Wie werde ich Psychoanalytikerin? Leistung und Wissen zählen weniger – das Sein und Sein-Lassen ist wichtig
Voraussetzung für eine Psychoanalyse-Ausbildung ist ein akademischer Abschluss. Meistens werden Ärzte oder Psychologen Psychoanalytiker – fast immer jedoch sind es Menschen, die es gewohnt sind, sehr viel zu leisten. Sie haben hunderte Prüfungen hinter sich gebracht zu dem Zeitpunkt, an dem sie die Psychoanalyse-Ausbildung beginnen.
„Da musst du aber sicher viel lernen“, sagten mir viele, als ich noch in der Ausbildung war. „300 Seiten in zwei Wochen, das heißt also 22 Seiten pro Tag“ – diese Zeiten, die ich noch als Medizinstudentin kannte, waren mit der Psychoanalyse-Ausbildung jedoch vorbei. Hier wird etwas viel Schwierigeres verlangt: „Sei ganz Du selbst.“, oder, wie es auf vielen T-Shirts steht: „Be!“
Wichtiger als die Theorie ist die geistige Kraft
Natürlich braucht man theoretische Grundlagen, um während der Analysestunde sein Nachdenken strukturieren zu können. „Wieso bin ich so abweisend? Übernehme ich vielleicht die Art des Containments der Mutter des Patienten? Was passiert gerade in der Übertragung?“
Um diese Fragen zu beantworten, muss man schon einiges in der Lehranalyse erfahren und gelesen haben. Während der Lehranalyse, in den ersten Patientenbehandlungen, in den Seminaren mit Kollegen und den ersten Prüfungen zeigt sich, was für ein Mensch man ist, wie man Beziehungen gestaltet und die Dinge innerlich verarbeitet.
Viele Fragen tauchen auf: Wie ängstlich bin ich? Wie narzisstisch, wie beziehungsfähig? Wie gehe ich mit psychischem Schmerz und unsicheren Schwebe-Gefühlen um? Kann ich auch in Anspannung relativ entspannt und funktionsfähig bleiben? Ist der eigene Atem lang genug für all die Widerstände, die sich auf dem Weg zeigen? Bin ich kreativ, vertrauensvoll und mir selbst wert genug, um genügend Geld für diese Ausbildung zusammenzubringen? Kann ich mich körperlich fit genug halten? Kann ich mich noch ausreichend um meine Familie und Freunde kümmern?
Oft kann man nur träumen und warten.
Der Ausbildungskatalog
Wer nach seinem Studium und den ersten Berufsjahren in die psychoanalytische Ausbildung geht, ahnt vielleicht, dass hier etwas anderes zu erfüllen ist als ein Ausbildungskatalog. Anders als im Studium geht es am Ende nicht um die Frage: „Was kannst du? Hast du genug gelernt und geleistet?“, sondern eher um die Frage: „Wer bist du? Wie gut kennst du dich? Wie gehst du mit dir und anderen um?“
Deswegen ruft die Psychoanalyse-Ausbildung oft so große Ängste, so viel Frust und so viel Unruhe hervor: Es geht nicht darum, ein markiertes Ziel zu erreichen. Es geht um Dinge, auf die man nicht bewusst hinarbeiten kann, oder anders gesagt: Das Hinarbeiten auf die selbst gesteckten Ziele sieht anders aus als alle anderen Arbeiten bisher.
Oft muss man sich selbst einfach wachsen lassen.
Psychoanalytische Beziehungen hängen davon ab, ob man zusammenpasst und ob man für diese Arbeit reif genug ist. Es wird keine Leistung beurteilt, sondern man selbst wird als ganzer Mensch wahrgenommen. Daher kann sich die Ausbildung oft so hart, so verletzend, aber auch so glückselig anfühlen.
Bist du eine gute Mutter/ein guter Vater?
In der Ausbildung zur Psychoanalytikerin kommt es eher auf die Frage an: „Bin ich eine ausreichend gute Mutter?“ Wie oft die Mutter das Gewicht des Babys erfasst oder seine Größe misst, ist meistens nicht so wichtig. Aber sie braucht genügend inneren und äußeren Halt, inneren Raum, genügend emotionale Schwingungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Intuition, um das Baby gesund gedeihen zu lassen.
Diese Dinge zu erlernen, sich die guten Eigenschaften anzueignen, ist viel ungewisser und schwieriger als etwas zu leisten und abzuarbeiten. Hier ist es eben oft besonders wichtig, von der Leistung Abstand zu nehmen, eine aufnehmende Haltung einzunehmen, zu vertrauen und still zu werden.
Aus: „Wie kann ich gut sein?“ wird: „Was für ein Bild male ich?“
„Nach dem letzten kasuistisch-technischen Seminar (KT) war ich echt geknickt. Ich habe so viel Kritik geerntet!“, sagt eine Ausbildungskandidatin. Das Leben in der Psychoanalyse-Ausbildung erscheint gerade am Anfang oft so hart, weil gesagt wird, was gedacht wird.
In der Lehranalyse spricht man alles aus, was einem in den Sinn kommt. Und in ähnlicher Weise tut man es auch im KT, wenn Kollegen und Kolleginnen ihre Fälle vorstellen. Leicht kann man als Vorstellende das Gesagte als herbe Kritik auffassen. Doch die rückmeldende Kollegin sagt: „Ich habe doch nur gesagt, was mir dazu einfiel!“
Wer als (angehender) Analytiker mit seinem Patienten zusammen ist, der befindet sich in einer intimen Situation. Will man diese Situation anderen darstellen, um Ideen und Anregungen von außen zu erhalten, kann das sehr schwierig werden. „Ich fühle mich wie eine Mutter, die ihr Kind stillt und von Kollegen danach beurteilt wird, ob sie es gut oder schlecht macht“, sagte ich selbt einmal.
Und das ist vielleicht der Punkt: Man will es „gut“ machen – schließlich hat man überall gelernt, die Dinge „richtig“ zu machen. Doch in der Psychoanalyse ist es anders. Kann man Psychoanalyse „gut“ machen?
Wegversteckt
Man bemüht sich anfangs vielleicht, seine Ängste zu verstecken, ebenso seine Ablehnung, seinen Neid und seine „Fehler“. Doch worauf es ankommt, ist das genaue Beobachten und Betrachten der eigenen Affekte, Träume, Phantasien und Reaktionen sowie die des Patienten. Es kommt im KT nicht darauf an, es „gut“ zu machen, sondern ein Bild zu malen, das die analytische Situation mit all ihren Szenen so wahrheitsgemäß wie möglich widergibt.
„Ein Selbstportrait zu malen ist deshalb so schwierig, weil man malt, was man meint, wie es sein sollte und nicht, wie es wirklich ist“, sagte eine Kunstlehrerin. Daher rät sie ihren Schülern manchmal, das Foto auf den Kopf zu stellen. Mir selbst hat es allerdings nicht geholfen.
Sein
Es ist wichtig zu sehen und zu beschreiben, was „ist“ und nicht, was man meint, was in der Analyse sein sollte. Die meisten Kollegen achten darauf, sich vorsichtig zu äußern und andere Kollegen nicht zu verletzen. Doch manche Bilder in der Analyse sind so stark, dass man sich kritisiert fühlt, egal wie mitfühlend oder vorsichtig die Kollegen etwas sagen.
Beispiel: Eine angehende Analytikerin stellt ihren Fall vor und gibt einen Dialog zwischen ihr und der Patientin wider. Die Analytikerin gibt der Patientin spontan eine Antwort, die recht grob daherkommt. Eine Kollegin gibt im Seminar Rückmeldung: „Als Du von dieser Szene mit Deiner Patientin erzähltest, kamen mir ganz gewaltsame Bilder in den Kopf. Und als Du dann so geantwortet hast, hat sich mir alles zugeschnürt.“
Der Ungeübte hört da raus: „Du hast unmöglich geantwortet, Du hast alles falsch gemacht und die Situation der Patientin verschlimmert.“
Auf den zweiten Blick aber zeigt sich etwas davon, wie der Vater der Patientin diese wahrscheinlich behandelt hat. Es wird deutlich, unter welchen Bedingungen die Patientin aufwuchs. Die vorstellende Kollegin und ihre Patientin riefen gemeinsam alte Atmosphären aus dem Leben der Patientin wach.
Die vorstellende Kollegin hat in dem Sinne also „gute Arbeit“ geleistet, auch, wenn sie sich nach ihrer eigenen Antwort Vorwürfe gemacht hat. Daher ist es oft nicht leicht, das Geschehene darzustellen und die Antworten dazu zu verarbeiten. Der chilenische Psychoanalytiker Juan Pablo Jiminez sagt dazu:
„So reden sie (die Kliniker) letzten Endes nicht darüber, … was sie tatsächlich im Behandlungszimmer tun (oder sagen), sondern darüber, was sie gern getan (oder gesagt) hätten …“ (Juan Pablo Jiminez, Chile, 2009: Das Erfassen der Praxis des Psychoanalytikers gemäß seinem eigenen Wert. Supplement der Zeitschrift „Psyche“ zum IPV-Kongress in Chicago, 2009. Zitat gefunden bei Ralf Zwiebel: Der Schlaf des Analytikers, Klett-Cotta 1992/2010: S. 159)
Verstehen erleichtert
Im Laufe des Seminars stellt sich heraus, dass die angehende Psychoanalytikerin unter anderem deshalb so grob geantwortet hat, weil die Patientin sie eben dorthin geführt hat. Aus der „schlechten Antwort“ der Analytikerin kristallisiert sich etwas heraus, das sich verstehen lässt.
„Naklar hätte die Analytikerin vernünftiger, vorsichtiger, realitätsbezogener antworten können. Aber das weiß sie ja auch. Doch das Unbewusste der Patientin und der Analytikerin brauchte das, was da war, genau so“, sagt eine erfahrene Lehranalytikerin.
Sorgfalt
Wichtig ist es, sorgfältig zu arbeiten oder „achtsam“, wie man es heute gerne nennt. Es ist ähnlich wie in der Meditation: Man muss (und kann) nicht „gut“ meditieren. Weil man sowohl in der Meditation als auch in der Psychoanalyse nach der Wahrheit sucht, verlaufen die Sitzungen oft eben nicht freundlich, unterstützend oder beruhigend.
Man kann nicht im herkömmlichen Sinne „gut“ in der Analyse arbeiten, sondern man malt mit dem Patienten zusammen ein (Situations-)Bild. Und dann versucht man, dieses Bild, das sehr verstörend sein kann, von allen Seiten zu beschreiben, zu beleuchten und zu verstehen. Jeder Farbtupfer ist wichtig; besonders die störenden Kleckse haben oft die größte Bedeutung.
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Beitrag vom 14.9.2026 (begonnen am 8.4.2017)