der Ausbildung zahlte ich so gut wie keine Einkommenssteuer. Der erste Ausbildungskredit ist bereits abbezahlt. Stiftungskosten und zweiten Ausbildungskredit zahle ich noch zurück (Stand Juli 2022).
Du brauchst ein Auto
In der Psychoanalyse-Ausbildung zu sein heißt: viel Auto fahren – es sei denn, du lebst mitten in einer Psychoanalytiker-reichen Stadt. Einige wenige fahren 100 km pro Weg zu ihrem Lehranalytiker – vier Mal pro Woche. Etwa zweimal pro Woche fährt man zu Theorieseminaren ins Institut. Vor dem Vorkolloquium ist zudem das Erstinterview-Seminar Pflicht.
Nach dem Vorkolloquium steht einmal pro Woche oder alle zwei Wochen ein kasuistisch-technisches Seminar (KT-Seminar) an. Kommt der erste Patient viermal pro Woche zur Psychoanalyse, so muss man am 5. Tag zur Supervision fahren. Kommt ein weiterer Patient hinzu, gibt es auch einen weiteren Supervisionstermin. Einer meiner Kollegen hatte sich einen Chauffeur besorgt, sodass er selbst auf den Wegen zur Lehranalyse im Auto arbeiten konnte. Kreativität ist gefragt.
Eine Bastelei
In der Psychoanalyse-Ausbildung ist man also sehr viel unterwegs. Wer nicht gerade in einer Großstadt wohnt, in der oft viele Analytiker angesiedelt sind, der muss sich auf weite Wege gefasst machen. Beispielsweise befindet sich das DPV-Ausbildungsinstitut von Nordrhein-Westfalen in Köln. Ausbildungsteilnehmer aus ganz NRW müssen teilweise sehr weite Strecken zurücklegen. Kollegen, die 170 km pro Strecke und mehr zum Abendseminar zurücklegen, lernt man immer wieder kennen. Ein gutes Auto gehört also bei vielen zur Ausbildung unbedingt dazu – es sei denn, man lebt in der Nähe des Ausbildungsinstituts, ist sportlich mit dem Fahrrad unterwegs oder liebt die Öffentlichen Verkehrsmittel.
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Dieser Beitrag erschien erstmals im Februar 2015.
Zuletzt aktualisiert am 26.7.2022
5 thoughts on “Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Was kostet das Leben in der Psychoanalyse-Ausbildung?”
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Ihnen auch alles Gute! Übrigens: Wenn man zur Ausbildung zugelassen wird bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV), dann gilt diese Anmeldung meines Wissens ein paar Jahre. Man muss also nicht direkt loslegen, aber man weiß dann schon einmal um den sicheren Platz :-)
Viele Grüße
Dunja Voos
Liebe Frau Voos,
vielen Dank für Ihre Antwort.
Ich glaube, Sie haben Recht: das Geld kommt auch, wenn man etwas wirklich möchte. Tatschlich ist es oft so im Leben.
Ich werde trotzdem alles noch ein paar Jahre sitzen lassen und mich auch finanziell besser vorbereiten.
Alles Gute Ihnen weiter!
Viele Grüße
Martina Boccia
Liebe Frau Boccia,
ich finde es schwierig, hier genau zu antworten. In der DPV-Broschüre auf der DPV-Website waren einst die Ausgaben und Einnahmen gut dargestellt, doch zur Zeit ist die Broschüre nicht online (https://www.dpv-psa.de/ausbildung/broschuere).
Vereinfacht gesagt: Das teuerste ist ja die Lehranalyse viermal pro Woche. Wenn man dann einen Ausbildungsfall hat mit vier Terminen pro Woche minus Kosten für die Supervision einmal pro Woche und minus Abzüge für Bearbeitungsgebühren (2,2% Kassenärztliche Vereinigung, 15% Institut (variiert)), dann kann man mit einem Ausbildungsfall also ca. drei Viertel der Lehranalyse finanzieren. Viele haben zwei Ausbildungsfälle oder mehr, sodass die Rechnung dann aufgeht.
So lehrbuchmäßig findet es aber oft nicht statt. Viele arbeiten noch in ihrem ehemaligen Beruf oder in der Klinik oder wie ich z.B. im Medienbereich. Es ist immer gut, wenn man den Ausbildungsfall (Psychoanalyse) nicht unbedingt zum „Geldverdienen“ nimmt, denn dann lastet ein hoher Druck auf der Behandlung. In der Realität geht es ja oft nicht anders, aber wenn man tatsächlich noch weitere Einnahmequellen hat, ist es von Vorteil.
Ich habe jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass ich durch meine Lehranalyse mehr Kraft gewonnen habe und mehr Selbstvertrauen, sodass sich auch die Einnahmen erhöhen und berufliche Pläne leichter verwirklichen lassen. Ich denke, gerade in dieser Ausbildung ist es ähnlich wie mit Corona: Die Zahlen sagen oft wenig aus.
Sobald man Ausbildungsfälle hat, brauchen viele das Geld ja auch, um Ausbildungskredite zurückzuzahlen. Es ist ein komplexes System ;-)
Viele Grüße!
Dunja Voos
Hallo,
erstmals vielen Dank für dieses sehr informatives Blog.
Ich versuche allgemein zu fragen: wie kann man die Ausgaben durch die Einnahmen der Ausbildungsfälle kompensieren?
Zweite Frage: können Sie etwas sagen über die Erfahrung von Laienanalytikern mit Selbstzahlern?
Freundliche Grüße
Martina Boccia
Ohje. Das ist nicht ohne. Welch riesige Kosten.
Ich bleibe dann Auszubildender Dipl. :-] Holzverarbeiter.