Verachtung – was ist das für ein Gefühl? „Wenn ich etwas Gutes bekomme, verachte ich den anderen dafür.“

Verachtung ist ein Gefühlsgemisch. Es mag eine Mischung aus Enttäuschung, Angst, Häme, Schmerz und Ärger sein. Oft ist der Wunsch nach Distanzierung dabei: „Ich bin nicht so wie mein Vater oder meine Mutter. Ich bin nicht so rassistisch wie die da. Ich verachte die Mitläufer von damals.“

Man hätte sich gewünscht, dass das, was wir verachten, gut gewesen wäre. Man hat sich vielleicht hingeben wollen – an die Eltern, den Partner, an die Idee. Doch dann merkt man, dass es nicht möglich ist, weil der andere Alkoholiker oder auf andere Weise schwach oder schädlich ist. Man verachtet vielleicht den Vater, wenn er zu weich ist. Gleichzeitig schwingt die Angst mit, man könnte genauso werden wie er.

Verachtung tritt häufig in engen Beziehungen auf. Insbesondere, wenn man sich von jemandem wider Willen abhängig fühlt, kann Verachtung als Abwehr der Abhängigkeit auftreten.

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Links:

Leon Wurmser (2013):
Shame and its Vicious Cycles. Prague, IPA Meeting 2013. Kongresspapier

Anders Zachrisson (1999):
Contempt and self-contempt. From the analysis of a 10-year-old boy. The Scandinavian Psychoanalytic Review, Volume 22, Issue 2, 1999, DOI:10.1080/01062301.1999.10592705, tandfonline.com/…

Visual Emotion – Facial Action Coding System (FACS), paulekman.com…

Alberto Moravia (1954): Il disprezzo. amazon. Siehe auch: dieterwunderlich.de/… „Jean-Luc Godard verfilmte die 1954 veröffentlichte Novelle ‚Die Verachtung‘ von Alberto Moravia (1907 – 1990).“

Beitrag vom 3.9.2026 (begonnen am 19.12.2014)

One thought on “Verachtung – was ist das für ein Gefühl? „Wenn ich etwas Gutes bekomme, verachte ich den anderen dafür.“

  1. modean sagt:

    Hallo Frau Voos,

    vielen Dank für den Artikel. Er hat mir bezogen auf eine Sache einen neuen Denkimpuls gegeben.

    Frau Damla Hekimoğlu beschreibt in einem Essay [1] wie sie aufgewachsen ist. Unter anderem beschreibt sie den Umgang mit ihrem Namen. Hier formuliert Frau Hekimoğlu die Erwartung, dass man im 21. Jahrhundert Namen ja auch googeln könne und man könne auch erwarten, dass grundsätzlich nicht davon ausgegangen wird, dass der gesamte Planet nur von Männern bewohnt wird und deshalb ein Name zwangsläufig immer männlich ist.

    Ich habe mich auf das Thema eingelassen und mich damit sehr ausgiebig auseinander gesetzt. Tatsächlich googeln ich die Namen anderer Leute. Da es mir wichtig ist, habe ich gesagt.

    Was ich feststellen musste, ist, dass durch dieses „echte Interesse“, dass ist etwas was sich Frau Hekimoğlu fuer 2023 wünscht und dran glauben möchte, auch Nähe entsteht. Man erfüllt eine Erwartungshaltung und das erzeugt dann so etwas wie Lob und Zuspruch. Man ist ja dann einer von den Guten. Also entsteht auf beiden Seiten etwas, dass sich vermutlich gut anfühlt. Das erzeugt dann vermutlich ein Gefühl von Nähe. Mitunter auch so etwas wie Hoffnung und eine Angst, dass diese enttäuscht wird. Auch eine Angst, dass man dem anderen zu nahe kommt.

    Was dabei verloren geht, ist die Tatsache, dass es ja eigentlich zu einer Diskursverschiebung gekommen ist. Naemlich von der ursprünglichen Kränkung und dem damit verbundenen Schmerz hin zu diesem wolligen Gefühl von ich erfülle deine Erwartungen und bekomme dafür ein Lob und das Gefühl zu den guten zu gehören.

    Irgendwann wird diese Dynamik, zumindest für mich, das wollig warme, langweilig. Das fand ich dann interessant zu sehen, dass da dann so etwas wie Trauer entsteht. Vielleicht da ich gemerkt habe, dass es eben doch nichts echtes ist sondern eine Art von Kompensationsleistung, die ich da für jemanden erbringe.

    Ich denke damit, mit dieser Trauer und dem Ärger verantwortlich umzugehen, ist eine Herausforderung. Ich habe es zumindest angesprochen, dass ich den Eindruck habe, dass es diese Dynamik gab und dass wir uns da gegenseitig unsere Knöpfe gedrückt haben, die dieses wollige Gefühl erzeugt haben, obwohl es ja gerade nicht meine Verantwortung ist, alles mögliche zu googeln, auch wenn ich das oft so mache.

    Ich habe eben diese Art von „Rücksichtnahme“ von meinen Eltern eingeimpft bekommen. Wenn man aber alles und jeden googelt, auf alles und jeden Rücksicht nimmt, dann kommt man oft selbst zu kurz.

    [1] https://60-jahre-anwerbeabkommen.de/das-kalte-wasser-wird-schon-warm-wenn-man-sich-traut-zu-springen/

    Viele Grüsse
    modean

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