Finde die gute Stimme in Dir

„Wie sprichst Du eigentlich mit mir?!“, fragen wir den anderen aufgebracht. Doch wie sprichst Du mit Dir selbst? Hast Du eine gute innere Stimme in Dir? Vielleicht fällt es Dir leicht, zu anderen freundlich zu sein und ihnen Mut zuzusprechen. Doch Du selbst quälst Dich vielleicht mit strengen Sätzen.
Der Traumatherapeut Gabor Maté spricht davon, wie wir uns selbst mit Neugier und Interesse befragen können – er nennt es „Compassionate Inquiry“, also „hingebungsvolles Befragen“. In einem Youtube-Video zeigt er anschaulich, wie wir uns selbst manchmal ärgerlich fragen: „Was ist DAS denn schon wieder?!“ In Wirklichkeit sei dies ein Statement und eine Aufforderung: „Ich will das nicht! Das soll weg gehen!“ Stattdessen könnten wir uns ernsthaft mit Interesse und einer guten Stimme fragen: „Was ist das denn? Gibt es eine Möglichkeit, es zu vestehen?“
Manchmal führen Schuldgefühle dazu, dass wir so strafend mit uns sprechen. In angespannten Situationen sind wir manchmal angewiesen auf eine gute Stimme, die von außen kommt. Wir brauchen manchmal einen anderen Menschen, der uns sagt: „Du schaffst das!“ Wenn wir dann wieder alleine sind, hilft es uns, wenn wir uns daran erinnern, wie uns der andere Mut machte.
Besonders, wenn wir geschwächt und krank sind, kann es helfen, wenn wir uns liebevoll zureden. Als ich einmal eine Neuronitis vestibularis hatte, sagte ich mir immer wieder: „Ok, jetzt kommst Du gaanz langsam mit dem Kopf nach oben. Gut machst Du das. Und jetzt einen Schritt vor den anderen, ganz langsam. Jaa, sehr gut.“ Ich begleitete jeden meiner Schritte mit einer geduldigen Stimme. Es war fast meditativ. Vielleicht sprichst Du in der Schwäche auch so mit Dir.
Wenn wir in häufig genug mit Menschen zusammen sind, die uns Gutes wollen und uns freundlich behandeln, dann übernehmen wir diese Art für uns selbst: Wir sind geduldig mit uns selbst und sprechen freundlich mit uns. Wir haben uns die freundliche Art des anderen zu eigen gemacht. Und so erhalten wir eine freundliche „Selbstrepräsentanz“.
Manchmal ist es schwierig, gute andere Menschen zu finden. Manchmal haben wir vielleicht das Gefühl, wir seien zu minderwertig, um uns auf die Suche nach reifen Menschen zu begeben.
Beobachten, was wir uns selbst sagen
Was sagst Du zu Deinem Körper, zum Beispiel zu Deinem schmerzenden Magen? Sich das einmal bewusst zu machen, heißt, den Automatismus zu stoppen. Wenn wir unseren Kindern automatisch etwas gesagt haben, was wir selbst nie hören wollten, stehen wir oft hilflos vor diesem Vorgang. Doch können wir uns einmal fragen, welcher Glaube oder welche Angst hinter diesem oder jenem Satz steckt. Oft liegt die Angst dahinter, es könnte alles verloren sein. Doch wir können das, was wir von unseren Kindern und von uns selbst glauben, in Frage stellen.
Durch innere Erkundung treten wir aus unseren Mauer heraus und können sehen, wie dieses Mauersteinchen dahingekommen ist, wo es so fest steckte. Vielleicht heißt dieses Mauersteinchen: „Reiß dich zusammen!“ Wenn wir es genau betrachten, können wir es vielleicht aufhübschen oder ersetzen. Dann können wir uns zum Beispiel sagen: „Du darfst diese Situation verlassen – sie war doch sowieso nicht das, was Du gesucht hattest.“ Und wir können diese gute innere Stimme immer wieder aufsuchen und in uns sprechen lassen. Dann können wir hören, wie wir zu uns selbst so etwas sagen wie: „Ach Schätzchen, Du musst Dich doch nicht so quälen.“
„Hör auf deine Stimme!“ – doch auf welche?
„Hör auf die Stimme, sie macht dich stark, sie will dass du’s schaffst, also hör was sie dir sagt“, singt Mark Forster (Youtube). Doch das ist nicht immer so einfach, denn oft haben wir viele Stimmen in uns. Gäbe es nur eine, wäre es ja gut – oder schlecht, je nachdem. Die Stimme, die manchmal am lautesten zu uns spricht, will vielleicht gerade nicht, dass wir es schaffen – zum Beispiel, weil wir uns schuldig fühlen und uns irgendwie selbst bestrafen wollen oder weil wir den Neid von Eltern und Geschwistern nicht auf uns ziehen wollen. Unsere Innenwelt ist oft voller Stimmen. Manchmal haben wir das Gefühl, wir müssten uns unbedingt für eine Stimme entscheiden, damit Ruhe ist, aber dann bleiben Zweifel. Bei der „wahren“ Stimme – der Intuition – geschieht die Entscheidung eher leicht; alles ist dann klarer und die Entscheidung ist stabiler.
Wenn wir ganz alleine sind, wenn wir auf dem Feld im Wind stehen, dann können wir sie oft wieder besser hören: die Stimme, die unsere Entwicklung fördert. Von Eckhart Tolle gibt es ein wunderbares, sehr lustiges Video, in dem er erklärt, warum wir unseren Gefühlen nicht unbedingt trauen können. Die Intuition komme im Gegensatz zum „Gefühl“ eher leise daher, friedvoll, ruhig, frei von Negativität und vom Denken unabhängig.
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!“ Wir können uns nicht entscheiden. „Mach dir doch eine Liste“, sagen manche und vergessen dabei, dass einzelne Punkte der Liste ein eigenes Gewicht an Gefühl haben. Oft bestehen die zwei Stimmen aus Gefühl und Verstand. Oder aus dem, was wir selbst denken und dem, was in unserer Vorstellung jemand anders denken würde. Es kommt darauf an, für welche Stimme wir uns entscheiden. 51% pro oder kontra reichen für eine Entscheidung.
Den Körper mitentscheiden lassen
Wie fühlt sich der Bauch an, wenn ich an meinen Herzenswunsch denke? Wie fühlt sich der Bauch an, wenn ich an meine Sorgen im Zusammenhang mit diesem Wunsch denke? Wie fühlt es sich an, wenn ich daran denke, das Haus zu kaufen, an dem mein Herz hängt? Und was passiert mit dem Körper, wenn ich an die finanziellen Nöte denke, die damit verbunden sind? Wenn’s nur den Hauch einer Chance gibt, dass der Herzenswunsch in Erfüllung geht, lohnt es sich, sich für den Gedanken zu entscheiden, der den Bauch weich werden lässt.
Das Vorwurfsvolle in der Stimme macht uns alles kaputt
„Wurd‘ ja auch mal Zeit!“, sagen wir, wenn der andere endlich tut, was wir schon lange von ihm erwarteten. Manchmal glauben wir, es reiche nicht, zu sagen: „Ich bin erleichtert – ich habe schon so lange darauf gewartet.“ Wir glauben, wir müssten noch extra zeigen, wie gekränkt wir sind, damit der andere es kapiert. Dann lassen wir Vorwurf in der Stimme mitschwingen, vielleicht, weil wir glauben, uns dadurch noch besser abgrenzen zu können oder autonomer zu wirken. Gleichzeitig mögen wir uns genau deshalb manchmal nicht. Wir wollen eigentlich gar nicht so sprechen.
Manchmal schämen wir uns vielleicht auch, unsere Gefühle der Schwäche zu zeigen.
Wenn wir unsere Gefühle ohne Vorwurf in der Stimme zeigen, sind wir verletzlicher. Das nimmt auch der andere wahr – und muss sich dann selbst nicht so verteidigen. Das Vorwurfsvolle macht unseren Kommunikationsversuch kaputt, denn der andere spürt die Feindseligkeit und verliert seine natürlichen Reaktionen. Doch wenn wir auf unseren Vorwurf verzichten, können wir oft erstaunt darüber sein, wie ernst uns der andere nimmt.
Orpha – Helferin des verlassenen Kindes
Wenn ein Kind früh traumatisiert wird, wenn es verlassen wird, dann erscheint in ihm oft eine Kraft, die es überleben lässt. Psychoanalytiker wie Sandor Ferenczi oder Donald Winnicott personifizierten diese Kraft, indem sie von „Orpha“ sprachen. Der Begriff „Orpha“ hängt zusammen mit dem griechischen Begriff für Waisenkind = Orphanos. Orpha ist in der Mythologie eine Nymphe (nachzulesen bei Jacob Bryant: A New System or Analysis of Ancient Mythology, 1774-1776, Projekt Gutenberg). Sie spiegelt den weiblichen Part von Orpheus wider.
Aus psychoanalytischer Sicht ist Orpha wie eine mütterliche Figur in der Psyche, die tröstet, die Kraft schickt und Leben möglich macht, obwohl die Mutter (bzw. die primäre Bezugsperson) abwesend oder quälend ist.
Früh verlassene oder traumatisierte Menschen beschreiben manchmal ein innerliches „Hochgefühl“, das den Eindruck entstehen lässt: „Ich überlebe, ich schaffe alles.“ Das Problem: Es ist schwierig, eine „reale“ Beziehung zu den eigenen Bedürfnissen und den anderen Menschen herzustellen. Orpha kann jedoch erkennen, was ein Angreifer will, was von ihm zu befürchten und wie er zu beruhigen ist. Sie lindert psychischen Schmerz und schützt dissoziierte Teile der Seele vor weiteren Verletzungen.
In der psychoanalytischen Theorie soll sich der Psychoanalytier mit Orpha verbinden, um das verlorene oder versteckte Kind aus der Unterwelt zurückzuholen. Dies erinnert an die Sage von Orpheus und Eurydike, in der Orpheus hinabsteigt in das Reich der Toten, um seine Geliebte Eurydike zurückzuholen. Er scheitert jedoch, weil er sich nach ihr umsieht, was er nicht durfte (siehe Hayuta Gurevich, 2016).
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- Stimmenhören und akustische Halluzinationen entstehen häufig nach frühen Gewalterfahrungen
Links:
Muhammad Tuhin
The Secret Psychology of Your Inner Voice
June 25, 2025
www.sciencenewstoday.org/…
Vironika Tugaleva
The Art o Talking to Yourself: Self-Awareness Meets the Inner Conversation
Soulux Press 2018
www.amazon.com/…
Tomlinson, Brian
Talking to Yourself: The Role of the Inner Voice in Language Learning
Applied Language Learning, v11 n1 p123-54 2000
eric.ed.gov/?id=EJ609883
R May, E Svanholmer et al. (2019)
Self-help guide to talking with voices
openmindedonline.com/…
Hayuta Gurevich (2016)
Orpha, Orphic Functions, and the Orphic Analyst: Winnicott’s „Regression to Dependence“ in the Language of Ferenczi
Am J Psychoanal 2016 Dec; 76(4): 322-340
doi: 10.1057/s11231-016-9049-2
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28077843/
„Traumatized patients need the analyst to be actively involved and allow for regression to dependence in order to strengthen, create and construct their psychic functioning and structure so that environmental failures will be contained and not rupture continuity of being.“
Dupont, J. (Ed). (1988)
The clinical diary of Sandor Ferenczi.
Massachusetts & London: Harvard University Press.
Beitrag vom 24.1.2026 (begonnen am 28.7.2012)
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One thought on “Finde die gute Stimme in Dir”
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meine Mutter fluchte stets „verdamm mich nochmal“ wenn ihr etwas nicht gelang. wie eine selbstverfluchung. ich habe es unbewusst abgewandelt in „verdammt nochmal“. was jedoch auch nicht gut ist, denn mein kleinkind formuliert meine worte nun auch wenn ihm was nicht passt.