Zünde ein Kerzchen an

Im Studium hatte ich einen Kommilitonen, dessen Mutter immer eine Kerze für ihn anzündete, wenn er eine Prüfung hatte. Sie pustete die Kerze erst aus, wenn die Prüfung vorbei war. Sie betete für ihn. Dieses kleine Ritual hatte etwas Anrührendes. Es ist doch schön, wenn jemand an uns denkt. Es ist schön, zu wissen: Irgendwo da drüben brennt ein Kerzchen – nur für uns. Wir haben oft keine Zeit – aber ein Kerzchen können wir immer anzünden. Wenn wir morgens eine Kerze anzünden, können wir kurz innehalten. Wir können an das denken, was uns am Wichtigsten ist: an unsere Gesundheit oder Krankheit, an unsere Nächsten (die Anwesenden und Abwesenden), an unsere Wünsche, Vorhaben und Verluste.
Es braucht nicht viel, aber ein Kerzchen anzuzünden ist wie ein kurzer Denkanstoß, wie eine kleine Hoffnung, doch irgendetwas zum Verlauf einer Sache beitragen zu können – und wenn es nur ist, dass wir uns daran erinnern, dass wir die Dinge bewusst erleben und sorgfältig sein wollen. Kinder finden es oft besonders schön, wenn sie wissen, dass da ein Kerzchen für sie brennt.
Zwischen Zwang und Verfolgung
Ein Kerzchen anzuzünden, kann zum Ritual werden, das man nicht mehr missen möchte. Doch nicht allen muss es gut tun. „Ich fühle mich verfolgt, wenn einer für mich eine Kerze anzündet und an mich denkt“, könnten wir denken. Wenn wir überwiegend bedrohliche und verfolgende Eltern hatten, fühlen wir uns bei dem Gedanken an eine brennende Kerze möglicherzeise gar nicht wohl. Und auch der „Kerzenanzünder“ selbst kann Schwierigkeiten bekommen, wenn das Ritual zu sehr mit magischem Denken verbunden oder zwanghaft wird.
„Warum klatschen Sie immer in die Hände?“ – „Um Elefanten fernzuhalten.“ – „Aber hier gibt’s doch keine Elefanten!“ – „Sehen Sie? Es hat gewirkt.“
Vergessene Teelichter sind ein häufiger Grund für Wohnungsbrände. Wer so etwas erlebt hat, genießt Kerzen mit Vorsicht.
„Es hat gewirkt!“
Geschieht uns etwas Gutes, könnten wir denken, das Kerzen-Anzünden hat gewirkt. Bleibt das Gute dauerhaft aus, geben wir auch leicht unsere Riten auf. Kerzenanzünden wirkt und wirkt doch nicht, je nachdem, wie wir es betrachten. Im Zeitalter der Quantenphysik wächst bei vielen wieder der Gedanke: „Vielleicht hilft’s ja doch – irgendwie.“ Was das Kerzenanzünden vielleicht bewirkt ist, dass es unsere innere Haltung anregt. Wir können uns durch das Kerzenanzünden selbst daran erinnern, dass wir den Tag und unsere Beziehungen umsichtig gestalten wollen, dass wir ein Stück weit demütig bleiben, dass wir guten Willens sind, auch, wenn wir gerade vielleicht viel Feindseligkeit empfinden. Das Kerzenanzünden sorgt für einen Moment der Ruhe und wenn wir die brennende Kerze sehen, spüren wir die Kontinuität – unser guter Wille und vielleicht auch unsere Hoffnung sind immer noch da.
Manche Psychotherapeuten und Psychoanalytiker zünden auch vor manchen Sitzungen ein Kerzchen an.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 10.11.2018
Aktualisiert am 14.8.2024


