Psychotherapeuten haben oft zu hohe Ansprüche an sich selbst und brauchen selbst manchmal Psychotherapie

Psychotherapie kann tiefgreifendere Probleme meistens nicht dauerhaft beseitigen. Eine sogenannte psychische Störung ist oft ein Wechselspiel aus Phasen des Wohlergehens und Phasen des Aufruhrs, der Depression und Angst. Der Umgang mit dem persönlichen Leid ist häufig ein lebenslanger Prozess. Viele Psychotherapeuten haben ihren Beruf ergriffen, weil sie selbst einmal eine Psychotherapie gemacht haben.

Psychische Störungen beginnen meistens in der frühen Kindheit. Wir tragen diese Wurzeln in uns und woran wir einmal litten, wird sich immer wieder einmal zeigen. Wir können unser Lebensgefühl und unsere Art, Dinge zu erleben, durch kurze Therapien nur in geringem Maße verändern. Wenn wir dauerhaft etwas verändern wollen, brauchen wir lange Zeit dazu. Und auch nach einer langen Psychoanalyse ist es oft so, dass altbekannte psychische Schmerzen, traumatische Zustände und Einsamkeit immer wieder auftreten. Doch es ist dann meistens mehr ins Leben integriert als es vorher der Fall war – das heißt, man hat sich mit dem Leiden vertrauter gemacht.

Auch Menschen in verantwortungsvollen Berufen, wie z.B. Piloten können an Depressionen erkrankt sein. Das kann Angst machen – leicht denken wir an den Flugzeugabsturz, der durch einen depressiven Piloten verursacht wurde (ZEIT online 24.3.2016). Psychotherapeuten, die selbst psychisch leiden, können ihren Patienten dennoch oder gerade deshalb oft gut helfen. Der Psychiater Dr. med. Christian Dogs (Wikipedia) hatte eine hochtraumatische Kindheit, fand aus seiner Sackgasse heraus und leitete später psychosomatische Kliniken.

Genau wie der Traumatherapeut Gaborr Maté auf Youtube spricht auch der Psychoanalytiker Peter Fonagy offen über seine Depression als junger Mann: theguardian.com/… Auf Tiktok sprechen Psychotherapeutinnen davon, dass sie selbst eine Psychotherapie machen.

Es muss geschafft sein

Der große angstvolle Appell lautet: Die Störung darf nicht zurückkommen! Wenn wir einmal psychisch litten, dann möchten wir doch bitte jetzt leidensfrei sein. Diese Haltung schürt Ängste und Scham. Wenn sich ein Psychoanalytiker nach einer langen Lehranalyse dennoch das Leben nimmt, macht das Angst. Was hilft dann überhaupt?

„Kann ich aufgrund meiner Depression/meiner schweren Angststörung meine ärztliche oder psychotherapeutische Approbation verlieren?“ – diese Frage treibt so manchen Kollegen um. Hinzu kommt diese Vorstellung: „Sobald ich eine Klinik oder Praxis betrete, bin ich aktenkundig psychisch krank.“ Das lässt die Ängste so stark anwachsen, dass sie sich oft am liebsten einfach selbst helfen – was ja oft auch durchaus möglich ist.

Paula J. Gilroy und Kollegen befragten in ihrer Studie (2008) eine Untergruppe von 220 Psychotherapeutinnen zu ihrem psychischen Gesundheitszustand. Hiervon gaben 76% an, an einer depressiven Störung zu leiden. 85% gaben an, selbst in Psychotherapie zu sein. Die Therapeuten und Therapeutinnen sagten, dass sie sowohl positive als auch negative Konsequenzen durch ihre Depression erlebten. Manche berichteten von einer Verbesserung der Beziehung zu Kollegen, andere von einer Verschlechterung.

Der behandlungsbedürftige Therapeut – darf es ihn geben? Die Psychologin Marsha Linehan (geb. 1943) gründete die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), als sie selbst unter einer Borderline-Störung litt („Marsha Linehan Acknowledges Her Own Struggle With Boderline Personality Disorder“, psychcentral.com, 2011). Der Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897-1979) war durch den ersten Weltkrieg schwer traumatisiert und litt wahrscheinlich an einer schweren Posttraumatischen Belastungsstörung. Er sagte von sich selbst:„I died on August 8, 1918 on the Amiens-Roye Road“ (zitiert aus James Grotsein: A Beam of Intense Darkness, Karnac Books 2007, S. 19).

Und wie sehen es die Patienten? „… grundsätzlich würde ich als Patient nicht unbedingt zu einem Therapeuten wollen, der sein Leben lang schon selbst psychisch behandelt werden muss. Ich würde ja auch nicht zu einer übergewichtigen Ernährungsberaterin gehen wollen. Warum wollen solche Leute eigentlich immer Psychologie studieren? Zur Selbstheilung?“ Siehe: „Approbation trotz (ehemaliger) psychischer Probleme“, studis-online.de, Februar 2014.

Einmal gesund, immer gesund?

Wer Arzt wird, muss nachweisen, dass er körperlich, geistig und psychisch gesund genug ist, um den Arztberuf auszuüben. Erst dann erhält er die Erlaubnis, mit Patienten zu arbeiten (Approbation). Wer sich noch in der Ausbildung befindet, der hat diesen Schein noch nicht in der Hand. Oftmals ist die Sorge hier besonders groß, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Und wenn die Approbation geschafft ist, kann die Angst, sie wieder entzogen bekommen, bestehen bleiben. Das verführt viele psychisch leidende Psychologen und Ärzte dazu, die Wahrheit zu verschweigen.

Alleinerziehende Psychotherapeutinnen sind häufig besonders nahe am Burnout.

Die Europäische Föderation der Psychotherapeutischen Vereinigungen (efpa) schreibt im Kapitel „Integrität“ ihres Ethischen Meta-Codes 3.4.1 (PDF), dass dies zum Beruf des Psychotherapeuten gehört: „Anerkennung beruflicher Grenzen: Verpflichtung zur Selbstreflexion und Offenheit im Hinblick auf persönliche und berufliche Grenzen. Empfehlung, in schwierigen Situationen professionellen Rat und Unterstützung zu suchen.“

Ducken und Abtauchen, bis es geschafft ist?

Während der Psychotherapieausbildung machen Psychologen und Ärzte selbst eine Therapie. Das heißt, sie gehen auf eigene Kosten zu einem Psychotherapeuten. Was meistens abläuft wie eine normale Psychotherapie hat jedoch den schönen Namen „Selbsterfahrung“ oder „Lehranalyse“. Doch Studien (z.B. von Paula Gilroy, 2001) zeigen, dass das für viele angehende Psychotherapeuten nicht auf Dauer ausreicht. Viele haben nach der vorgeschriebenen Sitzungszahl weiterhin Bedarf an Psychotherapie.

Psychotherapeutengesetz, § 2, Approbation: „(1) Eine Approbation nach §1 Abs. 1 Satz 1 ist auf Antrag zu erteilen, wenn der Antragsteller … 2. sich nicht eines Verhaltens schuldig gemacht hat, aus dem sich die Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit zur Ausübung des Berufs ergibt, 3. nicht in gesundheitlicher Hinsicht zur Ausübung des Berufs ungeeignet ist.“ (Stand: 12/2016)

Es ist oft schwierig, sich selbst einzuordnen: Einerseits ist man berufsfähig, pflegt Freundschaften, hat Familie, andererseits leidet man wie ein Hund. Ist man „psychisch krank“ oder eben nur ein Leidender? Auch der Psychotherapeut kann vielleicht gut „lieben und arbeiten“ und gleichzeitig leiden. Mütter, die großen Schlafmangel und große Sorgen haben, können ihrem Kind dennoch oft eine „ausreichend gute Mutter“ sein.

Ein großer Wirkfaktor in der Psychotherapie ist, dass sich der Therapeut gut in den Patienten einfühlen kann. Ein Psychotherapeut, der Leiden kennt, der sich gleichzeitig aber selbst gut gehalten fühlt, z.B. durch gute Bücher, bei Freunden oder in einer Lehranalyse, kann seinen Patienten verstehen und gut halten. Er ist ihm meistens einige Schritte voraus. Und manchmal eben auch nicht – dies sind dann manchmal die Stellen, an denen sich der Patient vielleicht aufgrund der unfähigen Stellen des Therapeuten nicht weiterentwickeln kann. Aber diese „toten Stellen“ gibt es in jeder Psychotherapie – sie können zum Feststecken führen, oder aber auch zu besonders kreativer Weiterentwicklung von Patient und Therapeut.

Psychotherapeuten in Psychotherapie

Maxi Braun und Kollegen (PDF) führten 2010 auf dem Kongress der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) eine Umfrage unter 1089 Kongressteilnehmern (26-69 Jahre, knapp 50% waren weiblich) durch. Zu diesem Zeitpunkt waren 4% der Befragten selbst in einer Psychotherapie. 30% waren während der Ausbildung selbst auch als Patient in der Psychotherapie. 42% hatten mindestens eine depressive Phase erlebt.

„Die Wissenschaftler vermuten, dass die immense psychische Belastung, der Psychiater und Psychotherapeuten ausgesetzt sind, zu einem erhöhten Risiko für Depressionen führt. Vor allem die Behandlung von selbstmordgefährdeten und aggressiven Patienten belaste sehr. Gleichzeitig nehmen Psychiater den eigenen seelischen Zustand bewusster wahr und sind feinfühliger, wenn es darum geht, sich selbst zu beobachten. Dadurch fallen ihnen ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen besonders deutlich auf, so die Annahme der Forscher.“ RP-Online, 26. November 2010 | Studie: Psychotherapeuten sind oft depressiv (DDP)

Die Angst vor beruflichen Einbrüchen kann immer wieder auftauchen – sowohl bei Therapeuten („Verliere ich meine Berufserlaubnis?“) als auch bei Patienten („Hat mein Therapeut selbst eine Macke? Zieht er mich mit seiner Depression hinab?).

Wer selbst einen helfenden Beruf hat, gerät leicht in eine schamhafte Identitätskrise, wenn er sich hilflos fühlt. „Soll ich es nicht doch lieber erst mit Selbstmedikation probieren?“, denkt sich so mancher Therapeut. Mit zunehmender Lebenserfahrung und höherem Alter taucht oft auch der Zweifel auf: Was könnte ich noch Neues hören, das mir helfen könnte? Ich kenne meine Kollegen doch – wer könnte mir denn da überhaupt noch helfen?“ Hier kann der Online-Blick ins Ausland manchmal hilfreich sein. Auch neue Wege wie zu Beispiel Yoga oder Zen-Meditation können hilfreich sein. Ich finde das Video von Daniel Mackler sehr empfehlenswert: Why I quit being a psychotherapist, Youtube. Mackler half sich selbst durch Schreiben, Lesen, Kollegen und Freunde.

„Sorgen Sie für ein gutes Privatleben.“

„Ein eigenes gutes Privatleben ist eine der besten Voraussetzungen dafür, dem Patienten genügend Raum und Sicherheit für seine Entwicklung zu bieten“, sagt der Supervisor. Ähnlich wie eine Mutter nur dann ausreichend gut sein kann, wenn es ihr selbst ausreichend gut geht, braucht der Analytiker genügend Wohlbefinden, um ein ausreichend guter Analytiker zu sein. Doch der Ausbildungskandidat rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Was, wenn man nun gerade kein glückliches Privatleben hat und dennoch Analytiker werden möchte?

Nicht wenige angehende Psychoanalytiker leiden ebenso wie ihre Patienten unter Einsamkeit, Stress im Privatleben, Geldsorgen oder Familienlosigkeit. Die Ausbildung selbst bietet zwar viel Entwicklungsspielraum, doch im Leben gehen die Dinge eben nicht immer gut aus. Lass dich selbst mehr in Ruhe.

Weniger Tabus

Wir leben in einer Zeit, in der offen über Kontaktabbrüche, über das Alleinerziehen und schwere frühe Traumata gesprochen werden darf. Die Psychoanalyse hat sich weiter entwickelt, sodass sie heute besonders auch für früh gestörte Menschen geeignet ist. Zu den Folgen der frühen Störung gehören Probleme mit der Beziehungsgestaltung. Davon sind auch angehende Psychoanalytiker mitunter betroffen.

Es werden zunehmend auch Menschen Psychoanalytiker, die selbst aus chaotischen Familienverhältnissen kommen. Sie waren zunächst selbst psychisch schwer belastet, haben eine Psychoanalyse gemacht und entwickelten den Wunsch, selbst Psychoanalytiker zu werden. Sie können sich daher oft sehr gut in ihre früh gestörten Patienten hineinversetzen – andererseits sind sie vielleicht auch selbst häufiger von privaten Problemen als Spätfolgen der frühen Traumata betroffen.

Beziehungsstress kennt jeder

Auch Psychoanalytiker kennen Ehe-Stress, chronische Erkrankungen und schwere Traumata, die das Privatleben belasten. Durch die Motivation zu einem gesunden Privatleben entsteht manchmal eine Art „Gutgeh-Stress“, der zu zusätzlicher Anspannung führen kann.

„There is nothing wrong with negativity.“ Pema Chödrön: Wenn alles zerbricht.

Ich denke oft daran, wie Psychiater ihren traumatisierten Patienten raten, für guten Schlaf zu sorgen. Sie erklären ihnen, dass schlechter Schlaf zu einem psychotischen Schub führen könnte. Doch damit ist meistens nichts erreicht, denn schlechter Schlaf gehört zum Trauma wie das Amen zum Gebet. Viele Betroffene haben jedoch erstaunlich gut gelernt, sowohl mit schlechtem Schlaf als auch mit unnützen Ratschlägen von Psychiatern zu leben. Sie haben ihr Leben danach eingerichtet.

Kreativität

Schwer belastete Menschen sind herausgefordert, immer wieder kreativ mit ihren Mangelsituationen zurechtzukommen. Die Psychoanalyse-Geschichte ist geprägt von Psychoanalytikern, die „aus gutem Hause“ stammen, deren Eltern einen guten Bildungsstand hatten und wo es relativ selten finanzielle Nöte gab.

Die Psychoanalytikerin Lisa Fromm-Reichmann behandelte die einst psychotische Patientin Joanne Greenberg (geb. 1932, Autorin des Buches „Ich habe dir niemals einen Rosengarten versprochen“). Fromm-Reichmann habe zu ihrer Patientin gesagt, sie müsse ihr ihre Innenwelt genauestens beschreiben, weil sie selbst psychisch gesund sei und diese Nöte nicht kenne (Quelle: Film: Take these broken wings).

„Das kenne ich auch!“

Für sogenannte „niedrig strukturierte“ Patienten sind sogenannte „hoch strukturierte“ Menschen eine Wohltat und eine unerlässliche Kraftquelle. Der Psychoanalytiker hilft dem Patienten alleine dadurch, dass er „höher strukturiert“ ist als der Patient. Es hilft den schwachen Patienten jedoch auch, von Menschen behandelt zu werden, die selbst aus einer ähnlichen Ursprungssituation kommen und erst später zu einer „höheren Struktur“ fanden.

Psychoanalytiker mit einer eigenen langen Psychoanalyse bzw. Lehranalyse kommen zu schlechteren Behandlungsergebnissen als Analytiker mit einer kürzeren Selbsterfahrung, so eines der Ergebnisse der Stockholmer Studie zur Psychoanalyse (2001). Doch was heißt das? Möglicherweise interessieren sich Analytiker mit eigenen schweren Störungen in der Vergangenheit auch für schwerer erkrankte Patienten. Es ist jedoch auch möglich, dass Psychoanalytiker mit eigenen schweren Frühtraumata ihren Patienten an einigen Stellen nicht so gut helfen können wie Analytiker mit größerer innerer Stabilität. Dafür können sie an anderen Stellen vielleicht umso besser helfen: Das Gefühl des Verstandenwerdens ist ein sehr wichtiger Wirkfaktor.

Im Kreise der Familie

Viele hoch betagte Psychoanalytiker sterben „im Kreise ihrer Familie“. Doch die Zeiten haben sich verändert: Viele Menschen haben heute keine Familie mehr bzw. sie haben kaum noch Kontakt zur Familie. Die Familien sind kleiner geworden, die „Generation Kontaktabbruch“ ist da. Die Singles und Alleinerziehenden dieser Generation werden auch Psychoanalytiker. Und es gibt auch unter Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen den Unterschied, den es in der Gesamtbevölkerung gibt: Während getrennte Männer schnell wieder eine Partnerin finden, bleiben die Akademikerinnen mit oder ohne Kinder oft jahrelang ohne Partner.

Beziehungsschwäche fühlt sich oft an wie eine Behinderung

Manche Menschen ohne Beziehung und Familie fühlen sich, als hätten sie eine Behinderung – sie können ihre Fähigkeit, in nahen Beziehungen zu leben, kaum ausprobieren. Es ist, als fehlte ihnen etwas ganz Entscheidendes. Dennoch können behinderte Menschen Hochleistungen vollbringen, wie z.B. die querschnittsgelähmte Paralympikerin Anna Schaffelhuber oder der blinde Bergführer Andy Holzer. Vielleicht sind diese Vergleiche für die Psychoanalyse ungeeignet, weil sich diese Menschen oft durch gute familiäre Beziehungen auszeichnen. Andererseits machen diese Menschen Sport, also finden ihre Stärke in dem Gebiet, von dem andere glauben, es sei genau das Gebiet ihrer Schwäche.

Angehende Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen stehen also vor der Frage: Wie kann ich es schaffen, ein gutes Privatleben einzurichten? Aber auch: Wie kann ich es schaffen, mit einem schlechten Privatleben ein guter Analytiker/eine gute Analytikerin zu werden und zu sein?

Ähnlich wie bei Alleinerziehenden die Angst im Raum steht, sie könnten ihre Kinder als „Partnerersatz missbrauchen“, schwebt über den einsamen Analytikern und Analytikerinnen die Sorge, sie könnten ihre Patienten „gebrauchen“, um ihre eigene Einsamkeit zu überwinden. Wer jedoch selbst alleinerziehend ist, der spürt den großen Unterschied zwischen Kind und Partner. „Ich habe Kinder, aber keine Familie“, schreibt eine Bloggerin treffend.

Die Kinderlose, die Erzieherin wird, spürt weiterhin den Schmerz der eigenen Kinderlosigkeit. Und wer Patienten analytisch behandelt, wird dadurch nicht die Einsamkeit vertreiben können, die er im Privatleben erlebt. Der einsame Psychoanalytiker vergibt vielleicht auch samstags mehr Termine als der in der Freizeit gut beschäftigte Analytiker.

Einsam und gemeinsam

Vielleicht taucht hier eine ähnliche Frage wie bei den Pastoren auf: Kann sich der Pastor mit Frau und Kindern seiner Gemeinde ebenso widmen wie der Pastor, der freiwillig oder unfreiwillig im Zölibat lebt? Die Antworten fallen wohl völlig unterschiedlich aus, weil eben jeder Mensch, jede Beziehung so einzigartig ist. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Wer heute ein zufriedenstellendes Privatleben hat, kann morgen schon in großer Not sein. Hilfreich ist es hier vielleicht, sich an Eckhart Tolle zu halten und das „Jetzt“ willkommen zu heißen. Jede Situation hat ihre eigenen Chancen und Behinderungen.

„Analyse ist ein Weg zur Wahrheit, nicht zur Perfektion“, las ich einst auff Twitter.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Daniel Mackler: Why I quit being a psychotherapist
youtube

Confessions of a depressed psychologist: „I’m in a darker place than my patients.“
The Telegraph, By Anonymous, 8.2.2016 www.telegraph.co.uk/…

Braun M et al. (2010)
Depression, burnout and effort-reward imbalance among psychiatrists
Psychother Psychosom 2010; Vol. 79 No 5: 326-327
no abstract available
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20689352
doi.org/10.1159/000319531

von Sydow, K. (2014)
Psychotherapeuten und ihre psychischen Probleme – Forschungsstand zu einem Klischee
Psychotherapists and their mental problems – State of research on a cliché
Volume 59, pages 283–292, (2014)
doi.org/10.1007/s00278-014-1056-2
link.springer.com/article/…

Nervenheiler kämpfen oft selbst mit Depressionen, 27.11.2010
www.welt.de/gesundheit/…

Paula J. Gilroy et al. (2001):
Does depression affect clinical practice? A survey of women psychotherapists
www.researchgate.net/..

Anne Cooke and Jay Watts:
We’re not surprised half our psychologist colleagues are depressed
The Guardian, 17. Februar 2016
www.theguardian.com/…

Press Release: 3.2.2016:
Psychological therapies staff in the NHS report alarming levels of depression and stress – their own

Noel Hunter (2015):
Clinical Trainees‘ Personal History of Suicidality and the Effects on Attitudes Towards Suicidal Patients
The New Scool Psychology Bulletin, Vo 13, No 1 (2015)
www.nspb.net/…

Paula J. Gilroy (2002):
A Preliminary Survey of Counseling Psychologists‘ Personal Experiences with Depression and Treatment
Professional Psychology Research and Practice, 8/2002, 33(4): 402-407
DOI: 10.1037/0735-7028.33.4.402
www.researchgate.net/publication/2

Paula J. Gilroy et al. (2008):
Does Depression Affect Clinical Practice? A Survey of Women Psychotherapists
Pages 13-30 | Published online: 13 Oct 2008
dx.doi.org/10.1300/J015v23n04_02
www.tandfonline.com/…
„A subset of the membership of the Association for Women in Psychology (AWP) was surveyed concerning therapists‘ experiences with depression and its treatment. Of 220 respondents, 76% reported some form of depressive illness. Eighty-five percent of respondents indicated that they participated in personal therapy. When evaluating their clinical work, respondents reported both positive and negative consequences resulting from their depression. While some respondents noted improvement in collegial relationships, many felt judged and avoided.“

„Most mental health professionals seek personal psychotherapy at least once in their careers (Phillips, 2011), and at a much higher rate than the general adult population (Norcross & Guy, 2005).“
Jennifer L. Bearse (2013):
Barriers to Psychologists Seeking Mental Health Care
Professional Psychology: Research and Practice, 2013 American Psychological Association
Vol. 44, No. 3, 2013: 150-157, DOI: 10.1037/a0031182
www.apa.org/….pdf

Beitrag vom 20.2.2026 (begonnen am 2.9.2017)

2 thoughts on “Psychotherapeuten haben oft zu hohe Ansprüche an sich selbst und brauchen selbst manchmal Psychotherapie

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Mari, ich freue mich über Ihre Rückmeldung! So weiß ich, dass es ein wichtiges Thema ist. Ja, die psychischen Leiden des Psychotherapeuten sind noch ein Tabu – aber die Gelegenheiten, darüber zu sprechen, mehren sich. Herzliche Grüße, Dunja voos

  2. Mari sagt:

    Vielen Dank für diesen informativen und erleichternden Beitrag und die sorgfältigen Quellenangaben zum Weiterlesen.
    Es ist ja leider ein schreckliches Tabuthema und führt Psychotherapeuten dadurch zwangsweise in eine gewisse innere Einsamkeit, sollten sie in diese Misslage geraten. Daher ist es so wichtig, dass Seiten wie Ihre das Thema so offen aufgreifen.
    Danke!

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