Wozu die Couch in der Psychoanalyse? Und warum macht die Couch uns Angst?

Die Couch ist ein Instrument in der Psychoanalyse, auf die ich dauerhaft nicht verzichten will. Natürlich gibt es Psychoanalysen, die nur im Sitzen durchgeführt werden können, weil die Traumafolgen eines Patienten ihm nicht gestatten, auf der Couch zu liegen. Oft ist Blickkontakt zunächst wichtiger. Aber warum bleibt die Couch ein so wichtiger Bestandteil der Analyse?

Die Psychoanalyse ist keine Psychotherapie auf Augenhöhe. Der Psychoanalytiker ist sozusagen der Grössere, der Mächtigere. So können Kindheitstraumata reaktiviert und bearbeitet werden. Die meisten Psychoanalytiker sprechen auch immer noch von „Patient“ und nicht von „Klient“, was vielleicht schon zeigt, dass der Patient wirklich Patient sein darf: ein schwer Leidender, der beim Analytiker Hilfe sucht.

Der Analytiker sitzt, der Patient liegt – diese Vorstellung kann viele Gefühle wecken, z.B. Ärger. „Ich sehe nicht ein, dass ich mich dem Analytiker unterwerfen soll“, könntest du sagen. Und schon haben wir vielleicht ein Thema, das im Leben eine wichtige Rolle spielt: Macht und Unterwerfung. Die Couch ist eine „Couch des Anstoßes“ – sie provoziert, lässt sexuelle Phantasien entstehen, sie macht Angst und irritiert. Aber irgendwann merkst du: Die Couch wird zu deinem Zuhause.

Der Analytiker behält den Überblick, während du dich in deine Erzählungen vertiefst. Dort kannst du dich manchmal verlieren, oder aber auch selbst entdecken oder wiederfinden. Du überlässt dich – vielleicht nach anfänglicher Abwehr – irgendwann dem Geschehen. Auch der Analytiker gibt sich dem Prozess hin. Er ist darin geübt, das Ganze zu beobachten und nachdenklich zu bleiben.

In manchen psychotherapeutischen Praxen stehen „Pseudo-Liegen“, wie ich es nenne. Als Patientin kannst du dich nicht wirklich hinlegen, sondern bleibst in halbsitzender Position stecken. Auf der „echten Couch“ kannst du ganz flach liegen, das heisst, du kannst dich vollkommen entspannen, vielleicht auch manchmal einschlafen. Viele Patienten brauchen eine Weile, bis sie zu diesem Punkt kommen können, aber die meisten schätzen es irgendwann sehr, sich vollständig hinlegen zu können. Da der Psychoanalytiker so nah hinter dir sitzt, fühlst du dich vielleicht, als liegtest du auf seinem Schoss oder du bekommst die Phantasie, du seist wieder im Bauch der Mutter.

Die Couch gehört dir

Irgendwann machst du dir die Couch zu „deiner“ Couch. Es ist dein Platz, auf dem du thronst, den du für dich hast, den du dir einrichten kannst, zum Beispiel mit deinem eigenen Kissen oder einer Decke. Es fühlt sich irgendwann an wie ein Stück „Besitz“. Vielleicht deckst du dich gerne zu, vielleicht würdest du die Decke jedoch auch nie benutzen. Riecht die Decke nach dem Parfum deiner Vorgängerin, tauchen Themen rund um Eifersucht, Ekel und Körpernähe schnell auf.

Viele liegen anfangs auf der Couch wie „aufgebart“. Die Themen Sterben, Tod, Ohnmacht und Hilflosigkeit werden durch die Couch wachgerufen. Die meisten Patienten liegen auf dem Rücken, manche auf der Seite – sehr selten gibt es Patienten, die sich auf den Bauch legen oder mit dem Kopf zum Fußende, um den Analytiker sehen zu können. Was der Analytiker dem Patienten gewährt, hängt von Patient, Analytiker und der Beziehung der beiden ab.

Da der Analytiker in der Regel hinter dir sitzt, könnt ihr euch beide nicht ins Gesicht sehen. Die Ohren werden groß – du lauschst auf seine Körpergeräusche, seine Bewegungen, seine Stimme. Manchmal hört es sich an, als würden zwei vertraute Menschen kurz vor dem Einschlafen miteinander sprechen.

Auf der Couch hast du die Freiheit, zu gucken, wie immer du magst. Das gibt dir das Gefühl von Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, aber auch Privatheit. Auch ist es leichter, schambesetzte Themen anzusprechen. Der Analytiker ist ebenfalls froh, seine Mimik nicht mehr kontrollieren zu müssen. Auch er hat hinter der Couch seinen eigenen Raum. Vielleicht habt ihr beide die Augen geschlossen. Durch das asymmetrische Setting hat jeder seinen eigenen Ort. Das Setting ist definiert und das sorgt bei beiden für Entspannung.

Die Couch in der Psychoanalyse weckt die Phantasie von Prostitution

Irgendwann kommt dir vielleicht die die Idee, dass die Psychoanalyse der Prostitution ähnelt. Es gibt eine Couch, auf der du liegst, du „verliebst“ dich vielleicht in den Analytiker, bekommst möglicherweise sexuelle Phantasien und am Ende zahlst du ihm Geld für deinen Besuch. „Deutungen gibt’s nur gegen Geld“, könnte man sagen. „Bei wem liegst Du?“, fragen sich Ausbildungskandidaten untereinander manchmal und meinen damit: „Wer ist Dein Lehranalytiker?“ Die Assoziation zwischen Psychoanalyse und Prostitution ist nur natürlich. Viel wurde darüber geschrieben:

„Bettina Mathes stellt verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Prosti­tution heraus: die Stunden­miete von Bett oder Couch, die Neigung des Kunden/der Kundin, die eigene Liebe auf AnalytikerIn oder Callgirl/-boy zu übertragen, welche sich wiederum dieser Liebe gegenüber abstinent verhalten sollen. Wenn die Psychoanalytiker Freud und Lacan sich bemühten, Behandlungsregeln und ein Ethos für ihren Beruf aufzustellen, kann das als konstitutiver Abgrenzungsversuch vom Prostitutionsgewerbe gedeutet werden.“ Das Rädchen der Prostitution. Dorothea Müth rezensiert: Sabine Grenz & Martin Lücke (Hg.): Verhandlungen im Zwielicht – Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. transcript | Bielefeld, 2006, www.linksnet.de/rezension/21081

„Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt mit wirklich überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome der Kranken auf Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen Wunschregungen von der Natur erotischer Triebkomponenten sind, und nötigt uns anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß, und dies zwar bei beiden Geschlechtern.“ Sigmund Freud: Über Psychoanalyse, 1910

Der Körper ist auf der Psychoanalyse-Couch stark in die Theapie einbezogen

„Die Psychoanalyse berücksichtigt doch den Körper nicht“, höre ich. Doch stimmt das? Es hängt möglicherweise vom Psychoanalytiker ab, wie sehr der Körper berücksichtigt wird, aber ich selbst kann mir eine Psychoanalyse ohne Analyse des Körpers nicht vorstellen. Allein die psychosomatischen Beschwerden, die Patient und Analytiker während der Stunde oft durchleben, machen es fast unmöglich, den Körper nicht zu beachten.

Da verspannt sich dein Rücken, dir wird es vielleicht schlecht, in der Gegenübertragung leidet der Analytiker plötzlich unter Kopfschmerzen, du wagst es nicht, die Beine nebeneinander zu legen und vieles mehr kann in der Psychoanalyse körperlich passieren.

Wenn du liegst, geschieht in deinem Körper wahrscheinlich mehr als im Sitzen. Wenn es still wird, hörst du dich und den Analytiker atmen. Darmgeräusche können laut werden und es ist, als würdet ihr durch diese Körperregungen ein Gespräch führen. Ihr könnt euch aber auch „lassen“ – du und dein Körper, du lebst in Ruhe vor dich hin, während du den Analytiker als abhängigen und gleichzeitig unabhängigen zweiten Körper im Raum wahrnimmst. Gefühle von Druck, Zwang oder Verlassensein können auftauchen. „Das Ich ist vor allem ein körperliches“, sagte Sigmund Freud (Projekt Gutenberg)

Das Sprechen über den Körper ist ein wichtiger Teil der Psychoanalyse, aber eben auch das Erleben des Körpers: Scham, Heiserkeit, Peinlichkeit, Zittern vor Angst, Harndrang, Übelkeit, Atemnot, sexuelle Erregung, Verkrampfung, Entspannung, Erleichterung, Freude – alle diese körperlichen Ereignisse treten in der Psychoanalyse auf, sind beobachtbar und schließlich „verdaubar“, sodass sich das körperliche Erleben gerade in einer Psychoanalyse enorm verändern kann – zum Guten wie zum Schlechten. Je nach Traumatisierung kannst du die Psychoanalyse ein Stück weit auch immer als bedrohlich erleben. Vielleicht entsteht ein Reizdarm, der erst nach der Analyse wieder aufhört. Der Psychotherapeut Daniel Mackler berichtet davon auf Youtube (Why I quit being a psychotherapist). Und auch mir ging es so.

Auf der Couch – eine kurze Geschichte. Ich möchte keine schmutzigen Gedanken haben. Die anderen dürfen ruhig, aber ich darf nicht. Ich bekomme unreine Fantasien. Hinter mir der Analytiker. Ich entweihe die Couch, wenn ich sexuelle Fantasien habe, denke ich. Es ist, als würde mir der Analytiker beim Onanieren zuschauen. Ich jedoch will jeglichen sexuellen Gedanken, jegliche sexuelle Fantasie, jegliches sexuelles Gefühl verhindern. Abhalten. Der andere darf. Wenn der andere das hat, dann bin ich das ja nicht. Ich bleibe rein. Und unschuldig. Sauber. Sober. Nüchtern. Ich will, dass er der Böse ist. Der Verführerische, der Aktive, der, mit den sexuellen Träumen. Dann kann ich ihn anklagen.

Über die Angst vor der Couch (Couchphobie, Liegephobie)

Manche Patienten, die eine Psychoanalyse machen wollen, können sich aufgrund verschiedenster Ängste zunächst nicht auf die Couch legen. Die amerikanische Psychoanalytikerin Nancy Kulish hat 1996 einen Artikel über einen Fall von „Couch-Phobie“ geschrieben (A Phobia Of The Couch: A Clinical Study Of Psychoanalytic Process. Psychoanalytic Quarterly, LXV, 1996). Ihre Patientin konnte sich erst nach über drei Jahren Psychoanalyse auf die Couch legen, weil vorher eine regelrechte „Couch-Phobie“ bestand.

Zahlreiche Lebensthemen konnte Nancy Kulish zusammen mit ihrer Patientin bearbeiten, indem das Thema „Couch“ im Vordergrund stand. Obwohl die Patientin nicht auf der Couch lag, erfüllte sie ihren Sinn. In einem Fall ging es besonders um den unbewussten Wunsch, von der Analytikerin auf die Couch „gezwungen“ zu werden. Erst als der Patientin langsam ihr eigener Sadismus bewusst wurde, konnte sie sich der Couch annähern. Nancy Kulish gibt Beispiele von Psychoanalytikern, die sich mit der Angst vor der Couch befasst haben und ein flexibles Vorgehen empfehlen – im Gegensatz zu Otto Kernberg, der von Anfang an auf einem „korrekten Setting“ bestehe (Kulish, S. 466).

Ich finde es besonders wichtig, die präverbale Zeit der Patienten zu erforschen. Wenn jemand z.B. medizinische Behandlungen als Baby erlebt hat (z.B. Vojtatherapie, Gipsbett, Operationen etc.), dann wird die „Couchphobie“ oder „Liegephobie“ noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive verständlich.

Verwandte Beiträge in diesem Blog:

Links:

Knellessen O. (2017): Psychoanalyse und Prostitution.
In: Laszig P., Gramatikov L. (eds):  Lust und Laster.
Springer, Berlin, Heidelberg
doi.org/10.1007/978-3-662-53715-2_27
link.springer.com/…

Fenichel, Otto (1939):
Problems of Psychoanalytic Technique
Psychoanalytic Quarterly, Volume 8, 1939 – Issue 2, Pages 164-185
www.tandfonline.com/…

Glover, Edvard (1888-1972):
The Technique of Psychoanalysis (1955)
amazon

Goldberger Marianne (1995):
The Couch As Defense And As Potential For Enactment
Psychoanalytic Quarterely 1995 Jan;64(1):23-42.
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7753943

Greenacre Phyllis (1894-1989):
Certain technical problems in the transference relationship
Journal of the American Psychoanalytic Association
Volume: 7 issue: 3, page(s): 484-502, Issue published: July 1, 1959
doi.org/10.1177/000306515900700305
journals.sagepub.com/…

Greenson Ralph (1967):
The Technique and Practice of Psychoanalysis
us.karnacbooks.com/…

Hogan, Charles C. (1990):
Possible technical modification in the beginning phases of the psychoanalytic treatment of patients with psychosomatic symptoms.
und:
Rothstein Arnold (1990):
On beginning with a reluctant patient.
In: On Beginning an Analysis
Hrsg.: T. Jacobs and A. Rothstein
Madison, CT: Inteernational University Press, pp. 229-260
www.amazon.com/Beginning-Analysis-…
siehe auch: Recommending psychoanalysis – Arnold Rothstein, www.drlynnfriedman.com/…

DiNardo, A. Catherine, Schober Michael F. and Stuart, Jennifer:
Chair and Couch Discourse: A Study of Visual Copresence in Psychoanalysis
Discourse Processes 40(3): 209-238, November 2005
DOI: 10.1207/s15326950dp4003_3
www.tandfonline.com/…

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 11.3.2018
Aktualisiert am 1.1.2025

One thought on “Wozu die Couch in der Psychoanalyse? Und warum macht die Couch uns Angst?

  1. Koenig sagt:

    Die Argumentation klingt logisch, wenn die Couch ein Angebot ist und keine Pflicht. Das habe ich leider schon anders erlebt. Und wenn man gerade zutiefst verzweifelt ist und panisch, braucht man Augenkontakt. Das war bisher mein Problem mit der Analyse, ich hatte das Gefühl, für akute Zustände eignet sie sich nicht, mehr so zum allgemeinen „Plaudern“ und sich Iin Ruhe selbst erkunden. Ich habe in einer Tagesklinik diese Art der Therapie kennen gelernt, wo das Setting nicht so streng gehandhabt wurde (ohne Couch) und der Therapeut ein sehr sehr kluger Mann war. Aber die dann folgenden ambulanten Analyseversuche waren die Hölle, entweder ein „Reden mit der Wand“ fast ohne Resonanz oder eine sehr forsche Theraputin, die aber selbst panisch wurde, wenn man verzweifelt war, und einem die Krankheit vorgeworfen hat. Eine Verhaltenstherapie hab ich als viel „normaler“ empfunden vom Umgang her und finde es sehr schade, dass Analytiker (zumindest die ambulanten, die ich kenne) mit dieser Dogmatik (Couch muss sein, und direkte Antworten gibt es aus Prinzip nicht, nur Gegenfragen) einen so künstlichen, unflexiblen Rahmen setzen.

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