„Was sagt man da?“ Kinder danken mit ihren Blicken und Dankbarkeit kommt ganz von selbst

Ist ein „Danke“ unter Zähneknirschen ein wirkliches Danke? Wer sein Kind gut „erziehen“ will, hört sich vielleicht dann und wann sagen: „Und was sagt man da?“ Verschüchtert versteckt sich das Kleine hinter Mamas Bein und flüstert: „Danke.“ Irgendwie beschämt kommt dieses Wort hervor.

Manchmal sollen schon kleine Kinder „Danke“ zu etwas sagen, das sie gar nicht haben wollten. Oder sie sollen sich bei jemandem bedanken, den sie nicht mögen. Dann gesellt sich Ärger zum „Danke“ des Kindes. Wir selbst kennen die Aufforderung, Danke zu sagen, vielleicht noch allzu gut von unseren eigenen Eltern. Dahinter steckt die Sorge, ein Kind könnte „gutes Benehmen“ ansonsten nicht lernen. Doch das ist nicht so.

Es liegt in unserer Natur, unserer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Ein Danke kommt bereits vom Kleinkind, wenn es das „Danke“ fühlt. Man sieht es an seinen Augen: Das „Danke“ strahlt heraus.

Ein Kind lernt „Danke“ und „Bitte“ zu sagen, ohne dass die Eltern ein einziges Mal fragen müssen: „Was sagt man da?“ Es reicht völlig aus, es den Kindern vorzuleben. Und wenn ein Kind ein Geschenk bekommt, für das es sich nicht bedankt, weil es vielleicht überrascht oder schüchtern ist, dann übernimmt die Mutter oder der Vater dieses „Danke“ für das Kind.

Ich als Mutter oder Vater kann dem Geschenkgeber ruhig zeigen, dass es mir nicht egal ist, ob mein Kind sich bedankt oder nicht, aber ich muss das Kind nicht zwanghaft dazu auffordern. Die Eltern sind das „Hilfs-Ich“ für das Kleinkind. Was es nicht selbst fertig bringt, übernehmen sie für das Kind. Wenn das Kind immer wieder das „Danke und Bitte“ in der Kommunikation erlebt, dann wird es ganz ohne Aufforderung diese Worte übernehmen.

Verkrampftes „Bitte, Danke und Entschuldigung“

Manche Eltern stellen fest, dass Kinder ein verkrampftes Verhältnis zum Danken und Bitten bekommen, sobald sie in den Kindergarten gehen. Hier werden die Kinder oftmals „aktiv erzogen“. Plötzlich sagt das eigene Kind – vielleicht auch in einer unangemessenen Situation – „das heißt ‚Danke‘!“ Es fordert das „Danke“ genauso vehement ein, wie es von ihm eingefordert wird. Das kann ein Anzeichen dafür sein, dass die Worte „Bitte“ und „Danke“ zu einem „Muss“ geworden sind.

Im Alter von drei bis fünf Jahren entwickelt sich das Gewissen besonders stark. Die Kinder wissen, was „man macht“ und halten gut Wache darüber, ob auch alle Gesetze eingehalten werden. Die Kinder wissen es besser und die Eltern schmunzeln.

Eltern freuen sich, wenn ein Kind ihre Werte und Moralvorstellungen annimmt. Das tut es auf ganz natürliche Weise. Eltern, die dem Kind das ehrliche Bitten und Danken vormachen und sich nicht scheuen, diese Aufgabe für das kleine Kind – wenn nötig – zu übernehmen, werden feststellen, dass das Wort „Danke“ einfach so kommen wird. Und zwar in einer Art, dass man sich darüber auch freuen kann. Denn dann wird das Kind dankbar dafür sein, dass es nicht Danke sagen muss und dankt genau dann, wenn es sich auch so fühlt. Von ganz alleine.

Warum kann ich nicht dankbar sein?

„Schreiben Sie doch mal auf, für was Sie alles dankbar sind!“ Es kann erleichternd sein, sich zu vergegewärtigen, was man schon erreicht hat und wieviel Gutes einem widerfahren ist. Doch warum fühlst du dich nicht wirklich besser? Du schreibst auf, wofür du theoretisch dankbar sein könntest, aber dein Herz bleibt unberührt. Kein Wunder: Du bemühst dich. Doch dankbar zu sein kostet keine Mühe.

Echte Dankbarkeit kommt tief von innen – sie wächst langsam oder kommt manchmal auch plötzlich. Dankbarkeit ist nichts, was man herstellen, machen oder denken muss. Dankbarkeit kommt ganz von selbst, wenn man wirklich verstanden wurde, wenn man wirklich das für sich Richtige erhalten hat – seien es Worte, tiefer Frieden, Nahrung, Nähe oder die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches.

Dankbarkeit entsteht nicht dadurch, dass wir überlegen, wofür wir dankbar sein können. Sie entsteht genauso von selbst wie Wut oder Angst oder Freude.

Der Mönch David Steindl-Rast spricht im TED-Talk (2013) über das Glücklichwerden durch Dankbarkeit. Jeder Tag sei ein Geschenk, so Bruder David. Doch nicht wenige Menschen empfinden die überwiegenden Tage in vielen Lebensphasen als quälend – ihnen erscheint das Leben oft wie eine Verdammung. Vielleicht gehörst Du dazu. Da will es mit der Dankbarkeit nicht klappen – vielleicht, weil es für die Dankbarkeit Grundvoraussetzungen gibt, an denen es Dir vielleicht sogar schon lange mangelt.

Wenn Du dankbar bist, dann bist Du fähig, etwas aufzunehmen oder passiv geschehen zu lassen. Du kannst dich überraschen lassen, musst nicht immer in Hab-acht-Stellung sein. Es gelingt Dir, in Beziehung mit etwas (z.B. der Natur), mit Dir selbst oder mit anderen Menschen zu treten. Du bist im Moment der Dankbarkeit fähig, etwas zu genießen oder Dich berühren zu lassen. Doch es gibt vielleicht lange Lebensphasen, in denen Du kaum dankbar sein kannst. Auch, wenn Du es noch so sehr übst, so merkst Du vielleicht, dass Du Dich im tiefsten Inneren nicht wirklich dankbar fühlst. Für Dankbarkeit brauchen wir – so glaube ich – mindestens ein spürbar gutes inneres Objekt, also die Vorstellung von einem Menschen, bei dem wir uns wirklich verstanden fühlen.

Ein Kuss von der Mama und das Kind läuft hinaus in den Garten und findet alles wunderbar. Ist die Beziehung zur Mama getrübt, ist alles andere auch getrübt. ALLES ist dann schlecht, wenn die EINE Beziehung nicht stimmt. Und alles erblüht, wenn es in dieser Beziehung wieder gut wird.

Wenn wir auf den Anruf „des oder der Einen“ warten, sind wir nicht dankbar für alle anderen Anrufer – im Gegenteil: Jeder andere Anrufer ist eine Enttäuschung.

„Der hat doch alles“, sagen wir und wundern uns über die Undankbarkeit vieler Menschen. Doch was ihnen und vielleicht auch uns selbst fehlt, ist eine grundlegende gute Beziehung zu uns selbst und zu anderen.

Beziehung ist alles

Beziehung kann unglücklich machen, aber auch glücklich – das spüren wir ein Leben lang. Unser Sehnen, unser Wünschen dreht sich meistens um Beziehung. Wenn wir verliebt sind, ist die ganze Welt schön. „Und was ist mit Sterbenskranken und Armen? Sie sind doch oft ganz besonders dankbar.“ Viele ja. Aber auch hier sind es wieder die Menschen, die auf mindestens ein gutes inneres Objekt blicken können. Es gibt unzählige verbitterte Arme und Sterbende, für die das Leben verfluchen. Ihnen zu sagen, Dankbarkeit sei erlernbar, ist wie ein Affront. Die Menschen, die ihnen so etwas sagen, haben oft keine Ahnung, wie es ist, an der echten Abwesenheit eines guten inneren Objektes zu leiden.

„Das passiv Erfahrene emotional nicht ertragen können“ ist nach dem Psychoanalytiker Gerd Rudolf ein Merkmal von Menschen mit einer strukturellen, also frühen Störung (Gerd Rudolf 2006: Strukturbezogene Psychotherapie, 2. Auflage: S. 50, aktualisiert 4. Auflage, Klett-Cotta). Welche Beziehung wir zu uns selbst, zu anderen und zur Welt haben, hängt stark von unseren inneren und äußeren Beziehungen zu anderen Menschen ab – und davon, wie wir selbst behandelt wurden.

Eine Psychotherapie kann einen Vorgeschmack darauf geben, wie eine heilende Beziehung aussehen kann. Auch die lange Zusammenarbeit mit einem guten Lehrer, z.B. im Yoga, im Sport oder in der Musik, hilft vielen, aus einer inneren desolaten Situation herauszufinden. Durch die oft jahrelange neue Beziehungserfahrung mit einem Psychoanalytiker oder Lehrer kann die Seele nachträglich ein gutes inneres Objekt aufnehmen. Und derjenige, der nie dankbar sein konnte, kann irgendwann die ersten Keime von Dankbarkeit in sich erspüren. Ganz von selbst wachsen sie heran.

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Beitrag vom 10.2.2026 (begonnen am 1.9.2011)

2 thoughts on “„Was sagt man da?“ Kinder danken mit ihren Blicken und Dankbarkeit kommt ganz von selbst

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe/r UWolf22,
    ja, das ist teilweise sehr befremdlich, wenn Menschen aus psychosomatischen Kliniken kommen und dann so unnatürlich sprechen. Siehe mein Beitrag: „Proxemik – richtiger Abstand durch Floskeln“:
    https://www.medizin-im-text.de/2013/515/sprache-richtiger-abstand-durch-floskeln/

  2. UWolf22 sagt:

    Später „lernen“ dann Patienten leider oft „aktiv“, dass sie in Gruppentherapien nicht „man“ , „eigentlich“ oder „weiß ich nicht“ sagen dürfen….

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