Wenn innere Objekte versauern: Warum der gute Psychoanalytiker am Wochenende schlecht wird
Als wir uns als Kind entwickelten, konnten wir irgendwann die Abwesenheit von Mutter und Vater ertragen. Wir erreichten eine „Objektkonstanz“ – das heißt: Das Bild von Mutter und Vater (die Repräsentanz) blieb in uns stabil, auch wenn wir sie für eine Weile nicht sahen. Auch wir Erwachsene sind voll von inneren Bildern, von „inneren Objekten“. Wenn wir an unsere Mutter denken, haben wir ein ganz bestimmtes Gefühl. Ebenso, wenn wir an unseren Vater, unseren Partner, unsere Geschwister denken. Mit jeder Person verbinden wir ein einzigartiges Gefühlsmix. Die Gefühle gegenüber dieser Person sind teilweise stabil und teilweise veränderbar.
Wir wissen oft genau, wer uns als Kind gut tat oder wer uns schadete. Der Lehrer, der uns nicht mochte, hatte einen enormen Einfluss auf uns – ebenso der Lehrer, der uns besonders mochte oder den wir besonders mochten. Innerlich sprechen wir manchmal mit unseren „inneren Objekten“ und fragen uns: „Was würde jetzt dieser oder jender Mensch zu uns sagen?“
Besonders die hinderlichen Stimmen in uns beeinträchtigen uns oft. Hatten wir eine Mutter, die alles verbot, so kann sie uns als „malignes Objekt“ auch im aktuellen Leben immer noch beeinflussen. Die innere Stimme der Mutter verbietet uns vielleicht Dinge, obwohl wir erwachsen sind und doch längst innerlich eigenständig sein wollen. Die inneren Objekte behalten oft ihren Einfluss, doch wir können uns mit ihnen auseinandersetzen und sie kennenlernen.
Innere Objekte können verderben
Wenn wir eine Mutter oder einen Vater hatten, die Gewalt auf uns ausübten, dann hatten wir in uns ein ganz bestimmtes Bild von ihnen, wenn sie nicht da waren. Wir erinnerten uns an die Gewalt und fragten uns: „Wann kommt der nächste Angriff?“ Solch ein inneres Objekt ist böse. Die Vorstellung von der bösen Person kann jedoch durch den Abstand zur Realität und die Hoffnung, es möge alles besser sein, innerlich auch wieder gut werden und als liebevoll erinnert werden.
In einer Psychoanalyse merkst du an den Wochenenden oder in den Ferien vielleicht manchmal, wie der Analytiker innerlich verdirbt und zum „Bösen“ wird. Vielleicht überträgst du das schlechte Bild von Mutter oder Vater auf den Analytiker. Vielleicht aber hast du dich in den Sitzungen auch über den Analytiker geärgert und du merkst es durch den Sicherheitsabstand erst jetzt.
Wenn du gewalttätige Eltern hattest, sind diese vielleicht auch in deiner Erinnerung böse. Wenn du als Kind deine unberechenbaren Eltern ein Wochenende lang nicht sah, fürchtetest du dich vielleicht vor der Rückkehr und dann vor ihren bösen Seiten. Vielleicht hast du auch vergessen, wie schlecht es dir bei Mutter oder Vater ging und warst bei jedem Wiedersehen aufs Neue überrascht, wie „böse“ Mutter oder Vater waren. Waren die Eltern in der Realität beim Wiedersehen gut drauf, kam erst einmal die Erleichterung. Doch man musste immer gewappnet sein.
Doch auch wenn Mutter und Vater gut waren, haben wir ihre Abwesenheit vielleicht manchmal so schmerzlich empfunden, dass sie innerlich zu „bösen Objekten“ wurden, einfach, weil sie nicht da waren. Wir kennen das: Manchmal haben wir vor der Begegnung vor einem Menschen Angst, halten ihn für „böse“ und kaum öffnet er uns die Tür, wechselt unser Gefühl hin zum Positiven. In der Realität sehen wir dann, dass der andere eben nicht böse ist. Manchmal aber machen wir uns auch etwas vor. Vorher in unserer Phantasie hatten wir uns jedenfalls etwas anderes ausgemalt.
James Grotstein schreibt in „A Beam of Intense Darkness“ (Karnac 2007, S. 240): „The analysand is hard put to hold on to the image of the benevolent analyst (good breast-object), the place of which seems to be usurped by the bad object (Bion’s concretized „no-thing“). How does vacancy of the good object spontaneously (at least at the beginning of analysis), inexorably, and ineluctably result in the appearance of the bad object?“ Übersetzt von Voos: „Es fällt dem Analysanden schwer, sich das Bild vom guten Analytiker zu bewahren. Durch seine Abwesenheit entsteht eine Leerstelle. Sie wird gefüllt durch ein schlechtes Objekt (Bion’s konkretisiertes „No-Thing“). Wie kann es passieren, dass die Lücke, die das gute Objekt hinterlässt, spontan und unvermeidlich durch das Auftauchen eines bösen Objektes gefüllt wird?“
Grotstein schreibt, dass die Kleinianer es sich so erklären, dass der Analysand den Analytiker dafür hasst, dass er ihn am Wochenende alleine lässt. Der Analysand fühlt sich verlassen, hasst den Analytiker dafür, sodass dieser „verdirbt“. Grotstein selbst sagt, dass der infantile Teil des Analysanden wieder zum Vorschein kommt und dann verletzlicher gegenüber dem Auftauchen von „O“ ist. Der Analysand ist überfordert, die Abwesenheit des Analytikers zu ertragen. Die Abwesenheit des Analytikers macht sozusagen eine innere Lücke. Der Analysand füllt diese Lücke auf, indem er da konkret das Bild eines „bösen Analytikers“ hineinsetzt (S. 241).
Übertragungen in der Psychoanalyse: es gibt gute und negative Übertragungen
Gerade in einer Psychoanalyse können wir immer wieder erleben, was wir innerlich mit dem Analytiker machen oder besser gesagt: was mit dem Analytiker innerlich – oft gegen unseren Willen – passiert. In der Analyse fühlen wir uns oft wieder so, wie wir uns als Kinder gefühlt haben. Der Psychoanalytiker erzeugt dieses Gefühl in uns, so scheint es. Wenn wir dann im selben Gefühl sind wie damals, erscheint uns auch der Analytiker als „böse“. Selbst, wenn wir den Analytiker vorher als „gut“ in unserem Kopf und in unseren Gefühlen gespeichert hatten, kann er innerlich „böse“ werden, wenn wir uns wieder so schlecht fühlen wie damals: Der gute Analytiker in uns, die gute Person, „versauert“.
Wenn wir genau fühlen, wie wir uns fühlen und merken, dass es altbekannte Gefühle sind, die vielleicht völlig unabhängig von der Person sind, die uns jetzt gegenüber steht, dann können wir uns aus der Übertragung lösen. Dann kann der andere wieder „gut“ werden.
Kommt ein Neuer hinzu, verdirbt der Alte
Manchmal „versauert“ auch ein inneres Objekt in uns, wenn andere Objekte hinzukommen. Da ist man jahrelang glücklich verheiratet und lernt eine neue Frau/einen neuen Mann kennen. Prompt erscheint der alte Partner viel schlechter, während der Neue glänzt. Wenn wir zerstrittene Eltern hatten, mussten wir uns gut überlegen, wie wir mit unserer Liebe umgingen: Liebten wir Papa, konnten wir die Liebe der Mama verlieren, liebten wir Oma, konnten wir vielleicht ebenfalls die Liebe der Mama verlieren. Allein, weil wir jemand Drittes liebten, versauerte quasi der Zweite in uns. Es schien vielleicht, als dürften wir den Anderen nicht lieben, um die Liebe des Einen nicht zu verlieren. Ein inneres Objekt kann also dann „versauern“, wenn ein neues, „besseres“ Objekt hinzu kommt.
Es scheint manchmal, als würden unsere inneren Objekte ein Eigenleben führen.
Mehrere Personen innerlich unter einen Hut bekommen
Je nachdem, wie wir groß wurden und was wir erlebten, kann es uns jedoch gelingen, mehrere Menschen in uns emotional zu halten. Damit fühlen wir uns zufrieden. Zu fühlen, dass man Mutter und Vater ohne schlechtes Gewissen gleichzeitig lieben kann, dass man seine Geschwister, Freunde oder Kinder mehr oder weniger gleichermaßen liebt, macht glücklich. Manchmal glauben wir, das Leben sei wie eine unausgeglichene Waage: Immer muss einer oben und ein anderer unten sein. Es erinnert an ein Naturgesetz. Es gibt jedoch auch Ausgeglichenheit: Wir mögen unseren linken Arm genauso wie den rechten und das linke Bein wie das rechte, wir mögen unsere Arme und Beine, weil wir jedes Körperteil nutzen und weil die Körperteile zusammenspielen. So ausgeglichen kann auch die innere Welt aussehen. Manchmal kämpfen wir darum und manchmal wird die innere Welt mit ihren inneren Objekten von selbst ruhig wie ein See.
Was wird aus unseren inneren Objekten, wenn unsere Bezugspersonen abwesend sind?
Äußere Menschen sind praktisch: Wenn wir uns wütend fühlen, dann können wir das Gefühl verdrängen und es auf den anderen projizieren. Wir denken dann, der andere sei wütend oder gar strafend. Wenn aber draußen niemand ist, dann können wir unsere Gefühle auch auf unsere inneren Personen projizieren: Wir fühlen uns gut, aber wir erwarten, dass uns die Mutter/der Therapeut/der Partner wütend empfangen wird, wenn wir sie/ihn am nächsten Tag wiedersehen werden.
Natürlich sind die „inneren Objekte“ Teile unserer eigenen Psyche. Wir sind selbst die inneren Objekte. Einerseits. Andererseits fühlen sie sich manchmal wie reale andere Personen an, die Macht über uns haben. Alpträume vom „bösen Mann“ aus Kindertagen können zeigen, wie kompliziert es mit den inneren Objekten ist. Der „böse Mann“ im Alptraum ist ganz viel: Er ist unsere Erfindung, er ist aber auch ein Gefühlspaket aus all unseren Erfahrungen, er ist vielleicht eine Mischung aus mehreren Menschen, mit denen wir zu tun hatten, er ist vielleicht sogar eine Gestalt, die unsere eigenen Vernichtungswünsche oder sexuellen Wünsche widerspiegelt.
Bewusstwerden
Wichtig ist, dass wir uns unserer „inneren Objekte“ bewusst werden. Wir können alles genau beobachten. Auch hier ist es wichtig, Unerwünschtes nicht gleich verändern zu wollen. Die Frage „weg“ oder „da“ ist essenziell. Als Kind erleben wir als Erstes die Mutter als weg oder da. Manchmal verdirbt das innere Objekt in uns, wenn der reale äußere Mensch „weg“ ist. Manchmal bleibt er aber auch gut. Wann ist was der Fall? Wie und warum passiert es so? Können wir es beeinflussen oder nur beobachten? Spannende Fragen!
In der Psychoanalyse wurde der Begriff der „inneren Objekte“ vor allem von Melanie Klein (1882-1960) geprägt. In den USA ist das „Innere Familiensystem“ (IFS) seit den 80er Jahren populär. Hier steht der Arzt Richard Schwartz für den Begriff „IFS“.
Besonders intensiv lässt sich der Wandel der inneren Objekte erfahren, wenn wir lange Zeit im Ausland verbringen oder die geliebte oder verhasste Person verstorben ist. Manchmal fühlen wir zunächst nichts. Doch dann spüren wir die Beziehung wieder. Auch, wenn der andere gar nicht mehr da ist, können wir an der Beziehung zu unseren inneren Objekten weiter arbeiten.
Mein inneres Objekt und ich
Wir alle tragen andere Menschen in unserem Herzen, aber auch in unserem Kopf: Es sind unsere „inneren Objekte“. Wenn wir an unseren besten Freund denken, ruft dieses Bild bestimmte Gefühle in uns wach. Wir können uns mit unserem Lieblingslehrer identifizieren und sind dann wie er. Wir können eine andere Person auch „introjizieren“ – dann sind wir nicht nur „wie“ diese Person, sondern wir sind „ganz und gar“ diese Person. Kleine Kinder introjizieren automatisch Teile von Mutter und Vater. Sie bewegen sich wie sie, schauen wie sie, sprechen wie sie und haben Einstellungen wie sie. Manches ist genetisch bedingt, manches jedoch ist sozusagen psychologisch vererbt.
Manchmal empfinden wir unser Tun als fremd und wir sagen: „Das bin ja gar nicht ich!“ Wir erleben unser Denken und Tun als „ich-dyston“, als „ich-fremd“. Es ist, als ob etwas Fremdes in uns wäre, das uns handeln und fühlen lässt. In anderen Bereichen sind wir „ich-synton“, also wir fühlen uns Eins mit dem, was wir sagen, tun, fühlen, denken.
„Sei ganz du selbst“ ist eine der schwierigsten Herausforderungen überhaupt. Der Philosoph Richard David Precht schrieb das Buch mit dem treffenden Titel: „Wer bin ich und wenn ja, wieviele?“ (Random-House, 2007). Das Interessante dabei ist, dass wir uns manchmal in unserem Verhalten nach eben diesen inneren Objekten richten, fast ohne es zu bemerken.
Sinas Mutter ging es immer schlecht. Sie rastete leicht aus. Wenn es Sina gut ging, bekam die Mutter Angst, denn ihr Wohlfühlen könnte bedeuten, dass sich Jessica in ihrem „Übermut“ von ihr trennt. Auch rief es Neid in der Mutter hervor: „Die Blagen heute haben es so gut! Wir hatten damals gar nichts!“ Ging es Sina jedoch schlecht, war die Mutter irgendwie beruhigt. Sie tröstete Sina dann. Nun verfährt Sina innerlich manchmal so: Um die „Bestie“ in sich zu beruhigen, lässt sie es sich schlecht gehen. Solange ihr dies nicht bewusst ist, macht sie es immer wieder so: Sie führt Situationen herbei, in denen sie nicht weiterkommt und in denen es ihr schlecht geht.
Mit dem Suizid ist ein anderer gemeint
Viele Menschen spüren „den verhassten Vater“ oder „die verhasste Mutter“ in sich. Es entsteht das Gefühl: „Ich will das (sie oder ihn) los werden!“ Wenn man manche Fälle von Suizid untersucht, dann lässt sich stark vermuten, dass sich so mancher umbrachte, weil er nicht mit dem leben konnte, was „in ihm“ war, also z.B. nicht mit diesen schrecklichen Stimmen von Mutter und/oder Vater. Der Betroffene bringt sich selbst um, aber eigentlich gilt dieser Mord dem inneren Vater/der inneren Mutter. Das Ich scheint mit dem Vater/der Mutter so vermischt zu sein, dass er/sie nur getötet werden kann, wenn man sich selbst umbringt.
In der Psychoanalyse versucht man, die inneren Objekte genau zu analysieren und sich selbst von ihnen zu differenzieren. Töten geht nicht, aber Integration, Verstehen und Trennung funktioniert. Wenn man die Schmerzen und die Angst des Angreifers (des inneren Objektes) versteht, kann es einem besser gehen.
Natürlich haben wir auch Destruktives/“Böses“ in „uns selbst“: Ursprünglich als Säugling erlebten wir Hunger/Druck im Darm schon als etwas „Böses“ in uns. Wenn wir Hunger haben, unter Druck geraten, in die Enge getrieben, ungerecht behandelt, alleingelassen, verlassen werden, werden wir selbst voller Angst und Wut. Dieses „Böse“ in uns projizieren wir gerne auf andere Menschen und sogar auf unsere inneren Objekte.
Bestrafung und Rache
Ähnlich wie mit dem Suizid könnte es mit den Themen „Schuld, Strafe und Rache“ funktionieren. Wenn Mutter oder Vater das Kind gewalttätig behandelten, hätte sich das Kind eine Polizei gewünscht, die endlich alles aufdeckt. Es hätte sich „Verrat“ gewünscht, doch gleichzeitig fürchtete es sich davor, dass alles auffliegt, denn es will ja seine Bindungen behalten.
Im Kind wuchs die Rach-Sucht. „Irgendwann zahle ich es ihnen heim!“, denkt es sich. Es wird dann – im gesündesten Fall – vielleicht selbst Polizist oder Richter, um der Gewalt und den Ungerechtigkeiten in der (Innen-)Welt etwas entgegenzusetzen. Im ungünstigen Fall aber bekommt das Kind so etwas wie eine „Entdecktwerden- und Gestraftwerden-Sucht“. Dabei soll eigentlich nicht es selbst entdeckt und gestraft werden, sondern das böse Objekt in ihm. Aber wiederum ist die Verschmelzung so groß, dass es dann „beide“ erwischt: Das „Selbst“ selbst und das böse innere Objekt. Dennoch kann die Befriedigung so groß sein, dass das Kind später als Erwachsener immer wieder etwas tut, das Strafen nach sich zieht.
Bei all diesen Überlegungen muss man sich immer im Klaren sein, dass es Theorien und Modelle sind. In der Psychoanalyse geht immer ein innerer Beobachter mit, der sagt: Das fühlt sich passend an oder eben nicht. Diese Erklärung führt mich in die Anspannung, jene Deutung erleichtert mich. Stückchen für Stückchen tasten wir uns in unserer Seele vor. Die Arbeit an sich selbst ist wie ein Hausbau: ein spannendes Dauerprojekt.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 31.10.2016
Aktualisiert am 4.8.2025


